Illustration des Dialog im Stillen von Melanie Schwarz

In der Ausstellung „Dialog im Stillen“ erleben Besucherinnen und Besucher, wie Gehörlose die Welt wahrnehmen. Und lernen: Gebärdensprache ist nicht die einzige Möglichkeit, sich ohne Worte zu verständigen.

Die Illustrationen für diesen Artikel wurden von der HAW-Studentin Melanie Schwarz angefertigt.

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Viele Gehörlose lesen Lippen, um ihr Gegenüber zu verstehen. Hier ist das Wort Dialog dargestellt.

Nicht mal mehr mein Atmen höre ich, als ich die schalldichten Kopfhörer aufsetze. Mein Gehör ist ausgeschaltet. Wo eben noch Stimmengewirr und Umgebungsgeräusche waren, herrscht nun Stille. Ich schaue mich um. Auch die anderen Besucher*innen der Ausstellung „Dialog im Stillen“ haben gerade ihren fünften Sinn verloren. Ich lache nervös. Das höre ich aber nicht, sondern spüre nur, wie sich meine Mundwinkel nach oben ziehen und sich die Bauchmuskulatur anspannt.

Der Raum ist hell und schlicht, die Wände weiß gestrichen. An einer Wand im Vorraum der Ausstellung hängt eine Tafel mit den acht Regeln für die nächsten 60 Minuten. Aber nicht in Textform, sondern als Bilder: Auf einem ist etwa ein großes Auge zu sehen, auf einem anderen ein Piktogramm-Mensch mit großen Kopfhörern.

Dialog im Stillen
„Dialog im Stillen“? Was erstmal wie ein Widerspruch klingt, können Interessierte seit September 2014 im Dialoghaus Hamburg erleben. Gehörlose führen jeweils zwölf Personen durch eine Ausstellung, die für die Kommunikation mit Gehörlosen und Hörgeschädigten sensibilisieren soll. Die Führung dauert 60 Minuten. Im vergangenen Jahr besuchten etwa 30.000 Menschen die Ausstellung.

Karl, unser Guide, erklärt die Regeln noch einmal der Reihe nach. Er legt den ausgestreckten Zeigefinger auf seine gespitzten Lippen: Ab jetzt dürfen wir nicht mehr sprechen. Dann zeigt er auf die Kopfhörer auf unseren Ohren. Wir sollen überprüfen, ob sie richtig sitzen und sie bis zum Ende der Führung nicht absetzen.

Wenn man nicht mehr hören kann, verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf die übrigen Sinne: Vor allem der Gesichtssinn bestimmt, wie man seine Umwelt wahrnimmt. Das soll auch das große Augen-Symbol an der Wand verdeutlichen. Ein viertes Bild erinnert daran, immer bei der Gruppe zu bleiben. Dann zeigt Karl auf die letzten vier Zeichen auf der rechten Tafelseite und schüttelt den Kopf. Rauchen, Fotografieren, Rennen und das Handy benutzen – das alles ist tabu. Karl schaut uns nacheinander in die Augen, um zu überprüfen, ob wir ihn verstanden haben. Als alle nicken, hebt er seinen linken Arm und deutet auf die weiße Tür zum ersten Ausstellungsraum. Er geht vor – wir folgen ihm geräuschlos.

„Tanzende“ Hände

Karl ist selbst gehörlos, er wurde taub geboren. Gehörlose sind aber nicht sprachlos. Sie verständigen sich nur nicht mit Hilfe ihrer Stimmbänder, sondern vor allem mit den Händen. Wie vielsagend diese sein können, zeigt Karl im ersten Raum. „Tanz der Hände“ ist das Motto – so steht es auch an der Tür in weißer Schrift auf orangenem Grund. Die Lichtverhältnisse im Raum sind schummrig, in der Mitte steht ein runder weißer Tisch. Wir stehen im Kreis darum herum und strecken unsere Hände aus, wie Karl es vormacht. Mit den Schatten unserer Hände erschaffen wir Tiere wie Schmetterlinge oder Vögel und geometrische Formen: Kreise, Dreiecke, Vierecke. Die Stille hat etwas Magisches. Zusammen bilden wir aus unseren gespreizten Zeige- und Mittelfingern einen großen Stern. Wir schauen einander an, lächeln und sind fast ein bisschen stolz, dass wir uns ohne Worte so gut verstehen.

In Deutschland leben nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bunds etwa 80.000 Gehörlose, in Hamburg sind es über 2.000. Dass man sich mit ihnen verständigen kann, auch ohne die Gebärdensprache zu beherrschen, lernt man in der Ausstellung.

