Foto: Laura Lagershausen

Uhren tracken den Puls, jeder Jugendliche hat ein Smartphone – und in Schulen stehen PC mit Windows 95. Oder nicht? Politik und Lehrer versuchen die Digitalisierung in Schulen voranzutreiben. Und doch bleibt vieles Flickwerk.

Eine Vitrine mit verstaubten Pokalen, die Wände in klassischem Behörden-Ocker gestrichen. Typisch Schule – eigentlich. In den Computerräumen des Gymnasiums Lerchenfeld sieht es nämlich ganz anders aus: Hier gibt es Macs, Notebook-Pools und Schnittplätze für Audio- und Videobearbeitung. Außerdem kooperiert die Schule mit der fußläufig gelegenen Hamburg Media School. Medienunterricht ist laut der Homepage des Gymnasiums „ein Schwerpunkt auf allen Stufen“.

„Wir haben uns bewusst entschieden, den digitalen Wandel mitzugestalten“, sagt Thomas Weiss. Er ist der stellvertretende Leiter des Gymnasiums und einer der Gründe, warum diese Schule in Sachen Digitalisierung besser aufgestellt ist als die meisten anderen in Hamburg. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) hat deshalb kürzlich die Digitalisierung der Bildung als neues großes Ziel ausgerufen.

Ein Flur des Gymnasiums Lerchenfeld. Foto: Joachim Plingen

Rabe ist Mitte 50 und trägt einen blauen Anzug. Wenn er von Digitalisierung spricht, verschränkt er seine Finger und gibt demütig zu, dass nicht alles gut sei. Aber er glaubt an sein Konzept. Im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema „Digitalisierung an Hamburger Schulen“ an der HAW Hamburg erklärt er seine Strategie.

„Es ist ein sehr umfangreicher und schwieriger Prozess, finanziell sehr aufwendig. Und gleichzeitig bewegt sich das Ziel immer wieder fort, deswegen müssen wir uns beeilen“, sagt Rabe. Der Kern seiner Strategie ist die technische Ausstattung der Schulen. Das erste Ziel: WLAN in allen Lehrerzimmern. Außerdem sollen die Schulen kontinuierlich mit moderner und vor allem funktionierender Hardware versorgt werden. Um das zu realisieren, setzt Rabe auf eine zielgerichtete Kooperation von Bund und Ländern. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat fünf Milliarden Euro für die technische Ausstattung der Schulen in Aussicht gestellt. Die Länder sollen sich im Gegenzug „verpflichten, die entsprechenden pädagogischen Konzepte, die Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen“, so Wanka.

Vieles bleibt Flickwerk

Die Politik reagiert auf das, was Lehrer, Eltern, Arbeitgeber und Gewerkschaften sich schon länger wünschen: Eine koordinierte Strategie, die hilft, digitale Medien und Inhalte in den Unterricht zu integrieren. Denn bisher ist vieles Flickwerk. Oft versuchen einzelne Schulleiter und Lehrer auf eigene Faust, Projekte und Ideen voranzutreiben. Die flächendeckende Umsetzung scheitert aber daran, dass entweder die Technik nicht funktioniert oder die Lehrer sie nicht in den Unterricht einbauen können.

„Wenn ich nach den Ferien das Smartboard hochfahre, gibt’s erstmal eine Überraschung: Ich muss sieben neue Updates machen“, sagt Stefan Beyer*, Lehrer an einer Hamburger Stadtteilschule. So gehe wichtige Unterrichtszeit verloren. Dazu komme, dass die Klassen meist den Raum wechseln müssten, wenn sie digitale Geräte benutzen wollten. „Und wenn ich dann in einem PC-Raum bin, dann gibt es eine andere Version von Excel als im vorherigen Raum. Oder einzelne Computer funktionieren nicht“, sagt Beyer. “Eine Tafel hingegen ist eine sichere Sache.“

Einblick in einen der Computerräume des Gymnasiums Lerchenfeld. Foto: Laura Lagershausen

„Das ob wird nicht diskutiert, sondern nur das wie“

In einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Die Digitalisierung in Schulen muss vorangetrieben werden. „Das ob wird nicht diskutiert, sondern nur das wie“, sagt Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Das wird auch in Gesprächen mit Lehrern, Eltern und Schülern deutlich. Unterschiede gibt es nur mit Blick auf die Frage, wie die einzelnen Aspekte gewichtet werden sollen: Ausstattung, Ausbildung der Lehrer und digitale Inhalte.

