Die Zuwanderung von MigrantInnen in Hamburg steigt. Viele Familien hoffen dabei, dass ihre Kinder schnell Anschluss in der Schule und Gesellschaft finden. Die Schulen sorgen mit diversen Maßnahmen für Integration und mehr Bildungschancen.

Die Illustrationen stammen von HAW Student  Jasper Zschörnig

Migration ist globale Realität. Seit 2015 wächst die Anzahl der Zuwanderer nach Deutschland. Familien verlassen ihre Heimat, weil Eltern ihre Kinder vor Krieg und Ausbeutung schützen wollen, kommen in ein fremdes Land und müssen sich eine neue Lebensgrundlage aufbauen. In diesem Zusammenhang ist die Bildung der Kinder besonders wichtig. Und so steht Hamburg vor der Herausforderung, diese Kinder erfolgreich in das Schul– und Berufsleben zu integrieren.

Gerade in stark migrantenbesiedelten Viertel Hamburgs ist eine Anpassung der Bildungsprogramme für neu zugewanderte Kinder und Kindern mit Migrationshintergrund unabdingbar. Die sogenannten Internationalen Vorbereitungsklassen (IVK) sollen diese Kinder auf die Teilnahme am Regelunterricht vorbereiten und ihnen den Einstieg erleichtern.

360 Grad weltoffen

Wilhelmsburg: Im Süden Hamburgs leben besonders viele MigrantInnen aus verschiedenen Ländern. Auf dem Helmut-Schmidt-Gymnasium, dem einzigen Gymnasium auf den Elbinseln, wird die kulturelle und nationale Vielfalt der SchülerInnen und Lehrkräften daher stark gefördert. SchülerInnen dieser Schule, egal ob mit Migrationshintergrund oder ohne, werden als Bereicherung empfunden. Die interkulturelle Schülerschaft steht für die weltoffene Ansichten der Schule.

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Volker Clasing, Schulleiter im achten Jahr, spricht von einer globalen Gesellschaft und einer Zukunft ohne Grenzen. SchülerInnen sollen den Umgang untereinander schätzen. Um die unterschiedliche Prägung an seiner Schule zum Ausdruck zu bringen, wird auch die Lehrerschaft entsprechend vorbereitet: „Das heißt, dass wir unsere Lehrkräfte entsprechend entwickeln, auch mit Fortbildungen zur interkulturellen Öffnung“, sagt Clasing. „Wir wollen den Schülerinnen und Schülern aus Hamburg Wilhelmsburg, die oft ein Defizit zugeschrieben bekommen, sei es aufgrund der sozialen Lage oder aufgrund des sogenannten Migrationshintergrundes, nicht nur begegnen, sondern wir wollen die Defizite wegwischen. Lass das nicht mit dir machen, du bist unheimlich wertvoll und du kannst ganz viel.“

MentorInnen gegen Missverständnisse

Mit diversen Projekten, die von SchülerInnen und Ehemaligen ausgeführt werden, soll die Gemeinschaft gefördert werden. Eines dieser Projekte ist das IV-Care im Rahmen der  erwähnten IVK. In die Internationalen Vorbereitungsklassen kommen MigrantInnen, die erst kürzlich zugewandert sind. Sie lernen hier unter anderem Deutsch. SchülerInnen der oberen Jahrgangsstufen werden zu MentorInnen ausgebildet und stehen SchülerInnen der IV-Klassen zur Seite.

„Wir machen aus Defiziten Chancen“

Ein weiteres Projekt ist GIRA: Die Akademie für interreligiösen Austausch. Viele MigrantInnen kommen aus dem Nahen Osten oder aus Nordafrika. Die Mehrheit dieser Zuwanderer gehören dem Islam an, sodass Religiösität innerhalb der Schule immer wieder Thema ist. Das Projekt findet einmal im Monat gemeinsam mit einem Islamwissenschaftler statt. Es werden Fragen behandelt und Vorurteile aus dem Weg geschafft. „Es ist jedes Mal ein riesen Aufatmen im Raum“, sagt Clasing. Ziel derartiger Projekte sei der Perspektivwechsel.

