Portugal ist auch bei dieser WM dabei. Viele Fans jubeln und feiern in Hamburg, besonders groß ist die Community im Portugiesenviertel. Impressionen eines WM-Spiels.

Portugal gehört in Hamburg dazu

Ein besonderer Ort für ein Public Viewing: Die Straßen im Portugiesenviertel füllen sich zu den Portugal-Spielen bei dieser WM. Die Europameister sorgen mit ihren spannenden Spielen für viel Aufregung und Freude bei ihren Fans. Die portugiesische Community ist in Hamburg besonders groß, sie bewohnen ein kleines Quartier an  den bekannten Landungsbrücken. In der Hansestadt leben mehr als 9.000 Portugiesen und damit ist Hamburg die Stadt mit den meisten Portugiesen in Deutschland. Doch was ist die Geschichte hinter dem sogenannten Portugiesenviertel?

Ursprünglich war dieses Quartier in der Hamburger Neustadt der Treffpunkt für Hafenarbeiter und Unternehmer der Schifffahrtsbranche. Im Kleingewerbe interessierten sich besonders Gastronomen für dieses Quartier. Traditionell portugiesische Küche gibt es hier an fast jeder Straßenecke. In den siebziger Jahren kamen viele portugiesische Einwanderer nach Hamburg und siedelten dort an. Die Nationalflagge weht hier auch außerhalb der WM-Zeit.

Viel Leidenschaft, Stolz und Fairness

Es ist kurz vor 20 Uhr, das finale Vorrundenspiel zwischen Portugal und Iran wird gleich angepfiffen. Die Straßen füllen sich mit Fußball-Fans, die sich die Nationalflagge um die Hüfte oder den Hals gebunden haben. An den Straßenrändern parken Autos mit kleinen Länderflaggen von Portugal und dem Iran. Noch ist es hier ruhig, doch die Fans sind angespannt. Im Gesicht sind sie grün und rot angemalt – Portugal und Iran haben dieselben Farben auf der Flagge.

Eine Reihe junger Fans mit portugiesischen Wurzeln stellt sich vor dem Restaurant „Julio’s“ auf. Sie halten ihre Hand auf die Brust, denn es folgt die Nationalhymne. „Heróis do mar, nobre povo, nação valente e imortal“. Auf Deutsch übersetzt: „Helden der See, edles Volk, tapfere und unsterbliche Nation.“ Lauthals hört man aus fast jeder Straßenecke ihre Stimmen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, im Restaurant „Via Toselli“, sind die Fans der Gegnermannschaft versammelt. Das passt schließlich auch, denn der Besitzer des italienischen Restaurants ist zufälligerweise ein Iraner. Das Aufeinandertreffen der Fans ist entspannt: Sie umarmen sich und wünschen sich Glück.

Die iranischen Fans werden herzlich im Portugiesenviertel aufgenommen.
Die iranischen Fans werden herzlich im Portugiesenviertel aufgenommen. Foto: Shahrzad Rahbari

Ein bisschen Heimat im Ausland

Das Spiel wird angepfiffen, die Fans klatschen voller Vorfreude und Anspannung. Wer sich hier nach Anpfiff noch etwas bestellen möchte, muss warten. Schließlich möchte die portugiesische Bedienung keine Minute des Spiels verpassen. Dafür haben die Gäste Verständnis. Vorbeilaufende Passanten werfen ab und zu einen Blick auf die Monitore und lächeln. Die Atmosphäre steckt sie an. Einige wünschen den Fans sogar Glück, andere bleiben stehen und schauen sich ein paar Minuten des Spiels an. Das erste Tor für Portugal! Die Fans rennen auf die Straße und fallen sich in die Arme, es sind nur noch Schreie zu hören. Auf manchen Gesichtern fließen kleine Freudentränen. „Endlich! Kommt schon, ihr schafft noch mehr“, schreit Steven, ein Fan im Trikot des Torschützen Ricardo Quaresma.