Bildungssenator Rabe legt den Fokus auf die Technik. Die Lehrer besser und digitaler auszubilden, ist zwar Teil seines Konzepts, jedoch nicht oberste Priorität. Digitale Kompetenzen gebündelt in einem Fach zu unterrichten ist aktuell auch nicht geplant: „Es gibt jede Woche ein anderes Schulfach, das unbedingt eingeführt werden muss“, sagt er. Digitale Medien und Software sollten vielmehr fächerübergreifend unterrichtet werden. Querschnittskompetenz nennen Pädagogen das.

Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen 2017. Grafik: Bitkom

Über 90 Prozent der 10- bis 18-Jährigen sind regelmäßig im Internet unterwegs. Doch können sie seriöse von unseriösen Seiten unterscheiden? Und verstehen sie, dass die Inhalte, die ihnen auf Facebook oder bei Google angezeigt werden, nicht durch Zufall dort stehen? Dass die Sortierung einer Google-Ergebnisseite nicht notwendigerweise etwas über die Qualität der Inhalte aussagt?

In der Schule wird bisher nicht ausreichend vermittelt, wer oder was hinter digitalen Inhalten steht und wie man diese bewusst und kritisch konsumiert. Fredrik Dehnerdt von der GEW: „Es gibt die Hardware und den Umgang damit. Es ist wichtig, dass die Schüler lernen, kritisch mit digitalen Medien und Geräten umzugehen.“ Bisher gibt es dafür nur den Hamburger Medienpass – ein erster Versuch, das Thema digitale Bildung fest in den Schulunterricht einzubauen. Dabei geht es um Cybermobbing, Urheberrecht oder soziale Netzwerke.

Ferrari, aber kein Führerschein

Wenn man mit Politikern, Lehrern, Schulleitern und Verbänden spricht, wird der kritische Umgang mit digitalen Medien auffällig selten und meist nur auf Nachfrage thematisiert. Als Beratungsgremium der Schulbehörde wünscht sich die Elternkammer eine stärkere Einbindung der Thematik in den Schulbetrieb. Marc Keynejad, Geschäftsführer einer IT-Firma und Vorstandsvorsitzender der Hamburger Elternkammer, ist der Meinung, man müsse Schülern die sinnvolle Benutzung eines digitalen Endgerätes beibringen – ob in der Schule oder zu Hause. Sonst würden Smartphones und Computer nur zum Spielen benutzt: „Kinder wissen nicht, was sie damit machen können. Wenn man einen Ferrari vor der Tür stehen hat, aber keinen Führerschein besitzt, dann spielt man auch nur mit den Scheibenwischern.“ Oder man baut gleich einen Unfall.

Keynejad geht die Digitalisierung der Schulen deutlich zu langsam voran. Er ist der Meinung, das liege auch an den wenigen Stunden Fortbildung, die Hamburger Lehrern zur Verfügung stünden. „Das über Jahre gefestigte Unterrichtsverhalten lässt sich so nicht von heute auf morgen umstellen“, sagt er. Die Schnelligkeit des digitalen Wandels passe einfach nicht zu langsamer agierenden Institutionen wie Schule und Justiz. „Bald werden wir in Deutschland hinterherhinken.“

„Man muss als Schule kreativ werden“

Dieser Meinung ist auch Thomas Weiss vom Gymnasium Lerchenfeld. Er spricht in diesem Zusammenhang gerne von Hennen und Eiern. „Henne: Die Lehrer brauchen die Fortbildung. Ei: Ohne Technik ist die ganze Fortbildung umsonst.“ Die Frage ist: Wo fängt man an? Vize-Schulleiter Weiss möchte beides: mehr Technik und eine bessere Ausbildung für Lehrer.

Während der stellvertretende Schulleiter durch das Treppenhaus des Gymnasiums geht, erzählt er von den neuen Beamer-Wagen, mit denen er jeden Raum der Schule ausgestattet hat. Eine Eigenkonstruktion, bestehend aus Beamer, Lautsprechern und einer Halterung, die ein Display erkennt und das Bild auf den Beamer projiziert. Alles ist festgeschraubt. Eine Grill-Haube dient als Staubschutz. „Man muss als Schule kreativ werden, um mithalten zu können“, sagt Weiss.

