Demonstration am 22.10.2017 gegen Einzug der AfD in den Bundestag. Bild: dpa
Demonstration am 22.10.2017 gegen Einzug der AfD in den Bundestag. Bild: dpa

Nach der Bundestagswahl stand dem Ergebnis der AfD die 87-prozentige Mehrheit gegenüber – als Synonym der Vernunft. Gefühlt ist davon nicht mehr viel übrig. Das muss sich ändern. Ein Kommentar. 

„Ausländer raus.“ Es ist Samstagnachmittag, der Bus Richtung Mönckebergstraße ist gut gefüllt. Eine Mutter beugt sich über ihren Kinderwagen, ein Anzugträger presst die Aktentaschen noch ein wenig fester auf seinen Schoß und schaut angestrengt aus dem Fenster. Ein junger Mann guckt kurz auf, starrt dann wieder konzentriert auf sein Handy. „Ausländer raus“, murmelt der ältere Mann erneut und unvermittelt – diesmal etwas lauter. Er sitzt zusammengesackt auf einem Platz, seine Augen starren ins Leere. Keiner sagt etwas, wir alle nicht. Man tauscht nur vielsagende Blicke aus: „Nicht auf ihn hören, der ist ein Depp. Mit dem zu diskutieren bringt ja nichts.“ Keiner widerspricht ihm. Auch ich nicht. Niemand sagt ihm laut und deutlich, dass wir das nicht akzeptieren. Nicht im Bus, nicht im Netz. Schnell drüberscrollen, wenn jemand mit dem Zusatz unzähliger Ausrufezeichen und wütender Smileys die Geschichte angeblicher Migrantenrandale teilt. Oh, ein Katzenvideo direkt darunter – wie süß.

Fremdenhass und Vorurteile breiten sich aus, nisten sich ein. Lange schon nicht mehr nur am rechten Rand

Wer will mit „diesen Menschen“ denn schon reden? Keiner. Dabei wäre das gerade so wichtig, so wichtig wie lange nicht. Der Ernst der Lage nach der Bundestagswahl müsste uns allen doch bewusst sein. Ich für meinen Teil habe auf jeden Fall Angst. Angst vor Menschen, die gegen jeden hetzen, der nicht in ihr kleines Weltbild passt. Ich habe auch Angst vor Menschen, die 2017 sagen „ich bin kein Nazi, aber…“ und im politischen Kontext Begriffe wie „jagen“ verwenden – sie machen rechtes Gedankengut salonfähig. Fremdenhass und Vorurteile breiten sich aus, nisten sich ein. Lange schon nicht mehr nur am rechten Rand, sondern auch in der Mitte unserer Gesellschaft. In den USA ist man da schon einen Schritt weiter, wie  eine erste Studie zeigt. Lehrer gaben an, dass sich Schüler seit Trumps Wahl zum US-Präsidenten häufiger abwertend über andere Gruppen äußern. Es herrsche insgesamt ein raueres Klima.

Wir waren mal 87 Prozent. Zumindest, wenn ich mich an die digital-mediale Wirklichkeit unmittelbar nach der Bundestagwahl erinnere. Wisst ihr noch – damals, bei Facebook. #87Prozent.

Man ändert niemanden, der sich nicht ändern will

Man kann sich die besten Argumente zurecht- oder erfolgsversprechende Strategien überlegen, um ihre absonderlichen Ideologien zu pulverisieren. Man kann versuchen, sie zu verstehen und alles dafür tun, ihnen die Ängste zu nehmen. Am Ende ist es aber immer dasselbe: Man ändert niemanden, der sich nicht ändern will. Welches Argument dieser Welt soll denn auch frustrierte, ewiggestrige Protestbesessene überzeugen können?

Warum sollte man dann also aus der eigenen Komfortzone heraustreten und den Dialog suchen? Wir sollten es für uns tun. Sich über die eigene Haltung klarwerden und unsere Werte erneut definieren – dafür braucht es Reibung und einen offenen Diskurs. Und zwar nicht nur in irgendwelchen Zeitungsartikeln, die wir morgens schlaftrunken in der Bahn lesen und dabei selbstverständlich zustimmend nicken. Sondern in unserem Alltag. Im Privaten, bei der Arbeit – auch wenn es unangenehm ist.

Wo sind die 87 Prozent heute? Ich sehe sie nicht

Zurück zu den 87 Prozent. Kurz nach der Bundestagswahl war es diese Zahl, die – vor allem im Internet – als Synonym der Vernünftigen galt. Die Message: „Ich bin die Mehrheit. Die gute Mehrheit“. Aber wo sind die 87 Prozent heute? Ich sehe sie nicht – nicht diskutierend mit dem alten Mann im Bus, nicht bei Demonstrationen und nicht in den Kommentaren unter Facebookposts großer Medien. Unterm Strich: Sie ist nicht sichtbar. Aber im Alltag würde sich der Diskurs entscheiden. Genau da könnte eine Bewegung entstehen. Nur eine breite Bewegung würde auch leisere Stimmen animieren, lauter zu werden und Politiker nötigen, Stellung zu beziehen.

Ich habe mir etwas vorgenommen. Ich werde mit besagten Gruppen wieder mehr reden und debattieren. Ich werde im Internet diskutieren und bei dem alten Mann im Bus dagegenhalten. Ich möchte meinen Teil zu einer lebens- und liebenswürdigen Gesellschaft beitragen – auch wenn es harte Arbeit ist und mir einiges an Kraft und Toleranz Andersdenkenden gegenüber abverlangen wird. Vielleicht machen wir es gemeinsam? Ich habe den Glauben noch nicht verloren. Lasst uns zusammenstehen, wir sind doch 87 Prozent. Und bitte nicht erst wieder in vier Jahren.