LARP-Welt
Mysteriöse Gestalten in der LARP-Welt

Muggel, Orcs und Jedis lösen mittlerweile bei den wenigsten Verwirrung aus. Doch jenseits von Harry Potter und Star Wars haben sich Fantasy-Fans eigene Kosmen geschaffen. FINK.HAMBURG hat einige von ihnen getroffen.

Sonntag, 23 Grad Celsius in Horn. Ein leichte Brise weht, sie stört nicht. Es ist angenehm. In den Kiosk neben der U-Bahn Station scheint die Sonne. Sie fällt auf einen großen Ritter-Schild mit Totenkopfbemalung, das an der Theke lehnt. Eine Frau im ausgefransten Kleid greift danach. Sie stellt sich auf und sieht uns mit ihrem blutverschmiertem Gesicht an. In der Hand den Coffee-to-go, in der anderen das Schild des Orden Nimue, wie es uns die Schwester des Untoten Fleisches später erklären wird. Sie ist auf dem Weg zur NordCon, Norddeutschlands größter Rollenspielconvention. Wir folgen ihr in eine fiktive Welt: Den LARP-Kosmos.

Live Action Role Playing (LARP): LARP steht für eine Kombination aus Rollenspiel und Kammertheater, bei dem die Teilnehmer die Rolle eines bestimmten Spiel-Charakters annehmen. Bei LARP-Veranstaltungen treffen Spieler (SC) und Charaktere, die durch die Spielleitung eingesetzt werden (NSC), aufeinander. Dabei wandelt sich der Veranstaltungsort in ein Spiel-/Schlachtfeld.

In dieser Fantasiegemeinschaft verkleiden sich die Mitglieder nicht nur, sondern geben sich ganz ihrer jeweiligen Rolle hin – sei es als Heiler, Ritter oder Waldgeist. Bei verschiedenen Veranstaltungen treffen sich die LARP-Begeisterten, um ganz in die Welt des jeweiligen Rollenspiels einzutauchen und gegeneinander in fiktiven Kämpfen anzutreten.

NSC aus einem LARP-Conquest
Foto: Johanna Klug / Pexels Illustration: Christina Höhnen

Die Schwester des Untoten Fleisches ist heute mit einer Gruppe Gleichgesinnter aus einer der größten LARP-Welten zu Gast: dem Liverollenspiel Conquest of Mythodea, das jährlich in Hannover stattfindet. „Dort prügeln sich; grob gesagt; 8000 Spieler um Land“, sagt sie. Die Schwester des Untoten Fleisches ist – wie der Name ahnen lässt – eine wandelnde Leiche im kampfsicheren Ordenskittel. Über ihrem Unterkleid trägt sie eine Rüstung. In der Hand hält sie einen Streitkolben, einen täuschend echten Nachbau einer Waffe, mit der im Mittelalter brutale Schlachten gekämpft wurden.

„Auch wenn es lächerlich klingt, wir sind Nonnen“

Dabei irritiert der Schleier, der ihr Gesicht umhüllt. „Auch wenn es lächerlich klingt, wir sind Nonnen! Wir gehören zum „Orden der Nimue“, sagt sie uns. Beim Conquest haben die Ordensschwestern nur ein Ziel: Sich den Spielern in den Weg stellen. „Wir sorgen dafür, dass Burgen nicht eingenommen werden oder Dörfer geplündert werden“, erklärt sie. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Spielern (SC) werden sie als sogenannte NSCs von der Spielleitung eingesetzt. NSCs stellen nicht nur Feinde da, sondern stoßen die Spielhandlung an und verteilen Aufgaben.

