Glyphosat tötet Pflanzen, die Nahrung für Insekten sind, die wiederum als Nahrung für Vögel dienen. Illustration: Lukas Schepers
Glyphosat tötet Pflanzen, die Nahrung für Insekten sind, die wiederum als Nahrung für Vögel dienen. Illustration: Lukas Schepers

Die EU-Kommission hat beschlossen, die Zulassung für Glyphosat um fünf Jahre zu verlängern. Der Wirkstoff für Herbizide ist umstritten: „Krebserregend“ sagen die einen, „keine Gefahr“ die anderen. Sein Einfluss auf Umwelt und Landwirtschaft ist derweil unbestritten.

Mit der Rubrik #FINKaboutit beleuchtet die Redaktion von FINK.HAMBURG regelmäßig relevante Themengebiete. Und trägt dafür die wichtigsten Fakten, News und Hintergrundinformationen zusammen.

In einer Abstimmung hat ein Ausschuss der EU-Kommission entschieden, die Zulassung für den Wirkstoff Glyphosat um fünf Jahre zu verlängern. 18 der 28 EU-Länder haben für eine Verlängerung gestimmt, darunter auch Deutschland – was jetzt für Diskussionen sorgt, denn offenbar hat Agrarminister Christian Schmidt, CSU, sein Stimmverhalten nicht mit der Regierung abgestimmt. Über ein Jahr hat die Europäische Union benötigt, um eine Entscheidung zu treffen. Gegner des Wirkstoffes halten die Chemikalie für krebserregend und unterstellen dem Mittel katstrophale Auswirkungen auf Umwelt und Lebensmittel. Hinter Glyphosat steht das Unternehmen Monsanto, das den Wirkstoff 1970 entwickelt hat und ihn unter anderem in seinem Herbizid Roundup verwendet.

Die wichtigsten Fakten und Hintergründe zu Glyphosat im Finkaboutit:

Was genau ist Glyphosat und wie wird es eingesetzt?

Glyphosat ist der Wirkstoff des meistverkauften Unkrautvernichtungsmittel der Welt Roundup. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes „Total- oder Breitbandherbizid“, das jede Pflanze tötet, die nicht gentechnisch so verändert wurde, dass sie den Herbizideinsatz überlebt. Landwirte und Lebensmittelproduzenten nutzen das Mittel, um Unkraut und Wildpflanzen auf ihren Anbauflächen zu vernichten. In Deutschland wird das Herbizid auf etwa 40 Prozent der konventionellen Ackerflächen eingesetzt. Parallel zu Roundup bietet Monsanto Saatgut für Pflanzen an, die gegen Glyphosat resistent sind.

Widersprüchliche Studien

Die aktuelle politische Debatte dreht sich vor allem um die Frage, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht. Dazu gibt es internationale Studien mit widersprüchlichen Resultaten. Ende 2015 hat die International Agency for Research on Cancer (IARC) eine Studie veröffentlicht, die Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft. Da Deutschland im zuständigen Ausschuss der EU-Kommission berichterstattendes Mitglied ist, hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Chemikalie ebenfalls untersucht. Es kommt wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu dem Schluss, dass Glyphosat „wahrscheinlich nicht krebserregend“ sei, insofern es bestimmungsgemäß verwendet werde. Vor einigen Monaten wurde öffentlich, dass das BfR bei seiner ersten Einschätzung Teile des von Monsanto gestellten Antrags an die EU im Wortlaut in seinen eigenen Bericht übernommen hat. Die Behörde gibt an, es sei üblich, „dass Bewertungsbehörden nach kritischer Prüfung auch relevante Passagen aus eingereichten Dokumenten in ihre Bewertungsberichte integrieren“.

Die Ergebnisse aller Studien sind im Kontext der Forschung zu anderen Substanzen zu sehen. Die IARC stuft beispielsweise Alkohol als „sicher krebserregend“ ein.

Unstrittig: Die Auswirkungen von Glyphosat auf das Okösystem

Die Folgen des Einsatzes von Glyphosat für Pflanzen und Tiere sind eindeutig und unbestritten. Glyphosat tötet Wildpflanzen und sogenannte Ackerkräuter, die eine Nahrungsgrundlage für Insekten bilden, die wiederum als Nahrung für Vögel dienen. Nach Einschätzung des Bundes Umweltamtes ist Glyphosat ein Grund für den starken Rückgang von Rebhühnern, Goldammern und anderen Vogelarten: „Diese indirekten Effekte durch (Zer-)Störung der Nahrungsnetze treten nicht nur bei der Anwendung von Glyphosat, sondern auch bei anderen Breitbandherbiziden auf.  Glyphosat hat aber als das mit Abstand am meisten eingesetzte Herbizid den größten Anteil an den beschriebenen Effekten.“ Von den beschrieben Effekten sind neben Pflanzen und Vögeln auch Bienen stark betroffen.

Eine weitere Konsequenz von Glyphosat sind herbizid-resistente Wildpflanzen, sogenannte „Superweeds“. Diese Pflanzen haben sich an den Wirkstoff angepasst und sind über die Jahrzehnte resisitent geworden.

Alternativen zu Glyphosat

Das Umweltbundesamt und andere Umweltexperten kommen zu dem Schluss, dass Pflanzenschutzmittel und Herbizide wie Glyphosat aus der konventionellen Landwirtschaft derzeit nicht wegzudenken sind. Da die Nutzpflanzen und Böden über Jahre hinweg mit Glyphosat bespritzt wurden, können Landwirte nicht mehr darauf verzichten. Eine Alternative wäre die ökologische Landwirtschaft. Dabei wird der Boden tiefer und häufiger gepflügt. Da Glyphosat als Mittel sehr günstig ist, würde dies allerdings einen deutlichen Anstieg der Preise bedeuten.

Die politische Dimension von Glyphosat

Die Zulassung von Glyphosat ist seit einiger Zeit ein Streitthema in der Europäischen Union und auf Bundesebene. Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt (CSU) stimmte im EU-Ausschuss für eine Verlängerung der Zulassung, obwohl Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sich klar dagegen ausgesprochen hatte. Bei einem solchen Dissenz sieht die Geschäftsordnung der Bundesregierung eigentlich vor, dass Deutschland sich bei Abstimmungen enthält. „Ich habe die Entscheidung für mich getroffen und in meiner Ressortverantwortung“, sagte Christian Schmidt im ARD-„Morgenmagazin“. Die Grünen fordern, dass Schmidt zurücktritt, oder dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihn entlässt.

Im Zusammenhang mit der Zulassung von Glyphosat wurde in EU-Gremien auch über den Zugang von Lobbyisten zu Politikern diskutiert. Gegner befürchten, dass Monsanto Entscheidungsträger und Forscher beeinflusst haben könnte.