Am kurdischen Abend der Heimatfilme trifft FINK.HAMBURG auf den Jugend- und Kulturverein KOMCIWAN. Mit dem Kurzfilm „KÎNE-EM(A) KURDΓ möchten junge Kurden mit Vorurteilen aufräumen.

Seit bereits mehr als zwei Jahrzehnten ist die Jugendgruppe KOMCIWAN an vielen Standorten in Deutschland und auch europaweit tätig. Gemeinsam organisierte Kultur-Events wie Tanzabende, Ausflüge und Workshops sollen jungen Menschen mit Migrationshintergrund helfen, sich wohl zu fühlen. Medya Kofli (31) und Janina Granfar (28) sind bei KOMCIWAN in Berlin tätig. In ihrem Animationsprojekt „KÎNE-EM(A) KURDΓ verkleiden sich die Mitglieder der Jugendgruppe traditionell kurdisch und stellen mit ausgeschnittenen Papierfiguren szenisch Vorurteile dar, denen fast jeder Kurde schon einmal begegnet ist. Der Titel bedeutet übersetzt „Wer sind wir?“ Mit lustigen Effekten ist die Animation für jung und alt geeignet. Neben ihrem Kurzfilm hat die Jugendgruppe außerdem leckeres traditionelles Essen mitgebracht.

Was bedeutet KOMCIWAN? 

Medya Kofli: KOMCIWAN bedeutet übersetzt das Zusammenkommen von jungen Menschen. Allein in Berlin sind wir etwa 30 aktive Mitglieder verschiedenen Alters. In erster Linie ist es egal, woher man stammt – wir möchten einfach zusammen sein und unsere Kultur vermitteln.

Was bewegt dich dazu, in diesem Verein mitzuwirken? 

Medya Kofli: Das Politische, das in den meisten kurdischen Gemeinden im Vordergrund steht, war zunächst nicht meine Motivation. Mir ging es eher um die Beibehaltung meiner kurdischen Identität in Deutschland. Die kurdische Kultur hat mir hier einfach gefehlt. Ich bin jetzt seit ungefähr zehn Jahren dabei und möchte jungen Kurden die Möglichkeit bieten, miteinander Zeit zu verbringen – eben das, was mir selbst in meiner Kindheit fehlte.

Janina Granfar: Ich bin durch Zufall auf KOMCIWAN gestoßen. Während meines Studiums habe ich mich auf theoretischen Ebenen intensive mit Vorurteilen, Diskriminierung, Ausgrenzung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und all diesen Themen befasst. Das Animationsprojekt hat mir ermöglicht, praktische Erfahrung zu sammeln. Ich habe zu dem Thema erstmal gar nichts gewusst und habe durch den Austausch viel gelernt. Es macht mir Spaß, auch ohne kurdischen Hintergrund, Jugendliche zu stärken.

Was möchtest du mit KOMCIWAN erreichen?

Medya Kofli: KOMCIWAN hat mich zu dem politisch aktiven Menschen gemacht, der ich heute bin, weil mir bewusst wurde, dass ich etwas für mein Volk tun muss. Auch wenn für mich ein freies Kurdistan und die Rechte der Kurden definitiv wichtig sind, steht für mich bei KOMCIWAN an erster Stelle ein „Sprachrohr in Deutschland“ zu sein, um Gehör für mein Volk zu verschaffen – gerade in der Heimat. Das reicht mir, selbst wenn ich mich, unseren Verein und Kurden auf Veranstaltungen wie dieser repräsentiere. Das bedeutet für mich schon, dass ich etwas für mein Volk geleistet habe.

Die besten Erfahrungen mit diesem Verein?

Medya Kofli: Es hat mich glücklich gemacht, die vielen Kurden und Nichtkurden zu treffen. Ich bin selbst Kurdin und war total im Kulturschock, denn wir sind eine Gemeinschaft von verschiedenen Kurden aus Syrien, der Türkei, dem Irak und dem Iran. Jeder von uns bringt einen Akzent mit, der unsere Gemeinschaft stärkt. Besonders bewegend fand ich unseren Ausflug mit einem Kooperationsverein in das kurdische Gebiet der Türkei. Es hat mich berührt zu sehen, wie motiviert und engagiert Menschen sind, die unterdrückt werden.

