Silence is a Falling Body.
Aus dem Film "Silence is a Falling Body", in der Mitte: Jaime. Foto: Kino Rebelde

Agustina ist zwölf Jahre alt, als ihr Vater Jaime stirbt. Nach seinem Tod entdeckt sie alte Videos und schnell wird klar: Jaimes Leben war geprägt von Geheimnissen über seine Sexualität. „Silence is a Falling Body“ ist das Dokumentarfilmdebüt der argentinischen Regisseurin und Drehbuchautorin Agustina Comedi.

„Als du geboren wurdest, ist ein Teil deines Vaters gestorben.“ Es sind die Worte eines alten Freundes ihres Vaters Jamie, die Agustina Comedi nicht mehr loslassen. Was war das für eine Seite an Jaime, die sie nie kennengelernt hat? Ihn kann sie nicht mehr fragen – ihr Vater starb bei einem Unfall, als Agustina erst zwölf Jahre alt war. Doch schließlich findet sie alte Videos von ihm und versteht: Ihr Vater war schwul. Schwul, im konservativen Argentinien – einem Land, das für sexuelle Selbstbestimmung noch lange nicht bereit war.

Im Dokumentarfilm „Silence is a Falling Body“ arbeitet die heute 32-jährige Filmemacherin Agustina Comedi das Leben ihres Vaters auf. Sie springt dabei zwischen seinen privaten Aufnahmen und Interviews mit Familie und Freunden. Die Zeitsprünge und die Willkürlichkeit der Amateurvideos machen es dabei schwer, den Überblick zu behalten. Einen roten Faden gibt es trotzdem: Comedi spricht aus dem Off, erzählt aus ihrer Erinnerung, fasst Erkenntnisse zusammen.

„Sie haben alle Masken getragen“

Jaime lebte in einem LGBT-Mikrokosmos: Er lebte, reiste und feierte mit Freunden aus der Szene, die Aufnahmen wirken unbeschwert. Flackernde Bilder von Kostümpartys und Urlauben am FKK-Strand gaukeln dem Zuschauer ein Gefühl von Freiheit vor, die so nicht existierte. „Wenn du eine Schwuchtel warst, wurdest du eingesperrt“, erzählt eine damalige Freundin. „Sie haben alle Masken getragen.“

Elf Jahre lang war Jaime mit Néstor zusammen – dem Mann, der eines Tages sein Trauzeuge sein sollte, nachdem Jaime sich dazu entschieden hatte, eine Frau zu heiraten. „Ich erinnere mich an zwei Tage, an denen mein Vater weinte: 1998, als meine Großmutter starb und einmal 1991“, sagt Comedi. „Jaime fuhr mich im Auto zur Schule und weinte, im Radio redeten sie über den Tod von Freddie Mercury. Was sie nicht sagten, war, dass Néstor einen Tag zuvor gestorben war.“

Für den verwöhnten Kinogänger von heute ist „Silence is a falling body“ anstrengend. Weil der Film bis auf eine Schlusssequenz ausschließlich im 4:3 Format gedreht wurde, hat man das Gefühl, mit Scheuklappen im Kinosessel zu sitzen. Viele Aufnahmen sind verwackelt und unscharf, dafür jedoch authentisch. Wer erfahren möchte, wie es zu Jaimes Sinneswandel kam, wann und warum er sich für das Leben mit einer Frau entschied, wird enttäuscht. Auch für die Perspektiven von Ehefrau und Tochter bleibt kein Platz. Dennoch – die unaufgeregte Weise, in der Comedi das Schicksal ihres Vaters erzählt, berührt. Vom größeren Kontext, den politischen und gesellschaftlichen Zuständen in Argentinien, bekommt der Zuschauer allerdings nur eine wage Ahnung.