Eine junge, tättowierte Frau, die Messer und Gabel in die Luft hält. Vor ihr Reagenzgläser und Käfer auf dem Teller
Food Revolution 5.0. Foto: Simon Staehli

Virtuelle Realität für Hühner, Algen zum Einatmen oder körpereigenes Fleisch aus dem Reagenzglas: Die Ausstellung „Food Revolution 5.0“ zeigt mal abseitige, mal ernstgemeinte Ernährungsvisionen. Wir haben Experten gefragt, wie realistisch sie sind.

Gabeln mit zu kurzen Zinken, Teller, die einem das Essen möglichst schwer machen, oder Nano-Nahrung, die nur noch aus den lebensnotwendigen Nährstoffen besteht – die Ausstellung „Food Revolution 5.0“ präsentiert mal ernstgemeinte, mal bitterböse Kommentare zur Ernährung der Gegenwart. „Essen aus Hunger geht verloren. Wir vermüllen die Umwelt und essen uns krank“, sagte Sabine Schulze, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe, bei der Eröffnung.

Die Ausstellung soll ein Bewusstsein für die Zukunft der globalen Nahrungsindustrie schaffen, die mit endlichen Ressourcen wird auskommen müssen. Manche Exponate sind durchaus ernstgemeinte Gedankenexperimente, Ernährungsutopien. Doch wie realistisch sind die einzelnen Visionen? Wir haben Fachleute gefragt, welche Ideen Realität werden könnten und welche Fantasie bleiben werden.

1. Toast als Medium

400 Toastscheiben in einem Quadrat arrangiert. Toast als Medium auf der food Revolution im Museum für Kunst und Gewerbe
„Toast als Medium“ von Sion Heo und Dominic Domingos. Foto: Michaela Hille

Die Künstler Sion Heo und Dominic Domingos möchten mit ihrer Installation aus Toastscheiben zeigen, wie viele Backwaren jedes Jahr weggeworfen werden. Denn jedes fünfte Broterzeugnis, das in Deutschland gekauft wird, landet im Müll. Umgerechnet sind das pro Kopf elf Kilogramm im Jahr, was rund 440 Scheiben Toasbrot entspricht. Das ergab eine Untersuchung der Fachhochschule Münster.

Wie kommt es zu der Verschwendung, und was können wir dagegen tun?

Wir haben Katharina Riehn, Professorin für Lebensmittel-Mikrobiologie an der HAW Hamburg, gefragt: „Lebensmittel sind in Deutschland relativ preiswert. Was nichts kostet, ist nichts wert. Deshalb kaufen die Leute mehr, als sie aufessen.“ Darüber hinaus fehle vielen das Wissen darüber, wie lange sie etwas nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch essen können. Ideen wie Foodsharing oder Containern, also das gezielte Sammeln noch essbarer Lebensmittel aus dem Müll, seien Ansätze, um der Verschwendung entgegenzuwirken. Außerdem müsse man mehr Menschen über die Aufbewahrung und den Verfall von Lebensmitteln aufklären.

2. Algaculture

Man sieht eine nach rechts blickende Frau mit Algehelm aus Schläuchen auf dem Kopf
Algen als Nahrung der Zukunft? Projekt und Foto: Michael Burton und Michiko Nitta

Der symbiotische Algen-Anzug könnte die Nahrungsmittelzufuhr der Menschheit revolutionieren – wenn wir mit der Lunge essen könnten. Das Kohlendioxid der Atemluft löst dabei Algenwachstum aus. Der Mensch nimmt die Algen über seine Atmung über die Maske direkt wieder als Nahrung auf. Konsumenten würden somit zu teilweise photosynthesierenden Wesen. Menschen und Algen würden so in Symbiose leben, da beide für ihren Fortbestand aufeinander angewiesen wären.

Wie realistisch ist die Algen-Simbiose?

Ernährungsexpertin Katharina Riehn ist der Meinung, dass es sich bei diesem Modell eher um Science Fiction handele, als um Realität. Es sei zwar eine spannende Zukunftsvision, doch gäbe es zu wenige Studien darüber, wie der menschliche Köper auf diese Ernährungsform reagiere. Denn sie entspreche nicht dem menschlichen Organismus.

3. Second Lifestock

Ein Huhn mit einer VR_Brille auf der Food Revolution
Virtual Reality für Hühner. Projekt und Foto: Austin Stewart

Second Lifestock ist eine virtuelle Realität für Hühner in Legebatterien. Die Menschheit soll bis 2030 um 1,3 Milliarden und bis 2050 um weitere 1,2 Milliarden Menschen anwachsen. Sie alle müssen ernährt werden. Es steigt sowohl der Fleischbedarf als auch die Nachfrage nach ethisch verantwortbar produziertem Fleisch. Gleichzeitig sinken durch die dicht besiedelten Städte die Möglichkeiten der Freilandhaltung. Für Menschen bieten das Internet und Videospiele neue Wege, wenigstens in virtuellen Räumen frei zu agieren, denn auch wir, so sieht es der Künstler Austin Stewart, leben oft in kleinen Kästchen, ohne die Möglichkeit der freien Entfaltung. Das Projekt soll eine Diskussion über die ethischen Implikationen von Massentierhaltung ermöglichen.

