In der Debatte um die Altenpflege wird immer wieder der Personalmangel als Hauptproblem genannt. Aber auch die Aufschlüsselung der Kräfte ist ein Problem. FINK.HAMBURG-Redakteur Henrik Bahlmann hat sich den Alltag einer Pflegekraft in einem Hamburger Altenheim angesehen.

Die Illustrationen zur Reportage fertigte Yannick de la Pêche von der HAW Hamburg an. Hier gibt es Erläuterungen zu den Illustrationen. 

Sechs Uhr dreißig im Besprechungszimmer eines Hamburger Pflegeheims. Der Leiter der Nachtschicht und die Frühschicht sitzen gemeinsam an einem runden Tisch. Es riecht nach einer Mischung aus frisch gekochtem Kaffee und süßlichen Energydrinks, von denen ein Pfleger einen in sich hineinschüttet, nach Desinfektionsmittel und Exkrementen der Bewohner, deren Geruch in den Kleidungen festsitzt.

Für zehn Pflegekräfte startet die Schicht. Sie sind für 70 Bewohner zuständig. Alle sind pflegebedürftig, die einen mehr, die anderen weniger. Vor Schichtbeginn treffen sich die Pflegerinnen und Pfleger zur Übergabe: Welcher Bewohner hat gut gegessen? Welche Bewohnerin hatte in der Nacht größere Probleme? Welchem Bewohner kann man es in seinen letzten Stunden nur noch so schön wie möglich machen?

Dies ist der Alltag für 1,1 Millionen Menschen in der ambulanten und stationären Pflege in Deutschland. Sie alle haben sich den Pflegeberuf ausgesucht – aber warum eigentlich? Sie stehen die ganze Zeit unter Stress und müssen dabei mit ansehen, wie Menschen teilweise die finalen Stadien einer unheilbaren Krankheiten erleben. Wie sie sterben.

Ein Haushalt mit neun Personen

Maria Körber* arbeitet seit 33 Jahren in der Pflege. „Ich bin ziemlich auf“, sagt die 50-Jährige. „Nach fünf bis zehn Jahren ist man eigentlich wieder raus aus der Pflege. Länger hält es niemand aus.“ Fünf bis zehn Jahre. Körber befindet sich im vierten Jahrzehnt. Warum macht sie es sich nicht bis zur Rente auf einem Schreibtischstuhl gemütlich? „Das ist mein Beruf, ich kann mir nichts anderes vorstellen“, sagt sie.

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Yannick de la Pêche

Körber ist seit vier Uhr morgens auf den Beinen. Eine Stunde fährt sie zur Arbeit. Auf Station zwei arbeitet sie im dritten Stockwerk des Heims, das sich in kirchlicher Trägerschaft befindet, mit zwei Kollegen zusammen. Zu dritt sind sie für 28 Bewohnerinnen und Bewohner zuständig. Jede Pflegekraft muss den Haushalt für durchschnittlich mehr als neun Bewohner schmeißen. Das Problem: Auch ihr Arbeitstag besteht nur aus acht Stunden. Was auf der Strecke bleibt, wird schnell klar: Pausen haben die Pflegekräfte nicht wirklich, eine Zigarette verschafft ihnen hier und da mal ein paar Minuten Zeit. Gegessen wird nebenbei. Angesprochen auf den neuen Gesundheitsminister Jens Spahn und seine Pläne für eine bessere Zukunft, sagt Körbers Kollege: „Das Palaver kann ich nicht mehr hören.“

Für Maria Körber habe sich in dem letzten 33 Jahren nichts geändert – nicht die Wechselschichten, nicht das ständige Unterbesetztsein. „Man möchte für die Patienten da sein, kann es aber nicht – es gibt überhaupt keine Zeit dafür.“ Das Soziale werde bei der Personalberechnung total vergessen, sagt Maria. Im Erdgeschoss des Gebäudes sitzt Sonja Bonmann, die Pflegedienst- und Heimleiterin in Personalunion. Sie weiß um die Probleme ihrer Pflegekräfte, lösen kann sie diese aber nicht: „Offiziell haben wir keinen Personalmangel, sondern eigentlich sogar eine halbe Kraft zu viel angestellt“, sagt sie: „Der Personalschlüssel ist nicht in Ordnung.“

