Es wird viel gebaut in Barmbek. Steigende Mieten werden zum Problem für Ladenbesitzer und Mieter, gleichzeitig freuen sich Anwohner über neue Cafés und Bio-Supermärkte. Wie sehen die Barmbeker selbst das alles? FINK.HAMBURG hat nachgefragt.

Früher war Barmbek ein Arbeiterviertel voller Klinkerbauten aus der Nachkriegszeit. Inzwischen ziehen immer mehr Studierende und kaufkräftige junge Familien in das Viertel, Eigentumswohnungen werden gebaut und die Einkaufsangebote verändern sich. Vor allem entlang der Fuhlsbüttler Straße ist der Wandel zu spüren. Die sogenannte Fuhle durchzieht den Stadtteil von Norden nach Süden auf 2,4 Kilometern. Hier findet man große Supermärkte und Drogerien, aber auch Cafés, Backshops oder Fahrradläden.

„Hamburg ist wie Monaco“

Das "Quartier 294" an der Barmbeker-Ring-Brücke. Foto: Lennart Albrecht
Das „Quartier 294“ an der Barmbeker-Ring-Brücke. Foto: Lennart Albrecht

Die neuen Wohnquartiere wie das Bauprojekt „Quartier 294“ sind besonders für junge Familien attraktiv. J. und K. Asefi erwarten Nachwuchs und leben seit zwei Jahren im Stadtteil. Sie entschieden sich vor vier Jahren für den Kauf einer Eigentumswohnung im Quartier. Heute müssten sie für die Wohnung 40.000 Euro mehr bezahlen, schätzt K. Asefi. „Barmbek ist ein toller Stadtteil und entwickelt sich“, sagt J. Asefi und ihr Mann beschreibt: „Die Fuhle wird attraktiver und die Bevölkerung wohlhabender. Dabei müssen die Läden mitziehen.“ Das Leben im Viertel sehen sie als Miteinander. Seiner Frau zugewendet sagt K. Asefi: „Beim Türken wird sogar dein Opa mit Vornamen begrüßt.“ Die Veränderung in Barmbek vom Arbeiterviertel zum angesagten Stadtteil finden beide richtig: „Wir müssen mit den anderen großen Städten mithalten. Ich sage immer: Hamburg ist wie Monaco – nur mit schlechterem Wetter.“

Zeiten ändern sich

Paolo Tanduo in seiner Gelateria an der Fuhle. Foto: Lennart Albrecht
Paolo Tanduo in seiner Gelateria an der Fuhle. Foto: Lennart Albrecht

Gegenüber vom „Quartier 294“ startet Eisdielenbesitzer Paolo Tanduo dieses Jahr in seine 35. Saison. Der gebürtige Italiener ist dankbar für die neuen Wohnquartiere: „Neue Bewohner sind potenziell auch neue Kunden.“ Beim Blick auf den Neubau gegenüber erzählt er, die Fläche habe 15 Jahre lang brach gelegen. Erst sollte ein Supermarkt dorthin, dann ein Seniorenheim. Vor drei Jahren entstanden 112 Wohnungen. In den Neubau ist mittlerweile auch ein Kindergarten eingezogen. Er selbst wohnt seit Jahrzehnten ein paar Straßen weiter. Seine Wohnung gehört derselben Erbengemeinschaft wie das Gebäude der Eisdiele. Für die 65 Quadratmeter große Wohnung zahlt er monatlich 620 Euro warm. Ein Nachfolger müsste nach seiner Einschätzung nach allerdings 800 bis 1000 Euro einplanen.

„Barmbek ist ein teures pflaster geworden.“

Die alten Barmbeker seien mittlerweile in der Minderheit. Seit Öffnung seiner Eisdiele im Jahr 1984 hat er viele Läden auf der Fuhle öffnen und schnell wieder schließen sehen. Oft scheine das richtige Konzept zu fehlen. Daher findet er es gut, dass Läden gezielter geplant werden. „Die Zeiten ändern sich und das ist gut. Ich bin für Innovation.“

Das sagen die Barmbeker zum Wandel

Barmbek: Nicht das neue Eppendorf

Correctiv will mit dem Projekt „Wem gehört Hamburg“ den Wohnungsmarkt in der Hansestadt transparenter machen. Dafür braucht das Recherchenetzwerk deine Hilfe. Erfahre mehr! FINK.HAMBURG unterstützt Correctiv und berichtet über Leerstand, Mietwucher und verrückte Wohnformen.