Steven ist großer Fan vom Torschützen Quaresma.
Steven ist großer Fan vom Torschützen Ricardo Quaresma. Foto: Shahrzad Rahbari

Der 28-jährige hat portugiesische Wurzeln. Er lebt inzwischen sogar wieder in Portugal. Für ein paar Tage ist Steven nach Deutschland gereist, denn sein Vater wohnt im Portugiesenviertel. „Ich vermisse es ein wenig, hier zu wohnen. Es fühlt sich schon etwas wie Heimat an, aber im richtigen Portugal ist es viel schöner.“ Er fügt hinzu, wie dankbar er für dieses Quartier ist. „Viele schaffen es nicht mal, einen kurzen Urlaub in der Heimat zu machen und so haben sie besonders durch den anliegenden Hafen die Möglichkeit, in Erinnerungen zu schwelgen.“ Der Blick zurück auf den Monitor: Es folgt ein Elfmeter. Fußball-Legende Cristiano Ronaldo führt ihn aus und die Anspannung steigt nicht nur im Stadion.

„Olé Olé! E esta merda é toda nossa“

Iran schießt in der 93. Minute ein Tor durch einen Elfmeter. Im gegenüberliegenden Restaurant schreien die Fans, einige rennen auf die Straße und wehen mit der iranischen Nationalflagge. Die portugiesischen Fans sind niedergeschlagen. Es steht 1:1. Die Portugiesen erwarten sehnsüchtig den Abpfiff, die iranischen Fans hoffen auf ein weiteres Tor. Das Spiel endet und die Stimmung bei den Fans auf beiden Seiten steigt. Plötzlich ist die Straße überfüllt von portugiesischen und iranischen Fans. Es wehen beide Flaggen in der Luft, kein Auto kann mehr durch die Straßen fahren. „Olé Olé e esta merda é toda nossa“ schreien die Fans aus Portugal. Eine Portugiesin hilft mir weiter: „Dieser ganze Scheiß gehört uns!“

Es folgt ein Motorrad-Spektakel gefolgt vom Autokorso.
Es folgt ein Motorrad-Spektakel gefolgt vom Autokorso. Foto: Shahrzad Rahbari

Aus den Autos hört man portugiesische und iranische Musik – Fans am Straßenrand nehmen sich in den Arm und gratulieren zum gelungenen Fußballspiel. Obwohl es anfängt zu regnen, bleiben die Fans in Freudenstimmung. Jeder, der nicht feiert, wird auf die Straße geholt. Es folgt ein Tanz.

Iranische und portugiesische Fans feiern gemeinsam das Portugal-Spiel.
Iranische und portugiesische Fans feiern gemeinsam. Foto: Sharareh Rahbari

Lass uns noch ein bisschen tanzen!

Inzwischen ist es 23 Uhr, das Fußballspiel ist seit einer Stunde vorbei. Schluss mit Feiern? Nicht für die portugiesischen Fans. Während es den iranischen Fans schon zu viel wurde, tanzen Fans von Portugal weiter. Einige Autofahrer verlieren die Geduld. Zwei Polizeiautos fahren in die Ditmar-Koel-Straße und bitten die Fans, die Straße frei zu machen. Einige Autos schaffen es, zu passieren, doch wieder rennt die Menschenmenge auf die Straße. Sie lassen sich die Laune nicht verderben und auch die Beamten lächeln ihnen vom Straßenrand aus zu.

Langsam verabschieden sich ein paar Fans und die Restaurants räumen ihre Bestuhlung ein. Es ist zu Ende. „Kommst du wieder zum nächsten Spiel?“, fragt mich Steven. Portugal kommt ins Achtelfinale und die Hoffnung, diesmal sogar Weltmeister zu werden, ist hier groß.

Vorheriger ArtikelMultiresistente Keime in Alster und Elbe
Nächster ArtikelHAW-Studierende präsentieren selbstentwickelte Apps
Shahrzad Rahbari, Jahrgang 1994, vermisst seit ihrem ersten Tag in Hamburg Spätzle. Sie hat Dolmetschen und Übersetzen in Germersheim studiert, in der Nähe von Karlsruhe. Shahrzad spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch auch Arabisch und Farsi. Für eine Reportage reiste sie durch das Heimatland ihrer Eltern, den historischen Iran, und porträtierte Einwohner und Orte. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte Shahrzad in ihrer Zeit bei dem HipHop-Magazin Rapspot, für das sie Album-Rezensionen schrieb und Rapper wie Talib Kweli und Tua interviewte. Auch in ihrer Freizeit hört sie am liebsten Rap. Ihr Traum: mit Kendrick Lamar die Straßen von Compton, einem Vorort von L.A., unsicher zu machen. Kürzel: sha