Das Abaton Kino gilt als eines der ersten Programmkinos Deutschlands
Frontansicht das Abaton Kinos auf dem Allende Platz. Foto: Christina Höhnen

Das Abaton Kino gilt als eines der ersten Programmkinos Deutschlands. Es thront bereits seit 1970 am Allende-Platz und bietet Vorstellungen der Extraklasse.  Mainstream und Disney müssen draußen bleiben.

Es ist nicht nur ein historisches Lichtspielhaus, es ist eine Institution am Grindel: Das Abaton-Kino. Wer es betritt, geht vorbei an den Wandmalereien des deutschen Malers Werner Nöfer, an den Kinosälen bis hin zur beliebten Kino-Bar. Schon dieser Empfang verspricht dem Gast, dass dies kein gewöhnlicher Kinobesuch á la Nachos und XL-Cola wird.

„Abaton“, aus dem Altgriechischen das „Unbetretbare“, ist ein Ort, dessen Eintritt nur auserwählten Personen vorbehalten bleibt. Glücklicherweise sind es im Abaton nur die Filme, die einer strengen Auslese unterzogen werden.

„Die filmische Vielfalt ist außergewöhnlich“.

Über diese Auswahl entscheidet seit 27 Jahren allein Geschäftsführer Matthias Elwardt. Damit führt er in dritter Generation das Erbe der Gründer Werner Grassmann und Winfried Fedder weiter. Sie machten es sich in den 70er Jahren zur Aufgabe, ein Kino abseits der „verkrusteten Strukturen der Kommerzkinos“ zu erschaffen.

Elwardt will das Abaton weiterhin zu einem „außergewöhnlichen“ Ort machen. Wichtig ist ihm dabei die „filmische Vielfalt“: Arthaus läuft neben Dokumentation, Film noir neben Heimatfilm. Cineasten, Experimentierfreudige und Gelegenheitsgucker kommen auf ihre Kosten.

FINK.HAMBURG stellt in dieser Reihe alle Hamburger Kinos in loser Reihenfolge vor. Hier findet ihr das ABATON im Stadtteil Rotherbaum.

Neben der besonnen Auswahl der Filme zeichnet sich der Gewinner des Europa Cinemas Awards 2011 durch eine Vielzahl von Sonderveranstaltungen aus: „In Deutschland gibt es kein Kino, das so viele verschiedene Dinge anbietet. 250 Veranstaltungen mit Gästen – das macht kein anderes Kino in der Bundesrepublik. So etwas wie ein Filmquiz machen nur wir“, betont Elwardt. 

Immer wieder sind Filmemacher zu Gast und stehen dem Publikum Rede und Antwort. Zum Beispiel haben Zuschauer schon seit der Premiere im vergangenen Jahr regelmäßig die Chance, Regisseur Christian Hornung in den Vorstellungen der Kiez-Doku „Manche hatten Krokodile“ in einer anschließender „Q&A“ alles über die Entstehung des Films zu fragen.

Auch das starke Angebot für Kinder ist außergewöhnlich: „Unser Kinderprogramm ist konsequent europäisch. Disney kommt nicht in Frage“, sagt Elwardt. Natürlich dürfen in Hamburg die „Pfefferkörner“ nicht fehlen. Sie waren auch während den Vorführungen des Filmfestes zu Gast.

Kürbissuppe und ‚Leckschmier‘: Kino mit allen Sinnen 

Auch kinountypische Formate können zu besonderen Anlässen in das Programm einfließen. Zum Europe Cinema Art Day zeigte das Abaton die Mini-Serie „Das Verschwinden“ von Hans Christian. Das Seriendebüt spielt in Bayern, an der Grenze zu Tschechien. Ein Mädchen verschwindet, nachdem es begonnen hatte, mit Crystal Meth zu dealen. Die Droge wird im Film in Kürbissen versteckt. Der Dealer tastet sich durch die Lieferung, um die verräterische Naht zu finden, die auf eine Meth-Füllung hinweist. Diese Szene wurde zum Anlass genommen, die Symbiose zwischen Kinoprogramm und kulinarischem Angebot aufleben zu lassen. In der Pause von „das Verschwinden“ konnten sich die Zuschauer bei selbstgemachter Kürbissuppe über das Gesehene unterhalten.

Ein anderes Gourmet-Spezial gab es für die Zuschauer zu Edgar Reitzs Filmepos “Die andere Heimat”, welcher im 19. Jahrhundert in einem fiktiven Dorf im Hunsrück spielt. Dort essen die Dorfbewohner Bauernbrot namens ‚Leckschmier‘. In der Pause bekamen die Gäste das, was es auch im Film gab: Brot mit Pflaumen- und Birnenmus. „Das kam super an”, sagt Elwardt.

Eine der größten Herausforderungen des Abatons sind nicht etwa sinkende Besucherzahlen, sondern der Umgang mit der riesigen Filmflut. Jedes Jahr erscheinen laut Elwardt 800 Filme. Das entspricht zwei Filmen pro Tag. Damit habe sich das Pensum in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

„Die Leinwand muss reflektieren.“

Bei der Filmauswahl ist es laut Elwardt wichtig, die richtigen Informationskanäle zu haben und Leute zu kennen, auf deren Urteil man vertrauen kann. Dabei gibt es immer Situationen, in denen Filme durch das Raster fallen: „Zum Bespiel hatte ich damals das Potenzial für ‚Sonnenallee‘ unterschätzt. Ich fand ihn zu ‚klamottig'“, sagt Elwardt rückblickend.

Elwardt fragt sich jeden Januar, ob die Programmauswahl des letzten Jahres die bestmögliche war: „Das ist wichtig, denn wir sind immer davon abhängig, dass die Filme eine Kraft haben und berühren. Die Leinwand muss reflektieren, und die Filme müssen eine Verbindung mit dem Publikum erzeugen. Bleibt der Film stumpf, dann kommen die Leuten nicht mehr.“

Qualität erkenne er schnell, doch dann kommt die Frage nach der Quantität. Dann muss er sich überlegen, in welchem Kinosaal der Film laufen und wie lange und wie oft er gezeigt werden soll. Dazu kommt noch die teils komplizierte Kooperation mit den Verleihern.

Für seine Programmgestaltung wurde Elwardt bereits ausgezeichnet, wie zum Bespiel die Kino-Prämie 2001 beim Filmfest Hamburg: “In Anerkennung seines anspruchsvollen, mutigen Programms und der engagierten Präsentation der Sonderveranstaltungen”, betonte Kultursenatorin Dana Horakova bei der Vergabe. Dabei können sich auch in Zukunft alle sicher sein: Das Abaton ist und bleibt ein außergewöhnlicher Ort.

Das Abaton-Kino hat drei Säle. In den Größten passen 265 Gäste. Regelmäßig gibt es Vorstellungen mit den Filmemachern. Am 31. Oktober um 20 Uhr ist Regisseur Christian Hornung mit seinem St. Pauli Film „Manche hatten Krokodile“  zu Gast.

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Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.