Drift-Wittmann-George-Breithaupt-Filmfest
Die Macherinnen von "Drift"(v.l.): Helena Wittmann, Theresa George (Regie), Nika Breithaupt (Sound). Foto: Agata Strausa

Die Hamburger Filmemacherin suchte den Atlantik auf, um einen experimentellen Dokumentarfilm zu drehen. Entstanden ist jedoch ein Spielfilm namens „Drift“, der dem Meer in Bild und Ton viel Raum gibt.

Helena Wittmann hat die Ärmel ihres Pullovers hochgekrempelt. Ihre Unterarme sind voll blauer Farbkleckse. „Vom Siebdruck“, sagt sie. In der Hochschule für bildende Künste (HfbK), in der sie als Dozentin arbeitet, entstehen ihre Plakate zum Film ‚Drift'“. Ihr Spielfilmdebüt wurde gerade beim Filmfest Hamburg zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. Darin geht es um zwei Frauen, von der eine mit dem Segelboot den Atlantik überquert. Freunde, Familie, Weggefährten – alle waren bei der Premiere dabei. Während die erste Farbschicht der Plakate trocknet, ist Zeit für einen Kaffee in der Cafeteria.

Filmemacherin Helena Wittmann
Filmemacherin Helena Wittmann in der Cafeteria der HfbK Hamburg. Foto: Agata Strausa

FINK.HAMBURG: Die Stadt Hamburg ist in deinem Film „Drift“, in dem es hauptsächlich um das Meer geht, ein fester Punkt. Was war es für ein Gefühl, deinen Film dem Hamburger Publikum vorzustellen?

Helena Wittmann: Es war ganz toll, so viele Leute im Saal zu haben. Familie, Freunde und viele aus meiner Uni waren da. Sogar der Kapitän des Schiffs, auf dem wir gefilmt haben, ist zur Premiere gekommen.

Du hast mit deiner Co-Autorin Theresa George, die auch Hauptdarstellerin im Film ist, lange recherchiert, ehe du mit dem Dreh begonnen hast. Es gab auch kein klassisches Drehbuch. Wie bist du bei deiner Arbeit vorgegangen?

Ganz viele Szenen und Bilder im Film sind intuitiv entstanden. Der Schnitt ist für mich wie an einer Skulptur zu arbeiten. Es gibt einen Wunsch, wo man hin möchte. Aber ich finde es wichtig, sich zwischendurch das Material anzuschauen und dann zu überlegen, was man noch machen könnte. Alle Szenen waren geplant, aber manche waren direkte Reaktionen auf den jeweiligen Ort. Es gibt einen strengen Rahmen, aber innerhalb dieses Rahmens sind wir dann „gedriftet“.

Driften heißt, sich treiben zu lassen. Wie bist du auf den Titel gekommen?

Mein Freund, der auch segelt, hatte die Idee dazu. Erst war es nur der Arbeitstitel für unsere Arbeit, dann haben wir ihn behalten, weil er so wunderbar passte. Zuerst dachten wir, es wird ein experimenteller Dokumentarfilm. Am Ende sind einzelne Dinge wirklich passiert, wurden aber für den entstandenen Spielfilm inszeniert.

Das Meer spielt in „Drift“ eine Hauptrolle. Was ist deine persönliche Verbindung zum Meer?

Obwohl ich im Inland groß geworden bin, habe ich das Meer schon immer geliebt. Ich höre und sehe es gerne, gehe darin baden. Im Winter gehe ich gerne am Strand spazieren. Dann hat mich der Hafen in Hamburg fasziniert. Als ich vorübergehend in Buenos Aires gewohnt habe, hatte ich überlegt mit einem Containerschiff nach Deutschland zu fahren. Leider war das viel zu teuer. Die Idee, zwei Wochen kein Land zu sehen, konnte ich mir nicht vorstellen, aber ich wollte es unbedingt ausprobieren.

Die Idee, zwei Wochen kein Land zu sehen, konnte ich mir nicht vorstellen, aber ich wollte es unbedingt ausprobieren.

Ein Hauptteil des Drehs fand auf einem Passagierschiff statt, das über einen Zeitraum von zwei Wochen den Atlantik von Barbados auf die Azoren überquerte. Was hattest du für Erwartungen?

Ich habe mich für das offene Meer als Raum interessiert. Was macht es mit einem, was ist es für eine Erfahrung? Das war der Ausgangspunkt. Das wollte ich vertiefen und das Meer anders sehen: als Figur. Und dann haben wir uns herangetastet. Am Anfang waren wir oft auf Sylt, um dort das Wasser zu beobachten und zu überlegen, was es da zu sehen und zu verstehen gibt.

Welche Bedeutung hat der Ton?

Für mich ist Ton im Film genauso wichtig wie die Bilder. Der Sound wird in vielen Filmen zu stiefmütterlich behandelt. Das ist schade, da er einen riesen Gestaltungsraum eröffnet. Der Ton ist körperlicher. Das spürt man im Film, er geht durch den Bauch. Mit Ton kann man sehr fein arbeiten, Sachen in Frage stellen ohne Sprache zu verwenden.

