In ihrem Film „Little Tickles“ verarbeitet Regisseurin und Hauptdarstellerin Andréa Bescond den sexuellen Missbrauch, den sie als Kind erleben musste. Mit ihrem Mann und Co-Regisseur Eric Métayer will sie Opfer zum Reden ermutigen. 

Was sexueller Missbrauch für Auswirkungen hat, musste Andréa Bescond selbst erleben. In ihrem Film „Little Tickles“ verarbeitet sie diese Erfahrung, die sie als Kind durchleben musste. Ihr Regie-Debüt, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Eric Métayer umsetzte, erhielt beim Filmfest Hamburg den mit 5.000 Euro dotierten NDR Nachwuchspreis. „Eine kraftvolle Story mit außergewöhnlicher Regie, die Mut beweist und es schafft, uns auf eine tragikomische Reise mitzunehmen, ohne ins Kitschige abzurutschen“, so die Jurybegründung. Im Interview mit FINK.HAMBURG spricht das Paar über den Film, die Geschichte dahinter und Tanzen als Therapie.

FINK.HAMBURG: Die Geschichte ist sehr berührend und wird gleichzeitig erstaunlich leicht erzählt. Wie kann ein Film mit einem solchen Thema zum Teil so lustig sein?

Andréa Bescond: So sind wir im Leben. Wir lieben das Leben. Wir haben alle Traumata. Aber wir müssen trotzdem leben, um lebendig zu sein. Deshalb wollten wir einige – nicht so viele – lustige, lebendige Elemente, damit das Publikum wieder atmen und lächeln und sich lebendig fühlen kann. Der Film gehört auch nicht in ein bestimmtes Genre.

Eric Métayer: Im französischen Kino dreht sich alles ums Genre: Drama oder Komödie. Aber das Leben ist nicht nur Drama oder Komödie – es ist ein Mix.

Der Film basiert auf Ihrem Theaterstück „Les Chatouilles – ou la danse de la colère“, was übersetzt „Kleine Kitzeleien – oder der Tanz der Wut“ heißt.
Beide sind autobiographisch geprägt. Wie fühlt es sich an, das darzustellen?
Da kommen doch sicher alte Traumata wieder hoch.

Bescond: Als der Film gedreht wurde, hatte ich das schon verarbeitet. Es war schwieriger, jeden Tag auf der Theaterbühne aufzutreten. Jeden Tag traf ich auf ein neues Publikum, das traurig oder wütend reagiert und nach der Vorstellung von eigenen Erfahrungen erzählt. Als wir dann den Film gedreht haben, hatte ich das eigentlich schon hinter mir.

Warum haben Sie das Alter Ego „Odette“ für den Film geschaffen?

Bescond: Wir wollten mein Leben und Odettes Leben trennen. Ich weiß natürlich, dass Odette ich bin, aber Odette ist gleichzeitig jemand anderes. Wir wollten den Film nicht zu meiner persönlichen Geschichte machen, sondern universell erzählen, damit sie alle Opfer repräsentiert.

Am Ende des Films trifft die erwachsene Odette die junge Odette und entschuldigt sich. Gibt es etwas, das Sie sich immer noch nicht verzeihen können?

Bescond: Nein. Heute weiß ich, dass ich nicht dafür verantwortlich war, was mit mir passiert ist. Das habe ich vorher mein ganzes Leben gedacht – jetzt weiß ich es besser. Die meisten Opfer von Pädophilie fühlen sich schuldig. Das liegt an der Art, wie es passiert. Die Argumentation ist oft: „Du bist mir gefolgt, also musst du es gewollt haben. Du hast nicht geweint.“ Und auch die Gesetzeslage in Frankreich ist ziemlich seltsam: Auch Kinder unter 14 Jahren gelten als einwilligungsfähig zu sexuellen Handlungen mit Erwachsenen.

Métayer: Wenn es keine Gewalt, keine Nötigung, keinen Zwang oder Überraschung gibt, geht das Gesetz von Konsens aus, auch wenn es sich um Kinder handelt. Den Fall gab es kürzlich in Frankreich. Es war ein Mädchen, sie war elf Jahre alt und wurde schwanger. Der Täter wurde freigesprochen. Er sagte, es sei einvernehmlicher Sex gewesen.

Marielle Cyriesse spielt die junge Odette. Sie war bei den Dreharbeiten erst neun Jahre alt. Wie konnten Sie sicherstellen, dass sie von den Dreharbeiten nicht traumatisiert wird?

Métayer: Wir haben viel mit ihren Eltern gesprochen. Sie besuchte das Theaterstück mit ihren Eltern. Und sie entschied sich selbst und sagte: „Ich möchte diesen Film machen. Ich möchte anderen Kindern helfen.“

Bescond: Sie wusste, dass es auch meine Geschichte war. Ihre Eltern hatten sie für sexuelle Übergriffe und Pädophilie sensibilisiert. Wir haben das Drehbuch genommen und mit den Eltern genau festgelegt, wie wir drehen würden. Einige Szenen hat Marielle alleine gedreht und wir haben sie dann digital bearbeitet. Wir wollten nicht, dass sie die Vergewaltigung spielt. Wir haben nie explizit über Vergewaltigung mit ihr gesprochen.

„Geliebt zu werden, hat sehr geholfen.“

Sie haben lange nicht über den Missbrauch gesprochen, den Sie erlebt haben. Warum sind Sie letztlich doch zur Therapie gegangen? 

