Mirjeta Kajtazi soll Teil des neuen Vorstands eines albanischen Vereins in Hamburg werden. Eine Verantwortung, die sie gerne annimmt, auch um die Sichtbarkeit von Frauen der albanischen Diaspora in Deutschland zu fördern.

Es ist Samstagabend. Im Hamburger Süden scheint noch das Tageslicht durch die Fenster einer Schule. Zwischen den bemalten Tafeln und bunten Stundenplänen versammeln sich heute keine Schüler*Innen. Die Organistation deutsch-albanischer Akademiker e.V., kurz Oda, trifft sich in der Schule Maretstraße in Harburg. Im Albanischen bezeichnet Oda einen Versammlungsraum, in dem sich traditionell alte und verheiratete Männer treffen, um alltägliche und politische Themen zu verhandeln. Hier in Hamburg ist Oda die Abkürzung für einen Verein der offen ist, für alle Albanerinnen und Albaner. Die Zeiten haben sich geändert, natürlich engagieren sich auch Frauen in dem Verein, einige sind bei der heutigen Vereinssitzung dabei.

Eines ihrer Mitglieder ist Mirjeta Kajtazi. Heute finden die Vorstandswahlen statt. Auch sie steht zur Wahl. Sie und ihre Schwester Elbenita nehmen digital teil, beide konnten wegen der Arbeit nicht vor Ort sein. Mirjetas Arbeit beim Kampfmittelräumdienst erfordert viel Zeit, sie muss öfter Überstunden machen – dennoch ist es ihr wichtig, bei den Vereinssitzungen dabei zu sein. Mirjetas Blick ist konzentriert, ihre Haltung aufrecht und selbstbewusst. Im Raum selbst sitzen neun Männer und zwei weitere Frauen.

Gemeinschaftsgefühl im Verein

Die Mitglieder tragen Hemden und Blusen, aber auch legere Pullover. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre. Alle Anwesenden sprechen Deutsch und Albanisch miteinander: Sie begrüßen sich mit „Mirë se erdhët” („Schön, dass ihr gekommen seid”) und „Mirë se ju gjeta” („Schön, dass ich euch gefunden habe”). Die Anwesenden schütteln sich nicht die Hände, sie umarmen sich. Der Vorstandsvorsitzende bietet Süßigkeiten an und die Mitglieder füllen ihre Kaffeetassen untereinander unaufgefordert nach. Mirjeta und ihre Schwester werden gefragt, wie es ihnen und ihrer Familie geht. In Mirjetas schwarzer Brille spiegelt sich der Bildschirm. Ihre dunklen, schulterlangen Haare fallen auf ihre hellblaue Bluse. Mirjeta betont, dass sie sich beeilen musste, weil sie direkt von ihrer Arbeit kam.

Mirjeta übt eine ungewöhnliche Tätigkeit aus: Sie arbeitet beim Kampfmittelräumdienst. Über ihre Schwester Elbenita bekam sie Kontakt zur Oda. Der Wunsch, in ein anderes Land zu ziehen, verstärkt sich durch Gesprächen mit Freundinnen, die schon in Deutschland wohnen. “Hier hast du mehr Perspektiven! Deine Arbeit wird hier bestimmt mehr geschätzt, als im Kosovo”, sagte eine Freundin zu Mirjeta.

Eine Versammlung in einem Klassenzimmer. Zwei Frauen und ein Mann schauen zu einem Mann, der zu ihnen spricht.
Die Mitgliederversammlung der Oda Hamburg. Foto: Bleona Ramadani

Die albanische Diaspora: Sprungbrett zu Chancen

Mirjeta kommt aus dem Norden des Kosovos, der Stadt Mitrovica. Sie war als Kind umgeben von Überresten des Kosovo-Krieges von 1998/1999. Eine Zeit, die ihre spätere Berufswahl beeinflusste. Fünf Jahre hat sie im Kosovo beim Kampfmittelräumung gearbeitet: „Ich wollte selbstständig die Überreste beseitigen.” Diese Arbeit führt sie nun auch in Hamburg aus. Als „Explosive Ordnance Disposal Technician“ beseitigt sie als Fachkraft alte Munition vom zweiten Weltkrieg. „Ich bin nicht nur die einzige Frau, sondern auch die einzige Albanerin hier im Beruf: Ich bin stolz, diese Arbeit ausführen zu dürfen“, sagt Mirjeta.