Wie hast du mit der Künstlerin Nika, die auch mit dir und Theresa auf dem Schiff war, zusammengearbeitet?

Mit Nika arbeite ich schon seit acht Jahren zusammen. Sie macht als Musikerin Nika Son experimentelle Musik mit konkreten Geräuschen und kombiniert analog-elektronische Sachen mit Synthesizern. Insofern hat ihre Praxis den Film sehr geprägt. Was die Komposition betrifft, hatte ich keine feste Vorstellung und habe mich auf mein Gefühl verlassen. Dadurch, dass ich Nika schon so lange kenne, und wir uns immer gegenseitig ausgetauscht haben, konnte ich mich auf sie verlassen. Das hätte nicht mit jedem funktioniert.

Für mich ist Ton im Film genauso wichtig wie die Bilder.

Am Anfang hattest du keine Figuren geplant und wolltest nur den Atlantik als Raum nutzen. Warum hast du dann doch Theresa eingeführt?

Theresa macht es uns möglich, mit ihr die Erfahrung zu erleben. Ich habe die Figur nicht geplant, die Idee ist bei einem Dreh entstanden. Ich wollte etwas ausprobieren und es war keiner außer Theresa da. Ich habe sie gebeten, ein Stand-in zu machen (vor die Kamera zu treten – Anm. d. Redaktion) und da war mir klar, dass ich sie brauchte. Schließlich spielt die Erscheinung einer Person eine große Rolle im Film. Mir gefällt sehr gut an Theresa wie sie geht und sich bewegt. Ich habe aber einen Monat gewartet, bis ich sie gefragt habe, ob sie tatsächlich die Rolle spielen will, weil ich nicht wusste, ob sie ja oder nein sagt.

Ihr habt drei Jahre an „Drift“ gearbeitet. Gab es während dieser Zeit auch einen Wendepunkt?

HW: Es gab einen ziemlich heftigen Streit auf Antigua, drei Tage nach der Ankunft. Eigentlich haben Kleinigkeiten dazu geführt, aber am Ende ging es um die Figur Theresa. Am Anfang war sie als dokumentarische Figur gedacht, aber ich wollte sie fiktiv anlegen. Darüber waren wir uns nicht einig. Theresa ist ja eigentlich Ethnologin und hat das Projekt mitentwickelt.

Wie habt ihr euch bei dem Streit geeinigt?

Wir haben uns an den Tisch gesetzt und gesagt, wir übergeben die Figur der Fiktion. Damit hatten wir größere Freiheit und die echte Theresa einen Sicherheitsraum. So konnte sie als Figur Dinge tun, die sie als Ethnologin nicht getan hätte.

Wie habt ihr das Filmprojekt finanziell umgesetzt?

In „Drift“ ist viel privates Geld geflossen. Ich arbeite als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HfbK. Zum Glück habe ich ein Reisestipendium von „Neue Kunst in Hamburg“ bekommen, davon haben wir die Flüge nach Antigua bezahlt. Zusätzlich hat uns eine Schiffsreisefirma die Überfahrt von Antigua auf den Azoren gesponsert. Die Flüge dorthin waren das Teuerste, wenn man unsere Arbeitszeit nicht mitrechnet. Für die wurden wir nicht bezahlt.

Film ist meine Form zu erzählen

Bevor du an die Hochschule für Bildende Künste gegangen bist, hast du Spanisch und Medienwissenschaften studiert. Wann stand für dich fest, dass du Filme machen willst?

Ich hatte nie den Gedanken „Ich will Regisseurin werden“. Ich sehe mich auch eher als Filmemacherin. Nicht als Regisseurin, die Schauspieler anweist. Da lerne ich noch. Film ist meine Form zu erzählen. Ich mag die Komplexität und den Kontakt mit der Welt, den man beim Filmemachen hat. Um die Welt immer mehr zu verstehen – dafür erscheint mir der Film als das ideale Mittel.

Die erste Farbschicht trocknet.
Die erste Farbschicht der Filmplakate für „Drift“ trocknet. Foto: Agata Strausa
Blaue Farbe
Für die Produktion der Filmplakate wird viel blaue Farbe benötigt. Foto: Agata Strausa
Blick in die Siebwerkstatt der HfbK
Blick in die Siebwerkstatt der HfbK, in der Helena Wittmann die Filmplakate druckt. Foto: Agata Strausa
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Agata Strausa, Jahrgang 1989, ist gebürtige Lettin, Spitzensportlerin und denkt dreisprachig: Deutsch, Englisch und Lettisch. Täglich läuft sie im Stadtpark oder um die Alster und kommt schnell mal auf 100 Kilometer in der Woche. Sie ist über die 5000 Meter die schnellste aller Lettinnen und hat schon in diversen Disziplinen an Europameisterschaften teilgenommen. In Florida hat Agata ihren Bachelor in Kunstgeschichte und BWL gemacht. Zurück in Hamburg entdeckte sie als Social-Media-Managerin in der Sportbranche die Freude an der Kommunikation. Außerdem gefällt ihr minimalistisches Design. Visuelle Ästhetik spielt selbst dann eine große Rolle, wenn sie To-do-Listen schreibt. Agatas Motto: maximaler Erfolg mit minimalen Mitteln.

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