Nach dem Abitur ein Work and Travel in Australien machen, ist heute schon fast normal. Unsere Redakteurin erlebte beim Trampen etwas Ungewöhnliches abseits von Farmarbeit, Campervan und Riesenspinnen.

Abi in der Tasche und ab nach Australien: Mit wenig Geld und viel Naivität flog ich zusammen mit einer Freundin für ein Work and Travel Jahr auf nach „Oz“, wie die Aussies zu sagen pflegen. Nachdem wir Sydney, Melbourne und das mückengeplagte Outback abgehakt hatten, landeten wir völlig pleite in Cairns, hoch oben im tropischen Norden Australiens.

Hamburger in Absurdistan


Couchsurfing in Nudisten-WG, Trampen durch Polen oder Airbnb in Algerien: FINK.HAMBURG stellt in dieser Reihe kuriose Reiseerlebnisse der Redakteure und anderer Hamburger vor.

Auf einer der umliegenden Bananenplantagen wollten wir die nächsten Wochen arbeiten, um endlich wieder Geld in die Reisekasse zu bekommen. Doch das war schwerer als gedacht. Wie sich viele denken können, gibt es in Australien an jeder Ecke Backpacker, die sich um die Arbeit auf den Farmen streiten.

Dementsprechend verlief unsere Arbeitssuche ziemlich erfolglos. Alle Farmen waren vollbesetzt und es gab wochenlange Wartelisten für neue Helfer.

So machten wir uns auf den Weg entlang der Ostküste, um weiter südlich einen Job zu finden. Da unser Budget keinen hippen VW-Bus ermöglichte, entschieden wir uns für eine kosteneffizientere Reiseoption: Wir trampten. Das funktionierte erstaunlich gut.

Rauswurf in der Pampa

Bald saßen wir im Auto von Olivia. Sie war eigenartig. Ganze 200 Kilometer erzählte uns die circa 40-Jährige wie lebensgefährlich Trampen doch sei und versuchte uns mit einigen Geschichten über ermordete Backpacker Angst einzujagen: „There was a couple that hitchhiked as well and they got murdered from a truck driver“, sagte sie. 80 Kilometer vor unserem Zielort fiel ihr plötzlich ein, dass sie jetzt in die andere Richtung abbiegen müsste und wir das Auto sofort verlassen müssten – dass wir mitten im Nirgendwo waren, fand sie dann plötzlich nicht mehr so gefährlich. So stiegen wir aus und mussten in der Pampa auf den nächsten ‚lift‘ warten.

Auch wenn unser Standort nur wenig befahren wurde, setzte nach kurzer Zeit James den Blinker links und nahm uns mit. James war Anfang 30 und gebürtiger Brite. Er erzählte uns, wie er vor drei Jahren nach Australien kam. Zu diesem Zeitpunkt lebte und arbeitete er auf einer umliegenden Farm. Er war gerade auf dem Weg dahin. Sein Vorschlag: Vorher könne er uns an einer besser befahrenen Stelle des Highways rauslassen, von der wir schneller ans Ziel kämen. „If you like, I could also give you a lift to your destination, but before that, I have to take a shower and pick up my dog“, sagte er weiter. Da wir die Gastfreundschaft in diesem Land schon gewöhnt waren, willigten wir seinem letzten Vorschlag ein – bereuten es aber kurz darauf.

Hühner, Kakerlaken und Waffen

Nachdem James von der regulären Straße auf einen Trampelpfad in den Wald abbog, mussten wir an die Horrorgeschichten von Olivia denken. Das wurde auch nicht besser, als wir über mehrere Bäche, auf Englisch „creek“, fuhren. Schlagartig kam uns der Film „Wolf Creek“ in den Sinn, in dem eine Gruppe Backpacker von einem Mann im Outback brutal ermordet wird. „Ob das gut geht?“, fragten wir uns allmählich.

Nach einer Dreiviertelstunde kamen wir auf der Farm an. Sie war menschenleer. Was in den zwei runtergekommenen Ställen war, konnten wir nicht erkennen. Nur ein paar Hühner pickten auf einer Holzplattform im Hang. „The chickens live there, so that the snakes can not reach them that easy“, sagte James. Diese Aussage verbesserte nicht wirklich unsere Stimmung.

Langsam stiegen wir aus und folgten James die knirschende Treppe hoch zur besagten Plattform. Sie führte zu einer kleinen Hütte, die gleichzeitig James Wohnung war. Die Hühner hatten auch seinen Flur zu ihrem Territorium erklärt und pickten eifrig herum. Eine skurrile Szenerie.

Angespannt suchten wir die gesamte Umgebung ab. Leicht paranoid befürchteten wir, James könnte einem Komplizen Bescheid gegeben haben, mit dem er uns umzingeln könnte. Schnell verschwand er in seinem Bad und meinte, wir sollten im Wohnzimmer auf ihn warten.

Das Wohnzimmer war ziemlich unordentlich. Zwischen alten Zeitungen und Spirituosen stand Kakerlakenspray. Nach wenigen Sekunden krabbelte auch schon das erste Ungeziefer über einen Sessel. Das Erschreckenste war nicht die Kakerlake, sondern das Dokument, über das sie flitze: Ein Waffenschein!

Jetzt war der Punkt gekommen, an dem meiner Freundin die pure Panik in den Augen stand. Sie begann zu zittern und die ersten Tränen liefen. Wir beide dachten: „Wir sind geliefert.  James hat etwas vor.“

Und dann kam Skippo

Zwar hatten wir schon einer Freundin in Melbourne per SMS Bescheid gegeben, dass uns das Ganze komisch vorkam. Einen genauen Standort konnten wir, wegen der schlechten Internetverbindung, aber nicht schicken.

Wir planten gerade schon unsere Flucht aus der Wohnung, als sich die Badetür öffnete. James kam frisch geduscht und umgezogen heraus. „Hey mates, I will just pick up my doggy and then we can hit the road again“, sagte er fröhlich. Langsam folgten wir ihm die Treppe hinunter. Wir befürchteten, gleich einem Kampfhund gegenüberzustehen. Unten betrat James einen kleinen Holzschuppen und kam mit Skippo wieder – einem kleinen süßen „Westie“, wie aus der Werbung.

Ab diesem Zeitpunkt schöpften wir wieder Hoffnung. „Vielleicht nimmt das hier doch alles ein gutes Ende“, dachten wir zaghaft. Wir gingen alle zum Auto. Mit Skippo zwischen uns auf der Rückbank ging die Fahrt weiter.

James brachte uns bis zu unserem Campingplatz in unserem Zielort. Unser Fahrer war gar nicht „creepy“. James war einfach nur ein sehr, sehr lieber Mensch – mit Waffenschein. Trotzdem waren wir immens erleichtert, als wir abends in Ruhe in unserem kakerlakenfreien Zelt lagen.