Rettungssanitäter leisten erste Hilfe bei Unfällen, bringen Patienten ins Krankenhaus oder nach Hause. Dafür erhalten sie oft nicht viel Anerkennung. Ein Tag im Rettungswagen des Arbeiter Samariter Bund in Ottensen.

Es ist kurz vor sieben Uhr morgens am Bahnhof Altona. Das Franzbrötchen zum Frühstück lässt sich in der Kälte nur mit Handschuhen angenehm halten. Hinter dem Nebel des eigenen Atems erscheinen Menschen, die zu ihrer Frühschicht müssen. Andere haben es scheinbar noch gar nicht ins Bett geschafft.

Die Wache des Arbeiter Samariter Bund (ASB) Ottensen liegt in der Behringstraße, zehn Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Wer hinein will, bahnt sich den Weg durch einen mit Grafittis besprayten Hinterhof. Nach einigen Metern eröffnet sich eine Szenerie wie aus dem Film „Breaking Bad“: Auf dem geschotterten Platz steht ein in die Jahre gekommenes Wohnmobil. Erst nach einem Blick nach links fallen die rot gelben Einsatzwagen ins Auge.

Hier liegt der unscheinbare Hintereingang der Wache, in der Jon-Hendrik Thumb, genannt Jonny, seinen ersten Kaffee trinkt. Der 26-Jährige hat 2011 eine Ausbildung zum Rettungssanitäter begonnen. Mit Kollegen sitzt er in der Teeküche. Die Stimmung ist ausgelassen, bis jetzt musste noch keiner an diesem Morgen ausrücken. Zwei machen sich auf, um Frühstück zu holen.

Nils Lohmann bleibt. Der 24-Jährige ist heute zusammen mit Jonny auf dem Rettungswagen im Einsatz. In dem werden hauptsächlich Patienten zwischen Kliniken hin- und hertransportiert oder nach Hause gebracht. Auch bei Notfällen rücken sie aus, ein Notarztwagen, sprich ein Wagen in dem auch ein Notarzt sitzt, wird parallel gerufen.

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Nach jedem Einsatz muss ein Protokoll ausgefüllt werden.

Defibrillator und Plüschhund

Das Frühstück ist da. Bei Käsebrötchen lauschen vier Sanitäter dem Funk der Leitstelle. Es ist von einer scheinbar bewusstlosen Person in einem Hochhaus in Barmbek die Rede. Der Fall liegt nicht im Einsatzbereich und wird einer anderen Rettungswache zugeteilt.

Zwei der Sanitäter sind schon die ganze Nacht auf den Beinen. Während sie sich auf den Heimweg machen, kommt die erste Einsatzmeldung des Morgens herein: Ein klassischer Krankentransport. Eine ältere Damen soll vom Universitätsklinikum Eppendorf zurück nach Hause gebracht werden. Nils und Jonny machen sich auf dem Weg zum Rettungswagen.

Bevor es losgeht, erklären sie die Standardausstattung des Wagens. Zu den meistgenutzten Geräten gehören Puls- und Blutdruckmessgerät. „Mit diesen kleinen Schritten kann man mit wenig Aufwand schnell feststellen, wie es einem Patienten geht“, sagt Jonny. Neben der roten Liege sticht der Defibrillator hervor, den viele aus Arztserien zum Wiederbeleben kennen. Er wird hier seltener verwendet. Der Notarzt, der bei schweren Notfällen hinzugerufen wird, verfügt auch über diese Geräte.

Jonny öffnet eine gelbe Tasche. Ein kleiner, in Plastik eingepackter Plüschhund kommt zum Vorschein. „Der ist einer der wichtigsten Gegenstände hier im Wagen“, sagt er schmunzelnd. Der Hund ist Teil des Kindernotfallsets. Neben dem Stofftier liegen die wichtigsten Messinstrumente – nur eine Nummer kleiner.

Pendeln zwischen Klinik, Wohnung und Südamerika

In der Klinik angekommen, rollen Nils und Jonny den im Wagen integrierten Rollstuhl zur Rezeption und fragen nach ihrer Patientin. Die circa 70-jährige Frau Lammer* sitzt bereits aufwärts im Bett und wartet auf die Heimfahrt. Nils stellt sich vor, fragt nach ihrem Wohlergehen. Es ist wichtig, einen Draht zu den Patienten zu finden, sie sollen sich wohlfühlen.

