Sitzreihen im Bunker
Sitzreihen im Bunker. Foto: Sophie Schreiber

Unter dem Steintorwall findet man bis heute die Räume eines alten Bunkers mit Originaleinrichtung. Er sollte Schutz vor einer Atombombe bieten und wurde zwischenzeitlich sogar als Hotel genutzt. Wir sind hinabgestiegen.

Reisende mit Rollkoffern sprinten zu ihren Zügen, eine Gruppe von Männern trinkt in der Sonne billigen Schnaps, als Clowns verkleidete Teilnehmer einer Demo tanzen zu Trommeln über den abgesperrten Steintorwall. Bei diesem Gewusel auf dem Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhof fühlt es sich eigenartig an, in die stille Unterwelt hinabzusteigen. Die Betonstufen der Treppe, die in den Tiefbunker führen, sind abgetreten und rissig, Farbe bröckelt ab. Der Abstieg ist steil, in hektischen Notsituationen kaum unfallfrei benutzbar.

Bevor sich die 20 TeilnehmerInnen der Führung durch das schmale Drängeltor schieben, wird Eintritt gezahlt. Die Einnahmen sind für laufende Betriebskosten, sagt René Rühmann vom Hamburger Unterwelten e.V.. Die Gruppe biegt um einige Ecken, die im Ernstfall die Druckwelle einer Bombe umleiten sollen. Es ist schwer, die Orientierung zu behalten bevor man im ersten Schutzraum ankommt. Ab jetzt wird es für KlaustrophobikerInnen kritisch: Die Türen fallen zu, der Bunker ist abgeschlossen. Die Besucher können nun diebstahlsicher ihre Taschen ablegen.

Ein Schutzraum des Bunkers
Ein Schutzraum des Bunkers. Foto: Sophie Schreiber

Die Einrichtung der Räume stammt noch aus dem Kalten Krieg. Metallrahmen reichen bis an die Decke in denen eng aneinanderstehende Stuhlreihen aus dunklem Holz eingefasst sind. Unabhängig davon sind die 150 Räume kahl und leer. Es gibt eine Essensausgabe, zwei Waschräume und ein Krankenzimmer. Dort liegen durchsichtige Leichensäcke und alte Medikamente in Glasvitrinen. Die Szenerie erinnert an ein Museum, was die Tragik des Ortes schwer fassbar macht.

Unter der Erde ist es kälter als gedacht

14 Meter unter der Erdoberfläche ist es zwölf Grad kühl. Im Ernstfall sei das anders gewesen, das schlechte Belüftungssystem und die Menschenmassen hätten die Räume schnell aufgeheizt. Heute ist die Luft trocken und staubig, es riecht leicht nach Diesel. „Bunker dürfen sich nur Gebäude nennen, die tatsächlich vor Bomben schützen sollen“, sagt René Rühmann. Der Bunker am Hauptbahnhof bot knapp 2.500 Menschen im Falle eines Angriffs Platz und gehörte damit zu den größten Schutzräumen Hamburgs. In Notsituationen sei aber noch weitaus mehr Plätze geschaffen worden. „Zeitzeugen berichteten, es soll eine Stunde gedauert haben, bis der Bunker leer war – wegen Überbelegung“, so René Rühmann.

Der dreistöckige Bau unter der Erde wurde zwischen 1941 und 1943 als Luftschutzbunker erbaut, bevor er im Kalten Krieg wieder nutzbar gemacht und bis heute erhalten geblieben ist. Durch die Nähe zum Hauptbahnhof durfte er nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gesprengt werden. Anschließend wurde er ganz unterschiedlich genutzt: Die Hochbahn verwendete ihn als Lagerraum. Die Schlafwagengesellschaft Mitropa betrieb in den Räumen mit den fast vier Meter dicken Wänden ein Hotel und Restaurant. Menschen auf der Durchreise schliefen in den durchgelegenen Bunkerbetten. Die britische Besatzungsmacht genehmigte diese Nutzungsform.

