Foto: dpa. Illustration: Johanna Röhr

Der G20-Gipfel ist das größte Event des Jahres in Hamburg. An der Veranstaltung spalten sich jedoch die Geister: „Der G20-Gipfel ist eine große Chance!“ vs. „Da treffen sich die Big Player doch nur, um andere Länder auszubeuten!“ Ein Streitgespräch zwischen zwei FINK-Redakteuren.

Fink A:
„Ich versteh nicht, warum sich alle so aufregen.
Ist doch eigentlich eine gute Sache, dass die Damen
und Herren sich mal treffen.“

 Fink B:
„Dagegen hab ich ja gar nichts.
Ich finde es auch super, wenn politische Entscheidungsträger
aus unterschiedlichen Ländern zusammen kommen.
Aber es kommen halt auch so Kollegen wie Trump, Putin,
Erdogan, der König aus Saudi Arabien und Xi Jinping
– soll ich noch mehr aufzählen?“

Fink A:
„Nö, das reicht. Aber lieber treffen sich die Staatschefs,
als dass sie sich bekämpfen.
G20 kann dabei ein Ort der Kommunikation sein.
Und ganz im Ernst: die Typen würde es ja auch
ohne G20 geben. So hat man sie zumindest im Blick.“

Fink B:
„Man hat sie eben nicht im Blick.
Die ganze Nummer ist komplett intransparent.“

„Durch ihre Politik beuten sie andere Länder aus“

Fink A:
„Intransparent?! Nach dem Treffen werden
Abschlussdokumente und Berichte veröffentlicht,
es gibt Pressekonferenzen und
die Themen werden ja vorher auch bekannt gegeben.“

Fink B:
„Transparent wäre es, wenn man einen Livestream
von der ganzen Veranstaltung anbieten würde.
Bloß: Die wollen ja gar nicht, dass man mitbekommt,
was besprochen wird. Mit den USA, Russland, China,
Großbritannien und Deutschland sitzen da die
größten Waffenexporteure der Welt.
Sie haben einen Nutzen davon,
die Welt instabil zu halten und einige treiben systematisch Krieg,
zum Beispiel in Syrien, Jemen und Irak.
Durch ihre Politik beuten sie andere Länder aus
und sorgen so dafür, dass sie ihre Stellung behalten.
Das beste Beispiel: Afrika.“

Fink A:
„Ja, Moment. Zusätzlich zu den Staats- und Regierungsvertretern
kommen ja auch internationale Organisationen.
Die Vereinten Nationen, die Weltbank.
Im Bezug auf Afrika: Die Afrikanische Union und die Neue Partnerschaft
für die Entwicklung Afrikas sind dabei.
Und Südafrika ist ständiges Mitglied.“

Fink B:
„Das ich nicht lache.
Gemessen an der Größe des Kontinents
ist das ja wohl ein Witz.
Wer mitmachen darf und wer nicht,
darüber entscheiden die reichen Länder.
Sie sind so gütig und laden die anderen Staaten ein,
aber es sind nun mal keine gleichberechtigten Veranstalter.
Die Reichen bleiben unter den Reichen
und entscheiden über die Armen.“

Fink A:
„Du vergisst dabei einen ganz wichtigen Faktor:
Nach der Finanzkrise in Asien 1999 haben die G7 doch
schon 13 weitere Länder mit ins Boot geholt.
Und in Folge der Weltwirtschaftskrise vor knapp 10 Jahren
haben sich dann nicht mehr nur die Finanzminister,
sondern auch die Regierungschefs getroffen.
Das heißt, es ist eine ziemlich große Erweiterung…“

Fink B:
„…Erweiterung schön und gut,
aber das Boot ist noch lange nicht voll.
Die Passagiere sind nur zu fett.
Will man die Probleme der Welt lösen,
müssten andere involviert werden:
die ärmeren Länder und die Bürger.
Dürften die mit am Tisch sitzen,
gäbe es gar keine Wirtschaftskrise.“