Eine Frau mit braunen, schulterlangen Haaren im Porträt. Sie guckt lächelnd in die Kamera, trägt ein rosa Shirt mit einem Wappen auf der rechten Brust. Im Hintergrund sind Bäume zu erkennen.
Mirjeta Kajtazi ist beim Kampfmittelräumung tätig und Mitglied des Vereins Oda. Bild: Mirjeta Kajtazi

Im Kosovo wurde sie oftmals belächelt für ihre Berufsauswahl: Was mache eine Frau in einem Männerberuf, musste sie sich anhören. Mirjeta ließ sich davon nicht beirren. „Auch als Frau kannst du vieles erreichen, sogar mehr als Männer!“, sagt Mirjeta lachend, aber mit einer Ernsthaftigkeit in ihrem Gesichtsausdruck. Mirjeta ist dankbar für die Hilfe, die der Verein ihr angeboten hat. Und sie freut sich, dass sie sich inzwischen selbst in dem Verein engagiert und heute die Möglichkeit hat, in den Vorstand gewählt zu werden.

Jahrhundertaltes Gewohnheitsrecht: Das Kanun

Bei vielen Albaner*Innen kann man noch ein rotes Buch im Haus finden. Es trägt die Aufschrift: „Kanun“, meist „Kanuni i Lekë Dukagjinit“, auch als albanisches Gewohnheitsrecht bekannt. Dr. Lumnije Jusufi, Privatdozentin der Albanologie und Südosteuropastudien der Humboldt-Universität Berlin, sagt telefonisch zum Kanun: „Das Kanun ist kein Gesetzeswerk, sondern eine Sammlung gesellschaftlicher Normen, die schriftlich festgehalten wurden. Das Kanun legt Normen nicht fest, sondern beschreibt gelebte Kultur.“ Diese Sammlung gesellschaftlicher Normen wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts ausschließlich mündlich überliefert.

Sie dokumentierte die Lebensweise von Frauen und Männern und ihre Rollenverteilungen, wobei die Frau als Trägerin der Familienehre „nderi“ galt. Die Männer hatten die Entscheidungsmacht – auch über die Frauen. Sie wurden als „Tauschobjekte, deren Bestimmung es war, für zukünftige Männergenerationen zu sorgen“ gesehen. Ein patriarchalisches System, das den Frauen sämtliche Eigentumsrechte absprach: „Die Frau ist ein Schlauch, in dem die Ware transportiert wird”, ist eines der bekanntesten Sätze aus dem Kanun. Er reduziert Frauen auf die Reproduktion. Das Kanun, betont auch Jusufi, beeinflusst noch heute einige albanische Gebiete und wird oft entweder romantisiert als traditionelles „Kulturgut” oder als rückständig dargestellt.

Die gesellschaftliche Normen konnten während des Osmanischen Reiches bis zum 20. Jahrhundert weiterleben, sagt Dr. Jusufi. Während des Königtums in Albanien tauchten erste Konflikte gegenüber den Normen auf. Die Bildung der Frau wurde unterstützt und eine neue Gesellschaftsform eingeführt. Mit dem Kommunismus ab 1944 wurden explizit Bräuche des Kanuns verboten, unter ihnen die Zwangsehe und Blutrache.

Frauen rücken in den Vordergrund und werden sichtbarer in der Politik, in Ämtern und in Führungspositionen, wie Vjosa Osmani, die Präsidentin des Kosovos von 2021 bis 2026.Pergjesije“ – Verantwortung, heißt das Stichwort sagt Mirjeta. Sie wird albanischen Frauen zugestanden und sie nehmen diese auch an.

Der Verein Oda: Ein Öffner von Türen?

Oda Hamburg unterstützt und fördert sämtliche Albaner*Innen in der deutschen Diaspora, betont Vorstandsvorsitzender Muhamet Idrizi: „Tradition ist Teil der Integration, kein Widerspruch. Wir lösen uns nicht von der Tradition, sondern erweitern und modernisieren sie“. Damit Albanisch beispielsweise offiziell als Fremdsprache unterrichtet werden kann, ermöglicht Oda die Sprachfeststellprüfung an der Schule Maretstraße.