Hinter der blutigen Latexmaske und der Rüstung steckt die gebürtige Hamburgerin Dorthe. Im wahren Leben ist sie Kommunikationsdesignerin und seit 2009 Teil der LARP-Szene. Ihren Charakter entwickelte sie anhand von Zeichnungen. Um sich in eine NSC zu verwandeln, braucht sie samt Make-Up eine knappe Stunde. Ihr Kostüm ist zu großen Teilen selbstgemacht und dabei ein echtes Langzeitprojekt: „Ich habe vor zwei Jahren mit dem Unterrock begonnen. Die Stofflagen werden darauf genäht, zerfetzt und bemalt. Dann kommt die Rüstung.“ Fertig wird es nie. „Das Kostüm wird ständig erweitert und praktischer gemacht, damit ich mich besser bewegen kann“, sagt sie. Schließlich müssen die Gewänder stundenlange Einsätze auf dem Spielfeld mitmachen. Die Teile der Rüstung kaufen die LARP-Anhänger in speziellen Läden. Allerdings sorgen Dorthe und die anderen aus der Gruppe mit Essig, Hammer und Acrylfarbe dafür, dass man der Rüstung ihre Kampfeinsätze ansieht. Wenn sie gar nicht passt, folgt der Gang zum Schmied.

Auf der „NordCon“ sind Dorthe und die anderen nur, um Leute treffen und Zubehör zu kaufen. „Gemeinsam macht es Spaß. Wir können uns als Gruppe präsentieren.“ Dabei nehmen sie regelmäßig Neulinge auf. Franzi, eine der Untoten, ist als erstes Jahr als Schwester dabei. Sie war erste eine SC, also Spielerin bevor sie zu einem NSC wurde. „Um NSC zu werden, nimmt man an Veranstaltungen teil und lässt sich erstmal treiben.“ Die meisten finden den Weg in die LARP-Szene über Bekannte. Sobald das Spiel startet, ist die Welt abgeschlossen: Aus dem Sportplatz in Horn wird ein Schlachtfeld in Mythodea und aus der Kommunikationsdesignerin eine Untote aus dem Orden der Nimue.

Neben dem Regelwerk müssen die NSC natürlich auch optisch einen gewissen Standard erreichen, um in der Einheit mitspielen zu dürfen. „Jemand mit Jeans und T-Shirt – das wirkt nicht. Die Spieler denken sich dann: Was will der hier? Wenn ich komme, denken die Leute da kommt eine kämpfende Untote, das ist das Ziel.”

Zwei blaue Atennen reißen uns gedanklich aus Mythodea. Sie gehören zu Liberg Arual. Circa 1,75 Meter groß, männlich, jung, weißes Haar und blau – im wahrsten Sinne des Wortes. Er ist Andorianer, sagt er. Heute sei er dienstlich hier, als Kadett der Spacefleet Academy Hamburg. Er trägt eine Uniform à la Raumschiff Enterprise. „Folgt mir, wenn ihr mehr wissen wollt“. Wir folgen der blauen Gestalt mit dem weißen Pferdeschwanz in die anliegende Grundschule. Im ersten Stock führt er uns an einem Infodesk im passenden Weltraumlook vorbei in einen der Klassenräume.

Foto: Johanna Klug / Pexels Illustration: Christina Höhnen

Als Kadett im ersten Semester der Starfleet Academy Hamburg ist Liberg Arual Schüler der „Forth Class“, wie er uns erzählt. Andere Kadetten haben bereits den Rang der „Third Class“ oder sogar den höchsten, „First Class“. „Der jeweilige Rang ist an der Anzahl der Abzeichen zu erkennen, die an der Uniform angebracht sind. Ähnlich wie bei den Polizisten“, sagt der Andorianer. Er blickt starr geradeaus, sein Blick scheint durch uns hindurchzugehen. „Danach wird man als Offizier eingegliedert.“ Im Verlaufe der Ausbildung besuchen die Kadetten Vorlesungen, passend zum Haupt- und Nebenfach und sammeln dabei Punkte. In Einzel- oder Gruppenaufgaben werden die aufsteigenden Kadetten ausgebildet: Ganz wichtig ist dabei der Umgang mit anderen Spezies. Nicht jeder versteht sich mit Betazoiden, Vulcaniern oder Klingonen. Wer nach vier Semestern den Aufstieg zum Offizier schafft, kann im Fach „Command“ als Bereichsleitung und Schiffskapitän die Kommandozentrale übernehmen.