Bei zwei Siebtklässlerinnen kommt die Konstruktion gut an: „Endlich müssen wir den Raum nicht mehr wechseln, damit die Lehrer uns mal etwas aus dem Internet zeigen können.“

Der Beamer-Wagen. Foto: Laura Lagershausen

Auch in anderen Hamburger Schulen müssen Lehrer kreativ werden, wenn sie digitale Medien in den Unterricht einbauen möchten. „Die schlecht ausgestatteten PC-Räume sind meist sowieso schon im Voraus belegt“, sagt Lehrer Stefan Beyer. Er arbeitet mit der Methode BYOD („Bring your own device“): Seine Schüler nutzen ihre eigenen Handys, um beispielsweise die jüngsten Wahlergebnisse zu googeln. Oder sie messen im Physikunterricht mit einer App die Beschleunigung eines Gegenstands.

Als Klassenlehrer ist Beyer der Umgang mit digitalen Medien wichtig. „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass es pro Klasse mindestens eine WhatsApp-Gruppe gibt“, sagt er. Deshalb bespricht er solche Themen im Klassenrat, einer Stunde, die jeder Klasse pro Woche zur Diskussion zur Verfügung steht. Und er berät beim Elternabend. Dieses Engagement wünscht er sich auch von anderen Lehrern. Trotz der fehlenden Fortbildungszeit müssten sie „am Ball bleiben“, sagt Beyer. „Ein Lehrer sollte den Anspruch haben, die Schüler und ihr Lebensumfeld zu verstehen, sonst ist er in seinem Job falsch.“

Außerhalb der Schule schreitet die Digitalisierung immer schneller voran. Die Bildung aber kommt nicht so recht voran. Dabei wäre es eigentlich ihre Aufgabe, die Erwachsenen von morgen auf eine immer stärker von der Digitalisierung durchdrungene Welt und ihre Lebensumstände vorzubereiten. Die fünf Milliarden Euro für Technik sind ein erster Schritt – sofern Wankas Plan die Bundestagswahl übersteht. Doch parallel dazu brauchen die Schulen ein Konzept, das Technik, Ausbildung der Lehrer und Inhalte wirksam verknüpft und für alle verpflichtend ist.

Während die Erwachsenen diskutieren, wie Digitalisierung gelingen kann, scheinen sich manche Jugendliche damit gar nicht ständig zu beschäftigen: Im Klassenraum der 7b liegen keine Smartphones auf den Tischen. In der Pause spielen die Jungs Fußball, die Mädchen sitzen quatschend auf den Tischtennisplatten – ganz ohne Handy.

*Name geändert

Schultisch im Klassenraum der 7b des Gymnasiums Lerchenfeld. Foto: Joachim Plingen
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Bei gutem Wetter findet man Laura Lagershausen, Jahrgang 1990, am Elbstrand, bei schlechtem in einem gemütlichen Café im Eppendorfer Weg. Die studierte Modejournalistin schreibt als freie Redakteurin unter anderem für Kundenmagazine bekannter Modemarken, auf ihrem eigenen Blog stellt sie die Hotspots der Hansestadt und aktuelle Lifestyle-Trends vor. Was ihr an Hamburg fehlt? Eine so lebendige Hiphop-Tanzszene wie die ihrer Geburtsstadt Hannover - dort war sie früher als Profi aktiv.
Joachim Plingen, Jahrgang 1990, hat schon einmal in „Carmen“ an der Düsseldorfer Oper gesungen – im Chor. Später studierte er an der Sporthochschule Köln Sportmanagement. Nach dem Bachelor arbeitete er in Leipzig beim Radiosender Detektor.fm. In Quebec jobbte er als Kellner und als Sprachlehrer, um damit eine Motorradtour durch Vietnam zu finanzieren. Der gebürtige Bonner wohnt in St. Georg, spielt Schlagzeug und legt Platten auf. Auf eine bestimmte Musikrichtung möchte er sich dabei nicht beschränken, nur Schlager, Black Metal, Trash-Pop und Dubstep mag er nicht. Joachim spielt Fußball, zuletzt bei Blau-Weiß Leipzig, und ist Fan von Bayer Leverkusen. Manchmal steht er auch als Schauspieler für Kurzfilme vor der Kamera.

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