Die Oda half Mirjeta im August 2023 in Hamburg anzukommen. Er unterstützte sie sowohl beim Visum, als auch bei der Anerkennung ihrer Arbeitszeugnisse. Auch bei Community-Treffen und Verbandsmeetings bezog der Verein Mirjeta ein. „Je öfter ich da war, desto mehr wollte ich mitmachen“, erzählt Mirjeta rückblickend – nun möchte sie als albanische Frau Sichtbarkeit zeigen.

Vom Nehmen zum Geben – Die Wahl

In Harburg sitzen die Mitglieder im Klassenzimmer an u-förmig angerichteten Tischen. Zylehare Kaliqani und Dyke Kalicanaj sind ebenfalls Mitglieder der Oda. Sie sitzen nebeneinander bei der Versammlung: „Ohne sie findest du mich nicht!“ sagt Dyke lachend und zwickt ihre Sitznachbarin am Arm. Beide sind als Fach-und Honorarkräfte ebenfalls aus dem Kosovo nach Deutschland immigriert. Auch sie sind über Oda vernetzt.

Zwei albanische Frauen mittleren Alters schauen lächelnd in die Kamera. Sie sitzen an einem Tisch und umarmen sich mit einem Arm jeweils. Zylehare Kaliqani und Dyke Kalicanaj, Mitglieder des Verbands. Foto: Bleona Ramadani

Vorstandsvorsitzender Muhamet Idrizi präsentiert den Anwesenden seinen Vorschlag für den neuen Vorstand: Darunter Mirjeta Kajtazi als Kassenwärtin. Sie wäre verantwortlich für die Finanzen des Vereines, von der Buchführung bis zur Verwaltung von Einnahmen und Ausgaben.

Der Verein hat insgesamt 62 Mitglieder. Alle Albaner*innen können Mitglied werden. Die Wahl erfolgt anonym, Wahlhelfer sammeln die Stimmzettel in einer schwarzen Box. Nach etwa zehn Minuten steht das Ergebnis fest – eine einstimmige Wahl. Alle stimmen dem neuen Vorstand zu, Mirjeta ist nun Kassenwartin des Vereins. Die Anwesenden klatschen zuversichtlich. Ein breites Lächeln der Dankbarkeit formt sich auf Mirjetas Gesicht. 

Albanische Frauen im Vordergrund

Inzwischen ist es dunkel draußen, die Lichter des Klassenzimmers schalten sich an. Die Stimmung im Raum lockert sich. Muhamet Idrizi wohnt um die Ecke und verkündigt freudig in die Runde, dass alle vorbei kommen können: „Ihr seid alle herzlich zu einer Kanne schwarzen Tee eingeladen!”. Private Gespräche finden statt, die Mitglieder sprechen über ihre Familien, bevorstehende Hochzeiten und ihre nächste Reise in den Kosovo.

Diesmal konnte Mirjeta nicht persönlich vor Ort sein, sie verabschiedet sich über den Computer. Hoffentlich kann sie bei nächsten mal wieder persönlich dabei sein – dann als Teil des Vorstands.

Raus in die Welt wollte Bleona Ramadani schon immer: Das zeichnete sich bereits ab, als sie im Jahr 2000 früher als geplant in Neumünster geboren wurde. Ihren ersten Bekanntheitsgrad erreichte sie schon in der Grundschule als Einradmeisterin. Doch das reichte ihr nicht. Zum Musikbusiness Studium ging es nach Hamburg. Seitdem ist Bleona in der Musikindustrie unterwegs: Bei „365xx records“ mit Female Artists, wo sie die Social Media Kanäle koordinierte und für den internationalen Blog des Labels schrieb. Oder auf ihrem TikTok-Kanal, wo sie Künstler*innen und Musiktrends analysiert. Bei Songs von 432 Hertz schlägt ihr Herz mal langsamer, und sie hat nicht das Gefühl, mit allem früh dran sein zu müssen.
Kürzel: ona

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