Rihab Hussein kocht bei Chickpeace Gerichte aus ihrer Heimat. Foto: Oliver Schwarzwald
Rihab Hussein kocht bei Chickpeace Gerichte aus ihrer Heimat. Foto: Oliver Schwarzwald

Eigentlich wollte sich die Hamburgerin Manuela Maurer nur in einer Folgeunterkunft in Harburg engagieren. Mittlerweile betreibt sie mit geflüchteten Frauen einen Catering-Service – und gewann damit den Gastro-Gründerpreis.

„Unglaublich, was ich in meinem Auto an Töpfen hin- und hergefahren habe“, sagt Manuela Maurer, als sie das Gründungsjahr von Chickpeace Revue passieren lässt. Angefangen hat alles 2016: Seitdem engagiert sich die Hamburgerin ehrenamtlich in der Folgeunterkunft Am Radeland in Hamburg-Harburg. Schnell fiel ihr auf, dass neben den hier lebenden Familien viele allein gereiste Frauen wohnen. Zusammen mit den Organisatoren des gemeinnützigen Unternehmens OPEN ARMS überlegte Manuela Maurer, wie man die Frauen dabei unterstützen könnte, richtig in Hamburg anzukommen.

Manuela schafft „Buffet Begegnungen“

Vor allem Sprachbarrieren ab- und soziale Kontakte aufzubauen, seien erste wichtige Schritte zur Integration. Und wo könnte man besser Kontakte knüpfen als beim gemeinsamen Essen? So organisierte Manuela 2016 mit Unterstützung von den lokalen Partnerschaften Harburg zunächst die sogenannten „Buffet Begegnungen“ in der Folgeunterkunft. Das Konzept: Fünf geflüchtete Frauen treffen auf fünf Hamburgerinnen aus der Nachbarschaft.

Manuela Maurer (2. v. links ) organisiert den Catering-Service seit 2017 ehrenamtlich. Foto: Frank Blümler
Shykri Abdulahi, Manuela Maurer und Mebrak Zeray beim Social Impact Award. Foto: Frank Blümler, KFW Stiftung

Zusammen wurde gekocht, gegessen, sich kennengelernt und Rezepte sowie Erfahrungen ausgetauscht. Dabei sprachen die Frauen Deutsch und achteten darauf, saisonale Produkte zu verarbeiten. „Die Chemie stimmte von Anfang an“, erzählt Manuela Maurer. „Die Treffen waren eine Bereicherung sowohl für die Frauen aus der Unterkunft als auch für die Hamburgerinnen.“

Als 2016 ein Bekannter von Manuela Maurer ein Sommerfest veranstalten will, sagt sie spontan zu, zusammen mit einigen der Bewohnerinnen die Vorspeisen zu organisieren. So entstand eine internationale Auswahl: afghanische Gemüsesuppe, syrischen Hummus mit Brotchips, iranischen Milchreis mit Kardamom, mit Fleisch und Koriander gefüllte Teigtaschen aus Afghanistan und ein somalisches Fleischkartoffelgericht.

„Es war vor allem schön, zu sehen, wie die Frauen beim Fest die Geschichten hinter ihren Gerichten erzählt haben, beispielsweise zu ihrem traditionellen Hummus-Familienrezept“, sagt Manuela Maurer. Auch die Gäste waren begeistert von den Spezialitäten. Dieses Erlebnis und das positive Feedback von allen Seiten ließen die Organisatorin weiterdenken. Und so ensteht aus der einmaligen Aktion mit der Unterstützung aus Manuelas Maurers großem Netzwerk der Catering-Service Chickpeace für arabische und afrikanische Küche.

„Integration in den Arbeitsmarkt ist die größte Herausforderung“.

Derzeit sind zwölf Frauen für Chickpeace aktiv, acht aus Syrien, zwei aus Eritrea sowie jeweils eine Frau aus Somalia und Afghanistan. Rund zwei Aufträge jede Woche werden von dem Team umgesetzt. „Den Dienstplan zu erstellen, ist wie Tetris spielen“, erzählt Manuela. „Denn alle Frauen nehmen an Sprachkursen teil. Und die gehen natürlich vor.“ Bei der Umsetzung der Aufträge machen nicht nur die Kunden durch das afrikanische und arabische Essen neue kulturelle Erfahrungen – auch die Frauen lernen die deutsche Kultur und Lebensentwürfe sowie die Stadt Hamburg besser kennen.

Egal ob sie als Schnibbelhilfe, Chefköchin oder Spülerin arbeiten, alle Frauen bekommen für ihre Arbeit das gleiche Gehalt pro Stunde. Aber auch die Unabhängigkeit der Angestellten ist Manuela Maurer wichtig. Sie können bei Chickpeace alle Kompetenzen erwerben, aber auch jederzeit, sobald die sprachlichen Kompetenzen ausreichen, woanders eine Ausbildung machen. „Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani hat mal sehr treffend gesagt, dass wenn wir Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund die Möglichkeit der sozialen und wirtschaftlichen Teilhabe geben, passiert Integration von ganz alleine“, so die Initiatorin. „Ich denke vor allem die Integration in den Arbeitsmarkt ist eine große Herausforderung.“

Chickpeace als Erfolgsmodell

Das Projekt erregt Aufmerksamkeit: Im Oktober gewann Chickpeace den Gastro-Gründerpreis auf der Berlin Food Night. „Damit hätte ich niemals gerechnet“, sagt Manuela Maurer. „Ich dachte, das wir sowieso keine Chance haben.“ Der Gewinn ist ein weiterer Schritt in Richtung Zukunft. Insgesamt 5.000 Euro Preisgeld flossen direkt in das Projekt, weitere 5.000 Euro können unter anderem in ein Kassensystem investiert werden. Außerdem bekommen die Frauen einen Barista-Workshop und haben die Möglichkeit eine Pop-Up-Location in Köln zu bespielen. Derzeit stehen ihnen zwei Coaches aus Berlin als Berater zur Verfügung.

Foto: Oliver Schwarzwald
Deutsche Zutaten: Die Frauen, wie hier Najla Jaded, verarbeiten vor allem saisonale und regionale Produkte. Foto: Oliver Schwarzwald
Foto: Oliver Schwarzwald
Internationale Rezepte: Für die Kunden gibt es arabische und afrikanische Spezialitäten. Foto: Oliver Schwarzwald

Für die Zukunft kann sich Manuela gut vorstellen, Chickpeace noch weiter auszubauen. Aber das Projekt soll weiterhin mit sozialem Gedanken wachsen. „Wir sind keine Wettbewerbshengste, haben keinen Businessplan und die Umsätze sind erstmal zweitrangig“, sagt die Hamburgerin. Ihre Vision ist es, den Catering-Service zu etablieren und als eine Art Modell zu entwickeln, das auch in anderen Bezirken umgesetzt werden kann.

„Rückblickend ist es Wahnsinn, was wir in einem Jahr auf die Beine stellen konnten“, sagt Manuela. „Die Basis ist jetzt geschaffen: Wir haben eine Küche gefunden, in der wir dauerhaft bleiben können und werden immer bekannter. Viele Frauen melden sich bereits proaktiv bei uns. Kunden suchen uns im Netz. Das A und O ist Dranbleiben. Und das werde ich auf jeden Fall.“