„Alte Leute haben keine Lobby“

Personalschlüssel, dieses Wort hört man in der Pflegedebatte häufig. Er setzt sich aus dem jeweiligen Pflegegrad der Bewohner zusammen, der wiederum die benötigten Kräfte bestimmt. Pflegebedürftige werden in fünf Gruppen unterteilt. Das Problem: Der Medizinische Dienst der Krankenkassen, kurz MDK, bestimmt den Pflegegrad der Pflegebedürftigen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Krankenkassen letztendlich für den Pflegebedürftigen zahlen, überrascht es nicht, dass der Pflegegrad oftmals eher zu niedrig als zu hoch angesetzt wird. Das hat jedenfalls die Leiterin des Pflegeheims beobachtet. „Das ganze System stimmt hinten und vorne nicht.“

Zurück im dritten Stock kann man die Folgen des Systems beobachten. Um 11:30 Uhr steckt sich Körber auf einem kleinen Balkon die dritte Zigarette des Tages an, bläst den Rauch aus und erzählt von ihren zwei Bandscheibenvorfällen. „Manchmal denkt man sich schon: Die Menschen im Büro sitzen sich den ganzen Tag den Arsch ab und ich rackere hier rum.“ Neidisch sei sie aber nicht – und tauschen möchte sie auch nicht. Ein paar Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in der Altenpflege würden schon reichen. Sogar den Müll müsse sie am Wochenende nach draußen bringen. „Wir sind teure Putzfrauen“, sagt Körber. Aber warum ist es so schwer, bessere Bedingungen zu schaffen? „Alte Leute haben keine Lobby“, sagt sie.


Die fünf verschiedenen Pflegegrade

  • Pflegegrad 1: Geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit
  • Pflegegrad 2: Erhebliche Beeinträchtigung der Selbständigkeit
  • Pflegegrad 3: Schwere Beeinträchtigung der Selbständigkeit
  • Pflegegrad 4: Schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit
  • Pflegegrad 5: Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

Quelle: Medizinischer Dienst der Krankenversicherung (MDK)


Auch mehr Gehalt würde das Problem nicht lösen. Sie verdient gut, sagt Körber. Durch mehr Geld bekämen sie ja auch nicht mehr Zeit für die Pflegebedürftigen. „Wir brauchen mehr Personal. Ich möchte mich um einen Bewohner kümmern können, wenn er weint. Doch dafür bleibt keine Zeit, es ist eine Fließbandarbeit, um die Grundpflege sicher zu stellen“, sagt sie. Nicht der Personalmangel scheint das Hauptproblem der Altenheime zu sein, sondern der Personalschlüssel. Anhand des Pflegegrades wird berechnet, wie viele finanzielle und dementsprechend auch personelle Mittel ein Pflegeheim für seine Bewohner bekommt. Darüber wird in der Pflegedebatte nur ungenügend diskutiert. Vielmehr ist der Mangel an Personal Schwerpunkt.

Bis zu 500.000 fehlende Pfleger bis 2030

Im April 2018 fehlten insgesamt 36.000 Fachkräfte in der Pflege. Rund 24.000 davon allein in der Altenpflege. Und die Lage soll sich Statistiken zufolge weiter verschärfen: Die Bertelsmann-Studie „Themenreport ‚Pflege 2030′“ geht davon aus, dass bis 2030 bis zu eine halbe Million Pflegekräfte fehlen. Vollzeitäquivalente, also Vollzeitstellen, wohlgemerkt.

Eine Statistik des Bundesministeriums für Gesundheit zeigt, dass Ende 2017 circa 3,3 Millionen Pflegebedürftige Leistungen der Pflegeversicherung beziehen. Das sind über eine halbe Million mehr als noch im Jahr davor. Privat Pflegeversicherte sind in dieser Statistik nicht mit eingerechnet.