Vor allem in der IVK entstehen gelegentlich Missverständnisse über die Ausführung der islamischen Religion, da die MigrantInnen aus unterschiedlichen islamischen Herkunftsländern stammen. IVK-Beauftragte Frau Schneeweiß fühlt sich aber keineswegs überfordert: „Es gibt auch Themen, die ich an meine Kollegen abgebe, weil ich auch eingeschränkt bin mit dem, was ich weiß. Wir profitieren ganz stark davon, dass wir ein interkulturelles Kollegium haben.“ Ihr Motto: „Man muss Offenheit mitbringen, um das auszudiskutieren und auch mal den Plan über den Haufen werfen.“

Interkulturelle Kompetenzen nach Plan

Das Kollegium nimmt regelmäßig an einem interkulturellen Kompetenztraining teil. Dabei lernen Lehrkräfte bestimmte Formen des sozialen Lernens. Die Kompetenzen seien vor allem für die Jahrgänge fünf bis acht von großer Bedeutung. Clasing möchte damit langfristig für Diversität an der Schule sorgen und Ausgrenzung abschaffen: „Es muss ins Fleisch und Blut übergehen, dass man interkulturelle Kompetenzen hat und sie auch zur Anwendung bringt.“ Auch im Schülerrat treffen sich SchülerInnen einmal die Woche und trainieren in Workshops sich zuzuhören und aufeinander einzugehen.

„Es reicht schon, dass man WIR sagt statt IHR“

Der leidenschaftliche Schulleiter möchte schon heute etwas für morgen verändern: „Wir müssen raus aus der Defensive. Diese SchülerInnen sind großartig und können später so viel besser machen als die Generationen vorher. Ich glaube, wir schaffen das gemeinsam.“

MigrantInnen Hamburgs in Zahlen

Migration
Nach Definition des Mikrozensus, haben alle, die nach 1949 in die Bundesrepublik Deutschland zugewandert sind, als Ausländer in Deutschland geboren oder mindestens einen ausländischen Elternteil haben, einen Migrationshintergrund.

Das Statistikamt Nord veröffentlichte am 31.12.2017 die Zahlen der Zugewanderten mit den jeweiligen Nationalitäten. Zu den drei am stärksten vertretenen Staatsangehörigkeiten, die zwischen 2016 und 2017 nach Hamburg geflüchtet sind, zählen Syrien, Irak und Eritrea.

Forscher der Bertelsmann Stiftung sprechen davon, dass die Anzahl der SchülerInnen aufgrund von steigender Geburtenrate und Zuwanderung immer weiter wächst. Das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) ist ein Dienstleistungszentrum der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg. Im März 2018 veröffentlichte das Institut die Zahlen der SchülerInnen mit und ohne Migrationshintergrund. Dabei zeigt sich, dass in Hamburg inzwischen Kinder mit und ohne Migrationshintergrund die Balance halten. Die Abbildung zeigt den prozentualen Anteil der Jahrgangsstufen eins bis zehn an öffentlichen sowie privaten Schulen in Hamburg. Als nicht definiert gelten die Personen, aus denen die Angaben zum Migrationshintergrund fehlen.

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Was unternimmt die Schulbehörde, Herr Rabe?

Mit dem Modellprojekt „Deutsch als Zweitsprache im Fachunterricht“ will Bildungssenator Ties Rabe (SPD) die Sprachfähigkeiten sowie die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund fördern. Ziel ist die Eingliederung ehemaliger IVK-SchülerInnen in den Regelunterricht. Es soll außerdem verhindert werden, dass SchülerInnen aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse im Fachunterricht scheitern. Deshalb findet die Förderung der deutschen Sprache innerhalb des Fachunterrichts statt. Das Projekt läuft seit zwei Jahren an insgesamt 43 Schulen Hamburgs, darunter auch Grund– und Stadtteilschulen. Bisher nahmen etwa 2.000 LehrerInnen an Fortbildungen dafür teil. Für FINK.HAMBURG sprach Redakteurin Shahrzad Rahbari mit Ties Rabe.

