Speicherstadt, Jungfernstieg, Landungsbrücken: Stadtführungen gibt es viele in Hamburg. Der Rundgang „Hamburger Nebenschauplätze“ von Hinz & Kunzt nimmt eine Route abseits der Touristenattraktionen. Dabei erfahren die Teilnehmer mehr über das Leben von Wohnungs- und Obdachlosen – persönliche Einblicke der beiden Stadtführer inklusive.

„So, jetzt kommt mal alle hier zusammen“, ruft Chris* in die Runde. Etwa 20 Menschen versammeln sich zögerlich vor der Theke in den Räumen von Hinz & Kunzt in der Altstädter Twiete. Hinter der Theke stehen Chris und Harald*. In den nächsten zwei Stunden führen sie die Gruppe zu Anlaufstellen für Wohnungs- und Obdachlose rund um den Hauptbahnhof. Sie kennen die Orte aus eigener Erfahrung, beide waren jahrelang obdachlos. Fragen sind erwünscht, die Antworten ehrlich und direkt. „Dein Hund hat gebläht“, sagt Chris und hält sich die Nase zu, die Teilnehmer lachen. Der Übeltäter heißt Cookie, ist ein wadenhoher Dackel-Corgi-Mischling mit rotbraunem Fell und gehört Harald.

„Mein Job gibt mir jeden Tag Struktur.“

Cookies Herrchen Harald ist groß gewachsen, hager und trägt eine runde Brille. Seine Haut wirkt fahl, seine Stimme ist klar und ausdrucksvoll. Neben der Arbeit für Hinz & Kunzt hält Harald Vorträge in Schulen. Als Stadtführer sind er und Chris mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag angestellt. Chris ist deutlich kleiner als Harald, über dem längeren dunklen Haar trägt er eine Kappe, seine Hände hält er vor dem rundlichen Bauch, um sich dort eine Zigarette zu drehen. Während des Rundgangs wird er noch einige Papiere mit Tabak füllen.

Harald und Chris erzählen bei der Stadtführung auch von ihren eigenen Schicksalen als Obdachlose. Cookie ist bei jedem Rundgang dabei. Foto: Nadine von Piechowski.
Harald und Chris erzählen bei der Stadtführung auch von ihren eigenen Erfahrungen als Obdachlose. Cookie ist bei jedem Rundgang dabei. Foto: Nadine von Piechowski.

Sich als Obdachloser durch die Stadt zu bewegen, sei schwer. „Man schämt sich, obdachlos zu sein“, sagt Harald. Besonders obdachlose Frauen würden alles dafür tun, um nicht erkannt zu werden. Daher entstehe der Eindruck, dass mehr Männer als Frauen obdachlos seien. Dabei steigt der Anteil von Frauen unter Obdach- und Wohnungslosen.

„Man schämt sich, obdachlos zu sein.“

In Hamburg schlafen jede Nacht etwa 2.000 Menschen auf der Straße. Harald fragt in die Runde, wer heute Nacht draußen schlafen möchte. Die Gruppe bleibt still, niemand hebt die Hand. Er schlägt ein Experiment vor: Die Teilnehmer sollen alle Wertsachen in den Hausflur legen und die Haustür für eine Nacht offen lassen. Was dann passiert? „Du schläfst nicht mehr richtig“, sagt Harald.

„Wisst ihr denn, woher man weiß, dass jemand wirklich obdachlos ist“, fragt Harald in die Runde. Die Teilnehmer murmeln, bis er die richtige Antwort gibt: Auf dem Personalausweis steht bei der Adresse nur die Stadt Hamburg. Zu den 2.000 Menschen, die nachts auf der Straße schlafen, kommen laut den beiden Stadtführern etwa 10.500 Wohnungslose. Wohnungslos sind Personen, die in staatlichen Unterkünften schlafen. Das sei jedoch nicht immer angenehm, sagt Harald: „Du kannst dir nicht aussuchen, mit wem du die Nacht auf einem Zimmer verbringst: ob alkohol- oder cracksüchtig, geistig verwirrt oder jemand, der einfach Käsefüße hat.“

Zielbahnhof: Hamburg Altona

Seine erste Nacht ohne eigenes Dach über den Kopf verbrachte Harald vor einem Bekleidungsgeschäft. Als er sich von seiner Frau trennte, stand fest, dass er und nicht sie und die vier Kinder das gemeinsame Zuhause verlassen. Damals lebte er noch in Nürnberg. Dort hielt ihn nichts mehr. Hinzu kam die Angst, in der kleinen Stadt von Bekannten entdeckt zu werden. Somit ging er zum Bahnhof, kaufte sich ein Ticket und stieg in den nächsten Zug. Ziel: Hamburg Altona. Angekommen in der Hansestadt verbrachte er sieben Jahre auf der Straße, schlief in leerstehenden Häusern und Parks oder brach in Keller ein, um dort eine Nacht zu verbringen.