Durch den demografischen Wandel werden die Menschen in Deutschland immer älter. Dementsprechend mehr Pflegebedürftigte wird es 2030 geben. Die Bertelsmann-Studie geht zwischen 2009 und 2030 von einer Steigerung von 2,3 Millionen Pflegebedürftigen zu 3,4 Million in 2030 aus. Das ist ein Anstieg um 47,4 Prozent.

Bezieht man die Zahlen lediglich auf die stationäre Pflege, um die Probleme der Pflegeheime zu verdeutlichen, geht man im Vergleich zu 713.000 stationären Pflegebedürftigen 2009 in 2030 schon von 1.138.000 stationären Bewohnern aus. Das wäre ein Anstieg um fast 60 Prozent.


Altenheime nach Trägerschaften (im Jahr 2015)

  • 7200: Freigemeinnützig
  • 5737: Privat
  •   659: Öffentlich

Quelle: Statistisches Bundesamt


Das Problem: Die Diskrepanz wird weiter wachsen. Geht man von einem Status-Quo-Szenario aus, steigt der Personalbedarf laut der Bertelsmann-Studie bis 2030 um 263.000 Vollzeitstellen von 441.000 auf 704.000. Weiter heißt es, dass die Zahl der Pflegekräfte bis 2030 rückläufig sein wird. Von bisher 441.000 Vollzeitstellen geht man bis 2030 nur noch von 386.000 aus. Angesichts des steigenden Bedarfs würde eine Lücke von mehr als 300.000 Vollzeitstellen entstehen. Andere Szenarien gehen sogar von einer noch größeren Lücke aus.

Die Probleme der Pflege

Das Problem ist, dass zwar über eine Million Kräfte in der Pflege arbeiten, viele aber nur Teilzeit angestellt sind. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schlug vor, diese Teilzeitbeschäftigten zu Mehrstunden zu motivieren. Zudem sollen die Familien der Pflegebedürftigen helfen. Dem Redaktions-Netzwerk Deutschland sagte Spahn: „Bei allem notwendigen Engagement für Pflegekräfte: Ohne die gegenseitige Hilfe in den Familien würde unser Pflegesystem zusammenbrechen.“

Die drei Bundesministerien für Gesundheit, Arbeit und Familie hatten im vergangenen Juli eine gemeinsame Konzentrierte Aktion Pflege vorgestellt, die in fünf Arbeitsgruppen aufgeteilt wurde. Ausbildung und Qualifizierung, Personalmanagement, Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung, Innovative Versorgungsansätze und Digitalisierung, Pflegekräfte aus dem Ausland und Entlohnungsbedingungen in der Pflege. Mit der Aktion sollen die Probleme der Pflege angegangen werden.

Spahn will mindestens 13.000 zusätzliche Stellen in der Altenpflege schaffen. Das Problem: Es mangelt an Fachkräften. Und woher soll man die nehmen, wenn auf 100 offene Stellen 21 qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber kommen? Gegenüber der „Bild am Sonntag“ erklärte Spahn, dass er hohes Potenzial an jungen Fachkräften besonders im Kosovo und in Albanien sehe. „Dort ist die Pflegeausbildung häufig besser, als wir denken“, sagte der Gesundheitsminister.

Arbeitsminister Hubertus Heil geht noch einen Schritt weiter. „Ausländer, die als Pfleger arbeiten wollen, sollten für ein halbes Jahr nach Deutschland kommen dürfen. Bedingung: Sie erhalten keinen Cent aus dem Sozialsystem. Wenn sie nach den sechs Monaten keine feste Stelle als Pflegekraft haben, müssen sie wieder gehen“, sagte Heil.

