Asphalt und Pflastersteine durch Grünflächen ersetzen und damit Hitze entgegenwirken und Artenvielfalt unterstützen. Das nennt sich Entsiegelung. Ein Rundgang mit Aktivisten der Initiative Hamburg Abpflastern.
Sebastian Dorsch trägt einen olivgrünen Pulli und eine Brille mit dünnem Metallrahmen. Er kommt mit einem Lastenrad angefahren. Es ist ein Donnerstagmittag Ende April. Am Himmel ist keine einzige Wolke zu sehen, die Sonne strahlt. Vor einem Aldi, an der Ecke wo die Grelckstraße und Stapelstraße stellt Dorsch sein Lastenrad ab und fängt sofort an über Entsiegelungen zu reden. 2025 trat Dorsch für Bündnis 90/Die Grünen bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg an, bekam jedoch kein Mandat. Heute zeigt er auf ein Blumenbeet: ,,Das ist die heilige Fläche. Hier begann alles.‘‘ Die ,,heilige Fläche‘‘ ist eine rund sieben Quadratmeter große Fläche umgeben von Parkplätzen, Straßen und Pflastersteinen.
41,6 Prozent des Hamburger Stadtgebietes sind mit Asphalt, Pflastersteinen und Gebäuden bedeckt. Damit schneidet Hamburg im Vergleich mit anderen deutschen Städten deutlich besser ab. Ludwigshafen am Rhein ist die am meisten versiegelte Stadt Deutschlands. 57,75 Prozent der Stadtfläche sind dort versiegelt. Der Initiative Hamburg Abpflastern möchten sich darauf nicht ausruhen, ihr Anliegen ist es, weitere Flächen entsiegeln und begrünen.

Susanne Otto ist ebenfalls teil der Initiative. Sie kommt wenig später mit ihrem Holland-Rad beim Discounter in Lokstedt an. In ihrem Fahrradkorb liegt eine quietschpinke Gießkanne. Sie ist seit kurzem in Rente. Nach einer kurzen Begrüßung reden wir über Beete und Entsiegelung.
Schutz vor Hitze
An diesem heißen Donnerstagmittag befinden sich viele Senior*innen rund um den Aldi. Sie kneifen die Augen zu, bewegen sich langsam, bei einigen sind Schweißperlen auf den Stirnen zu sehen. Speziell diese Altersgruppe profitiert besonders von der Abpflasterung, erklärt mir Dorsch. Ältere Menschen seien schließlich anfälliger für Hitze.
Versiegelte Flächen verstärken den Hitzeeffekt auf zweifache Weise. Zum einen kann Regenwasser schlechter versickern. Dadurch füllt sich der Bodenwasservorrat kaum auf. Der natürliche Kühleffekt durch die Verdunstung von Wasser über Pflanzen und Grünflächen bleibt in dem Fall weitgehend aus, so Klimaforscher Dr. David Grawe der Universität Hamburg gegenüber FINK.HAMBURG. Der zweite Grund: ,,Versiegelte Flächen speichern die Wärme, das heißt sie wärmen sich tagsüber auf und kühlen erst im Laufe der Nacht wieder ab. So wird die Wärme des Tages in die Nacht transportiert und erschwert den Bewohner*innen die nächtliche Erholung.”
Aus grauen Straßenpflastern werden lila Storchschnäbel

Zurück zur ,,heiligen Fläche‘‘. Susanne Otto erklärt mir die Blumen im Beet seien lila Storchschnäbel. Die Blumen hängen etwas herunter, es hat länger nicht geregnet. Susanne meint, die Pflanzen müssten mal wieder gegossen werden. Sie kümmert sich um die entsiegelten Flächen: Bepflanzt sie, gießt und entfernt Müll aus den Beeten. Das macht sie als Privatperson. Otto und Dorsch engagieren sich auch für die Initiative Hamburg Abpflastern.
Die Initiative setzt sich seit Anfang 2025 für die Entsiegelung Hamburgs ein. Und so fing es an: Eine Anwohnerin meldet sich bei der lokalen Initiative Zukunftswerkstatt Lokstedt. Der Platz um Aldi herum sei zu grau, ob man da nicht etwas machen könne. Daraufhin wendet sich die Zukunftswerkstatt ans Bezirksamt. Der Bezirk greift den Vorschlag auf. Wenige Wochen später fahren die Bagger auf die Kreuzung und entfernen die großen grauen Pflastersteine. Die „heilige“ Grünfläche vor dem Aldi entsteht und die Initiative Hamburg Abpflastern gründet sich.
Wie eine Entsiegelung abläuft
Die Initiative sorgt dafür, dass die Emtsiegelung geordnet abläuft, und sie versteht sich als Beteiligungsplattform. Auf der Website der Initiative können alle Vorschläge abgeben. Die Initiative sammelt diese und sortiert sie nach deren Machbarkeit. Die Liste mit den Entsiegelungs-Vorschlägen schickt die Initaitive dann an die jeweiligen Hamburger Bezirke. Irgendwann rollen Bagger, wann und wo weiß die Initiative in der Regel nicht. Die Bezirke arbeiten unterschiedlich schnell und Updates über den Stand geben sie nicht immer raus. Auch ob die Flächen direkt von den Bezirken bepflanzt werden oder ob Privatpersonen oder die Initiative einspringen müssen, ist nicht klar geregelt. Das sei von der Frage abhängig ob die Bezirke Geld dafür haben, schreibt Hermann Paulenz von der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft auf Anfrage.