Janina Granfar: Die persönlichen und teilweise sehr intimen Gespräche, die ich mit Kurden geführt habe. Ihre individuellen Geschichten bewegen mich heute noch. Beispielsweise war ich mir vielen Vorurteilen nicht bewusst. Daraus ist auch viel in unseren Kurzfilm eingeflossen.

Gibt es auch schon größere Pläne, die ihr verwirklichen wollt?

Medya Kofli: Wir wollen groß rauskommen! Wir zeigen unsere Kurzfilme auf vielen Veranstaltungen. Zuletzt auf dem 8. Kurdischen Filmfestival in Berlin. Wir möchten aber nicht nur durch soziale Portale wie Facebook und Instagram auf uns aufmerksam machen, sondern uns weiträumiger durch größere Projektzusammenarbeit präsentieren.

Janina Granfar: Wir möchten außerdem Kooperationspartner finden, die auch dazu bereit sind, unsere Projekte zu zeigen. Unsere Animation ist visuell sehr einfach, aber nicht nur auf Jugendliche ausgerichtet, sondern auch auf Erwachsene. Wir wollen gerne in beide Richtungen gehen, denn Vorurteile kommen nicht nur von jungen Menschen.

Was macht den Kern deiner Arbeit mit KOMCIWAN aus?

Medya Kofli: Ich möchte das Unmögliche versuchen. Mit meiner Arbeit assoziiere ich nicht nur meine eigene Identität, sondern möchte das Unbekannte vermitteln. Still sein ist keine Option mehr für mich.

Janina Granfar: Leute sollten aufhören, sich über Dinge zu definieren, die sie eigentlich gar nicht ausmachen. Sei es das Geschlecht oder Oberflächlichkeiten. Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen sich trauen, sie selbst zu sein, auch wenn es gegen den Mainstream geht. Steht zu euch selbst und macht das beste draus!

Fünf Fakten zum Begriff Kurdistan

  1. Die kurdische Bevölkerung nennt die von ihnen bewohnten Siedlungsgebiete Kurdistan. Sie liegen im Irak, in der Türkei, in Syrien, im Iran und in Aserbaidschan.
  2. Die Staaten, über die sich dieses Gebiet erstreckt, vermeiden zumeist die Bezeichnung Kurdistan oder verbieten den Gebrauch des Begriffes sogar.
  3. Traditionell ist die Hauptmahlzeit des Tages das Mittagessen, das zwischen 12 und 14 Uhr eingenommen wird. Durch einen Wandel der Arbeitsgewohnheiten nehmen aber mittlerweile viele Kurden ihre Hauptmahlzeit abends zu sich.
  4. Die genaue Herkunft des kurdischen Volkes ist nicht geklärt. Im Mittelalter wurde der Begriff „Kurd“ für Nomadenstämme benutzt, die weder Araber noch Türken waren. Sie hatten im westlichen Taurusgebirge sowie den östlichen Ausläufern der Zagrosberge ihre Heimat.
  5. Eine einheitliche kurdische Sprache gibt es nicht, sondern die drei Hauptdialektgruppen Kurmandschi (Nordkurdisch), Sorani (Zentralkurdisch) und Zazai.
Vorheriger Artikel„Ich fördere authentische Talente“
Nächster Artikel„Von Kindern für Kinder“
Shahrzad Rahbari, Jahrgang 1994, vermisst seit ihrem ersten Tag in Hamburg Spätzle. Sie hat Dolmetschen und Übersetzen in Germersheim studiert, in der Nähe von Karlsruhe. Shahrzad spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch auch Arabisch und Farsi. Für eine Reportage reiste sie durch das Heimatland ihrer Eltern, den historischen Iran, und porträtierte Einwohner und Orte. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte Shahrzad in ihrer Zeit bei dem HipHop-Magazin Rapspot, für das sie Album-Rezensionen schrieb und Rapper wie Talib Kweli und Tua interviewte. Auch in ihrer Freizeit hört sie am liebsten Rap. Ihr Traum: mit Kendrick Lamar die Straßen von Compton, einem Vorort von L.A., unsicher zu machen. Kürzel: sha