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Yannick de la Pêche

Kräfte aus dem Ausland sind keine Lösung

Bei einer weiteren Zigarette auf dem Balkon sagt Körber, dass sie Vorschläge, den Personalmangel kurzfristig durch ausländisches Personal zu lösen, kritisch sehe. „Das Problem ist doch die soziale Komponente. Alte Menschen sprechen in der Regel undeutlicher, vielleicht sogar mit einem besonderen Dialekt, wie Plattdeutsch. Ausländische Pflegekräfte würden erst mal gar nicht verstehen, was die Bewohner von ihnen wollen“, sagt sie.

Pflegeassistent Paul Sievers arbeitet mit Körber zusammen. Er weiß, wie er seine Bewohner glücklich macht. Es ist Mittagszeit. Einige gehen selbst in die kleine Kantine. Einige bleiben in ihren Betten liegen. Sie schaffen es nicht aufzustehen. Sievers geht mit einer Kollegin von Zimmer zu Zimmer, um das Essen zu verteilen. Hier und da gibt er eine kleine Portion extra aus, die Bewohner sollen doch auch satt werden, sagt er.

Ein Mann hat Besuch von seiner Ehefrau. Sievers lädt sie ein, damit sie gemeinsam mit ihrem Partner Mittag essen kann. Auch das gehört dazu. Trotz aller Vorgaben und Regeln freuen sich die Menschen über Gesten. Was den Beruf als Pflegekraft ausmache? „Die Dankbarkeit der Menschen“, sagt Sievers.

Im nächsten Zimmer besucht ein junger Mann seine Mutter. Wie jeden Tag. Sie kann seit einem Schlaganfall weder gehen noch sprechen und ist auf fremde Hilfe angewiesen. „Schauen Sie sich um. Es ist ein Wunder, dass diese Menschen diese Arbeit überhaupt machen“, sagt er. Er sei sehr zufrieden mit der Arbeit der Pflegekräfte. Sowas hören Körber, Sievers und die anderen Pflegekräfte nicht jeden Tag.

Dokumentation als zusätzliche Belastung

Kurz vor Feierabend treffen sich die Pflegekräfte im Schwesternzimmer. Körber und Sievers sind sichtlich geschafft, müssen aber noch ihre Arbeit dokumentieren. „Sonst würde der MDK meckern“, sagt Körber, „da könnte am ehesten Zeit gespart werden.“ Die Vergangenheit habe aber auch gezeigt, dass die Dokumentation wichtig werden kann, sollten Pflegemissstände aufkommen.

Sievers öffnet eine Cola und trinkt einen großen Schluck. Durch eine vereinfachte Dokumentation könne man es den Pflegern etwas leichter machen und dadurch auch den Bewohnern, sagt er. Trotz, oder grade wegen der Arbeit am Computer, ist es der erste wirklich ruhige Moment des Arbeitstages. Bis eine Bewohnerin in der Tür steht: Ihr Blutdruck müsse gemessen werden. „Ich mach das“, sagt Sievers. Irgendjemand muss es ja machen.

*Um die Identität der Mitarbeiterinnen zu schützen, wurden alle Namen durch Pseudonyme ersetzt. Auch der Name des Pflegeheims wird nicht genannt.

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Henrik "Harry" Bahlmann, Jahrgang 1994, ist seit zehn Jahren Praktikant im Installationsbetrieb seines Vaters. Mittlerweile kann er sogar gerade flexen. Wenn er irgendwo Fußball hört, ist er dabei. Als er aber ein halbes Jahr in Madrid studierte, schaffte er es nur zweimal ins Bernabéu-Stadion, obwohl er nur zehn Gehminuten entfernt wohnte. Für die Nordwest-Zeitung muss Henrik über Handball schreiben. Sportjournalismus hat er auch studiert, seinen Bachelor machte er an der Hochschule Macromedia in Hamburg. Möchte man ihn locken, gelingt das mit seiner liebsten Sonntagsbeschäftigung: Kaffee und Kuchen. Auch wenn er sich dabei etwas alt vorkommt. Sein größter Sieg: Einmal stand er in der Regionalliga im Tor – kassierte allerdings fünf Treffer. Kürzel: heb

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