Doch um Mitglied zu werden, ist jeder angehende Andorianer zu einer Immatrikulation und Aufnahmeprüfung verpflichtet. Warum möchte ich in die Sternenflotte aufgenommen werden? Und was sind meine Wunschfächer? Das sind die Inhalte, die im Motivationsschreiben behandelt werden. Nach erfolgreicher Aufnahme in die Starfleet Academy Hamburg wird einmal im Monat auf dem ehemaligen Gelände des Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy) gelernt und gelehrt.

Das alles erzählt er uns mit einer monotonen Sprachmelodie, starr und gefühlslos. Es ist nicht nur eine Rolle, sondern Liberg Arual existiert in diesem Moment wirklich. Die blaue Farbe in seinem Gesicht, das Abzeichen an seiner Uniform und die weißen Haare – alles scheint real für ihn zu sein. Zumindest heute.

Ein paar Zelte weiter reisen wir in die Welt der griechischen Mythologie: Ein Baumgeist und eine Droidin sitzen auf einer Decke und machen sich zurecht. Efeu rankt sich an dem Kleid des Baumwesens entlang. „Ich bin eine Droiade und ein Geist, der einen Baum bewohnt und beseelt,“ sagt eine junge Frau. Ihr persönlicher Beschützer ist die Droidin, die ihr gegenübersitzt.

„Wer nicht säuft, wird abgemurkst.“

Wilde Bemalungen zieren Bauch und Oberarme, Felle und feine Stoffe vervollständigen ihr Kleid. In der Hand hält sie ein großes hölzernes Schwert. „In unserem Clan bin ich das geistige Oberhaupt und damit der engste Kontakt zu den Gottheiten“, sagt die Droidin. „Haupsächlich beschütze ich die Gottheiten, etwa die Göttin der Erde, Gaya.“ Denn die Kelten gelten bekanntlich nicht als sehr friedvoll: „Wer bei denen nicht mitsäuft, wird abgemurkst“, sagt sie und lacht. Aber auch für Rituale wie Opferungen ist sie verantwortlich. Natürlich wird da kein echtes Kaninchen sondern nur ein Plüschtier verwendet. Dabei wird symbolisch die Kehle aufgeschlitzt und man lässt es ausbluten. Das anschließend gesegnete Blut nehmen die Droiden zur Kriegsbemalung.

Eine brutale wie aufregende Welt, in die sich Kessy immer wieder mit großer Faszination begibt. Denn eigentlich ist die 20-Jährige Krankenpflegerin und steht kurz vor ihrem Examen. Neben ihrer LARP-Leidenschaft ist sie ein echtes Pferdemädchen und Harry Potter Fan. Auch aus der Zauber- und Hexenwelt lässt sie sich für neue Kostüme inspirieren. Am liebsten als Severus Snape.

Als wir den LARP-Kosmos verlassen, scheint die Sonne. Eine Welt, voller Fiktion, Kreativität und Energie, in die wir ein paar Stunden eintauchen durften. Eine heile Welt, die zwar von gegenseitigen Kämpfen beherrscht wird, aber primär um die Identifikation mit Fantasiewesen geht. Ein Rückzugsort für alle, denen die Realität zu anstregend wird.

Zwischen Lolitas und Kriegern: Für mehr Fantasy gibt es hier die Einblicke von FINK.Hamburg zur Magnology 2017.

Kleines LARP und Lexikon:

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Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.
Johanna Klug, Jahrgang 1994, hat sich von sechs Tassen Kaffee pro Tag auf eine heruntergearbeitet. Sie ist begeistert vom Reisen und von fremden Kulturen. Studiert hat sie Medienmanagement, die zweite Herzensangelegenheit der gebürtigen Würzburgerin aber ist die ehrenamtliche Arbeit auf Palliativstationen. Zu diesem Thema hat sie sogar ein Buch geschrieben. Ab April 2017 lässt sie sich neben ihrem Studium an der HAW zur Sterbebegleiterin ausbilden.