In Hamburg gibt es immer mehr Obdachlose. Besonders Frauen sind häufiger ohne Wohnung als in den letzten Jahren. Um im Winter nicht auf der Straße schlafen zu müssen, gehen sie die unterschiedlichsten Deals ein.

Am Berliner Tor kniet ein Mann auf der Straße. Vor ihm liegt ein Schild auf dem „Für Essen“ geschrieben steht. Nur einige Meter weiter sitzt eine Frau mit Kopftuch. Sie hält einen Becher in der Hand und spricht fast jeden Passanten mit „Hallo“ oder „Morgen“ an. Die meisten Leute hasten vorbei, ohne ihr zu nahe zu kommen und vermeiden, sie anzuschauen.

Begriffserklärung:

wohnungslos: Menschen, die keinen angemeldeten Wohnsitz haben

obdachlos: Menschen, die ohne Unterkunft auf der Straße leben.

„Platte“: Ein in irgendeiner Weise abgesteckter Schlafplatz

„Platte machen“ / „auf der Platte“: Auf der Straße übernachten

Doch wer durch die Hamburger Innenstadt läuft oder mit Bus und Bahn unterwegs ist, kann Obdachlosen eigentlich nicht mehr aus dem Weg gehen. Die Zahl der Menschen, die wohnungs- oder obdachlos sind, ist in den letzten drei Jahren stark angestiegen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) schätzt, dass in 2017 30 Prozent mehr Menschen auf der Straße leben, als noch in 2014. Laut der Diakonie sind in Hamburg über 7.800 Menschen ohne Wohnung, über 2000 verbringen ihr Leben ohne Obdach auf Hamburger Straßen.

Die letzte offizielle Zählung in Hamburg stammt aus dem Jahr 2009, Anfang 2018 soll erneut gezählt werden. Zuletzt ist nach Angaben mehrerer caritativer Institutionen besonders der Anteil von Frauen unter den Wohnungslosen gestiegen. Jan Graßhoff, Straßensozialarbeiter der Diakonie, ist jeden Tag an den Szenpunkten unterwegs und hält engen Kontakt zu vielen Wohnungs- und Obdachlosen. „Wir treffen dort vermehrt Frauen an. Die Kollegen aus anderen Hilfseinrichtungen bestätigen diesen Eindruck“, sagt er.

Die Besonderheit bei Frauen sei jedoch, dass man sie oft nicht direkt sehe, sobald sie wohnungslos werden: „Sie kommen zunächst bei Freunden, Bekannten oder Angehörigen unter, bevor sie auf der Straße landen“.

Obdachlos ist nicht gleich obdachlos

Viele dieser Frauen dürfen allerdings nicht aus Nettigkeit bei Bekannten schlafen, sondern oftmals im Gegenzug für Dienstleistungen. Graßhoff beobachtet, dass Frauen vermehrt sogar Fremde ansprechen und Dienste anbieten: „Da gibt es verschiedene Paraktiken, von Putzen über Arbeitsverhältnisse bis zu Sex.“ Frauen zu helfen, die verdeckt wohnungslos sind, sei besonders schwierig, da man nur sehr schwer an sie herankomme.

„Die ältere Dame mit dem Hacken-Porsche, die vermeintlich einkaufen war, hat eigentlich grade ihre Wäsche bei uns gewaschen.“

Eine Frau, die fast täglich mit diesen Fällen zu tun hat, ist Vanessa Lorenzen. Sie ist Sozialarbeiterin beim Tagestreff des Kemenate Frauen Wohnen e.V.. Dort können wohnungs- und obdachlose Frauen eine warme Mahlzeit bekommen, ihre Wäsche waschen, ein Telefonat führen oder Beratung beantragen. Sie bestätigt den Eindruck ihres Kollegen Graßhoff: „Frauen tun vieles, um solange wie möglich unsichtbar zu bleiben. Es gibt Frauen, die in Schrebergärten schlafen, in Büroräumen oder Kellern von Menschen, die sie kennen.“

Wohnungslose Frauen, die irgendwo unterkommen, fallen öffentlich gar nicht groß auf. „Die ältere Dame mit dem Hacken-Porsche, die vermeintlich einkaufen war, hat eigentlich grade ihre Wäsche bei uns gewaschen“, erzählt Lorenzen. Pro Tag kommen etwa 30 bis 35 Frauen im Tagestreff vorbei. Nur selten sind es Frauen, die in einer öffentlichen Einrichtung oder einer Unterkunft des städtischen Winternotprogramms unterkommen.

Unzumutbare Zustände in Sammelunterkünften

Und das obwohl die Stadt Hamburg immer wieder bekräfitgt, kein Mensch müsse auf der Straße schlafen. Pünktlich zum Winterbeginn öffnet das Winternotprogramm jährlich seine Schlafstätten. Die Umstände in den Massenunterkünften sind aber oft so schlimm, dass viele Wohnungs- und Obdachlose damit nicht klarkommen.

Mitarbeiterinnen des Tagestreff bei der Kemenate. Foto: Kemenate e.V.
Mitarbeiterinnen des Tagestreff bei der Kemenate. Foto: Kemenate e.V.