Wieso sollten nicht auch Nutztiere von Virtual Reality profitieren?

Wir haben Tierärztin Lisa Walter der Fakultät Life Sciences an der HAW Hamburg nach ihrer Meinung gefragt und wissen nun: Die Freilandhaltung von Hühnern ist nicht einfach. Hühner sind Fluchttiere und brauchen einen nach ihren Bedürfnissen ausgestattete Grünfläche mit Büschen zum Verstecken. Bietet man ihnen eine reine Rasenfläche, so kann es passieren, dass sie diese nicht nutzen. Ein weiteres Problem sind Beutegreifer wie Füchse und Wölfe. Sie stellen ein wirtschaftliches Risiko der Freilandhaltung dar. Da Hühner durch das Nicken ihres Kopfes 3D wahrnehmen können, ist die Idee hinter dem Modell prinzipiell tatsächlich plausibel. Es müssten jedoch umfassende Tierversuche stattfinden, die möglichen Probleme wie Gleichgewichtsstörungen bei den Hühnern ausschließen. Hinzu kommen die Kosten der Technik, welche die Idee zu einer eher unrealistischen Vision machen – aber eine echte Umsetzung ist ja auch nicht die Absicht des Künstlers.

4. Greenhouse Pigs

Man sieht das odell eines Gewächshaus, in dem unten Schweine leben und oben Pflanzen wachsen.
Greenhouse Pigs vereint Viehzucht mit Landwirtschaft. Projekt und Foto: Gottlieb Paludan Architects

Das Projekt Greenhouse Pigs könnte die industriell betriebene Schweinezucht revolutionieren. Das Ziel ist, negative Auswirkungen auf die Umwelt gering zu halten und das Wohlbefinden der Tiere zu verbessern. Das Modell kombiniert die Schweinezucht mit einem Gewächshaus, um überschüssige Wärme und das C0², das die Schweine erzeugen, für die Pflanzenzucht zu nutzen. Techniken zur Luftreinhaltung sollen darüber hinaus vermeiden, dass schädliche Gase aus der Schweinezucht das Ackerland erreichen. Dadurch könnten bäuerliche Betriebe in Ballungszentren angesiedelt und Energieüberschüsse leicht nutzbar gemacht werden.

Wie realistisch ist das Modell?

Tierärztin Lisa Walter kennt bereits ähnliche Systeme und ist davon überzeugt, dass es sich um eine realistische Idee handelt. Das CO² der Tiere zur Pflanzenzucht zu nutzen wäre ein Fortschritt in Sachen Nachhaltigkeit. Bestimmte Filtersysteme  können außerdem verhindern, dass von den Tieren freigesetzte Schadstoffe wie Ammoniak oder Viren Ackerland erreichen. Einziger Kritikpunkt: Dem Wohl der Schweine würde all das nur dann dienen, wenn sie mehr Platz hätten.

5. Falscher Hase

Ein aus Mehlwurmpaste gepresster Hase auf einem Teller.
Der „Falsche Hase“. Projekt und Foto: Carolin Schulze

Wir essen doppelt so viel Fleisch wie die Menschen vor 100 Jahren. Bei der Herstellung eines einzigen Steaks wird so viel C0² erzeugt, wie ein Auto auf einer Strecke von 250 Kilometern ausstößt. Beinahe ein Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen werden durch Viehwirtschaft verursacht, und ganze 40 Prozent der ernährungsbedingten Emissionen sind auf tierische Lebensmittel zurückzuführen. Aus rund einem Kilogramm Futtermittel kann nur ungefähr ein Kilogramm Rindfleisch entstehen, es könnten aber auch etwa neun Kilogramm Insektenfleisch gewonnen werden. Warum also essen wir keine Würmer, Grillen oder Maden? Die meisten Menschen finden Insekten als Lebensmittel schlicht eklig. Die Idee der Projektes: Fleisch aus solchen Quellen in ein vertrautes Erscheinungsbild umwandeln. Der „Falsche Hase“ könnte mit Hilfe eines 3D-Druckers aus Mehlwurmpaste hergestellt werden.

Was spricht dafür, was spricht dagegen?

Das Züchten von Mehlwürmern ist sehr nachhaltig. Nicht nur die Abgasproduktion und die benötigten Futtermengen sind gering, es spart auch Strom, Wasser und Weideflächen. Derzeit wird sogar erforscht, ob sich Mehlwürmer ausschließlich von Bio-Abfällen ernähren können. Darüber hinaus sind Mehlwürmer sehr gesund, da sie reichlich Protein, essentielle Aminosäuren und ungesättigte Fettsäuren enthalten. Problematisch ist jedoch, dass die Insekten Keime sehr gut speichern können und ihre Haltung deshalb sehr hygienisch sein muss. Sie sollten besser nicht roh, sondern gebraten, gekocht oder gefriergetrocknet verzehrt werden, so die Expertin Lisa Walter. Damit Mehlwürmer sich optimal entwickeln können, brauchen sie außerdem genügend Licht und Wärme.

