Die Wohncontainer der Bügerinitiative „Hilfe für Hamburger Obdachlose“ sollen ein Zuhause sein. Organisator Max Bryan erklärt, warum viele lieber auf der Straße schlafen, als in Masseunterkünften – und über den Widerstand der Stadt gegen sein Projekt.

Titelbild: Max Bryan

Es ist windig auf dem Hof der Petruskirche in Lokstedt. Die feuchte Kälte kriecht einem trotz dickem Mantel mit jeder Böe weiter zwischen die Kleider. Gegen das ungemütliche Dezemberwetter soll hier demnächst ein Wohncontainer helfen. Max Bryan und seine Kollegen von der Initiative Hilfe für Hamburger Obdachlose haben dafür gesorgt, dass auf dem Gelände vor der Kirche bald ein Obdachloser seine neuen „vier Wände“ beziehen kann. Eine Zeit lang hat Bryan selbst auf der Straße gelebt. Er hat sich durchgekämpft und konnte letzlich wieder eine Bleibe und einen Job finden. Die langen Haar und der zottelige Bart sind geblieben. Ein Interview.

FINK.HAMBURG: Die Stadt Hamburg bietet Winterunterkünfte für Obdachlose an und sagt, es müsse niemand auf der Straße schlafen. Warum stellt ihr Container auf?

Max Bryan: Das Winternotprogramm der Sozialbehörde ist nur ein Erfrierungsschutz für die Nacht, denn die Leute müssen da jeden Morgen wieder raus. Offiziell sagt die Sozialbehörde, sie möchte nicht, dass die Leute tagsüber drinbleiben, damit sie nicht sesshaft werden, sondern „in Bewegung bleiben“. Da wollen wir eine Lücke schließen, denn das ist besonders für ältere Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, sehr schwer. Die müssen jeden Morgen da raus und pendeln zwischen Tag und Nacht.

FINK.HAMBURG: Trotz der Programme und privater Aktionen gibt es immer noch viele Obdachlose, die auf der Straße schlafen. Wie kommt das?

Es gibt viele Menschen, die mit den Zuständen in den Massenunterkünften nicht klarkommen. Das betrifft vor allem ältere Menschen und Transgender. Man hat keinen Rückzugsraum oder Privatsphäre, weil man immer mit mehreren auf der Bude ist. Dann kommt nachts jemand rein, das Licht geht an. Der eine trinkt, der andere raucht, es wird auch geklaut. Die Stadt sagt, keiner muss draußen schlafen, aber angesichts der Zustände tun die Leute es doch, denn sie wissen: Wenn ich eine Platte habe, dann habe ich die Nacht über Ruhe.

Der neue Bewohner des Containers ist gefunden. Ende der Woche kann Rolf einziehen. Foto: Max Bryan
Der neue Bewohner des Containers ist gefunden. Ende der Woche kann Rolf einziehen. Foto: Max Bryan

FINK.HAMBURG: Du warst selber eine Zeit lang obdachlos und sagst, angenehmer draußen als drinnen zu schlafen. Wie muss man sich eine Nacht im Winter auf der Straße vorstellen?

Ich habe auf den Landungsbrücken geschlafen, vor einem Fischrestaurant auf Brücke 6. Da hatte ich einen Windschutz, der in 90 Prozent der Fälle so günstig stand, dass ich den Wind nicht abbekam. Aber es gab Tage im Dezember, wo es minus acht oder minus zwölf Grad waren und der Schlafsack angefroren war und ich das gar nicht gemerkt habe. Der Körper ist so auf Überleben trainiert und auf diese Kälte eingestellt, das ist eine Gewohnheitssache. Wenn du jetzt rausgehst in die Kälte, kannst du dir das nicht vorstellen. Aber wenn du das mal einen Monat machst, hat der Körper sich akklimatisiert. Gefährlich wird’s, wenn du alkoholisiert bist und nicht merkst, wie du erfrierst

Im letzten Jahr habe ich 250 Gemeinden kontaktiert, da kamen 50 Antworten zurück, alles Absagen.

FINK.HAMBURG: Wie kam es dann zu dem Entschluss die Initiative Hilfe für Hamburger Obdachlose zu gründen?

Ich hatte letztes Jahr die Idee, für meinen alten Kumpel und Weggefährten Klaus, der seit 30 Jahren auf der Straße lebt, Geld zu sammeln, damit er nicht mehr aus dem Papierkorb essen muss. Da haben sich dann so viele Leute beteiligt und es kam so viel Geld zusammen, dass es auch für eine Übernachtung gereicht hätte. Und dann haben wir uns gedacht: Hey, lass uns weiterdenken und Klaus vielleicht sogar den Winter über unterbringen, indem wir einen Container anmieten. Das hat nach vielen Porblemen endlich geklappt und war die Geburtstunde unserer Initiative. Wir wollen darauf aufbauen und weitermachen.

