Ein echtes Kiezdrama ist der Hamburger Tatort „Die goldene Zeit“ von Regisseurin Mia Spengler. Nach einem Auftragsmord beleuchten die Kommissare Julia Grosz und Thorsten Falke nicht nur das Rotlichtviertel, sondern auch Falkes Kiez-Vergangenheit.

Ein Junge, nicht älter als vierzehn, taucht seinen Finger in ein durchsichtiges Tütchen. Er reibt den pudrigen Inhalt auf sein Zahnfleisch. Dann zieht er los: durch die von blinkenden Leuchtreklamen erhellte Nacht. Vorbei an lachenden Frauen und Bordellen. Sein Ziel ist ein Wohnhaus, abseits des bunten Treibens. Hier wartet der Junge, bis der Morgen anbricht. Als der Mann, auf den er gewartet hat, nach Hause kommt, sticht er zu: ein-, zwei-, drei-, achtmal.

Wer beauftragt ein Kind mit Mord?

Der Tote, den der Vierzehnjährige ersticht, ist Johannes Pohl. Sein Vater, „Kiezbaron“ Egon Pohl (Christian Redl), lebt mittlerweile mit fortschreitender Demenz in einem Pflegeheim. Ihm gehört das größte Bordell „Love Dome“ auf der Reeperbahn. Im Haus des Ermordeten hat eine Überwachungskamera die Tat festgehalten: „Sieht so aus, als ob sich jemand über die Pohls lustig machen will. So eine Art Provokation“, überlegt Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring). „Weil er ein Kind schickt, um ihn hinzurichten?“, fragt seine Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz).

Auf den Aufnahmen der Überwachungskamera auch zu sehen: Michael Lübke (Michael Thomas), der den Toten findet und anonym die Polizei alarmiert. Er will Rache. „Lübke? Ja, kennt man auf dem Kiez“, weiß Falke. Wie gut Falke ihn kennt, wird im Verlauf des Films deutlich: Früher hat Falke als Türsteher unter Lübke gearbeitet. Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit, die Falke einholt und seinen Blick verschleiert. Er lässt zu, dass Lübke sich in die Ermittlungen einmischt. Partnerin Grosz ist dagegen immun gegen nostalgische Kiezromantik. Sie steht Falke nüchtern zur Seite.

Machtkampf um den Hamburger Kiez

Bemerkenswert ist, dass die beiden Kommissare sich nicht auf die Suche nach dem minderjährigen Auftragskiller (Bogdan Iancu) konzentrieren, sondern auf dessen Auftraggeber. In den Fokus der Ermittlungen rückt hierbei ein arabischer Clan, welcher den Club der Pohls übernehmen will.

Bei ihrer Recherche auf der Reeperbahn scheint die Kommissare nichts zu schocken: Keine Kinder, die aus Rumänien kommen, um zu morden, nicht der Menschenhandel und auch nicht das korrupte Geschäft der Prostitution. Falke und Grosz wirken unbeeindruckt und fast schon routiniert im Gespräch mit Zuhältern und Prostituierten. Doch das Machtspiel um den Hamburger Kiez zwischen Bordellbesitzern und Clan wird ohnehin nur nebenbei erzählt.

Innige Umarmung von Kommissar Thorsten Falke und Katharina Vanas
Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) tröstet Katharina Vanas (Jessica Kosmalla). Foto: Wüste Medien

Die goldene Zeit?

Die im Titel beschriebene „goldene Zeit“ auf St. Pauli wird über alte Bilder in Fotoalben und ein von Lübke selbst geschriebenes Buch „Raue Zeiten“ dargestellt. Damals war noch alles anders, wird suggeriert. Lübke war damals noch Sicherheitschef der Pohls. Wenn er diese Position noch innehaben würde, wäre dieser Mord nicht passiert. Da ist er sich sicher. So schafft der Film einen realistischen Kiez-Mythos, der allerdings mit gewissen Gemeinplätzen behaftet ist.

Klischeehaft, aber gut besetzt

Die Handlungsstränge sind oft vorhersehbar und die Charaktere werden teilweise stark vereinfacht dargestellt. Allerdings sind sie sehr gut besetzt: Insbesondere Michael Thomas trägt mit seiner schauspielerischen Leistung als Kiez-Urgestein den Tatort. Hier ist auch das Zusammenspiel mit Bogdan Iancu erwähnenswert. Trotz ihrer Taten wirken die beiden sympathisch und lassen durch einige humorvolle Sequenzen die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Auch die teils wackelige Kameraführung unter Director of Photography Moritz Schultheiß zeichnet ein authentisches Bild der Reeperbahn. Der Film wurde in 22 Tagen fast ausschließlich auf dem Hamburger Kiez gedreht. Die nachhaltige Produktion wurde mit dem Grünen Drehpass ausgezeichnet. „Wir wollten einen Tatort produzieren, bei dem Falke alles zu Fuß machen kann“, sagt NDR Redakteur Donald Kraemer bei der Premiere auf dem Filmfest Hamburg. Gerade für Fans des Hamburger Teams Falke und Grosz ist der Tatort „Die goldene Zeit“ sehenswert.

Der Film feierte auf dem Filmfest Hamburg 2019 Premiere und wird am 9. Februar 2020 ausgestrahlt.

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Kim Staudt, Jahrgang 1996, hasst Hasskommentare. Als Werkstudentin in der Online-Redaktion der “FAZ” moderierte sie Leserkommentare und las dabei mehr Scheußlichkeiten als ihr lieb war. Es war ein harter Wechsel: Kurz davor hatte sie in der Redaktion von “InStyle” noch Kisten voller Designerstücke aus Mailand, Paris und New York durchwühlt und beim Onlinemagazin “GQ” live über die Wahl zum “Mann des Jahres” gebloggt. Ihr Lieblingsroman ist “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, “Die Leiden des jungen Werthers” las sie im Garten des Goethe-Hauses in Frankfurt. Natürlich durfte es auch für das Germanistik- und Amerikanistikstudium nur die dortige Goethe-Universität werden. Am liebsten mag sie Filme mit Plot Twist - und Serien mit F: “Fargo”, “Friends” und modern “Family”. Kürzel: kis