FINK.HAMBURG: Das Modell „Deutsch als Zweitsprache im Fachunterricht“ sieht  Sprachförderung auch im Fachunterricht vor. Auf welche Herausforderungen sind Sie gestoßen?

Ties Rabe: Es ist zunächst einmal nicht leicht gewesen, Fachlehrkräfte, die ihr Fach unterrichten wollen, davon zu überzeugen, dass sie jetzt auch noch an die Sprache der SchülerInnen denken sollten. Zunächst haben einzelne befürchtet, dass ihr eigenes Schulfach nicht mehr so ernst genommen wird oder im Mittelpunkt steht. Zudem wurde auch entgegnet, dass die Fachlehrkräfte nicht als Deutschlehrkräfte ausgebildet worden sind, sondern als Lehrkräfte für Sport oder Mathe und deswegen auch die Expertise als LehrerInnen nicht haben.

Sind Sie also innerhalb der Lehrerschaft auf negative Haltungen gestoßen?

Die LehrerInnen waren am Ende außerordentlich zufrieden und der Auffassung, dass das Modell ihrem Unterricht genützt hat, sich gut den SchülerInnen vermitteln lässt und auch auf Interesse und Wirkung stößt. Gegenstimmen gab es tatsächlich keine. Wir haben gesagt, das probieren wir nur dort aus, wo sich alle Lehrkräfte vorher in einem Bewerbungsverfahren dafür beworben hatten. Die, die teilgenommen haben, waren auch für dieses Modell.

Gibt es auch Statistiken oder Erhebungen, die die schulischen Erfolge durch dieses Modell nachweisen?

Auch wenn das für die Öffentlichkeit ein bisschen wenig klingt: Es gibt bei solchen Schulversuchen durchaus Auswertungen, die sich aber nur auf die Lehrerbefragung stützen. Es ist mir kein Schulversuch bekannt, in dem sich Forscher daran machen, zu messen, dass SchülerInnen jetzt in einem Fach bessere Noten haben oder ähnliches.

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Denken Sie, dass es bei Integrationsförderkursen einen Unterschied machen würde, wenn der Integrationslehrende selbst einen Migrationshintergrund mitbringt?

Ich würde es mir sehr wünschen, dass wir genauso viele LehrerInnen mit Migrationshintergrund haben, wie es in der Bevölkerung der Fall ist. Das trifft aber nicht zu. Es liegt daran, dass wir als Schulbehörde gar nicht nach Migrationshintergrund einstellen dürfen. Hier müssen wir uns an die Gesetze und Verordnungen halten, nach denen ausnahmslos die besten Bewerberinnen und Bewerber einzustellen sind – unabhängig von Herkunft und Milieu. Ich wünsche mir mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund vor allem deshalb, weil Lehrende Vorbilder sind und für die SchülerInnen aus unterschiedlichen Milieus ein Zukunftsziel darstellen können, das auch für sie erreichbar ist. Das soll Ansporn und Mut machen. Wir bieten daher Lehrkräften mit Migrationshintergrund Netzwerke und Förderprogramme an.

Finden Sie die Einführung von interkulturellen Kompetenzen im Schulprogramm sinnvoll?

Interkulturelle Kompetenzen gehören in Hamburg zwingend dazu. Wir haben eine Schülerschaft, die sich verändert hat. Dazu gehören auch SchülerInnen, deren Eltern in einem anderen Land geboren sind. Wir müssen uns aber davon lösen diese SchülerInnen ständig als geschlossene Gruppe zu einem Sonderfall zu machen. Wir müssen darauf achten, die SchülerInnen in ihrer Individualität zu fördern und nicht das Thema Migrationshintergrund als Grundsatz der Hamburger Schulpolitik zu machen.