Ein paar Gehminuten entfernt, am Kartoffelstand auf dem Hartzloher Wochenmarkt, packt Silvia Pernak den Einkauf in ihren Rucksack. Sie lebt seit 30 Jahren in Barmbek und hat eine klare Meinung zu dem Wandel rund um die Fuhle:

„Es geht nur um das Wohl der Investoren.“

Zwar versteht sie, dass Neubauprojekte gebraucht werden, sagt aber: „Barmbek muss sich nicht zum neuen Eppendorf entwickeln.“ Silvia Pernak wohnt in einer Genossenschaftswohnung. Durch die neuen Baumaßnahmen sieht sie immer mehr Grünflächen im Viertel verschwinden. Außerdem ist sie besorgt, dass bald auch vor ihrem Fenster ein großer Neubau entsteht. In ihren Augen verringert sich so die Wohnqualität und die Mieten steigen. Mit der Bürgerinitiative Lebenswertes Hartzloh engagiert sie sich für ihren Stadtteil. Pernak fehlt es an Mitsprache bei Fragen rund um Barmbeks Entwicklung. Bei Bezirksversammlungen hat sie das Gefühl, alles werde nur positiv dargestellt werden. Von den Behörden wünscht sie sich umfangreichere Informationen zu den Bauprojekten.

Bitte mehr Bioläden

Innovation Manager Julian Oebel wünscht sich neue Läden auf der Fuhle.
Innovation Manager Julian Oebel wünscht sich neue Läden auf der Fuhle. Foto: Amelie Rolfs

Weiter südlich auf der Fuhle, an der Ecke zur Hellbrookstraße, sitzt Julian Oebel vor einem Bioladen und trinkt einen Espresso. „Es wechseln sich leider viele Friseure, Nagelsalons und Dönerläden an der Fuhle ab. Da hätte ich lieber mehr Restaurants oder mal ein schönes Café“, sagt er und ergänzt: „Die müssen auch nicht gleich so hipsterig, schanzenmäßig sein.“ Trotzdem entschied er sich für Barmbek als Wohnort, als eine größere Wohnung her musste – aus Kostengründen. Das gute Nahverkehrsangebot schätzt er sehr. Die Menschen im Stadtteil beschreibt er als „klasse, nicht abgehoben, durchmischt, bodenständig“.

„Ich wusste, dass Barmbek nicht die Schanze ist.“

Hoffnung für die Zukunft

Buchhändler Ulrich Hoffmann gründete 2011 die IG Fuhle.
Buchhändler Ulrich Hoffmann gründete 2011 die IG Fuhle. Foto: Amelie Rolfs

Seit 1982 hat Ulrich Hoffmann seine Buchhandlung in der Fuhle, Ecke Drosselstraße. „Barmbek hat sich im Laufe der Jahre enorm verändert. Früher gab es überwiegend Senioren, jetzt leben hier viele junge Familien und Studenten“, sagt Hoffmann. Seit sechs Jahren sitzt er im Vorstand der IG Fuhle, damit sich die Geschäftsleute untereinander besser vernetzen. „In erster Linie habe ich das getan, um mein Geschäft nicht zu verlieren. Mittlerweile möchte ich, dass sich auch andere Geschäftsleute für die Fuhle einsetzen“, sagt Hoffmann. Ihm geht es darum, den Leuten ein Bewusstsein für den Stadtteil zu vermitteln. Zu seinen Kunden gehören, neben der Stammklientel aus der Gründungszeit seines Ladens, wieder mehr junge Leute. „Das macht mir Hoffnung für die Zukunft. Ich wünsche mir, dass sich in der Fuhle mehr inhabergeführte Geschäfte mit neuen Geschäftsideen niederlassen“, so Hoffmann.

Neue Quartiere bringen mehr Umsatz

Jens Remmer ist Mitarbeiter im Fahrradladen Gräber Räder.
Jens Remmers ist Mitarbeiter im Fahrradladen Gräber Räder. Foto: Amelie Rolfs

Neben der Buchhandlung gehört ein anderer Laden schon lange zur Fuhle. Den Fahrradladen Gräber Räder gibt es seit 29 Jahren. Er liegt kurz vor der Barmbeker-Ring-Brücke, welche die Fuhlsbütteler Straße in zwei Abschnitte teilt. „Unsere Kunden kommen auch noch, wenn sie weggezogen sind, um ihr Fahrrad reparieren zu lassen“, sagt der langjährige Mitarbeiter Jens Remmers. Mittlerweile kämen immer mehr kaufkräftige Familien in den Laden. Von den steigenden Mieten ist Gräber Räder nicht betroffen: „Andere Geschäfte mussten nach kurzer Zeit wieder schließen, weil die Mieten viel zu hoch waren oder der Vermieter eine Umsatzbeteiligung forderte.“

