Anohni spielte ein Konzert in der Elbphilharmonie
Anohni: In der Elbphilharmonie spielte die Musikerin am Sonntag ein emotionales Konzert. Screenshot: YouTube/ REBISMUSIC

Anohni zeigt bei ihrem Konzert in der Elbphilharmonie, was sie am besten kann: Songs singen, die von Weltschmerz handeln und von der Suche nach sich selbst. Ein emotionaler Abend, bei dem nur ein Wermutstropfen bleibt.

Möwen kreischen, Menschen plappern munter durcheinander, ein Containerschiff dröhnt  die Elbe hinab: Auf der Plaza der Elbphilharmonie hören Besucher an diesem Sonntag vieles, was sich im Gebäude selbst schnell verflüchtigt. Im großen Saal, der mit seinen gefrästen Gipsplatten und den perlenförmigen Lampen an das Innere einer Auster erinnert, haben die Geräusche des Alltags keinen Zutritt.

Dort spielte am 2. April die in New York lebende Musikerin Anohni mit dem Kammerensemble yMusic. Die Sängerin hat im letzten Jahr mit dem Album „Hopelessness“ nicht nur ihre musikalische Vergangenheit hinter sich gelassen, sondern auch ihre eigene Identität gefunden. Als Transgender thematisierte sie schon früher mit dem Bandprojekt Antony and the Johnsons ihre Suche nach dem eigenen Geschlecht. Jetzt heißt sie Anohni und ist durch „Hopelessness“ zur Anklägerin des Unrechts in der Welt geworden, tritt auf als das Gewissen von Mutter Erde.

Fabelhaft und abgrundtief zugleich

Ganz zart mit einem Bogen, der über die Saiten kratzt, stimmen Viola und Cello in ein Crescendo ein, das sich langsam aufbäumt und immer größer wird. Klarinette und Flöte tupfen Töne darauf, eine Trompete sticht dazwischen. Das Ensemble lässt zu Beginn des Konzertes aus dem Chaotischen eine musikalische Form entstehen, die aus einem Staccato wächst, in Melodien Gestalt annimmt und sich in alle Richtungen des Raumes ausbreitet. Die Musiker sitzen im Halbkreis, in ihrer Mitte Anohni. Eine große und beleibte Gestalt, die ganz in ein weißes Kostüm gehüllt ist. Es hängt in langen Stoffbahnen von Tüll an ihr herunter und ist nur über dem Bauch mit goldenen Pailletten bestickt. Die schwarzen Haare umrahmen ihr blasses Gesicht – ein Fabelwesen in Weiß.

Doch so strahlend die Szenerie, so düster ist der Inhalt der Musik. Mit ihrer anschmiegsamen Stimme singt sie von verlorener Liebe („Deeper Than Love“), von ihrer schmerzerfüllten Suche nach sich selbst („Cut The World“) und in „4 Degrees“ zynisch über den Klimawandel und wie Menschen die Welt aus reiner Selbstsucht zugrunde richten. Der Song übersetzt überzeugend die orchestrale Elektro-Ekstase aus dem Album „Hopelessness“, auf dem die Produzenten Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never sich mit Synthesizer-Fanfaren und verzerrten Trommeln ausgetobt haben, ins Gewand der neoklassischen Kammermusik von yMusic. Anohni singt das Stück fast durchgängig mit dem Rücken zum Publikum. Sie füllt kurz vor einem imposanten Streichereinsatz ihre Lungen mit Luft, dreht sich um, und erhebt die Stimme in den Saal für die finale Strophe mit den Worten: „I wanna burn the sky/ I wanna burn the breeze/ I wanna see the animals die in the trees“.

Weltweit einzigartig

So spielen sich Anohni und yMusic in der Elbphilharmonie durch ein zweistündiges Konzert voller musikalischer Naturgewalt und Dynamik, immer wieder unterbrochen von rauschendem Applaus und einem Publikum, das nicht mehr sitzen bleiben will, als der Auftritt sich dem Ende neigt. Nach kurzer Zugabe erscheint Anohni noch einmal am Bühnenrand und wirft schüchtern einen Handkuss ins Publikum. Sie ist sichtlich gerührt.

Ob die Sängerin jemals wieder ein ähnliches Konzert geben wird, kann keiner sagen. Dieser Abend sei exklusiv für die Elbphilharmonie geplant gewesen und auf der ganzen Welt einzigartig, sagte der Intendant des Konzerthauses, Christoph Lieben-Seutter, vor Beginn der Veranstaltung. Foto- oder Videoaufnahmen hätten den sofortigen Abbruch bedeutet. Dass nicht mehr Menschen diese Musik so hören können, ist schade. Es bleibt die einzige Enttäuschung des Abends.

Hört hier „4 Degrees“ von Anohni

„I don’t love you anymore“ von Anohni könnt ihr hier sehen