Angela Merkel gilt in einigen Verschwörungstheorien als Reptiloid oder Teil der Illuminati
Reptiloid oder Teil der Illuminati? Angela Merkel taucht in einigen Verschwörungstheorien auf. Material: pexels, Wikimedia Commons Armin Linnartz CC BY-SA 3.0 Illustration: Christina Höhnen

Verschwörungstheorien haben in den sozialen Netzwerken Hochkonjunktur: Wir werden von Chemtrails vergiftet, Angela Merkel ist ein Echsenmensch und 9/11 ist ein Fake. Was bewegt Menschen dazu? Wir haben mit einer Ex-Verschwörungsideologin gesprochen.

Ende Oktober wurde ein Mitglied der sogenannten Reichsbürger zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Mann hatte einen Polizisten erschossen, als dieser mit einer Spezialeinheit sein illegales privates Waffenlager in Mittelfranken beschlagnahmen wollte.

Immer mehr Menschen werden in den Bann von teils abstrusen Ideologien gezogen. So erging es auch Stephanie W. aus Bielefeld. Die heute 36-Jährige war drei Jahre lang Teil einer Verschwörungscommunity. Schon als Kind hatte sie ein Faible für das Unergründliche. „Meine Eltern hatten mir Bücher über Ufos geschenkt, das hat mich total fasziniert“, so Stephanie. Auch Dokumentationen über Außerirdische und andere Mythen weckten ihr Interesse enorm. 2010 schaute die damals 28-Jährige mit ihrem Mann eine Dokumentation über die Unstimmigkeiten der Anschläge des 11. Septembers. Das Gesehene ließ sie nicht los.

Von ihrem eigenen Leben als Kassiererin gelangweilt, stürzte sich Stephanie in die aufregende Welt der Verschwörungstheorien. Sie recherchierte und landete auf einschlägigen YouTube-Channels und letztendlich in Verschwörungs-Foren. Dort diskutierte sie mit den Mitgliedern unter anderem über giftige Kondensstreifen von Flugzeugen aka „Chemtrails“. „Je länger man in diesen Gruppen ist, desto mehr glaubt man: Ja, das kann ja wirklich sein“, so Stephanie.

Die Chemtrail-Theorie

„Chemtrail“ =  engl. „chemische Kondensstreifen“

Der Theorie nach werden bestimmte Kondensstreifen von Flugzeugen absichtlich mit Chemikalien versetzt, um militärische Zwecke zu verfolgen.

Laut deutschem Umweltbundesamt, verschiedener NGOs und Meteorologen gibt es dafür keine wissenschaftliche Belege.

Dieses Muster kennen auch Alexa und Alexander Waschkau aus Hamburg. Das Ehepaar hat es sich in seinem Podcast „Hoaxilla“ zur Aufgabe gemacht, Internetmythen und absurde Verschwörungstheorien unter die Lupe zu nehmen. Den Reiz der Verschwörungstheorien erklärt sich Alexander Waschkau so: „Wenn ich mich in den Kreis von alternativen Erklärungsansätze hineinbegebe, bekomme ich plötzlich so etwas wie Geheimwissen. Ich weiß mehr, als der Mensch auf der Straße und das kann jemandem, der glaubt, selber nichts wert zu sein, das Gefühl geben, besonders zu sein.“

Der Weg in die soziale Isolation

Dafür anfällig kann jeder sein. Denn Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sind nicht per se Spinner: „Ich glaube nicht, dass die Majorität von Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, an einer Form von psychischer Störung leiden. Ich finde es gefährlich, so zu urteilen, denn das bringt eine Wertung mit sich und macht den Dialog fast unmöglich.“

Bei Freunden und Familie stoßen die Verschwörungs-Anhänger mit ihren Ansichten oft auf Unverständnis. Als Stephanie versuchte, mit ihrem Vater über Chemtrails zu sprechen, reagierte er genervt und blockte ab. Daraufhin resignierte sie. „Ich habe mich damals entschlossen darüber mit niemanden mehr zu sprechen“, so Stephanie.

