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Das Logo der Website auf dem der offene Brief veröffentlicht wurde. Quelle: www.polizistmensch.de

Ein Polizist, der anonym bleiben möchte, drückt online seine Wut über den G20-Gipfel aus: Die Polizei sei überlastet, der Gipfel ein „belangloses Stelldichein“. Die Hamburger Polizei ist zu keiner Stellungnahme bereit.

Anfang der Woche ist ein Polizist mit seiner Meinung zum bevorstehenden G20-Gipfel an die Öffentlichkeit getreten. Er veröffentlichte anonym einen offenen Brief auf einer privat geführten Website von Polizisten, die den Machern zufolge zeigen soll, dass in der Uniform auch nur Menschen stecken. Der Brief richtet sich direkt an Staats- und Regierungschefs sowie ihre Mitarbeiter. Er zeigt seine innere Zerrissenheit, mit der er als Beamter vermutlich nicht alleine steht.

FINK.HAMBURG hat überprüft, ob die Authentizität des Verfassers gewährleistet ist. Markus Vogt ist Administrator der Website und selbst seit 26 Jahren bei der Polizei. Er antwortete: „Der Autor des offenen Briefs ist mir nicht persönlich bekannt, wir haben im Vorfeld jedoch mehrfach Kontakt zu ihm gehabt. Es ist für einen Polizisten recht einfach herauszufinden, ob jemand nur fachspezifisches Wissen als Außenstehender hat, oder ob er tatsächlich ein Kollege ist. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es sich um einen aktiven Polizisten handelt.“

Der Verfasser ist nach eigenen Aussagen Ende 30 und seit über 15 Jahren Streifenpolizist. „Ich habe durchaus gelernt, auch mal gegen meine Überzeugung zu arbeiten. Wenn ich zum Beispiel die Ablagerung von Atommüll durchsetze oder verfassungsfeindlichen Organisationen zu ihrem Recht auf Versammlung verhelfe“, schreibt er. „Ich habe Gewalt aus allen (un)politischen Richtungen erlebt, wurde bei Einsätzen verletzt und habe fast das ganze Programm bekommen, was man in diesem Beruf erleben kann. Ich weiß also, dass es nicht immer nur angenehme Aufgaben sind, die meine Kollegen und ich bewältigen.“

Im weiteren Verlauf holt der Verfasser weit aus: Er kritisiert die Politik der G20-Staaten und die zu hohe Belastung der Beamten im täglichen Einsatz. Seine Kritik lässt sich in drei Punkte gliedern: die Kosten seien zu hoch, die Belastung zu groß, politische Resultate seien nicht zu erwarten.

Kosten

Wie teuer der Gipfel tatsächlich wird, ist weiterhin nicht bekannt. Die Kosten des G8-/G20-Gipfels in Kanada im Jahr 2010 beliefen sich auf rund 870 Millionen Euro  so teuer war auch die Elbphilharmonie. Für den Verfasser wäre das Geld in der Sozialhilfe besser angelegt. Er schreibt, er bekäme das Elend auf der Straße Tag für Tag zu sehen: „Ich lade Sie gern ein, wenn Sie noch einen Programmpunkt zwischen teurem Essen und Konzertbesuch frei haben, mal eine Schicht im Streifendienst zu begleiten. Schauen sie sich gern Familien am Rande der Gesellschaft an, die wir in polizeilichen Einsätzen oft erleben. Die Menschen, die ohne Obdach auf der Straße (er)frieren, oder die, die sich beim Discounter um die Ecke eine Packung Toastbrot und Käse klauen, um den Kindern Brote für die Schule zu machen.“

Belastung

Die Belastung für die Polizei ist sein zweites großes Thema. „Meine Dienststelle ist personell derart ausgelutscht, dass man sich auf genommene freie Tage leider kein Stück mehr verlassen kann. Fällt nämlich ein Kollege wegen Krankheit oder Verletzung aus, muss eigentlich fast immer jemand sein Dienstfrei streichen.“ Sein Kollegenkreis verfahre deshalb nach dem Motto: „bei Frei nicht erreichbar sein, möglichst spät krankmelden, damit niemand nachalarmiert werden kann“.

Resultate

Sein letzter Kritikpunkt betrifft die Sinnhaftigkeit eines solchen Treffens: „Bedenken Sie bei Ihren teuren Gänge Menüs, dass täglich durchschnittlich 40.000 Kinder in Entwicklungsländern verhungern. Machen Sie sich mit vollem Bauch bewusst, dass es Ihre Aufgabe wäre, diesen Umstand zu ändern!“ Dass das bei dem Gipfel tatsächlich geschehen wird, bezweifelt er mit Hinweis auf den vergangenen „katastrophalen G7-Gipfel“ in Italien: „Wir wissen doch alle, dass Ihr Milliardenschwerer Ausflug keinen Konflikt der Welt entschärfen, keine Hungerkrise lösen und kein Heilmittel für eine tödliche Krankheit liefern wird.“ Anstelle dessen werden „tausende Bürger in ihren Grundrechten eingeschränkt, Gewerbetreibenden finanzielle Einbußen zugemutet und hunderte Menschen zeitweise in ihren Wohnungen einsperrt“.

Die Polizei Hamburg will zu dem offenen Brief keine Stellung beziehen. Es sei nicht ersichtlich, ob es sich tatsächlich um einen Hamburger Polizeibeamten handele.

Das Schreiben in voller Länge kann man hier nachlesen.

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Lukas Schepers, Jahrgang 1992, arbeitet als freier Journalist unter anderem für das Stadtmagazin Szene Hamburg. Außerdem ist er Mitherausgeber des Literaturmagazins Nous, für das er Lyrik und Prosa schreibt und illustriert. Nach dem Journalismus- und PR-Studium an der Westfälischen Hochschule in seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen zog es ihn zusammen mit seinem Hund, der einem Fuchs zum Verwechseln ähnlich sieht, nach Hamburg. Es folgten Praktika und eine Dramaturgie-Hospitanz am Thalia Theater. Wenn Lukas nicht gerade Schallplatten hört, rollt er auch gerne mal mit dem Skateboard durch seine neue Heimat.