Das markante Eingangstor von Altona 93 kann trotz neuer Farbe sein Alter nicht verbergen. Foto: Robert Bauguitte
Das markante Eingangstor von Altona 93 kann trotz neuer Farbe sein Alter nicht verbergen. Foto: Robert Bauguitte

Für Fußballromantiker verkörpert der Verein Altona 93 den Gegenentwurf zur Glitzerwelt Bundesliga. Wir haben mit dem langjährigen Fan André Mertens die Adolf-Jäger-Kampfbahn besucht. 

Es ist einer der wenigen schönen Novembertage in Hamburg. Außer ein paar Wolken wagt sich auch die Sonne an diesem Wochenende mal wieder in den Norden der Republik. Man könnte mit der Familie einen schönen Ausflug machen – oder lieber das letzte Heimspiel des Jahres für Altona 93 besuchen. Das Tabellenschlusslicht der Regionalliga Nord empfängt an diesem Sonntag mit dem Lüneburger SK einen Konkurrenten im Abstiegskampf.

Über den Verein Altona 93 wurde in letzter Zeit viel geschrieben. Kaum ein anderer Club sei kultiger als die Mannschaft aus dem Hamburger Westen. Seine verwilderte Spielstätte ist fast legendär und vor allem seine treuen Fans halten den Vereinsmythos lebendig.

Einer von ihnen ist André Mertens. Ungeduldig wartet er vor dem Eingang zum Clubheim „achtzehn93“ auf den Einlass ins Stadion. Mertens, 1965 und damit gut zehn Jahre nach der sportlich erfolgreichsten Zeit von Altona 93 geboren, ist optisch klar als Heimfan identifizierbar: Er trägt eine lederne, mit vielen Aufnähern bestickte Kutte, auch ein ausgefranster Balkenschal und eine Wollmütze – alles in Schwarz-Rot-Weiß gehalten – gehören zu seinem Dresscode.

„Seit ich laufen kann, bin ich schon Anhänger von Altona“, sagt er und zündet sich dabei eine Zigarette an. „Meine Mutter war glühender Eiskunstlauffan und mein Vater konnte mit Sport überhaupt nichts anfangen. Irgendwie habe ich da wohl einen Gegenpol gesucht.“ Warum er dann ausgerechnet Fan der 93er und nicht etwa des HSV oder des FC St. Pauli wurde, kann Mertens aber nicht mehr genau sagen: „Wahrscheinlich weil das alle anderen schon waren.“

Altona 93 bietet abwechslungsreiches Konstrastprogramm

Denn: Wer in Hamburg nach höherklassigem Amateur-Fußball sucht, der kommt an Altona 93 nicht vorbei. Der Verein, der mittlerweile in die vierthöchste Spielklasse aufgestiegen ist, bietet den Gegenentwurf zur Glitzerwelt Bundesliga. Er findet auch immer mehr Sympathisanten aus den Reihen des Nachbarn FC St. Pauli, die sich nach Abwechslung vom Kommerz mit dem Totenkopflogo sehnen. Außer der Trikotwerbung der Spieler und ein bisschen Bandenwerbung ist im Stadion von Altona 93 keine Reklame vorhanden. Auch Eckstöße und Halbzeitdurchsagen sind noch nicht an Sponsoren aus dem Umland verkauft.

Den größten Kultstatus genießt dabei zweifelsohne die 1908 erbaute und heute noch circa 8000 Zuschauer fassende Adolf-Jäger-Kampfbahn an der Griegstraße. Gut zehn Gehminuten von der S-Bahn-Haltestelle Bahrenfeld entfernt liegt das Stadion nahe einer Tankstelle inmitten eines Wohngebietes. Die stark in die Jahre gekommene Anlage platzte zweimal (1953 und 1957) förmlich aus allen Nähten, als 27.000 Zuschauer die Derbys gegen den Hamburger SV sehen wollten. Heute ist das nur noch schwer vorstellbar. Keine tausend Zuschauer verlieren sich pro Heimspiel im Rund der Anlage von Altona 93.