Bescond: Im Film und auch im wirklichen Leben gilt: Man weiß nicht, wann so etwas einen einholt. Im Laufe meines Lebens habe ich nicht wirklich vergessen, was passiert ist. Da war immer etwas Seltsames, ein komisches Gefühl. Einige sehr genaue Erinnerungen an die Vergewaltigung kamen zurück, als ich eine Straße entlang ging und den Täter sah. Es war eine sehr kleine Stadt und ich sah ihn aus etwa 50 Metern Entfernung. Ich war tränennass und klappte zusammen. Alles kam zurück. Dann ging ich zur Polizei und musste darüber reden. Für viele Menschen ist das jedoch ganz anders. Bei einigen kommt das Trauma hervor, wenn sie selbst Eltern werden oder wenn geliebte Verwandte sterben. Oder wenn sie starke Gefühle haben und plötzlich alte Erinnerungen zurückkommen.

Sie sind Tänzerin. War das Tanzen auch eine Form der Therapie für Sie?

Bescond: Irgendwie schon. Es war ein Zufluchtsort, an dem ich all den Ärger zerstören konnte, und es bewegte mich physisch und psychisch. Das hat sehr geholfen. Ich glaube, ich wäre sonst krank oder es wäre mir schlechter gegangen, aber das Tanzen hat mich gerettet. Und die Liebe [schaut zu Eric]. Geliebt zu werden, hat sehr geholfen.

Odette (Andréa Bescond) verarbeitet ihre Erfahrungen im Tanz. Foto: Les Films du Kiosque
Odette (Andréa Bescond) verarbeitet ihre Erfahrungen im Tanz. Foto: Les Films du Kiosque

Meine Botschaft lautet: Stark bleiben

Wie können wir Menschen helfen, die sexuelle Gewalt erleben mussten?

Bescond: Was du machst, ist sehr nett. Darüber sprechen. Das ist es. Es ist nötig, dass wir darüber reden – in der Gesellschaft, in den Medien, im Fernsehen, im Kino, in der Kunst. Wenn wir darüber reden, schämen sich die meisten Menschen nicht mehr zu sagen, dass sie vergewaltigt wurden. Es fiel mir auch schwer. Aber meine Botschaft lautet: Stark bleiben.

Métayer: Als wir den Film zeigten, gab es viele Reaktionen. Viele Leute sagten, dass sie auch so etwas erlebt haben. Eine Frau kam aus dem Kino und brach zusammen, wir mussten den Krankenwagen rufen. Einige Leute wissen erst nicht, was sie dazu gebracht hat, das Stück oder den Film sehen zu wollen. Und dann erkennen und verstehen sie.

Die #metoo-Bewegung löste vor über einem Jahr eine öffentliche Auseinandersetzung mit sexuellen Übergriffen und Sexismus aus. Denken Sie, dass diese Bewegung auch Menschen geholfen hat oder helfen kann, die von Pädophilen missbraucht wurden? 

Bescond: Es ist eine gute Bewegung. Ich bedauere nur, dass wir nicht wirklich über Kinder und Jugendliche sprechen. Die Bedingungen von Frauen müssen sich natürlich ändern. Aber ich glaube nicht, dass wir mit den Männern Krieg führen müssen. Ich denke, Männer und Frauen müssen zusammenarbeiten. Wir müssen die richtige Balance finden, um allgemein über Gewalt sprechen zu können. Es sind nicht nur Frauen, die Opfer sind.

Anzeichen erkennen

Hilfe bei sexueller Gewalt

In Hamburg bieten verschiedene Beratungsstellen Hilfe bei sexuellem Missbrauch an. Das sind unter anderem:

Kinder- und Jugendnotdienst
Tel.: 040 / 42 84 90

Opferhilfe Hamburg e.V.
Tel.: 040 / 38 19 93

Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen
Tel.: 040 / 25 55 66

Dunkelziffer e.V.
Tel.: 040 / 42 10 700 10

Auch für Angehörige gibt es spezielle Beratungsstellen.

Im Film versucht Odette ihren Eltern mitzuteilen, was mit ihr passiert. Sie findet die Worte nicht und ihre Eltern verstehen die subtilen Hilferufe nicht. Wie können wir erkennen, dass Kinder sexuell missbraucht werden?

Bescond: Es gibt Anzeichen. Wenn ein Kind etwa sich weigert, mit einer Person Zeit zu verbringen, müssen Eltern zuhören und sich für diese Zeichen interessieren.

Métayer: Im Film lässt die Mutter ihre Tochter nicht ausreden. In Frankreich sind sehr viele Fälle von Pädophilie inzestuös, geschehen also in der Familie. Damit zu deinen Eltern zu gehen, ist dann noch schwieriger.

Odettes Peiniger landet am Ende des Films im Gefängnis. Ist das eine Wiedergutmachung für das, was passiert ist?

Bescond: Wir möchten, dass die Leute vor Gericht gehen. Als Opfer ist es eine kleine Wiedergutmachung. Der größte Teil liegt aber bei dir: Willst du leben oder nicht? Wenn man nicht mit jemandem redet, fühlt man sich vielleicht das ganze Leben lang schuldig.

Métayer: Du hast nur das eine Leben. Das ist so ein Standardsatz, aber er ist wahr.

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