Bauprojekte an der Fuhlsbüttler Straße

Die Fuhlsbüttler Straße wurde seit 2014 in drei Abschnitten renoviert. Seitdem sind die Gehwege breiter, die Fahrradwege neu angelegt und einige kleine Plätze mit Bänken entstanden. 2015 wurde in den ehemaligen Gebäuden des Barmbeker Krankenhauses das „Quartier 21“ eröffnet. Hier gibt es Eigentumswohnungen und Stadthäuser, aber auch ein großes Fitnessstudio und Arztpraxen. Andere Wohnquartiere wie das „Quartier 294“, das 2016 fertiggestellt wurde, sind mehrgeschossige Neubauten. Im Herbst 2019 soll am Barmbeker Bahnhof das Projekt „Fuhle 101“, ein Center mit Supermärkten, fertig sein. Auch mehrere Wohnungsbauprojekte und ein Hotelneubau sind in Planung.

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Amelie Rolfs, Jahrgang 1993, hat einen speziellen Literaturgeschmack: Sie verschlingt Liebesgeschichten, bei denen sich die Protagonisten nach langer Trennung im Alter wiedertreffen. Zum Lesen nimmt sie sich aber gerade wenig Zeit – lieber frühstückt sie sich durch die besten Cafés Hamburgs und stöbert auf Flohmärkten nach alten Schallplatten. Ihr liebstes Fundstück ist eine Cat Stevens Platte von 1970, die älteste, die sie besitzt. Ihre Bachelorarbeit hat sie in Politikwissenschaften über feministische Instagrammerinnen geschrieben und zuvor beim Kindermagazin „Dein Spiegel“ gelernt, wie man Dinge einfach erklärt. Außerdem organisierte sie beim NDR die Sendung „Wahlarena“ zur Bundestagswahl 2017 mit – und machte dabei natürlich ein Selfie mit Martin Schulz. Angela Merkel war leider zu gut abgeschirmt. Kürzel: ar
Anika Schnücke, Jahrgang 1992, stuft sich selber als Gefahr für den Hamburger Verkehr ein. In drei Jahren in der Fahrradmetropole Münster hat sie sich einen rücksichtslosen Fahrstil angewöhnt. Neben ihrem Fahrrad bringt sie ihr Gespür für Lokaljournalismus mit in die Hansestadt. Während ihres Kommunikationswissenschaft-Studiums schrieb Anika in Münster als freie Journalistin für die Lokalzeitung und ein Stadtmagazin. Wie man ernste Themen mit Humor behandelt, lernte sie bei einem Praktikum in der Online-Redaktion der „Heute Show“. Über politische Satire schrieb sie auch ihre Bachelorarbeit. Anika freut sich auf die Einführung von rothaarigen Emojis – obwohl sie findet, dass man sich mit Gifs sowieso viel besser ausdrücken kann. Kürzel: as
Lennart Albrecht, Jahrgang 1991, hat Olaf Scholz schon einmal drei Monate lang fast täglich auf Schritt und Tritt verfolgt – mit dessen Einverständnis, im Rahmen eines Praktikums beim Hamburger Senat. Auch Hamburgs Herz kennt er besser als die meisten: Im Nebenjob moderiert er Bustouren durch das Hafengelände, und sogar bei einem Praktikum in Hongkong warb er schon für die Vorzüge der Hansestadt. Bei der Reederei Hamburg Süd schrieb er für das Mitarbeitermagazin und half, Messen zu organisieren. Seinen Bachelor in Media Acting und Rhetorik machte er an der Hamburger Medienakademie. Für die Dokumentation „Die Norm“ begleitete Lennart Spitzensportler auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. Er selbst fährt gern Rennrad – zum Mediencampus Finkenau aber kann er von zu Hause aus zu Fuß gehen. Kürzel: la
Ted Koob, Jahrgang 1991, ist ein Kind Europas: Mit acht Jahren nahm der Luxemburger am Gesangswettbewerb „Zecchino d’Oro“ im italienischen TV teil. Außerdem spricht er luxemburgisch, deutsch, französisch, englisch und italienisch und hat in Belgien Musik studiert. Ted ist nicht nur ein Sprach-, sondern auch ein musikalisches Talent (Geige, Schlagzeug, Klavier). Deswegen arbeitete er nach dem Studium zunächst als Musiklehrer, entdeckte dann aber den Journalismus für sich. Ein zweites Bachelorstudium in Journalistik sowie Praxiserfahrung beim „Luxemburger Tageblatt“, dem ZDF und „11 Freunde“ bestärkten ihn im Berufswunsch. Nach der Arbeit lässt er den Tag gerne auf dem Rasen ausklingen und kickt in einer Hobby-Mannschaft. tek