Verstärkt wird der Sog die Szene, indem die Mitglieder in den Verschwörungs-Communities aktiv von der Außenwelt abgeschottet werden. Konventionelle Medien werden dort verteufelt. So war es auch bei Stephanie. Ihr riet man: „Informier dich bloß nicht bei dem Mainstream, die lügen sowieso nur“, erinnert sie sich.

Diese Gedanken werden in den Verschwörungs-Communities gestärkt, wie in einer Sekte: Jeder, der skeptisch wird, wird von anderen Mitgliedern der Szene schnell angegriffen und als „Desinformant“ oder „Marionette der Elite“ bezeichnet. „Elite“ steht in diesem Falle für Regierungen, Prominente und andere Meinungsmacher. Wenn keine Zweifel und Fragen zugelassen werden und die Außenwelt verteufelt wird, glauben die Mitglieder irgendwann sogar die wildesten Behauptungen. 

Die Reptiloiden-Theorie

Der Begriff „Reptiloid“ stammt aus dem Genre Science-Fiction und beschreibt menschenähnliche Wesen, die von Reptilien oder Aliens abstammen.

Manche glauben, dass Reptiloide die Politik kontrollieren. David Icke machte diese Theorie populär.

So verfiel Stephanie der Theorie der Reptiloide. Danach besteht die weltweite Elite aus getarnten Echsenmenschen. Erkennen soll man sie unter anderem an ihren schlitzförmigen Pupillen. Bei YouTube kursieren dutzende Videos, die beweisen sollen, dass Angela Merkel oder Facebookgründer Mark Zuckerberg Reptiloide sind. Für Stephanie gehörten Popstars wie Miley Cyrus oder Britney Spears zu den Echsenmenschen. Auch die Bundeskanzlerin und ihre typische Geste kamen ins Spiel: „Ich glaubte, ihre Raute sei ein Zeichen der Illuminati.“

Zu ihren extremsten Zeiten glaubte Stephanie so ziemlich alles, auch die Theorie der „hohlen Erde“. Nach ihr soll sich in der Antarktis ein Eingang befinden, der zu Hohlräumen in der Erde führt. Dort sollen sich Nazis, Dinosaurier und Wikinger befinden.

Lebensgefährliche Aufrufe

Auch in Teile der Reichsbürgerszene rutschte Stephanie. Sie erkannte dadurch den deutschen Staat nicht mehr als rechtsmäßig an. Auch in ihrem Beruf stieß sie auf Probleme, schließlich war sie als Supermarktkassiererin ein Teil des „bösen Systems“.

Wie der Fall des durch einen Reichsbürger erschossenen Polizisten zeigt, kann der Glaube an Verschwörungstheorien zu gefährlichen Handlungen führen.

Die Reichsbürgerbewegung

„Reichsbürger“ bestreiten die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als souveränen Staat. Deshalb weigern sie sich unter anderem, Steuern zu zahlen oder die Rechtssprechung zu befolgen.

Laut ihnen besteht immer noch das Deutsche Reich, sowie dessen Grenzen von 1937.

Es gibt in der Szene Verbindungen zum Rechtsextremismus und der Leugnung des Holocausts.

Stephanie erinnert sich, dass in einer Gruppe dazu aufgerufen wurde, mit Laserpointern auf Flugzeuge zu zielen. Außerdem soll es laut ihr in den Kreisen Eltern geben, die ihren Kindern das sogenannte „Miracle Mineral Supplement“ (MMS) geben. MMS wird als Wundermittel angepriesen, enthält in Wahrheit aber Chlorbleiche und ist hochschädlich. Besonders erschreckend: In der Szene wird die Schulmedizin oft abgelehnt. Bei schweren Krankheiten, wie Krebs, werden kuriose Heilmittel-Alternativen empfohlen: „Manche sagen, man solle Aprikosenkerne essen – einige schlucken bis zu 80 Stück am Tag. In vielen Bereichen der Szene bringen die sich wirklich schleichend um“, warnt Stephanie.

