Deisel, Ray Berry oder adibos – Markenfälschung ist ein Problem, mit dem sich viele Unternehmen weltweit konfrontiert sehen. Der Zoll am Hamburger Hafen wirkt der Produktpiraterie entgegen. Eine Jahresbilanz.

„Produktpiraterie“ nennt sich das Geschäft der Fälscher, bei dem es darum geht, bekannte Marken zu kopieren und zum Verwechseln ähnliche Produkte günstiger zu verkaufen. Nicht nur Urheberrechte und gewerblicher Rechtsschutz werden dabei verletzt, auch der faire Wettbewerb des Handels wird wissentlich zerstört. Geringe Herstellungskosten und die Ausbeutung günstiger Arbeitskräfte schaden dem Markt. Schlechte Plagiate können auch zur Schädigung einer Marke führen und dadurch womöglich die Existenz eines Unternehmens bedrohen. Dies gilt insbesondere für ein Land wie Deutschland, das für hochwertige Produkte bekannt ist.

60 Milliarden Euro Schaden jährlich

Produktfälschungen treten branchenübergreifend auf und reichen von Handtaschen über elektronische Geräte bis hin zu Maschinen sowie ganzen Industrieanlagen. Der jährlich durch Marken- und Produktpiraterie entstehende Schaden liegt nach Schätzungen des Amtes der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) für deutsche Unternehmen bei ungefähr 8,3 Milliarden Euro. Insgesamt ist der Schaden „Spiegel Online“ zufolge auf 60 Milliarden Euro jährlich zu schätzen.

Eine Studie von Ernst und Young von 2012 zeigt, dass 65 Prozent der Verbraucher bereits Produktfälschungen gekauft haben – davon 30 Prozent bewusst. Wissentlich nach der günstigen Alternative von adibos und Co. haben vor allem junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 gegriffen. Welche Gefahren die Produktpiraterie für Verbraucherinnen und Verbraucher darstellt ist vielen nicht klar. So besteht die Möglichkeit, dass bei minderwertigen Farben und Materialien giftige Dämpfe austreten, die die Gesundheit nachhaltig schädigen können. Ein Risiko besteht auch bei nachgeahmter Kosmetik und Medikamenten, denn häufig entspricht die Rezeptur nicht dem Original.

Produktpiraterie
Geschmuggelte Fälschungen erreichen den Hamburger Hafen insbesondere aus China. Grafik: Melina Deschke

Freihafen war gestern
Nach 125 Jahren gelten seit 2013 im Hamburger Hafen die Regeln eines Seezollhafens innerhalb der Europäischen Union. Im Seezollhafen lagern Waren innerhalb der EU zollfrei. Alle Waren, die aus einem Drittland außerhalb der EU kommen, erfasst der Zoll im IT-System ATLAS. Außerhalb von speziellen Zolllagern dürfen sie nur vorrübergehend verwahrt werden. Die Abschaffung der Freizone hat die Zollkontrollen im Hamburger Hafen erleichtert und den Straßenverkehr entlastet.

Der Zoll: Türsteher des Hafens

Die Instanz, die diesem Problem entgegenwirken möchte ist der Zoll. Der 205 Quadratkilometer große Bezirk des Hauptzollamtes Hamburg-Hafen befindet sich in den südlich der Elbe gelegenen Stadtteilen. Er umfasst unter anderem den gesamten Hamburger Hafen. Innerhalb seines Bezirks ist das Hauptzollamt Hamburg-Hafen zuständig für die zollamtliche Überwachung und Abfertigung von Import- und Exportwaren. Dem Hauptzollamt ist das Zollamt Waltershof angegliedert.

„Die Zollbeamten arbeiten nicht nur von 8 bis 16 Uhr, sondern rund um die Uhr. Im Wochenendbetrieb und an Feiertagen stellen sie sicher, dass das Tor zum Hamburger Hafen und das Tor zur Welt nie geschlossen ist“, sagt Michael Schrader, Leiter des Zollfahndungsamts am Hafen.

Die Jahresbilanz des Zolls

Im Rahmen der Jahresbilanz des Hamburger Zolls wurde im April 2018 bekanntgegeben, dass vor allem gefälschte Körperpflegeprodukte, Kleidung, Elektronikartikel, Spielzeug und Schuhe gefunden worden seien. Insgesamt konnte der Zoll am Hamburger Hafen im vergangenen Jahr Fälschungen im Wert von 36 Millionen Euro sicherstellen.