Eine Stunde vor Spielbeginn öffnet der Kassenwart das markante Eisentor mit einem lauten Knarren. Elektronische Einlasskontrollen sucht man hier genauso vergebens wie gründliche Leibesvisitationen vom Sicherheitspersonal. Im Inneren der Kampfbahn erobert sich die Natur langsam, aber sicher ihr Gebiet zurück. Die Außenbande, die von vielen Aufklebern und zahlreichen Graffitis verziert wird, ist von unten mit Moos bedeckt und von oben voller Spinnenweben. Auf den Tribünen wuchert das Gras und Unkraut bereits durch die betonierten Stufen. Hinter der Anlage finden sich zudem noch alte Kassenhäuser aus dem zweiten Weltkrieg. „Das zieht vor allem die Fußball-Romantiker an“, sagt Mertens. „Die sprechen dann immer vom einsamen Leuchtturm inmitten von Multifunktionsarenen. Ich finde das ein bisschen albern, aber es stimmt, dass solche Stadien wie unseres heutzutage immer seltener werden. Andere sind längst abgerissen oder wurden modernisiert.“

Inmitten des Blocks ist neben dem Wurststand auch das Clubheim integriert. Der Stand, an dem wie immer Hochbetrieb herrscht, ist auch die Heimat rüstiger Endsechziger, die bei Bier und Bratwurst über das Spiel philosophieren. Mertens muss viele Hände schütteln und wird von einigen Fans direkt angesprochen. „Vor vier Jahren habe ich hier selbst noch an der Theke ausgeholfen“, erzählt er. „Gerade in der Halbzeitpause waren das immer tolle Gespräche. Man schimpfte gemeinsam über den Schiedsrichter, den Gegner, das Wetter oder die Ehefrau. Manche haben dann gar nicht mehr mitbekommen, dass das Spiel längst wieder lief. Aber heute kann ich das leider nicht mehr machen. Das Knie.“ Er tippt mit der flachen Hand auf eine operierte Stelle am Bein.

Der Rasen in der Adolf-Jäger-Kampfbahn ist dagegen in einem überraschend guten Zustand. „Der wurde vor ein paar Jahren frisch verlegt. Da habe ich natürlich sofort mit angepackt, als hier die Bagger kamen. Obwohl mein Arzt mir davon abgeraten hat. Aber was soll ich denn machen? Ich bin hier so ein bisschen das Mädchen für alles und kann den Verein doch nicht im Stich lassen“, sagt Mertens und steckt sich noch eine Zigarette an.

Die Heimfans bleiben gelassen – trotz Negativserie

Viel zu feiern gab es dabei in dieser Saison für Altona 93 nicht. Nur drei Siege aus 17 Spielen konnte die Mannschaft holen – nicht einer davon vor heimischen Publikum. Auch das Spiel gegen den Lüneburger SK läuft wieder nicht gut, die Partie ist gerade einmal sieben Minuten alt, als der Gegner schon mit 1:0 in Führung geht. Doch die Heimfans reagieren mit relativer Gelassenheit. Das kennt man vielleicht vom gut fünf Kilometer entfernten Nachbarn FC St. Pauli. Statt das eigene Team für die erneut schwache Vorstellung im Abstiegskampf lauthals auszupfeifen, fordert die Fanszene ihre Spieler lieber lautstark zum Kämpfen auf.

Auch Mertens nimmt den Rückstand kaum zur Kenntnis. Er hat zwei alte Schwarz-Weiß-Fotografien bei sich. Die Bilder zeigen ihn als Jugendspieler im Trikot von Altona 93. Irgendwann zu Beginn der 70er-Jahre muss das gewesen sein. „Ich habe damals in der E-Jugend den Siegtreffer gegen den Hamburger SV geköpft.“ Kurz danach endete seine Fußballkarriere jedoch abrupt. Seine Eltern meldeten ihn vom Training ab. „Mein Vater war nicht davon begeistert, dass sein Sohn jeden Tag mit anderen Jungs auf dem Bolzplatz herumlungerte. Ich sollte lieber in der Schule aufpassen und einmal Karriere bei der Bank machen“, erzählt der gelernte Maurer rückblickend.

Am Ende geht Altona 93 wieder einmal als Verlierer vom Platz. Schnell lehrt sich auch die Adolf-Jäger-Kampfbahn. Zurück bleiben nur ein paar biertrinkende Punks, die es sich auf der mit Gras bedeckten Tribüne bequem gemacht haben. Auch André Mertens holt sich noch ein Pils. „So ist das eben, wenn du Fan bist. Beim nächsten Spiel kommst du ja doch wieder hierhin und fieberst mit. Einmal Altona, immer Altona.“ Sollte der Verein nach der Saison wirklich absteigen, hofft Mertens schon auf den direkten Wiederaufstieg. „Dann lass ich mir endlich ein neues Trikot flocken.“ Seine Rückennummer? Na klar, die 93.