FINK.HAMBURG: Wie seid ihr dann vorgegangen?

Wir haben Kirchengemeinden angeschrieben und gefragt, wer Platz hat, einen Container aufzustellen. Im letzten Jahr habe ich 250 Gemeinden kontaktiert, da kamen 50 Antworten zurück, alles Absagen. Manche sind dann in diesem Jahr aber wieder auf uns zugekommen und wollten es nochmal versuchen. Das Problem ist: Es ist gar nicht so einfach einen Container aufzustellen. Man braucht da nämlich eine Baugenehmigung und selbst unser Architekt, der das seit 30 Jahren macht hat zwei Anläufe gebraucht.

FINK.HAMBURG: Sobald ein Container steht, geht ihr los und sucht jemanden, der da einzieht. Es kann aber nur einer sein. Wie wählt ihr die Person aus?

Ich möchte den bekommen, der es am schwersten hat. Da stelle ich drei Fragen und dann weiß ich das: Einmal sehe ich das anhand seines Alters, wir haben eine Altersgruppe von 55 plus. Dann kann er vielleicht nicht mehr so gut gehen, das sieht man auch auf den ersten Blick. Und dann sind seine Umstände entscheidend: Also dass nichts hat und mit den Massenunterkünften nicht so gut klarkommt. Wir können also niemanden nehmen, der jung ist, gut laufen kann und mit den Massenunterkünften kein Problem hat. Es wäre schade, den Platz für jemanden wegzugeben, der ihn nicht braucht.

Man stelle sich vor, das machen in Hamburg 500 Leute, dann gebe es keine Obdachlosen mehr.

FINK.HAMBURG: Du sagst, deine Kamera ist immer dabei. Man bekommt den Eindruck, es sei ein Stück weit inszeniert.

Wir brauchen die Bilder um zu zeigen, was mit dem Geld passiert und um Leute zu motivieren, dranzubleiben. Wir brauchen die Bilder auch, damit die Leute das weitertragen, keiner teilt nur Texte allein. Zudem filmen wir alles live, so wie es passiert, es gibt keine nachgedrehten Szenen.

FINK.HAMBURG: Einen Wohncontainer aufzustellen kostet etwa 2800 Euro. Wie finanziert ihr das?

Ich habe bei der Stadt angefragt, ob sie uns unterstützen und die Container bezahlen. Da wir aber nicht mit Kritik an den Zuständen in den Winternotunterkünften der Stadt geizen, kriegen wir auch keine Unterstützung von der Stadt. Also finanzieren wir uns über Spenden. Die kommen von privaten Leuten, Kirchengemeinden und kirchlichen Stiftungen. Für den nächsten Container haben wir bisher 1500 Euro erreicht, es ist also noch Luft nach oben.

FINK.HAMBURG: Jetzt habt ihr es geschafft, einen zweiten Wohncontainer einzurichten. Was ist euer langfristiges Ziel?

Mein Traum ist, dass wir noch mehr Kirchengemeinden motivieren können, sich mit uns zusammenzutun und auch einen Standort zur Verfügung zu stellen. So könnten wir jedes Jahr ein paar mehr Container aufstellen. Vielleicht schaffen wir es auch private Leute zu motivieren, es muss ja nicht immer eine Kirche sein, es könnte ja auch ein Unternehmen helfen. Man stelle sich vor, das machen in Hamburg 500 Leute, dann gebe es keine Obdachlosen mehr.

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Joachim Plingen, Jahrgang 1990, hat schon einmal in „Carmen“ an der Düsseldorfer Oper gesungen – im Chor. Später studierte er an der Sporthochschule Köln Sportmanagement. Nach dem Bachelor arbeitete er in Leipzig beim Radiosender Detektor.fm. In Quebec jobbte er als Kellner und als Sprachlehrer, um damit eine Motorradtour durch Vietnam zu finanzieren. Der gebürtige Bonner wohnt in St. Georg, spielt Schlagzeug und legt Platten auf. Auf eine bestimmte Musikrichtung möchte er sich dabei nicht beschränken, nur Schlager, Black Metal, Trash-Pop und Dubstep mag er nicht. Joachim spielt Fußball, zuletzt bei Blau-Weiß Leipzig, und ist Fan von Bayer Leverkusen. Manchmal steht er auch als Schauspieler für Kurzfilme vor der Kamera.