Kurator Prof. Dr. Schmidt-Rhaesa vor der Sammlung
Kurator Prof. Dr. Schmidt-Rhaesa vor der Sammlung. Foto: Nadine von Piechowski

In Hamburg befindet sich die weltweit größte Regenwurm-Sammlung. Ob Regenwürmer weiterleben, wenn man sie zweiteilt und warum man Würmer überhaupt sammelt, erklärt Prof. Dr. Schmidt-Rhaesa.

Das helle Licht der Neonröhren spiegelt sich im PVC-Boden wieder. Es riecht nach Alkohol und Kaffee. In dem fensterlosen Raum stehen rechts und links mehr als zehn Regale, in denen große und kleine Glasbehältnisse lagern. Hier schwimmen Würmer, Quallen und Blutegel – konserviert in Formaldehyd. Es fühlt sich ein wenig an wie in der Schule, wenn man ausnahmsweise in das sonst abgesperrte Chemielabor durfte. Professor Andreas Schmidt-Rhaesa deutet auf fünf der grauen Regale in der Mitte des Raumes – dort stehen die Regenwürmer. Seit 2007 ist er Kurator für die Sammlung wirbellose Tiere I, die im Centrum für Naturkunde gelagert wird und damit auch für die weltweit größte Regenwurm-Sammlung verantwortlich. Rund 1350 verschiedene Arten werden hier in ungefähr 4200 Gläsern aufbewahrt.

Der größte Regenwurm der Sammlung ist 60cm lang

Die Regenwürmer in den Regalen unterscheiden sich auf den ersten Blick eigentlich nur durch ihre Größe. Aufgereiht auf dem Boden stehen die größten Tiere in hohen Glasröhren zwischen zwei Regalen nebeneinander. Der längste Wurm ist über 60 cm lang und stammt aus Rumänien. Der Körper hat den Durchmesser einer Kaffeetasse. Schnell vergisst man, dass es sich hierbei um ein echtes Tier handelt und nicht um eine Filmrequisite. Im Gegensatz dazu misst das kleinste Mitglied der Sammlung nur circa 300 μm. Das entspricht dem Drittel eines mm, so dass der Wurm mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist.
In der Wissenschaft gilt die Körpergröße allerdings nicht als entscheidendes Merkmal. Regenwürmer, die zu der Familie der Ringelwürmer gehören, unterscheiden sich meist durch die Position des Geschlechts. Dies kann je nach Art weiter vorne oder weiter hinten am Körper des Wurmes liegen.

Die Hamburger Regenwurm-Sammlung besteht seit über 100 Jahren

„Der erste Kurator, der diese Sammlung betreut hat, war Spezialist für Regenwürmer und lebte um 1900“, sagt Schmidt-Rhaesa.Prof. Dr. Wilhelm Michaelsen, der die Sammlung zunächst betreute, baute den Grundstock auf.  Dass die Sammlung schon seit gut 100 Jahren besteht, lässt sich auch an dem gelblichen Papier auf den Gläsern erkennen. Viele Gefäße sind mit Etiketten beklebt, auf denen die Namen der Würmer in Sütterlin-Schrift stehen. Auch der Eingangskatalog, in den jeder Neuzugang handschriftlich eingetragen wird, dokumentiert das hohe Alter der Sammlung. Auf die drei ältesten Bücher ist Schmidt-Rhaesa besonders stolz. Diese wurden um das Jahr 1890 angelegt und erst kürzlich professionell restauriert.

Der Regenwurm und die Kontinentaldrift-Theorie

Anfang des 20. Jahrhunderts spielte die Regenwurm-Sammlung von Michaelsen für die Erforschung der Weltgeschichte eine wichtige Rolle. Alfred Wegener stellte 1915 die These auf, dass alle Kontinente auf der Erde aus einem Großkontinent entsprungen sind. Dieser sei dann im Laufe der Zeit auseinandergebrochen. So sollen die einzelnen Kontinente entstanden sein. In der Forschung war Wegeners Theorie heftig umstritten, da er seine These nicht anschaulich stützen konnte. Die Hamburger Regenwurm-Sammlung lieferte hier den entscheidenden Beweis. „Es ist ja komisch, dass es bestimmte Regenwürmer gibt, die nur in Indien und Australien vorkommen.“, sagt Schmidt-Rhaesa. „Das kommt daher, dass diese Kontinente früher so dicht zusammenlagen“, erklärt der Kurator weiter.