Es gibt kaum Privatsphäre, da die Leute in Mehrbettzimmern schlafen. Nachts geht oft das Licht an, manche Bewohner trinken und rauchen in den Räumen. Manchmal kommt es auch zu Gewalt. Laut Graßhoff und Lorenzen gehen Frauen noch seltener in die Massenunterkünfte als Männer. Nur zwanzig Prozent der Menschen, die dort die Nacht verbringen, sind weiblich.

„Ein unglaublich hoher Anteil unserer Besucherinnen haben in der Vergangenheit Gewalt erfahren, die gehen nicht in solche Unterkünfte“, sagt Lorenzen. Hinzu komme, dass die Wohnungslosenszene „eine ziemlich toughe und patriarchal organisierte Szene ist, da werden Frauen unterdrückt.“ Aus diesem Grund setzen sich Lorenzen und ihre Kolleginnen für reine Frauenunterkünfte ein. Ihrer Meinung nach müssen nicht in allen Unterkünfte strikt nach Geschlecht getrennt werden, aber Frauen sollten die Möglichkeit haben, reine Frauenräume aufzusuchen.

„Richtig schrottige Wohnungen für tausende Euro“

Alle Hilfeansätze, egal ob städtisches Winternotprogramm, Frauenhäuser oder private Initiativen, die einzelne Wohncontainer für Obdachlose aufstellen, haben eins gemeinsam: Sie helfen nur temporär und lindern das Symptom, bringen die Menschen jedoch nicht zurück in eine eigene feste Wohnung. „Der Weg aus der Obdachlosigkeit in Hamburg ist sehr schwer. Das hat nicht nur individuelle Gründe, sondern vor allem strukturelle“, sagt Graßhoff.

Die Gründe dafür, dass Menschen keine neue Wohnung finden, sind die gleichen, die dafür sorgen, dass Menschen ihre Wohnung überhaupt erst verlieren. Besonders für Frauen hat sich die Lage zugespitzt. Der Wohnungsmarkt in Hamburg ist stark umkämpft, vor allem Menschen mit geringem Einkommen haben es schwer, eine Wohnung zu finden. Schwerwiegend kommt hinzu, dass die Anzahl der Sozialwohnungen sich in den letzten 15 Jahren fast halbiert hat. Viele Wohnungen sind aus der Sozialbindung herausgefallen, ohne, dass ausreichend neue hinzugefügt wurden.

„Die Not ist so groß, aber sie spielt vor allem denen in die Hand, die schon so viel haben.“

Die Lage auf dem Wohnungsmarkt sorgt dafür, dass das Hilfesystem „verstopft“ ist, wie Lorenzen es sagt. Frauen, die in Frauenhäusern leben, finden keine neue Wohnung, die Einrichtungen können keine neuen Bewohnerinnen aufnehmen. Zusätzlich zu den Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt kommen laut Jan Graßhoff soziale Entwicklungen. „Seit mehreren Jahren beobachten wir, dass Familienverbünde immer stärker auseinanderbrechen, grade Frauen leiden darunter“, sagt er. Bei Frauen, die nicht ihr Leben lang durchgängig gearbeitet haben, reiche dann die Rente im Alter nicht aus.

Durch die EU-Erweiterung sind außerdem viele Menschen aus Ost-Europa nach Deutschland gekommen. Sie haben nicht immer Anspruch auf die Leistungen des Sozialsystems und haben somit keine staatliche Absicherung. Um in solchen Fällen entgegenzuwirken, hat die Stadt den sogenannten Ankauf von Belegungsbindungen eingeführt. Vermieter können in Kooperation mit anerkannten Trägern eine Preisbindung für ihre Wohnung eingehen. Dafür bekommen sie dann eine Entschädigung von der Stadt. Binden sie ihre Wohnung für zehn Jahre bekommen sie 15.000 Euro plus Miete, für eine Bindung von 20 Jahren bekommen sie schrittweise 25.000 Euro ausbezahlt.

Eine gutgemeinte Idee, doch hilft das laut Lorenzen im Endeffekt vor allem den Eigentümern. Sie glaubt, die Stadt habe viel gemacht, aber nocht nicht genug. „Da werden richtig schrottige Wohnungen vermietet und die Vermieter bekommen dafür noch tausende Euro auf die Hand“, sagt sie. „Die Not ist so groß, aber sie spielt vor allem denen in die Hand, die schon so viel haben.“ Solange das so weitergeht, müssen wohnungslose Frauen weiter auf der Straße schlafen. Oder ihre Dienste anbieten.

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Joachim Plingen, Jahrgang 1990, hat schon einmal in „Carmen“ an der Düsseldorfer Oper gesungen – im Chor. Später studierte er an der Sporthochschule Köln Sportmanagement. Nach dem Bachelor arbeitete er in Leipzig beim Radiosender Detektor.fm. In Quebec jobbte er als Kellner und als Sprachlehrer, um damit eine Motorradtour durch Vietnam zu finanzieren. Der gebürtige Bonner wohnt in St. Georg, spielt Schlagzeug und legt Platten auf. Auf eine bestimmte Musikrichtung möchte er sich dabei nicht beschränken, nur Schlager, Black Metal, Trash-Pop und Dubstep mag er nicht. Joachim spielt Fußball, zuletzt bei Blau-Weiß Leipzig, und ist Fan von Bayer Leverkusen. Manchmal steht er auch als Schauspieler für Kurzfilme vor der Kamera.