„Wenn man das pro Kopf runterrechnet, hat jeder Kollege dieses Jahr Waren im Wert von 30.000 Euro sichergestellt“, sagt Michael Schrader. Im Jahr 2017 hat das Hauptzollamt Hamburg-Hafen Zölle und Einfuhrumsatzsteuer in Höhe von 9,6 Milliarden Euro eingenommen. Der darin enthaltene Anteil an Zöllen in Höhe von rund 1,07 Milliarden Euro stellt ein Viertel der bundesdeutschen Zolleinnahmen dar. Die Warenströme, die die Europäische Union über den Hamburger Hafen erreichen und verlassen, unterliegen der zollamtlichen Überwachung. Täglich beschauen die Beamten des Zollamts Waltershof mehrere hundert Anmeldepositionen.

Aus Sportschuh wird Sportplatz

Einer der größten vom Zoll am Hafen verhinderten Schmuggelversuche war der Fund von Sportschuh-Fälschungen im Wert von 383 Millionen Euro im November 2006. Die Produkte stammten aus Asien und sollten von Hamburg aus weiter nach Ungarn, Österreich und Italien verschifft werden. Die Zollbeamten waren ursprünglich auf der Suche nach geschmuggelten Zigaretten – fanden stattdessen jedoch 115 Container voll von Plagiaten der Marken „Nike“, „Adidas“ und „Puma“. Nicht nur ein Riesenfund, sondern auch ein großer Zufall. Der Zoll darf nämlich nicht einfach so in jeden Container schauen, der ihm verdächtig vorkommt.

Wie läuft eigentlich eine Zollinspektion ab?

Meist meldet der Zoll einen Tag vor der Beschauung eines Containers die Zollkontrolle an. „Ganz wesentlich ist die Kontrolle“, sagt Michael Schrader. Zur Inspektion verlagert das Hafenpersonal zu prüfende Container an einen entsprechenden Prüfplatz. Die Zöllner selbst dürfen die Container nicht aus- und einräumen, das übernimmt das Hafenpersonal. Mit einem Bolzenschneider wird das Siegel der Rederei durchtrennt und stichprobenhaft verpackte Produkte aus dem Container entnommen. Das Zollpersonal gleicht die verpackten Waren mit den Angaben der Zolldeklaration ab.

Die Zollbeamten bestimmen dann zusätzliche Steuern oder deklarieren  Schmuggelware entsprechend. Einen gesetzeskonform beladenen Container versiegelt das Hafenpersonal wieder und leitet ihn zur Abfertigung weiter. Falsifikate oder falsch angegebene Waren im Container beschlagnahmt der Zoll. Fälschungen werden aufgrund von Sicherheit und Wirtschaftsschäden ausnahmlos beseitigt. Gefälschte Produkte verbrennt, schreddert oder verarbeitet der Zoll des Hamburger Hafens weiter – zum Beispiel, wie die Turnschuhe im Rekordfund von 2006, zu Bodenplatten eines Sportplatzes.

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Die Anzahl sichergestellter Fälschungen war 2014 besonders hoch. Für 2015 liegen keine Daten vor. Grafik: Melina Deschke

Diesel setzt auf Fake-Kampagne

Zu Beginn dieses Jahres versetzte die Modemarke Diesel den Bekleidungsmarkt in hellen Aufruhr. „Deisel – For Successfull Living“, lautet das Motto einer skurrilen Kampagne von Diesel. Im New Yorker Stadtteil Chinatown eröffnete die Modemarke einen Pop-Up-Store. Auch in Hamburg gab es im Februar ein Event zur Kampagne. Dort wurden vermeintliche Fälschungen verkauft – in Wahrheit handelte es sich um Originalware von Diesel.