„Der kluge Mann baut tief“

Schlafmatten im Bunker
Schlafmatten im Bunker. Foto: Sophie Schreiber

Während der Führung durch das unterirdische Gebäude erzählt René Rühmann vom Wiederaufbau des Bunkers im Kalten Krieg. Nach der Verhärtung der Fronten rüstete sich Deutschland für einen möglichen Atomangriff und suchte nach Möglichkeiten, die Bevölkerung zu schützen. U-Bahn-Tunnel, wie die Station Reeperbahn, sollten Zuflucht spenden. Zweifelhafte Ratgeber lagen in den Briefkästen der Hamburger, wie „Der kluge Mann baut tief“ oder „Jeder hat eine Chance“. Sie gaben tröstende Tipps: Man solle seine Aktentasche im Fall der Fälle als Kopfschutz nutzen und mit Wasserpumpen Brände löschen. So reduzierte das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz die Atombombe auf eine einfache Brandbombe.

Mit dem Ausbau der Schutzräume in Deutschland bekam der Atombunker unterm Hamburger Hauptbahnhof seinen Namen und wurde wieder funktionsfähig gemacht. Der Umbau begann 1964. Dieselgeneratoren wurden eingebaut und die oberen Etagen des Tiefbunkers abgetragen, um den geplanten Fußgängerdurchgang zwischen Hauptbahnhof und Mönckebergstraße zu ermöglichen. Trotz zusätzlich geschaffener Schlafräume, hätten hier jedoch nur 4,7 Prozent der Hamburger Bevölkerung Platz gefunden.

Die Planung zum Schutz gegen den Atomangriff, so René Rühmann, ist aus heutiger Sicht stark zu kritisieren: Nur 14 Tage sollten die Menschen nach der Katastrophe im Bunker verweilen. Eine lächerlich kurze Zeit. „Wir sagen immer scherzhaft: Wir hätten uns lieber mit einem Champagner an die Alster gesetzt und uns den Lichtblitz angeschaut, als 14 Tage in den Schutzraum zu gehen“, sagt René Rühmann. Trotzdem sei es wichtig, zu zeigen, wie die Menschen im Kalten Krieg geplant haben und was für Vorbereitungen sie trafen.

Keine Bunker mehr in Deutschland: „Europa ist befriedet“

Ausgangsschild im Bunker
Ausgangsschild im Bunker. Foto: Sophie Schreiber

Der Bunker ist zwar zwischen 1964 und 1969 instandgesetzt worden, reaktivieren könne man ihn im Falle eines Notstandes heute jedoch nicht: „In Deutschland wurde das Schutzraumkonzept aufgegeben. Europa ist befriedet. Die einzige Gefahr, die uns noch droht, ist der Terrorismus und dafür brauchen wir keine Bunker mehr. Es gibt auch kein Bauwerk, dass der heutigen Waffentechnik standhalten könnte“, sagt René Rühmann.

Wie ein Schleusentor öffnen sich die schweren Eisentüren des Tiefbunkers. Es ist ein erleichterndes Gefühl an die Oberfläche zurückzukommen und alles so vorzufinden, wie man es verlassen hat – auch das gewohnte Chaos auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes.

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Für Sophie Schreiber, Jahrgang 1994, beginnt ein gemütlicher Morgen nicht nur spät, sondern auch mit einem Frühstück im Bett. Auf Reisen sucht sie hingegen das Abenteuer: Nach dem Abitur durchquerte sie Australien und machte einen Roadtrip durch Deutschland. In Hamburg ist sie allerdings fest verwurzelt. Selbst während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg pendelte sie. Ihr Faible für das Schreiben entdeckte sie während eines Praktikums in der Hamburger Redaktion von „Kulturnews“. Dort sammelte Sophie erste Erfahrungen im Lokaljournalismus, führte Interviews und berichtete über Festivals. Ihr Wissen kann sie nun bei FINK.HAMBURG anwenden und vertiefen. Das Pendeln hat damit auch ein Ende und Sophie bleiben morgens ein paar Minuten länger unter der Bettdecke. Kürzel: sch