„Du kannst dir nicht aussuchen, mit Wem du die Nacht auf einem Zimmer verbringst.“

Harald bleibt am ersten Halt stehen und wartet, bis sich die Gruppe um ihn versammelt. Am Stützpunkt der Caritas starten jeden Morgen etwa 50 Obdachlose in den Tag. Die meisten kämen zum Frühstück und für die Morgentoilette. Bis vor Kurzem befand sich die Anlaufstelle noch im City-Hof am Hauptbahnhof. Seit Juli stehen für den Stützpunkt und die Schwerpunktpraxis der Caritas Container auf einer Fläche im Münzviertel zur Verfügung. Neben der morgendlichen Routine bietet der Stützpunkt den Obdachlosen 24 Schließfächer für ihr Gepäck.

Chris und Harald stehen vor dem alten Gebäude des Stützpunkts der Caritas. Hier können Obdachlose Schließfächer nutzen.
Chris und Harald stehen vor dem alten Gebäude des Stützpunkts der Caritas. Hier können Obdachlose Schließfächer nutzen und bei der Schwerpunktpraxis ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Foto: Nadine von Piechowski.

Alles in der Innenstadt

Viele Obdach- und Wohnungslose sind vor allem in der Innenstadt und rund um den Hauptbahnhof anzutreffen. Warum das so ist, erklären die Stadtführer: Hier gibt es Essen und ausreichend Möglichkeiten, auf Toilette zu gehen.

„Du kannst dir nicht aussuchen, mit wem du die Nacht auf einem Zimmer verbringst.“

Obdachlosen fehlt nicht nur eine Bleibe für die Nacht: Sie haben keine feste Adresse, meist zu wenig Kleidung oder Nahrung und vielen fehlt eine Krankenversicherung. Ärztliche Hilfe für Unversicherte bietet die Schwerpunktpraxis der Caritas zweimal in der Woche an. Außerdem gibt es die Mobile Hilfe der Bahnhofsmission. Harald sagt, dass sich viele schämen, zu einem Arzt zu gehen. Zweimal im Jahr haben Betroffene die Möglichkeit, sich an der Uni von angehenden Zahnärzten behandeln zu lassen. Harald sagt, man müsse hier viel Wartezeit mitbringen und Chris fügt mit einem Zwinkern hinzu: „Aber es lohnt sich. Bisher ist noch nichts schiefgegangen.“

Obdachlose sind auch ehemalige Richter und Ärzte

Chris erklärt, dass viele denken, Obdachlose kämen aus einem sozialen Brennpunkt, einem Kinderheim oder dem Gefängnis und würden nicht arbeiten wollen. Unter den Verkäufern des Straßenmagazins sind ehemalige Selbstständige und auch Richter, Anwälte oder Ärzte. Er selbst kommt aus dem Ruhrgebiet und ist tatsächlich in einem Heim aufgewachsen. Seine Lehre zum Dachdecker brach er kurz vor seinem 18. Geburtstag ab.

Wieso er das tat, kann er bis heute nicht sagen – die Noten waren gut, das Zwischenzeugnis auch, die Abschlussprüfung der Lehre hätte er wahrscheinlich geschafft. Als er sich sein angemietetes Zimmer nicht mehr leisten konnte, kam er bei Freunden unter und baute sich, wie er selbst sagt, eine Lügenbrücke auf. Als es für ihn zu spät schien, die Wahrheit zu sagen, wurde er obdachlos. Im Alkoholrausch machte er sich auf den Weg nach Hamburg, dort folgten sieben Jahre auf der Straße. Als er zu Hinz & Kunzt kam, durfte er das Magazin anfangs wegen seiner Sucht erst nicht verkaufen. Er hörte auf zu trinken und ist seit Oktober 1995 fest angestellt.

„Die SUcht wird immer bleiben. Du kannst zwanzigmal Nein sagen und beim 21. Mal trotzdem nachgeben.“

„Viele trinken sich das Leben auf der Straße schön – oder schlimmer“, sagt Harald. Ein Platz, an dem Drogenabhängige zusammenkommen, ist das Drob Inn am August-Bebel-Park. Die Gruppe um Harald und Chris betrachtet das Geschehen aus weiter Entfernung. Vorwiegend Männer stehen in kleinen und großen Ansammlungen vor dem Gebäude, vom Bahnhof aus kommen stets neue dazu.

Sicherer Raum für Drogenkonsum

Im Drob Inn können Drogenabhängige in einem sogenannten Druckraum Drogen unter Aufsicht konsumieren. Den Raum müssen sie nach 20 Minuten wieder verlassen. Außerdem tauschen sie hier eins zu eins: Für drei leere Spritzen bekommen die Abhängigen drei neue. Das soll die Übertragung von Infektionskrankheiten verhindern und für weniger Abfall von Drogenkonsum auf der Straße sorgen. Drogensucht ist zeitaufwendig, sagt Harald. 24 Stunden drehe sich alles darum, Geld für Drogen zu bekommen. Die meisten Drogensüchtigen versuchen das Geld über Einbrüche, Diebstahl, Dealen oder Anschaffen aufzutreiben.

