Armut in Hamburg Obdachlosigkeit
Silya sitzt öfters im Schanzenviertel und angelt nach Geld. Foto: Lukas Schepers

Silya ist gut gelaunt und zuvorkommend. Sie lebt zwar in einem Zelt, scheint aber damit zufrieden zu sein. Materielle Güter sind für sie zweitrangig. Was für sie zählt, ist Fröhlichkeit – und die kann man für kein Geld der Welt kaufen.

Die Susannenstraße im Schanzenviertel ist geschäftig wie gewohnt. Anwohner und Lieferanten eilen hin und her, Touristen schlendern über das Kopfsteinpflaster und fotografieren die Gegend. Über diesem regen Treiben thront Silya auf einer Mülltonnenbox. An einen Stock hat sie einen Plastikbecher gebunden und angelt nach Kleingeld.

Eigentlich ist sie Diplom-Grafikdesignerin. Sie studierte am Kunstkolleg der Rhein-Sieg-Akademie (RSKA). Doch die Einstiegshürden waren zu hoch für sie. „Ich konnte mir das nötige Equipment nicht leisten“, erklärt die 32-Jährige. Sie lacht ständig und verhaspelt sich. In einer Agentur zu arbeiten, kann sie sich nicht vorstellen. Dort würde sie sich in die Ecke gedrängt fühlen: „Ich habe keine Lust, für die Reichen den Larry zu machen.“

Dann läuft jemand mit einem riesigen Irischen Wolfshund vorbei. „Ahh, ein Mini-Pony“, ruft sie. Keine Reaktion. Silya kichert.

Zelten fernab vom Trubel

Sie ist in Hamburg geboren, seit einem halben Jahr hat sie keinen festen Wohnsitz mehr. Was genau vorgefallen ist, verrät sie nicht, sondern druckst herum und erklärt dann: „Ich habe das mal einfach ausprobiert und es hat mir gefallen. Es war schön, und die Leute, die ich getroffen habe, fanden das gut.“ Zu ihren Eltern hat sie keinen Kontakt mehr. Auch das möchte sie nicht erläutern.

„Ich hatte einen festen Wohnsitz in Stellingen, aber jetzt wohne ich im Zelt an einem schönen Ort“, sagt sie und klingt zuversichtlich und zufrieden. „Ich bin sehr Standorttreu und gut versteckt. „Nur wenn ich mal in den Urlaub fahre, muss ich umziehen“. Letztens war sie für einige Wochen in Amsterdam. „Das war sehr schön“, schwärmt sie.

Dann kommt ein angetrunkener Freund mit eingeschlagener Nase und osteuropäischem Akzent. Sein Name ist „Agent M“. Sie begrüßt ihn mit einem freudigen „Hey Schatzi“. Er hat seinen Schlüssel verloren und fragt nach einer Plastikkarte, um das Schloss zu knacken. „Der Arme“, sagt Silya.

Eine Leidenschaft fürs Sprühen

Silya hat eine große Begeisterung für Graffiti. Ab und zu hat sie Auftragsarbeiten in der Fassadengestaltung. Während ihres Studiums in Köln sei sie tief in der Graffiti-Szene verwurzelt gewesen. „Nach dem Studium hat mich eigentlich nur noch das Sprayen dort gehalten, weil die Yards so geil sind“, erklärt sie, während sie das Kleingeld aus dem Becher fischt. Dort habe sie als Sprayerin „alles abgerissen, was man so machen kann. Und das als Mädchen. Ist eher wie so eine seltene Spezies, die du nur alle paar Jahre zu sehen bekommst“.

Die Hamburger Community hat sie jedoch nicht aufgenommen. „Die sind sehr distanziert, haben mich nicht respektiert und nie mitgenommen. Selbst schuld“, schmunzelt sie. Trotzdem merkt man, wie viel ihr am Sprühen liegt. Sie benutzt ständig typischen Slang wie „Tag“ und „Hall“. Dabei wird ganz aufgeregt, wenn sie über ihre Leidenschaft spricht.

Dann läuft jemand vorbei und wirft ein paar Cent in die Becher, die fast danebenfallen: „Du musst das mal kundenfreundlicher machen hier“, sagt der junge Mann scherzhaft. Silya lacht laut und entgegnet nur mit einem großen: „Dankeschön!“.

Armut als etwas rein Geistiges

Sie selbst würde sich niemals als arm bezeichnen. Denn Armut ist für sie etwas rein Geistiges. „Armut hat nichts mit materiellen Dingen zu tun, sondern damit, wie man als Mensch so ist.“ Deswegen spricht sie immer nur von „gesellschaftlicher Obdachlosigkeit“. Finanzielle Armut kann man lösen, bei persönlichen Problemen wird das schwierig.

„Menschen geben ja Geld, um mir zu helfen. Dabei fühlen sie sich besser, und ich kann etwas Leckeres essen. Das ist doch ein gutes Verhältnis“, findet sie. „So ist jeder mit sich im Reinen und beide profitieren auf ihre Art und Weise davon.“

Wenn sie wirklich viel Geld hätte, wüsste sie genau, was sie damit anfangen würde. „Ich würde versuchen, den Leuten dabei zu helfen, entspannter zu sein. Es kommt mir vor, als ob hier alle derbe gestresst sind. Man hat das Gefühl, dass sie denken, ihre Leistung sei nichts wert“. Das beobachtet sie beinahe jeden Tag von ihrem kleinen Ausguck aus.

Dann läuft wieder ein Fremder vorbei, über den Silya sich sehr freut: „Wie cool! Lila Haare, lila Haare! Yaaaay!“, ruft sie. In ihrem Becher landet nichts.