Und wie sieht es mit dem Religionsunterricht für SchülerInnen muslimischen Glaubens aus?

Wir arbeiten an einem „Religionsunterricht für alle“, an dem sich alle Religionsgemeinden, nämlich Sunniten, Schiiten und Aleviten, die jüdische, evangelische und katholische Gemeinde im Religionsunterricht beteiligen. Dann würde der Religionsunterricht von Lehrenden aller Konfessionen gemacht werden. Ich habe ein großes Interesse daran, dass SchülerInnen in Hamburg gemeinsam lernen. Es ist wichtig in einer Stadt, in der alle eng zusammenleben, die jungen Menschen die Unterschiedlichkeit des anderen auch miterleben und sich nicht in Kleinstgruppen separieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rabe.

Hamburg weist eine hohe Zahl von MigrantInnen auf, die aus unterschiedlichen Ländern stammen. Die Offenheit der SchülerInnen und Lehrenden sorgt dafür, dass das friedliche Miteinander besser im Schul– und im späteren Berufsleben funktioniert.

Lern mich doch mal kennen!

Offen sein, nicht nur in Bezug auf die religiöse Zugehörigkeit, sondern der ganz persönlichen Geschichte gegenüber. Auch im Geschichtsunterricht am Helmut-Schmidt-Gymnasium steht der Hintergrund der SchülerInnen im Fokus. Hierfür nehmen SchülerInnen Fotos ihrer Familie aus der Heimat mit und erzählen ihre Migrationsgeschichte, sofern eine besteht. „Dieser subjektive Zugang soll Raum bekommen, sodass man mit seiner ganz persönlichen Zwiebelschale und den einzelnen Schichten gesehen werden kann“, so Schulleiter Clasing.

Unter den SchülerInnen herrscht laut Omeima Garci, Schülerin der zehnten Klasse, keine Diskriminierung oder Ausgrenzung, weder im Unterricht noch in der freien gemeinsamen Zeit: „Für uns ist die Herkunft egal. Wichtig ist, dass wir wissen, wir haben eine Position in der Gesellschaft und können etwas bewirken.“

Starke Stimmen

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Omeima Garci schreibt gerne. Für ihren Artikel ‚Bin ich nicht Deutsch, weil ich keine Bockwurst mag?!‘ hat sie zwei Preise gewonnen. In ihrem Text beschäftigt sie sich mit ihrer Nationalität und Identität in Deutschland, denn Omeimas Eltern stammen aus Marokko und Tunesien. Sie schreibt „Deutschland braucht Diversität“ und das möchte sie auch weitergeben. „Das allerwichtigste ist, dass man authentisch schreibt. Dass man schreibt, was man denkt, was man fühlt, weil nur dann der Artikel gut wird und eine persönliche Note bekommt“, sagt Omeima.

Nicht nur sie ist leidenschaftliche Texterin. Viele weitere SchülerInnen des Helmut-Schmidt-Gymnasiums schreiben über ihre Identitätskrise und dem Wunsch nach mehr Akzeptanz für Diversität. In einer Anthologie zur Poesie der Identität ‚Kein deutscher Land‚ bringen die SchülerInnen ihre Gedanken und Gefühle zu Wort. Der Artikel der Schülerin Emira Akbarzada, die erst kürzlich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hat, wurde vom Hamburger Abendblatt veröffentlicht. Schulleiter Volker Clasing ist stolz: „Wir haben starke Stimmen hier, die auch gut schreiben können.“

Denkmal an Helmut Schmidt
Die Schule, die urpsrünglich Gymnasium Kirchdorf/Wilhelmsburg hieß, erhielt 2012 den Namen Helmut-Schmidt-Gymnasium. Damit soll ein Denkmal an den beliebten Kanzler Helmut Schmidt und seinem Engagement bei der Flutkatastrophe 1962 in Wilhelmsburg gesetzt werden.
Die SchülerInnen stellten 2018 eine Ausstellung „Helmut Schmidt erleben“ zusammen.