Das „Flüchtling-Magazin“ ist eine ehrenamtliche Zeitschrift von und für geflüchtete JournalistInnen. Seit 2017 können sie hier über ihre Fluchtgeschichten, ihre Träume aber auch kulturelle Tabus schreiben.

Hussam Al-Zaher, Chefredakteur des „Flüchtling-Magazins“, ist Journalist und selbst vor drei Jahren aus Syrien geflüchtet. In Deutschland angekommen wollte er weiter seiner Berufung nachgehen. Seine Idee: Eine deutsche Plattform von und für Flüchtlinge auf der sie ihre Fluchtgeschichte veröffentlichen und von ihrem neuen Leben in Deutschland sowie kulturellen Verschiedenheiten berichten. Unter den AutorInnen sind Menschen aus mehr als zehn Nationen. „Die Menschen sollen uns besser verstehen und wir möchten über unser Leben schreiben“, sagt Al-Zaher.

Das „Flüchtling-Magazin“ wird ehrenamtlich betrieben und finanziert sich durch Spenden. Der leetHub auf St. Pauli bietet Raum für Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund. An diesem Ort treffen sich regelmäßig AutorInnen und besprechen ihre Artikel, denn hier hat auch die Redaktion des „Flüchtling-Magazins“ ihren Sitz. Das Magazin gab es zunächst nur online, inzwischen sind allerdings zwei Printausgaben erschienen, weitere sind geplant. Damit will Hussam Al-Zaher vor allem die Menschen erreichen, die nicht digital vernetzt sind.

Tabus und Pressefreiheit

FINK.HAMBURG interviewt neben dem Chefredakteur weitere Akteure des Magazins. Sahar Reza ist 31 und geflüchtete Journalistin aus Afghanistan. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie in Pakistan und Indien, wo sie Politikwissenschaften und Europäische Rechtswissenschaft bis zum Master studierte. Später kehrte sie nach Afghanistan zurück und schrieb dort regelmäßig über Frauen- und Menschenrechte sowie über das politische System in Afghanistan. Reza ist immer schon politisch aktiv gewesen, auch hier in Deutschland möchte sie Tabuthemen ansprechen. „Über Pädophillie in Afghanistan redet keiner, weder dort noch hier. Ich möchte aber nicht schweigen, sondern darauf aufmerksam machen. Vielleicht finden sich dann Menschenrechtsaktivisten, die etwas gegen Pädophillie tun“, sagt Reza.

In ihrer Heimat herrscht keine Pressefreiheit und ihr Interesse an Frauenrechten sorgte für viele Drohungen seitens der Regierung. Schließlich flüchtete Reza 2014 nach Deutschland, um sich ein sicheres Leben aufzubauen und freier schreiben zu können. Hier traf sie auf einer Veranstaltung Hussam Al-Zaher, der ihr vom „Flüchtling-Magazin“ erzählte. „Seitdem schreibe ich jeden Monat über verschiedene Themen und sehe das als Chance, meine Gedanken zu vermitteln“, sagt Reza. Wichtig für sie:

„Ich muss über meine Ideologie schreiben können“

Neben dem Schreiben belegt Sahar Reza Sprachkurse, um die deutsche Sprache fließend sprechen zu können. Im Rahmen des „Flüchtling-Magazins“ findet ein Schreibtandem statt, wo Geflüchtete ihre Texte gemeinsam mit muttersprachlichen Tandempartnern verfassen. Dadurch kann Reza inzwischen deutsche Texte verfassen. Zuvor schrieb sie ihre Artikel auf Englisch.

Geflüchtete: Aktuelle Zahlen von Geflüchteten. Infografik: Shahrzad Rahbari mit Piktochart
Aktuelle Zahlen von Geflüchteten. Infografik: Shahrzad Rahbari mit Piktochart

Einblick in fremde Kulturen

Tilla Lingenberg ist Autorin und Rezas Tandempartnerin. Sie lernte Reza auf einer Lesung des „Flüchtling-Magazins“ kennen. Ein spontaner Besuch in der Redaktion weckte ihr Interesse, mit Reza zu arbeiten. Bis dahin hatte sie zwei minderjährige Afghanen bei sich aufgenommen. Aber sie setzt sich auch für andere Geflüchtete ein: zum Beispiel für die aus Syrien stammenden Jilan Alsaho. Die wurde an der Yalla Media Akademie zunächst abgewiesen. Nachdem Lingenberg die Akademie von Alsahos Können überzeugte, wurde sie doch angenommen. „Sobald sich eine deutsche Person für Flüchtlinge einsetzt und nur sagt, ich kenne und mag diese Person, klappt es sofort“, sagt Lingenberg.

Ein Artikel, den Reza veröffentlicht hat, thematisiert Tabus in der afghanischen Kultur. Lingenberg fiel nämlich auf, dass sie die afghanischen Jungen, die sie betreute, auf bestimmte Themen nicht ansprechen konnte. Nach Rezas Artikel wunderte sie die abwehrende Haltung nicht mehr: „Wenn ich die Jungen auf die Mutter und die Schwestern angesprochen habe, reagierten sie gereizt. Jetzt verstehe ich, dass es in der afghanischen Kultur nicht üblich ist, über die weiblichen Angehörige der Familie zu sprechen. Es gibt Tabus, über die wir Deutsche nichts wissen. Dann wird darüber gesprochen und man fängt an, die fremde Kultur zu verstehen.“

Perspektiven für geflüchtete JournalistInnen

In Hamburg gibt es bereits einige Initiativen, die geflüchteten JournalistInnen eine Perspektive bieten. Beispielsweise unterstützt die Körber-Stiftung den Dialog zwischen Kulturen. Gemeinsam können Geflüchtete auf Veranstaltungen ihre Geschichte erzählen und zur internationalen Verständigung beitragen. Eines dieser Veranstaltungen ist das Exil Media Forum. Das Treffen mit bundesweiten Medienschaffenden findet ein Mal im Jahr statt und thematisiert im Exil lebende JournalistInnen. Auch das „Flüchtling-Magazin“ war 2018 dabei. Unter anderem wurde darüber diskutiert, wieweit Akteure die deutsche Sprache perfekt beherrschen müssen, um am Diskurs teilnehmen zu können.

Für das „Hamburger Abendblatt“ verfasste Reza im Rahmen eines Flüchtlingsprojekts bereits Beiträge. Neun Monate lang durften Geflüchtete jeden Monat ihre Fluchtgeschichten erzählen. Das „Hamburger Abendblatt“ wolle den Geflüchteten damit eine eigene Stimme verleihen.

Auch in der Finkenau ist das Thema Geflüchtete und Journalismus von Bedeutung. Hamburg Media School bietet geflüchteten JournalistInnen eine Weiterbildung an. Mit dem Programm „Digitale Medien für Flüchtlinge“ schaffen sie neue Perspektive für Medienschaffende aus allen Ländern der Welt. Das Programm beinhaltet ein sechsmonatiges Kursprogramm mit anschließendem Praktikum in einem Medienunternehmen in Hamburg. AbsolventInnen haben auch die Möglichkeit, an einer Filmproduktion teilzunehmen. Sahar Reza besuchte im vergangenen Kurs die StudentInnen der Hamburg Media School und erzählte von ihren journalistischen Aktivitäten.

Das „Flüchtling-Magazin“ erscheint gedruckt drei bis vier Mal im Jahr, online werden regelmäßiger Texte veröffentlicht. Um die Integration zu fördern, bietet die Gemeinde regelmäßig Workshops und Veranstaltungen an.