In einem der Räume sind Handzeichen für verschiedene Tiere an der Wand abgebildet, die wir nach und nach verstehen. „Katze“ sagt man, indem man die Daumen- und Zeigefingerkuppen einer Hand aufeinanderlegt und die anderen Finger nach außen spreizt. So schwenkt man seine Hände von der Nase weg und zeichnet die Schnurrhaare einer Katze nach.

Illustration: Melanie Schwarz

Auch andere Tiere kann man mit einfachen Handbewegungen darstellen, ohne zwingend die offizielle Gebärde zu kennen. Ein wenig Gebärdensprache lernen wir dann aber doch noch. „Was mögt ihr?“, fragt Karl uns. An der Wand sind die Gebärden und ihre Bedeutungen abgebildet. „Was“ fragt man, indem man seine Hände mit der Handfläche nach oben auf Brusthöhe schwenkt. Wenn man mit der flachen rechten Hand senkrecht über den Brustkorb streicht, heißt das „mögen“. Nach kurzem Zögern antworten wir abwechselnd: Essen, Tanzen, Videospiele – das alles durch Hände und Körpersprache.

Gesichter sprechen Bände

Was Menschen mit ihren 26 Gesichtsmuskeln alles sagen können, macht ein anderer Ausstellungsraum erfahrbar. Darin steht ein rundes Gerüst, in dem höhenverstellbare Holzrahmen hängen. Wir stellen uns von außen hinter jeweils einen der Rahmen und schalten das kleine Licht am unteren Ende ein. Das Licht setzt unsere Mimik dramatisch in Szene, „Galerie der Gesichter“ nennt das Dialoghaus dieses Exponat.

Das Dialoghaus

Das Dialoghaus bietet auch den „Dialog im Dunkeln“ an, bei dem Blinde und Sehbehinderte in völliger Dunkelheit durch einen Parcours führen. Ende Mai öffnet im Dialoghaus außerdem die Ausstellung „Dialog mit der Zeit“, die sich mit dem Prozess und den Potenzialen des Älterwerdens auseinandersetzt.

Karl hält sich die geballte rechte Faust vor den Mund und fängt an lautlos zu singen. Wir sollen es ihm nachmachen. Die Reaktionen variieren von peinlich berührt bis begeistert. In der Mitte werden Fotos auf ein sich drehendes Podest projiziert, die wir nachstellen. Wir schauen wütend wie Oliver Kahn, strecken frech unsere Zunge heraus wie Albert Einstein und scheitern gemeinsam am sinnlichen Blick von Marilyn Monroe. Auf ein Foto von Regenwürmern reagieren wir kollektiv angeekelt: Die Augenbrauen ziehen sich nach unten, die Nase ist gekräuselt, der Mund geschlossen. Die Unterlippe zieht sich hoch. Eine Besucherin streckt angeekelt die Zunge heraus.

Im letzten Raum sollen wir anderen ein Bild beschreiben, das sie nicht sehen, aber mit Holzfiguren nachbauen sollen. Ich versuche mit Händen und Füßen, Mimik und Gestik zu erklären: Links sitzt ein kleiner Affe auf zwei Holzklötzen, rechts daneben steht die Pferde-Figur und dahinter eine Mutter mit Kinderwagen. Als wir auflösen, müssen wir lachen: Das Pferd steht falsch und alles ist seitenverkehrt. Ich bin erleichtert, dass wir die Kopfhörer wieder absetzen dürfen.

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Am Ende sagen die Besucher*innen "Dankeschön" für die Führung.

Schnell kommen die verbalen Gespräche wieder auf. Eine Gebärdensprachen-Dolmetscherin übersetzt Karl unsere Fragen. Ob es nicht manchmal frustrierend sei, sich nicht mit jedem verständigen zu können, fragt eine Besucherin. „Was macht ihr, wenn ihr im Urlaub in einem Land seid, dessen Sprache ihr nicht sprecht? Da muss man sich auch mit Händen und Füßen verständigen“, sagt Karl.

Wie das geht, wissen wir spätestens jetzt.

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Vivien Valentiner, Jahrgang 1993, hält es selten lange im Sitzen aus: Dann drückt nämlich ihr Extra-Rückenwirbel und die ihr ebenfalls angeborene Neugierde. „Irgendwas mit Medien“ wollte Vivien deswegen schon als Jugendliche machen. Nach ersten journalistischen Gehversuchen bei Lokalzeitungen hospitierte sie beim NDR und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und saß im Bundesvorstand der Jugendpresse Deutschland. Vivien stammt aus Lübeck, in Lüneburg hat sie Wirtschaftspsychologie und Digitale Medien studiert. Mit ihrem Umzug nach Hamburg bleibt sie Hansestädten treu, probiert aber darüber hinaus gerne unterschiedliche Dinge aus: Sie hat schon Ballett und Rock’n‘Roll getanzt, Schlagzeug und Theater gespielt. Kürzel: viva