Neben öffentlichen Flächen können auch Privatflächen entsiegelt werden. Das geht ganz unbürokratisch. Private Entsiegelungen werden ab zehn Quadratmetern von der Hamburgische Investitions- und Förderbank gefördert. Hinterher bepflanzen Privatpersonen die Fläche.
Aber was bringt eine Entsiegelungen? ,,Diese Fragestellung erfordert eine sehr langfristige Untersuchung an einem Standort”, schreibt Klimaforscher Grawe auf Nachfrage von FINK.HAMBURG. Es gäbe keine Schwellenwerte, sondern jede Anpassung hilft. Was sich bereits sagen lässt: Die positiven Effekte setzen zunächst ganz lokal ein und wirken sich in der Summe auch auf die Stadt aus, so Grawe weiter.
Die Initiative Hamburg Abpflastern stecken noch in den Anfängen. Aber es soll, wie Sebastian Dorsch sagt, vorrangig um das gemeinsame Umsetzen von Projekten auf lokaler Ebene gehen. Viele Hektar sie schlussendlich entsiegeln wollen, haben sie nicht festgelegt.

Entsiegelung gegen Überschwemmungen

Wir gehen um die Ecke zur nächsten entsiegelten Fläche. Der Behrmannplatz liegt neben einer sechsspurigen Straße. Vor wenigen Monaten war hier eine Rechtsabbiegerspur, nun blühen hier rote Tulpen, blaue Natternköpfe und weiße Schleifenblumen.
Dorsch macht mich auf die Bordsteinkante am Rand der Grünflache aufmerksam. Im Gegensatz zum ersten Beet, wo die Kante über die Höhe der Straßenpflaster herausragte, ist hier die Höhe angeglichen. Regenwasser, das von Bürgersteigen in Richtung Autostraßen fließt, kann dadurch in dieses Beet fließen. Das ist besonders bei Starkregen von Vorteil. Die Kanalisation wird entlastet, wenn das Wasser in entsiegelten Flächen versickern kann. So könne Entsiegelung vor Überschwemmungen schützen, so die Einschätzung Grawes.
Digitale Blumenwelt
Susanne Otto tritt näher an die Blumenwiese und schaut sich die Pflanzen genau an. Sind sie befallen? Brauchen sie Wasser? Sie zückt ihr Handy, um einen, von ihr im Beet platzierten QR-Code auf einen laminierten Zettel zu scannen. Es öffnet sich die Website der Pflanzendatenbank Natura DB. Auf dieser Website hat Otto für jedes von ihr betreute Beet ein Verzeichnis angelegt. Das Verzeichniss listet die jeweiligen Pflanzenarten des Beetes auf, es informiert über die einzelnen Blütezeiten, die bevorzugten Standorte und welche Kleintiere von der Pflanze profitieren.
,,Ich habe 82 Pflanzen hier, davon eine invasive und acht Gefährdete. Das ist schon mal was, oder? Die Invasive, da muss ich mich nochmal drum kümmern‘‘, sagt Otto. Sie nimmt invasive Pflanzen aus dem Beet und entsorgt sie im Restmüll. Unter das Brummen der vorbeizischenden PKWs mischt sich das Summen von Hummeln. Abgepflasterte Flächen sorgen auch für Artenvielfalt in der Stadt. Gerade Kleintiere wie die Graue Sandbiene, die ihre Niströhren in den Boden bauen, können meist nur kleine Abstände überbrücken. Die entsiegelten Flächen fungieren für sie wie Inseln, zwischen denen sie hin und her fliegen können, schreibt die stellvertretende Vorsitzende des BUND Hamburgs Gisela Betram an FINK.HAMBURG. ,,Auch Spatzen profitieren übrigens von mehr offenen Stellen, da sie sehr gerne Staubbäder nehmen.”

Zusammen mit Susanne Otto und Sebastian Dorsch radel wir weiter zur letzten gemeinsamen Station. Am Siemersplatz treffen siebzehn Autofahrstreifen aufeinander. Es ist laut, teilweise versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Auch hier befindet sich seit etwa einem Monat eine entsiegelte Fläche. Noch stehen die neuen Blumen vereinzelt in der Blumenerde. Fußstapfen sind darin sichtbar: Es passen nicht mehr als zwei Busse in die Parkbucht der benachbarten Haltestelle rechts neben dem Beet. Wenn ein dritter Busse dort halten muss, entlässt dieser seine Fahrgäste direkt vor der entsiegelten Fläche. Die Fahrgäste werden dann in das Beet geschickt. Otto und Dorsch beiden bleiben aber zuversichtlich: Das wird mit der Zeit, wenn die Menschen die entsiegelten Flächen als solche wahrnehmen.
Was haben Amsterdam und Hamburg gemein? Neben Hafen und Klinker jetzt auch noch Vincent Pelkmans, Jahrgang 2000. Der gebürtige Amsterdamer war als Kind schon vor der Kamera: in der niederländischen "Sesamstraat". In Münster studierte Vincent Niederlande-Deutschland-Studien. Parallel lernte er im Campusradio Rundfunkjournalismus und wurde dort schließlich Chefredakteur. Vincent versteht Dinge gern so gut, dass er sie anderen erklären kann. Deswegen sieht er auch in seiner Freizeit gerne Dokumentationen, von True Crime bis Kolonialgeschichte. Jetzt
will er am liebsten selbst welche machen - vielleicht über den Hamburger Hafen.
Kürzel: vip