„Wenn ich Sie sehe, wird mir kalt“, sagt Jonny während er Frau Lammer hilft sich aufzurichten. Sie will für das Rausfahren auf ihre Jacke verzichten – bei null Grad Außentemperatur. Nach Jonnys humorvollen Zureden willigt sie ein und es geht gut eingepackt im Rollstuhl zum Wagen.

Dort erzählt Frau Lammer von den vielen Zimmernachbarn, die sie in den letzten zehn Tagen hatte. „Das war anstrengend, aber auch interessant. Die Letzte war besonders nett“, sagt sie. In ihrer Wohnung in Altona wartet bereits ihr Sohn auf sie. Die Wohnung ist hübsch eingerichtet: antike Möbel, Kronleuchter, Vasen aus Kupfer. Man sieht es Frau Lammer an, wie froh sie ist, wieder zu Hause zu sein.

„Oft fehlt es an der nötigen Wertschätzung.“

Nils und Jonny verabschieden sich. „Solche Momente der Dankbarkeit sind schön“, sagt Nils. „Oft fehlt es an der nötigen Wertschätzung. Viele Menschen sehen unsere Arbeit als selbstverständlich an.“


Es geht zurück in Richtung Wache. Dort angekommen, schellt der Melder und das alte Faxgerät im Flur druckt eine sogenannte Notfalldepesche aus: Eine Frau, Anfang 20, soll über Probleme beim Atmen und Zitteranfälle klagen. Wenige Minuten später steht das Team des ASB im Wohnzimmer der Patientin. Sie ist völlig aufgelöst und berichtet unter Tränen, dass sie momentan Antibiotika nehme und seitdem Panikanfälle habe. „Sie denkt, dass sie eine Unverträglichkeit hat, das liegt in der Familie“, sagt ihre Freundin, die sie tröstend im Arm hält. Nils setzt sich neben die Patientin und stellt ihr Fragen, um der Ursache näher zu kommen.

Dann trifft auch schon der Notarzt ein. Nach einem kurzen Check und einem Gespräch ist er sich sicher, dass keine Unverträglichkeit vorliegt. Die Mutter der Patientin ist zwischenzeitlich auch angekommen und bittet, sich die Sache doch noch einmal genauer anzusehen. In Begleitung ihrer Freundin fahren Nils und Jonny die junge Frau ins Krankenhaus.

Im Eingangsbereich riecht es dort nach Urin. Ein Sicherheitsbeamter versucht einen Mann, Mitte Vierzig, zum Verlassen des Gebäudes zu bewegen. Er bleibt lieber sitzen. Die Sanitäter ziehen an der Szenerie vorbei und bringen die Patientin samt Begleitung in die Notaufnahme.

Wieder draußen begegnen sie anderen Sanitätern des ASB. Einer von ihnen ist gerade aus Südamerika zurückgekehrt. Sie bleiben auf einen weiteren Tee im Aufenthaltsraum der Klinik und hören sich die Reisegeschichten an. Währenddessen füllt Jonny das Einsatzprotokoll aus.

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Jonny füllt das Einsatzprotokoll aus. Foto: Christina Höhnen

 Kuriose Einblicke in Haushalte: Sind das Brieftauben?

Es geht zurück zur Rettungswache. Auf dem Weg dorthin tauschen Nils und Jonny im Wagen Anekdoten der kuriosesten Einsätze aus. Bei einem Fall wurde Jonny in einen Hochhauskomplex in den Osten der Stadt gerufen. Was der genaue Anlass war, weiß er nicht mehr. Dafür ist ihm der Taubenkäfig im siebten Stock des Treppenhauses im Gedächtnis geblieben. Auf die Fragen, ob das denn Brieftauben seien, bekam er von den Bewohnern die Antwort: „Nein, die essen wir.“

Apropos Essen: Nils und Jonny halten am Supermarkt, um sich ihr Mittagessen zu besorgen. Feste Zeiten gibt es dafür in diesem Job nicht. An der Kasse empfangen sie den nächsten Notruf. Das Essen muss warten, ein Kind will auf die Welt.

Nur wenige Straßen entfernt haben bei einer Frau in der 41. Schwangerschaftswoche die Wehen eingesetzt. Die Schwangere steht bereits vor der angegebenen Adresse. Sie wirkt entspannt: „Ich glaube es dauert noch einige Stunden, die Wehen sind noch schwach. Aber ich habe Narben von zwei Kaiserschnitten, deswegen wollte ich auf Nummer sichergehen“, sagt sie. Der Transport mit dem Rettungswagen macht in diesem Fall mehr Sinn, als eine Fahrt mit dem Taxi. Nils macht das Blaulicht an. So müssen sie nicht an roten Ampeln halten die Fahrt wird für die Schwangere angenehmer.