Eingangskatalog aus dem 19.Jahrundert
Eingangskatalog aus dem 19.Jahrundert. Foto: Nadine von Piechowski

Was passiert mit Regenwürmern, wenn man sie zweiteilt?

Der gängigste Mythos über den Regenwurm lautet: Aus einem Regenwurm, den man teilt, werden zwei Regenwürmer. Schmidt-Rhaesa wird immer wieder mit dieser weitverbreiteten Annahme konfrontiert. „Das stimmt zu einem bestimmten Grad“, sagt der 51-Jährige. „Regenwürmer verfügen über ein sehr hohes Regenerationsvermögen. Das bedeutet, dass die Würmer verlorene Körperteile vollständig regenerieren können.“, sagt Schmidt-Rhaesa. Teilt man einen Regenwurm also in zwei, schneidet man eigentlich nur den Körper ab, der dann nachgebildet werden kann. „Am wichtigsten ist, dass das Gehirn intakt bleibt“, erklärt Schmidt-Rhaesa weiter.
In aller Regel vermehren sich Regenwürmer, indem sie Eier legen. „Wenn man Glück hat, kann man im Garten beobachten, wie zwei Regenwürmer ihre Vorderenden aus der Erde rausstrecken und diese dann parallel nebeneinanderlegen.“, sagt Schmidt-Rhaesa. Regenwürmer sind Zwitterwesen. Sieht man im Garten zwei Würmer, befruchten diese sich dann grade höchstwahrscheinlich gegenseitig. Die Eier werden in einen Kokon aus verhärtetem Schleim abgelegt. „Die Eier sind geschützt in diesem Kokon und können sich entwickeln. Wenn sie reif sind, verlassen sie den Kokon“, erklärt der Forscher.

Nadine von Piechowski
Andreas Schmidt-Rhaesa in der Sammlung. Foto: Nadine von Piechowski

Der rege Wurm? Woher der Regenwurm seinen Namen hat

„Das wusste ich lange auch nicht. Es liegt wirklich am Regen – und am Sauerstoff“, sagt Andreas Schmidt-Rhaesa. Die Würmer haben keine Luftorgane und nehmen den Sauerstoff aus dem Boden auf. Ist die Erde zu nass, sinkt die Sauerstoffzufuhr lebensbedrohlich ab: „Deswegen geraten die Regenwürmer in Atemnot und kommen an die Oberfläche.“
Dass er sich mit Tieren beschäftigt, die auf den ersten Blick für die meisten Menschen eher langweilig oder eklig sind, weiß Schmidt-Rhaesa. Auf die Frage, wieso er sich am liebsten mit Würmern beschäftigt, antwortet er mit einem Lächeln: „Jedes Tier ist faszinierend, wenn man ihm nur etwas Aufmerksamkeit schenkt.“

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Nadine von Piechowski, Jahrgang 1992, studiert in dem Gebäude, in dem sie geboren wurde: die Finkenau 35, früher eine Geburtsklinik, heute die HAW Hamburg. Bislang hat sie nur nördlich der Elbe gelebt: In Kiel und Kopenhagen studierte sie Geschichte und Archäologie. Nadines ursprünglicher Plan: ein weiblicher Indiana Jones werden. Hut und Peitsche hat sie als Ausrüstung zum Abschluss schon geschenkt bekommen. Trotzdem will sie lieber in den Journalismus. Nadine absolvierte diverse Praktika, etwa in der Pressestelle des Bundes für Natur und Umweltschutz und bei „Radio Hamburg“ in der Redaktion. Beim Helms-Museum in Harburg lektorierte sie einen Ausstellungskatalog. Sie schreibt unter anderem für den Blog „Typisch Hamburch“. In ihrer Freizeit spielt sie Handball und versucht, mit ihrem bienenfreundlichen Balkon die Welt zu retten. Kürzel: nvp