Plagiate sieht in der Regel niemand gerne, aber  für den Diesel-Gründer Renzo Rosso ist die Produktnachahmung nicht nur nachteilig. Wenn jemand eine Marke kopiert, so sei die Marke wertvoll und in den Köpfen der Konsumenten präsent, sagte er der Vogue. Dennoch seien Marken stets bemüht, sich vor Fälschungen zu schützen. Diesel setzt sich selbst auch mit Nulltoleranz gegen Betrüger ein. Den New Yorker Store bezeichnet er als Scherz und Ausdruck von Selbstironie. Dennoch gilt für Renzo Rosso: Wer die Fake-Kampagne nachahmen möchte, muss eine Kopie von der Kopie entwickeln. Denn: Auch Deisel sei bereits markenrechtlich geschützt. Eine Kampagne, die Aufmerksamkeit für das Thema Produktpiraterie wecken soll.

Not all fakes are fake… #Deisel #GoWithTheFlaw

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Cherifa Akili, Jahrgang 1991, hat einen Spleen: Bevor sie duscht, spült sie die Shampoo-Flasche ab, um nicht mit den daran haftenden Keimen in Berührung zu kommen. So sorgfältig ist die gebürtige Bremerin mit ghanaischen Wurzeln auch, wenn es um Mode geht. Während ihres Bachelor-Studiums „Bekleidung – Technik und Management“ startete sie ihren Blog curlsallover.com mit eigenem Instagram-Account. Dort hat sie 9.000 Follower, denen sie neue Mode- und Lifestyle-Trends zeigt. Außerdem organisierte sie für das Label Closed (ein großes Modelabel) Fotoshootings – von der Auswahl der Fotografen bis zum Druck der Kampagnenplakate. In ihrer Freizeit treibt sich Cherifa mit Hip-Hop und R'n'B im Fitnessstudio zu Höchstleistungen an.
Einen Fischkutter in Franken? Den gibt’s – und zwar als Bar. Lisa Kretz, Jahrgang 1991, hat dort gelernt, unfallfrei Silvaner zu servieren. Fast ein Wunder, sagt sie doch über sich selbst, dass sie sogar über Hindernisse falle, die gar nicht vorhanden sind. Beruflich hat sie keine Schwierigkeiten, einer klaren Linie zu folgen. In Würzburg studierte Lisa BWL mit dem Schwerpunkt Medien. Für eine Boutique baute sie die Social-Media-Kanäle auf, fotografierte Outfits für Instagram und schrieb Blogbeiträge. Nach einem Praktikum in einer Münchner Werbeagentur entwickelt sie Social-Media-Kampagnen für ein Hamburger Tech-Startup – samt Videoproduktion. Und sie zeigt den Followern wie man einen Gastronomiebetrieb mit dem iPad organisiert.
Melina Deschke, geboren 1992, kommt aus dem Pott. In Hamburg hat sie sich schon 2013 verliebt, während einer Hospitanz bei der Gaming-Sendung „Reload“, die vom ARD-Digitalkanal „Einsplus“ ausgestrahlt wurde. Dort sammelte sie ihre ersten Erfahrungen im Videoschnitt. Bereits zuvor spielte sie bei einem Praktikum in der Redaktion von „Vorzocker“ beruflich Videospiele. In Düsseldorf studierte sie Kommunikationsdesign und fand heraus, dass sie lieber kommuniziert als designt. Für den Hochschulsender „Paradise Park“ berichtete sie von Kunst- und Kulturveranstaltungen. Im Falle einer Zombie-Apokalypse wird Melina zu den wenigen Überlebenden gehören: Für ihre Bachelorarbeit schaute sie mehr als 100 Zombie-Filme. Kürzel: meld
Für Sophie Schreiber, Jahrgang 1994, beginnt ein gemütlicher Morgen nicht nur spät, sondern auch mit einem Frühstück im Bett. Auf Reisen sucht sie hingegen das Abenteuer: Nach dem Abitur durchquerte sie Australien und machte einen Roadtrip durch Deutschland. In Hamburg ist sie allerdings fest verwurzelt. Selbst während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg pendelte sie. Ihr Faible für das Schreiben entdeckte sie während eines Praktikums in der Hamburger Redaktion von „Kulturnews“. Dort sammelte Sophie erste Erfahrungen im Lokaljournalismus, führte Interviews und berichtete über Festivals. Ihr Wissen kann sie nun bei FINK.HAMBURG anwenden und vertiefen. Das Pendeln hat damit auch ein Ende und Sophie bleiben morgens ein paar Minuten länger unter der Bettdecke. Kürzel: sch