„Viele trinken sich das Leben auf der Straße schön.“

Suchtberater bieten im Drob Inn Ausstiegshilfe an. Nach Schätzung von Harald und Chris schaffen es fünf aus 100 Süchtigen clean zu bleiben. Harald spricht aus eigener Erfahrung. Er war lange alkoholsüchtig und wechselte sein ganzes Umfeld, um nicht rückfällig zu werden. „Durch meinen Job hatte ich Struktur und Beschäftigung.“ Als er am 6. Dezember des vergangenen Jahres seinen ersten Hund einschläfern lassen musste, stand er kurz vor einem Rückfall. Er ist nicht rückfällig geworden, aber Harald sagt deutlich: „Die Sucht wird immer bleiben. Du kannst zwanzigmal Nein sagen und beim 21. Mal trotzdem nachgeben.“

Ein Stück von einer Hilfestelle für Obdachlose entfernt liegen Kleidung, Tüten und Müll im Gebüsch. Foto: Nadine von Piechowksi
Ein Stück von der Hilfestelle Herz As entfernt liegen Kleidung, Tüten und Müll im Gebüsch. Im Herz As können Wohnungs- und Obdachlose zum Beispiel ihre Wäsche waschen oder duschen. Foto: Nadine von Piechowski.

Etwas weiter in Nähe des Münzplatzes steht das Herz As. Es ist ein Tagesaufenthalt für Obdach- und Wohnungslose. Die Einrichtung wird von Kirchen, der Stadtmission und Sozialarbeitern gestützt. Etwa 100 bis 150 Menschen aus circa 40 Nationen kommen täglich her. Das seien nicht nur Obdachlose, sondern auch Rentner oder einkommensschwache Personen. Hier gibt es dreimal in der Woche eine warme Mahlzeit für nur 50 Cent. Viele nutzen das Herz As außerdem als Postanschrift.

Bitte kein belegtes Brötchen

Die Bahnhofsmission ist ebenfalls eine Anlaufstelle für Obdach- und Wohnungslose. Dort gibt es Listen, auf denen alle relevante Adressen stehen – von Frühstück bis zum Wäschewaschen. Außerdem sind Ansprechpartner 24 Stunden vor Ort. Hilfesuchende schickt man am besten zuerst dorthin.

Chris und Harald sagen, dass vor allem das Essen beim Leben auf der Straße teuer ist. Ein sparsamer Wocheneinkauf sei ohne einen Kühlschrank nicht möglich. „Aber kauft bitte keinen Kaffee und ein belegtes Brötchen dazu. Das ist nett gemeint, aber irgendwann kann man das nicht mehr sehen“, sagt Chris. „Wie kann man sonst helfen?“, fragt jemand aus der Gruppe. Kleingeld sei besonders wichtig, zum Beispiel für öffentliche Toiletten und Duschen oder ein HVV-Ticket. Auch Kleiderspenden seien sinnvoll. „Achtet dabei auf die Saison“, sagt Harald: „Im Sommer braucht niemand Winterkleidung.“

„Auch Obdachlose gehen ins Internet.“

Harald und Chris führen die Teilnehmer wieder in Richtung Hauptbahnhof und stoppen auf dem Platz vor der Zentralbibliothek. Am wichtigsten sei hier das freie WLAN. „Ja, auch Obdachlose gehen ins Internet“, sagt Chris, als er in erstaunte Gesichter blickt. „Mit der Spende eures alten Smartphones könnt ihr Leben retten.“ Für den Notruf ist in Deutschland seit 2009 eine aktivierte SIM-Karte nötig. Dieser funktioniert dann auch ohne Guthaben.

Die Zentralbibliothek ist die letzte Anlaufstelle der Stadtführung. Chris und Harald haben nun Feierabend und verabschieden sich. Bevor sich die Gruppe auflöst, ruft Harald noch: „Übrigens, ich hatte zwei Wochen Urlaub. Heute war mein erster Arbeitstag und ich kann es kaum erwarten, morgen wieder zu kommen.“ Dann weckt er Cookie aus seinem Sekundenschlaf und geht mit Chris zurück in Richtung Altstädter Twiete.

*Chis und Harald teilen als Stadtführer nur ihre Vornamen mit.

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Anika Schnücke, Jahrgang 1992, stuft sich selber als Gefahr für den Hamburger Verkehr ein. In drei Jahren in der Fahrradmetropole Münster hat sie sich einen rücksichtslosen Fahrstil angewöhnt. Neben ihrem Fahrrad bringt sie ihr Gespür für Lokaljournalismus mit in die Hansestadt. Während ihres Kommunikationswissenschaft-Studiums schrieb Anika in Münster als freie Journalistin für die Lokalzeitung und ein Stadtmagazin. Wie man ernste Themen mit Humor behandelt, lernte sie bei einem Praktikum in der Online-Redaktion der „Heute Show“. Über politische Satire schrieb sie auch ihre Bachelorarbeit. Anika freut sich auf die Einführung von rothaarigen Emojis – obwohl sie findet, dass man sich mit Gifs sowieso viel besser ausdrücken kann. Kürzel: as