In der Klinik angekommen, wird die werdende Mutter zur Sicherheit auf einer Liege zum Kreißsaal gebracht. Ihre Hebamme wartet bereits auf sie. Heute will sie versuchen ihr Kind auf natürlichem Weg auf die Welt zu bringen. Bei den ersten beiden Kindern hat das leider nicht funktioniert. Nils und Jonny wünschen ihr viel Glück und verlassen die Klinik.

Der Wettlauf mit der Feuerwehr

Dann wird endlich in der Rettungswache gegessen. Zwischendurch schauen andere Kollegen vorbei. Sie berichten von einem Vorfall, der leider keine Seltenheit mehr ist: Bei einem Einsatz trafen sie gleichzeitig mit einem Einsatzwagen der Feuerwehr ein: Eine Diskussion der Zuständigkeit hat begonnen – wie so oft.

Die Feuerwehr Hamburg betreibt auch den Rettungsdienst. Inkludiert dabei sind die Hilfsorganisationen wie die Malteser, Johanniter und der ASB. Die Notrufe, die über die 112 eingehen, werden von der Feuerwehrleitstelle angenommen. Diese hat die Aufgabe, den Einsatz der Wache oder dem Einsatzwagen zu melden, die sich am nächsten am Ort des Geschehens befinden. Bei den Einsätzen geht es natürlich auch um Geld. Oft gehen die Einsätze an die feuerwehreigenen Einsatzkräfte raus, obwohl die Wagen des ASB schneller beim Patienten gewesen wären. „Es kommt immer wieder vor, dass ein Einsatzwagen der Feuerwehr mit Blaulicht zum Einsatz an unserer Wache vorbeifährt“, sagt Nils.

Auch Einsätze, die direkt bei dem ASB eingehen, müssen bei der Leitstelle der Feuerwehr gemeldet werden. Es kommt vor, dass auch in diesen Fällen ein Wagen der Feuerwehr kurz nach dem ASB am Geschehen eintrifft. Dieses hausgemachte Problem hat bereits Anklang in den Medien gefunden. „Es gehört wirklich zu den nervigen Seiten dieses Berufes. Es geht am Ende auch zu Lasten des Patienten“, sagt Jonny. In anderen Bundesländern wird dieses Problem umgangen, in dem es eine Zentralleitstelle von Feuerwehr und Rettungsdiensten gibt, wie zum Beispiel in Köln.

„Man betritt für kurze Zeit das Leben eines fremden Menschen.“

Der nächste Einsatz ruft, wieder ein Krankentransport. Ein Herr, Mitte 60, darf wieder nach Hause. Bei ihm gab es Komplikationen nachdem ihm eine Zahnprothese eingesetzt wurde. Seine Wangen sind noch rot unterlaufen, aber ihm scheint es wieder gut zu gehen. Als Nils ihn mit dem Rollstuhl aus dem Krankenzimmer schiebt, versucht er seine Frau zu erreichen. Sie soll ihn nach Hause begleiten.

Gerade noch rechtzeitig trifft sie ein und fährt neben ihrem Mann mit zur gemeinsamen Wohnung in der Altonaer Altstadt. Nicht alle Patienten haben Angehörige, die sie begleiten oder auf sie warten. Viele Ältere kehren in leere Wohnungen zurück, oft schaut nur ein Nachbar nach dem Rechten.

„Es ist immer wieder aufregend, in die Wohnungen der Patienten zu gehen. Man betritt einfach das Leben eines anderes Menschen“, sagt Nils auf der Fahrt zum letzten Einsatz. Für ihn gehören die Einblicke in die verschiedensten Lebensformen zu den schönsten Seiten am Beruf des Rettungsdienstes. Wenn er durch die Straßen Altonas fährt, fallen ihm an jeder Ecke Geschichten ein, die er während seiner Einsätze erlebt hat. Der aktuelle wird entspannt werden, wieder wird eine ältere Frau aus der Klinik nach Hause entlassen. Heute können Nils und Jonny pünktlich Feierabend machen.

*Name von der Redaktion geändert.

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Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.