Jonas Fischer und Philipp Meuser
Jonas Fischer und Philipp Meuser im Ausstellungsraum. Foto: Lukas Schepers

Der Hype um schlechte Nachrichten: In der Gruppenschau „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ hinterfragen 22 Fotografen das Konzept der Krise. Ihre Werke sind für elf Tage in der Galerie Speckstraße zu sehen.

Ein schreiendes nacktes Mädchen rennt vor einer schwarzen Rauchwolke davon. Ein kleiner Junge mit kurzen Hosen und rotem Shirt liegt regungslos am Strand. Ein Mann stürzt vor einem riesigen Glasgebäude kopfüber in die Tiefe. All diese Bilder sind Symbole für weltpolitische Geschehnisse, die im Kontext historischer Krisen stehen. Doch was bedeutet das Wort „Krise“ überhaupt? Wie entstehen Krisen? Und wer legt sie fest?

Eine Gruppe von freien Fotografen hat sich mit diesen Fragen beschäftigt und sie teilweise auf einen sehr persönlichen Bereich heruntergebrochen. Die Künstler Jonas Fischer und Philipp Meuser erzählen im Interview, welche Antworten sie gefunden haben. Die Gruppenausstellung „Gute Zeiten Schlechte Zeiten. Crisis as Usual: Von Angst, Apokalypse und der Suche nach dem Ausweg“. ist vom 28.4. bis 7.5. im Gängeviertel zu sehen.

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Philipp Meuser und Fotografenkollege Kolja Warnecke beim Aufbau in der Galerie Speckstraße. Foto: Lukas Schepers

Woher kam der Anstoß für die Ausstellung?

Philipp Meuser (30) ist in Hamburg geboren. Hier hat er seine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann gemacht und steht kurz vor dem Abschluss seines Fotografiestudiums an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er arbeitet als freier Fotograf, Assistent und Bildbearbeiter.

Philipp Meuser: Wir hatten das Gefühl, dass Krisen momentan überdramatisiert werden. Oder eher: Dass alles schnell zu einer Krise erklärt wird. Das hat uns dazu bewegt, in unseren Archiven nach Spuren zu suchen. Gefunden haben wir nicht nur globale Phänomene, wie die Finanzkrise oder die Immobilienkrise, sondern auch ganz persönliche Krisen. Außerdem haben wir für die Ausstellung Konsequenzen von Krisen zusammengetragen, wie utopische Gegenbewegungen, Partizipation oder Eskapismus.

Was habt ihr sonst noch bei eurer Suche gefunden?

Jonas Fischer (28) ist in Hamburg groß geworden und hat in Berlin gelebt  bevor er Fotografie in Bielefeld studierte. Jetzt arbeitet er in Hamburg als freier Fotograf und versucht eigene dokumentarische Projekte zu verwirklichen.

Jonas Fischer: Jeder hat sich unterschiedlichen Bereichen gewidmet. Aber man hat auf jeden Fall gemerkt, dass uns Aussteiger-Themen überdurchschnittlich stark beschäftigen, also alles, was am Rande der Gesellschaft stattfindet. Wir haben irgenwie alle nach Protagonisten gesucht, die die meisten Menschen gar nicht beachten. Da sind wir als Künstler kompetent, wenn man so will.

Werdet ihr selbst von Eskapismus angetrieben, wenn ihr für solche Bilder loszieht?

Philipp: Jeder Fotograf ist da unterschiedlich. Wir haben Leute, die gezielt in Krisengebiete fahren, wie Robin Hinsch, der in Kobane in Syrien und auf dem Maidan in Kiew war. Andere werden davon getrieben, herauszufinden, warum sich manche Menschen gerne als Schulmädchen verkleiden. Oder was auf dem Oktoberfest passiert. Oder warum sich Leute Zäune um ihre Strandmatten bauen. Diese Themen sind visuell spannend und gleichzeitig lernt man viel über Eskapismus in verschiedenen Teilbereichen unserer Gesellschaft.

Aber die gesellschaftlichen Krisen, die in den Medien und in jeder Eckkneipe diskutiert werden, sind in der Ausstellung ebenso vertreten?

Jonas: Ja, die Populärkrisen, die man aus den dicken Überschriften in den Zeitungen kennt, sind auch dabei: die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Nahost-Krise. Das finde ich auch ganz gut, weil wir uns kritisch damit auseinandersetzen wollten, wie heute jede schlechte Nachricht zur Krise gehypt wird. Das soll aber nicht bedeuten, dass wir nicht wirklich in realen Krisen stecken. Auch diese Bilder müssen gezeigt werden.

„Man muss nicht in den Irak fahren, um Fotos von einer Krise zu machen“

Ihr habt auf dem Flyer das Wort „überstrapaziert“ benutzt. Glaubt ihr, dass es heute nur gefühlt mehr Krisen gibt?

Jonas: Natürlich gab es immer schon Negativthemen, die die Agenda bestimmt haben. Aber wir glauben nicht, dass alles schlimmer ist als früher. Heutzutage ist der Journalismus nur schneller geworden, so wie alles schneller geworden ist. Unsere Grundüberlegung ist, den Begriff „Krise“ zu entschwächen oder zumindest intensiv über ihn nachzudenken.

Wie fasst ihr Krisen heute auf, nachdem ihr euch mit den verschiedensten Formen und den dazugehörigen Aspekten auseinandergesetzt habt?

Philipp: Das Thema ist eher eine Fragestellung geblieben und das war beabsichtigt. Wir wollten zeigen, dass der Begriff „Krise“ nicht konkret zu fassen ist. Er kann ganz unterschiedliche Dinge bedeuten. Und die Ausstellung zeigt: Man muss nicht in den Irak fahren, um Fotos von einer Krise zu machen.

Jonas: Wir haben uns gefragt, was eine Krise überhaupt zur Krise macht. Die Ausstellung zeigt, dass eine Krise alles ist, was uns Angst macht, was uns flüchten und nach Auswegen suchen lässt – und auch alles, was explodiert. Um für sich selbst eine Antwort zu finden, muss man letztendlich hierher kommen und diskutieren.

Gruppenausstellung mit Arbeiten von André Giesemann und Daniel Schulz, Anna Ziegler, Cale Garrido, Enver Hirsch, Hanna Lenz, Heinrich Holtgreve, Ines Könitz, Jonas Fischer, Kathrine Uldbæk Nielsen, Kathrin Spirk, Kolja Warnecke, Lisa Morgenstern, Marie Hochhaus, Michael Kohls, Nele Gülck, Patricia Paryz, Paul Koncewicz, Paula Markert, Philipp Meuser, Robin Hinsch und Vanessa Zeeh

Vernissage: 27. April, 19 Uhr, Ausstellung: 28.4. bis 7.5., Di-So, 16-20 Uhr und nach Vereinbarung, Galerie Speckstrasse, Speckstrasse 83-85,  20355 Hamburg