Am Donnerstag ist Weltmädchentag. Seit 2012 werden dann besondere Gebäude der Stadt pinkfarben angestrahlt. Feministische Bewegungen monieren das. Dabei ist die Farbauswahl der ganz falsche Ansatz für Kritik.

Am Weltmädchentag werden in über 60 Ländern verschiedene Wahrzeichen pinkfarben angeleuchtet. In Hamburg unter anderem die Hauptkirche Sankt Petri. So will man auf die Unterdrückung von Frauen und Mädchen aufmerksam machen. Immer noch gehen weltweit 130 Millionen Mädchen nicht zur Schule und nur einen Bruchteil von Führungsämtern ist weiblich besetzt.

Die Diskussion über diese gesellschaftlichen Missstände gerät allerdings gerade in den Hintergrund. Im Vordergrund steht die nahe liegende Debatte um die Farbauswahl. Vor allem feministische Bewegungen monieren, dass Pink und Rosa das kommerzialisierte Rollenbild von Mädchen und Frauen befeuern. Aber ist dieses Farbbild wirklich noch aktuell?

Rosa: eine Farbe für Jungs

Rosa wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Mädchenfarbe. Bis in die 1940er Jahre stand Rot für Blut, Krieg und somit für Männlichkeit – das kleine Rot für die kleinen Männer: die Jungen. Die Farbe Blau war ursprünglich den Mädchen vorbehalten, da die Jungfrau Maria blaue Gewänder trug. Eine Umkehrung erfolgte mit den Blue-Collar-Workers, also Männern im Blaumann, der typischen Handwerkerkluft. In der Textilindustrie war eine neue und einfachere Methode, Kleidung zu färben, der Anlass für diesen Wandel.

Kann eine Farbe stinken?

Es ist richtig, dass unsere Farbwahrnehmung kommerziell beeinflusst ist. Die feministische Bewegung Pinkstinks spricht von der Barbie-Ästhetik, die Mädchen auffordert, niedlich zu sein und hübsch auszusehen. Dabei ist nicht die Farbe das Problem, sondern der Zusammenhang, in dem sie zum Einsatz kommt: Laut einer Studie der TU Berlin finden sich auf Mädchenkleidung hauptsächlich Wörter wie „little“, „cute“ und „lovely“. Bei den Jungs dominieren „cool“, „strong“ und „rebel“. Nicht die Farbe des Stoffes stinkt dann, sondern die darauf gedruckte Botschaft.

Die Medienwissenschaftlerin und -pädagogin Dr. Maya Götz hat sogar beobachtet, dass Rosa für Mädchen heute eine andere Relevanz hat und mit einem starken Frauenbild vereinbar ist:

„Rosa ist die einzige Farbe, die nicht Junge ist. Die Mädchen grenzen sich bewusst ab.“

Wir brauchen neue Denkmuster

Rosa und Pink können und sollen für eine selbstbewusste und selbstbestimmte Lebensart von Mädchen und Frauen stehen. Das gelingt, wenn wir dem Reflex widerstehen, kommerzielle Rollenbilder anzuwenden und stattdessen ein neues Frauenbild selbstbewusst einfärben. Aktionstage sind dafür ein guter Anlass.

Zahlen und Fakten

1. Weltweit gehen 130 Millionen Mädchen nicht zur Schule.
2. Erfahren Mädchen auf dem Schulweg oder in der Schule Gewalt, führt dies häufig zu schlechteren Unterrichtsleistungen bis hin zum Abbruch der Schule.
3. In Mali und Niger gehen über 40 Prozent der Mädchen nicht zur Schule.
4. Weltweit leben fast 750 Millionen Mädchen und Frauen in Zwangsehen.
5. Im Durchschnitt gehen 16 Prozent der Mädchen weltweit nicht auf eine weiterführende Schule.

Quelle: Plan International

Die Veranstalterin der Lichteraktion zum Weltmädchentag, die Kinderhilfsorganisation Plan International, argumentiert ähnlich. „Wir sind nicht auf Pink festgelegt, haben uns aber für diese energiereiche Farbe entschieden, da sie Power und Stärke symbolisiert“, so Pressereferentin Barbara Wessel.

Im Gegensatz dazu ist das Programm, das zum Weltmädchentag in Hamburg stattfindet, schwach: Es gibt keins. In Berlin hat zumindest noch die 21-jährige Studentin Celina Kühl die Möglichkeit einen Tag lang in die Rolle der Finanzministerin zu schlüpfen. Für Hamburg ist keine dieser „Takeover-Aktionen“ geplant. Es gibt auch weder Diskussionen noch besondere Info-Veranstaltungen, in denen es um die Ungleichberechtigung von Frauen und Mädchen geht. Das ist mehr als erstaunlich in einer Zeit, in der genau dieses Thema endlich auch unabhängig von Aktionstagen diskutiert wird. Lediglich Farbe zu bekennen reicht da wirklich nicht aus.

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Nadine von Piechowski, Jahrgang 1992, studiert in dem Gebäude, in dem sie geboren wurde: die Finkenau 35, früher eine Geburtsklinik, heute die HAW Hamburg. Bislang hat sie nur nördlich der Elbe gelebt: In Kiel und Kopenhagen studierte sie Geschichte und Archäologie. Nadines ursprünglicher Plan: ein weiblicher Indiana Jones werden. Hut und Peitsche hat sie als Ausrüstung zum Abschluss schon geschenkt bekommen. Trotzdem will sie lieber in den Journalismus. Nadine absolvierte diverse Praktika, etwa in der Pressestelle des Bundes für Natur und Umweltschutz und bei „Radio Hamburg“ in der Redaktion. Beim Helms-Museum in Harburg lektorierte sie einen Ausstellungskatalog. Sie schreibt unter anderem für den Blog „Typisch Hamburch“. In ihrer Freizeit spielt sie Handball und versucht, mit ihrem bienenfreundlichen Balkon die Welt zu retten. Kürzel: nvp