6. In Vitro Me

Ein Körper mit aufgemalten Arterien in rot und blau, in der itte ein Amulett mit einer körpereigenen Muskelzelle
Fleisch aus dem Reagenzglas? Projekt und Foto: Chloé Rutzerveld

Auch dieses Projekt ist ein Ansatz, unserer gegenwärtigen, nicht nachhaltigen Fleischproduktion entgegenzuwirken. Die Idee: Fleisch aus dem Reagenzglas (in vitro). In-Vitro-Fleisch wird außerhalb eines lebenden Organismus gezüchtet. Eine Muskel-Stammzelle soll sich dabei in mehrere Stammzellen verfielfältigen und so zu Fleisch werden. Denn im Labor hergestelltes Fleisch würde weniger Wasser und Energie verbrauchen – die CO²-Emissionen könnten um 96% gesenkt werden. Doch wie weit würden die Menschen gehen, um weiterhin Fleisch zu essen? Ein Bioreaktor-Amulett könnte, an der menschlichen Brust angeschmiegt, körpereigenes Fleisch produzieren. „Wir sind, was wir essen“ – das wäre dann buchstäblich der Fall.

Wie realistisch ist es, dass wir unser eigenes Fleisch essen?

Bestrebungen, Fleisch im Reagenzglas zu züchten, gibt es laut Katahrina Riehn schon sehr lange. Um den Proteinbedarf der steigenden Weltbevölkerung sicherzustellen, gäbe es zu wenig Platz für Nutztiere. Deshalb bräuchten wir alternative Proteinquellen, wie In Vitro Meat. Zum jetzigen Zeitpunkt sei dies zwar möglich, aber noch nicht praxisreif, so die Expertin. Es sei eine Frage der Zeit, bis diese ökologisch sehr effiziente Methode zum Standard wird. Dass dazu menscheneigene Muskelzellen benutzt werden, hält sie für unrealistisch.

7. Schwein1738

Ein Schwein in seine Einzelteile zerlegt. Ein Projekt auf der food Revolution von Andrea Staudacher
Das Schwein1738. Ein Projekt von Andrea Staudacher. Foto: Michaela Hille.

Andrea Staudacher wollte mittels sinnlich-subjektiver Erfahrung herausfinden, was Fleischkonsum bedeutet – und schlachtete eigenhändig ein Schwein. Denn als Fleischesser wissen wir, dass für unseren Genuss Tiere sterben müssen. Doch wie viel wissen wir wirklich? Die wenigsten Fleischprodukte gehen mit transparenten Verarbeitungsketten einher. Einige kennen Fleisch nur noch in verfremdeter Form, als Nuggets oder (Burger-)Patties. Auf der Food Revolution ist jedes einzelne Körperteil des Schweins ausgestellt. Dabei wird auch deutlich, wie viel Schwein im Müll landet, wenn es nur für den Fleischkonsum geschlachtet wird.

Kann mehr Transparenz in der Verarbeitungskette den Fleischkonsum reduzieren?

Auch Katharina Riehn hat mit ihren Studierenden einen Schlachthof besucht. Das Ergebnis: Mit eigenen Augen zu sehen, wie ein Schlachtbetrieb abläuft, helfe, den eigenen Konsum kritisch zu überdenken. „Man muss ja nicht gleich komplett auf Fleisch verzichten, aber man kann den Konsum vielleicht reduzieren und Qualität mehr Raum geben. Zum Beispiel in Hinblick auf die Haltung der Tiere.“, so Riehn. Die Industrie sei durchaus bereit, mehr Transparenz in der Verarbeitungskette zu zeigen. Verbraucher scheuen jedoch die Konfrontation und seien somit selbst Teil des Problems.

Der Selbstversuch

Man siet den Mund einer Frau, die ein Stück Schokolade mit Mehlwürmern isst.
Schokolade mit Mehlwürmern? Wir haben probiert. Foto: Alina Schuster

Bei Eröffnung der Food Revolution haben wir Schokolade mit Mehlwürmern probiert. Das Fazit: Schmeckt leicht nussig, hat aber keinen intensiven Eigengeschmack.

Noch bis zum 29. Oktober können Interessierte die Ausstellung besuchen. Der Eintritt kostet 12 Euro, ermäßigt 8 Euro. Unter 18 Jahren ist der Eintritt frei. Die Öffnungszeiten sind von Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, am Donnerstag hat das Museum bis 21 Uhr geöffnet. Mehr Informationen finden Sie hier.