Eine russische Familie zieht nach Deutschland. Doch während die Eltern das als Chance betrachten, sehnt sich ein 12-jähriger Junge nach der Datscha in der Nähe Moskaus, seiner Oma und seinen Freunden. „Peters Odyssee“ ist ein Film über die Kehrseite der Integration.

Sonnenstrahlen brechen sich zwischen den Blättern, Büschen und Gräsern eines leuchtend grünen Waldes. Es ist Sommer. Ein Junge läuft einem Mädchen nach zu einem kleinen Tümpel. Im Wasser spiegeln sich die Gesichter der glücklichen Kinder – Schnitt. Tristesse. Plattenbauten. Herbst. Der Himmel ist grau. Der eben noch so glückliche Junge schlurft gelangweilt über einen Bürgersteig. „Geh doch dahin wo du herkommst“. Jemand schubst den Jungen, stiehlt seine Tasche und durchwühlt sie. Stifte und Zeichenblock lässt der Schubser auf den Boden fallen – Schnitt. Zurück im Wald. Zurück im Abenteuer. Zurück im Glück.

Peters Odyssee beginnt im russischen Sommer

Die Regisseure Alexey Kuzmin-Tarasov und Anna Kolchina inszenieren den Sommer am Rande Moskaus voll leuchtender Farben. Inmitten eines Waldes leben Petya, seine Eltern und dessen Großmutter in einer Datscha, einem kleinen Holzhaus. Petya geht schwimmen mit seiner ersten Liebe Anya oder zeichnet seine Freunde mit Kohlestücken auf einem Zeichenblock. Eines Abends eröffnen ihm seine Eltern, dass sie nach Deutschland reisen werden. Wie lange ist ungewiss. Petya stürmt wutentbrannt aus dem Wohnzimmer, auf der Suche nach Halt, auf der Suche nach Anya. Doch an ihrem Tor öffnet niemand.

Im Morgengrauen des nächsten Tages brechen Petya und seine Eltern auf. Der Junge kauert auf der Rückbank des Ladas. Das Leben in Deutschland beginnt mit dieser Fahrt. Es ist nicht einfach, sich in der Fremde einzuleben. Petya spricht kein Deutsch, hat keine Freunde und scheint Ärger magisch anzuziehen. Dass einzige was er will, ist zurück.

Eine Biografie des Nicht-Ankommens

Die zum Teil wahre Geschichte beruht auf den Erlebnissen des Regisseurs Alexey Kuzmin-Tarasov. Er selbst lebte zehn Jahre in Köln, bevor er zurück in seine Heimat Russland ging. Peters Odyssee handelt von den Erlebnissen eines Jungen, dem es eigentlich gut geht. Der Eltern hat, die ihn und einander lieben. Der Film handelt aber auch von Ohnmacht. Ein Junge, der nicht gefragt wird, ob er in ein fremdes Land gehen möchte, der seine Freunde, seine Großmutter, ja ein ganzes Leben verliert.

Peters Odyssee reiht sich in eine aktuelle Debatte um Zerrissenheit ein. Nicht nur dem russischen Petya fällt es schwer, sich in einem anderen Land einzuleben. In Deutschland wohnen viele Menschen, die Wurzeln in anderen Ländern haben, deren Familien aber teilweise seit mehreren Generationen hier leben. Trotzdem sehen sie sich selbst häufig nicht als Deutsche. Weder hier als noch in ihrem Heimatland werden sie von den Einheimischen als zugehörig wahrgenommen. „Peters Odyssee“ macht erfahrbar, was das bedeutet.

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Carl Lukas Gebhard, geboren 1993, ist gebürtiger Hamburger, also fast – er kommt aus Harburg. Seinen Bachelor und Master hat er in Göttingen in Gender Studies gemacht. In Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsbüro Northeim und Einbeck hat er mit Schülerinnen und Schülern Erklärvideos gedreht, zum Beispiel zu Transsexualität und Mobbing. Auch im Newsroom von FINK.HAMBURG setzt er sich für das Thema Gleichstellung ein. Seine Kühlschranktür ist voll mit Magneten aus der ganzen Welt. In Vietnam trank Lukas in sechs Stunden hundert Bier mit einheimischen Senioren – deren Sprache er danach auch etwas verstand. Ein Jahr jobbte er an der Rezeption der einzigen Jugendherberge in Sankt Moritz. Dreimal in der Woche ist er in Hamburg bouldern. Sein Ziel: krass werden. lg