Fink A:
„Peter Zwegat gefällt das nicht – als könnten die Bürger gut mit Geld umgehen
und solche Entscheidungen treffen.
Außerdem sitzt doch die Vertreterin der deutschen Bürger mit am Tisch:
Angela Merkel. So funktioniert nun mal Demokratie.“

„Den Leuten bleibt eigentlich nur eine Möglichkeit,
ihre Meinung zu äußern: Demonstrieren.
Aber das dürfen sie jetzt ja auch nicht mehr.“

Fink B:
„Ja, aber viele sehen sich durch sie gar nicht repräsentiert.
Viele Bürger sind nicht einverstanden
mit der Politik der Regierungschefs.
Sie haben ein Mal gewählt und nun
keine Möglichkeit sich einzubringen.“

Fink A:
„Es wurden doch schon Dialogforen eingerichtet mit Gruppen
aus Gewerkschaften, der Wissenschaft,
Frauen und Jugend – wie Civil20 oder Labour20.
Die treffen und diskutieren bereits seit März Themen
und geben Empfehlungen für den Gipfel.“

Fink B:
„Das finde ich auch gut.
Ich gehe allerdings nicht davon aus,
dass ihre Empfehlungen Einfluss
auf die Deals von Erdogan oder Trump haben.
Den Leuten bleibt eigentlich nur eine Möglichkeit
ihre Meinung zu äußern: Demonstrieren.
Aber das dürfen sie jetzt ja auch nicht mehr.“

Fink A:
„Die Strecke der Großdemo wurde doch mittlerweile erlaubt.
Es gibt nur eben, Stand jetzt, keine Abschlussdemo auf dem Heiligengeistfeld.
Das finde ich auch echt zu gefährlich.
Ist ja direkt an den Messehallen.
Kann man doch auch woanders machen.“

Fink B:
„Könnte man, aber ich sehe ehrlich gesagt nicht ein,
wieso sich die Bürger verstecken sollen,
wenn sie ihre Meinung sagen wollen.
Durch das Demonstrationsverbot wird die Ausübung
der Meinungsfreiheit und das Recht, sich zu versammeln, eingeschränkt.
Die Veranstalter wollen keine lästige Kritik.
Der Spruch von Innensenator Grote:
„Das ist ein Festival der Demokratie“ ist eine Farce.
Das ist das Gegenteil von Demokratie.“

Fink A:
„10.000 Linksextreme sollen zu der Veranstaltung kommen.
Da empfinde ich es nicht als Ausgrenzung,
die Kundgebung zu untersagen,
sondern als unbedingte Sicherheitsmaßnahme der Polizei –
und zwar sowohl für die Bürger, die friedlich demonstrieren wollen, als auch die G20.“

Fink B:
„Keiner möchte Gewalt, doch das ist genau das Problem:
Würden die G20 selbst ihre Weltpolitik nicht mit Gewalt durchdrücken
und der Gipfel nicht in dieser Art und Weise stattfinden,
gäbe es auch gar keinen Grund zu demonstrieren.
Und die Spitze: das Ganze findet in Hamburg statt,
das bekannt ist für seine starke und bunte linke Szene.
Die Hamburger wollen Trump, Erdogan und Putin hier nicht haben.“

„Hamburg eignet sich wunderbar als Gastgeberstadt.“

Fink A:
„Zuerst mal:
Deutschland übernimmt turnusmäßig die Ausrichtung des Gipfels in diesem Jahr.
Das ist fix. Und ich muss ganz ehrlich sagen,
dass ich Merkel da zustimme:
„Hamburg eignet sich wunderbar als Gastgeberstadt“.
Wir leben ja eben in so einer großen, weltoffenen Metropole.
Hamburg hält diesen Gipfel organisatorisch
und auch inhaltlich problemlos aus.
In welcher anderen Stadt sollte das Treffen denn stattfinden?“