Während diese teils lebensgefährlichen Aufforderungen in der Community gefördert werden, werden wissenschaftliche Beweise für die Theorien sofort unterbunden. Stephanie erzählt von einem besonderen Aufruf in der Chemtrail-Gruppe: Einer der Mitglieder wollte Kondensstreifen am Himmel selbst auf giftige Stoffe untersuchen. Dazu wurden 200 Euro gebraucht. Einige aus der Gruppe schlossen sich zusammen und wollten das Projekt starten. Sofort wurde der Plan von den anderen Usern stark angegangen. Auch der Administrator der Gruppe beschimpfte und beleidigte die angeblichen Skeptiker auf das Schärfste. Daraufhin wurde der Projektchat gelöscht und alle Beteiligten aus der Gruppe geworfen. Stephanie war fassungslos und dachte: „Warum tut ihr das? Ich bin doch eine von euch!“

Der Ausstieg ist hart – die wenigsten schaffen es

Der plötzliche Rauswurf aus der Community erinnerte sie an den Bruch mit ihrer ehemaligen besten Freundin aus dem Forum. Diese zweifelte schon länger an den Theorien. „Wieso redest du so, bist du auch vom Mainstream manipuliert?“, fragte Stephanie ihre Freundin. Es gab einen Riesenstreit und sie sahen sich nie wieder.

Solche Verluste im näheren Umfeld, gemischt mit einem verzerrten Weltbild, können Menschen in eine schwere Krise stürzen. Das wissen auch die Waschkaus. „Das hat natürlich einen massiven Einfluss auf das komplette Leben und wenn es soweit gekommen ist, ist es wirklich ungut. Dann kann man nur hoffen, dass der Mensch sich Hilfe sucht“, so Alexa Waschkau.

Damals fiel Stephanie in eine starke Depression. Es gab Momente, in denen sie ihrem Leben ein Ende bereiten wollte: „Warum bin ich überhaupt noch da? Das macht alles keinen Sinn“, fragte sie sich. So entstandene Lebenskrisen machen den Ausstieg aus der Verschwörungsszene besonders schwer. Die wenigsten schaffen es alleine. Alexander Waschkau beschreibt es so: “Wenn du auf der Autobahn fährst und alle anderen Geisterfahrer sind, dann musst du dich irgendwann fragen, ob du vielleicht auf der falschen Seite fährst. Aber genau diesen Switch kriegen die meisten aber in der Regel nicht mehr hin.“

Stephanie gelang es. Mit der Unterstützung ihres Mannes schaffte sie nach und nach den Ausstieg aus der Verschwörungsszene. Dazu musste sie sich eingestehen, jahrelang an „Schwachsinn“ geglaubt zu habe, wie sie sagt. „Wäre mein Mann nicht dagewesen, wäre ich nicht mehr da”, ist sich Stephanie sicher.

Heute versucht sie in den sozialen Netzwerken mit Verschwörungsideologen in Kontakt zu treten und ihnen von ihren Erfahrungen zu erzählen. „Bei jemanden aus der Reichsbürgerszene habe ich einen Post kommentiert. Er hat mich angeschrieben und mich beleidigt. Danach habe ich ihm meine Geschichte erzählt und er hat sich später bei mir für die Erkenntnisse bedankt”, erzählt sie. Auch auf ihrer Webseite „Die lockere Schraube“ engagiert sie sich.

Diese Überzeugungsarbeit ist sehr mühsam und führt selten zu Erfolg. Trotzdem ist es wichtig, dass es Menschen wie Stephanie W. und das Ehepaar Waschkau gibt, die versuchen, mit eigenen Erfahrungen und wissenschaftlichen Fakten einen Dialog der Aufklärung zu führen. Denn wir wissen: Die nächste kuriose Verschwörungstheorie kommt bestimmt.

In der Serie Die Welt der Verschwörung beleuchtet FINK.Hamburg alles rund um das Thema „Verschwörungstheorien“.

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Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.