Fink B:
„Aushalten ist das richtige Wort.
Traurig, dass man so etwas aushalten muss,
anstatt sich darüber freuen zu können.
Die dicht bewohnte Innenstadt wird
während des Treffens komplett gesperrt,
das gilt auch für viele öffentliche Verkehrsmittel.
Außerdem kostet der G20-Gipfel auch noch hunderte Millionen.
Am Ende zahlen die Bürger, und keiner hat sie gefragt.
Wenn sie sowieso unter sich bleiben,
dann können sie das doch auch irgendwo im Meer auf einer Insel machen.“

Fink A:
„Ich finde es gut, dass der Veranstaltung so eine Wichtigkeit eingeräumt wird.
Und auf einer verlassenen Insel zig Hotels zu errichten,
ist ja wohl Quatsch und kostet auch viel.
Olympia hat ja nicht geklappt und so haben wir jetzt die Möglichkeit zu zeigen,
was für eine tolle Stadt Hamburg ist. Das kommt den Bürgern doch nur zugute.“

Fink B:
„Ich sehe nicht, wie die Bürger davon profitieren.
Sie wurden nicht gefragt, sie dürfen nicht demonstrieren,
die Stadt wird zu einer Hochsicherheitszone
und die G20 beraten mit Sicherheit nicht über das Wohl ihrer Bürger.“

Fink A:
„Du vergisst dabei, dass es darum gar nicht gehen soll.
Es treffen sich die größten Wirtschaftsmächte der Welt.
Sie sind zu großem Maße für die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise
verantwortlich und nun treffen sie sich mit einem Ziel:
Was können wir tun, damit es keine Wirtschaftskrise mehr gibt.
Für die anderen Themen gibt es doch die Vereinten Nationen.“

Fink B:
„Apropos Vereinten Nationen:
legitime und rechtskräftige Institutionen wie die Uno,
bei der alle Länder sitzen,
werden doch mit dem G20-Gipfel ganz klar umgangen.
Die Absicht, weitere Wirtschaftskrisen in Europa und Amerika zu verhindern,
ist klasse – für die anderen geht die Krise unverändert weiter.“

FINK A:
„Wir werden sehen.
In drei Wochen ist der Gipfel,
dann können wir ja nochmal schnacken.“

FINK B:
„Gerne, das machen wir.“

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Johanna Röhr, Jahrgang 1991, sagt gerne etwas, kann aber auch zuhören - am liebsten wenn's um Sport geht. Und das immer brandaktuell auf Twitter. Sie liebt ihre Heimat München, Nilpferdbabys und gute Satire. Noch fühlt sie sich in Hamburg wie im Ausland, aber das wird sich bestimmt noch ändern. Sie ist Social-Media-Redakteurin bei Spiegel Online und Kommunikationstrainerin, hat aber auch schon als Stadionmoderatorin der Frauenmannschaft des FC Bayern gearbeitet. Sie ist Autorin eines Münchner Stadtführers. Modetrends findet sie cool, merkt das aber immer erst, wenn sie vorbei sind.
Joachim Plingen, Jahrgang 1990, hat schon einmal in „Carmen“ an der Düsseldorfer Oper gesungen – im Chor. Später studierte er an der Sporthochschule Köln Sportmanagement. Nach dem Bachelor arbeitete er in Leipzig beim Radiosender Detektor.fm. In Quebec jobbte er als Kellner und als Sprachlehrer, um damit eine Motorradtour durch Vietnam zu finanzieren. Der gebürtige Bonner wohnt in St. Georg, spielt Schlagzeug und legt Platten auf. Auf eine bestimmte Musikrichtung möchte er sich dabei nicht beschränken, nur Schlager, Black Metal, Trash-Pop und Dubstep mag er nicht. Joachim spielt Fußball, zuletzt bei Blau-Weiß Leipzig, und ist Fan von Bayer Leverkusen. Manchmal steht er auch als Schauspieler für Kurzfilme vor der Kamera.