Mörder, Räuber, Fälscher: Noch bis zum 10. November findet das Hamburger Krimifestival statt. Wer parallel etwas über die Kriminalgeschichte der Stadt erfahren möchte, besucht das Polizeimuseum und telefoniert dort mit Kaufhauserpresser Dagobert.

In Hamburg gab es so einige außergewöhnliche Kriminalfälle und das Polizeimuseum in Winterhude stellt auf drei Stockwerken die dazu passenden Asservate aus. Hier sieht man die gefälschten Hitler-Tagebücher, die das Hamburger Magazin „Stern“ veröffentlichte, die Säge des Altonaer Frauenmörders Fritz Honka und das Ölfass, in dem die Leiche eines Lottogewinners versenkt wurden. Außerdem kann man mit Kaufhauserpresser Dagobert telefonieren. So interaktiv kann Kriminalgeschichte sein.

Das Museum liegt auf dem gut bewachten Gelände der Polizeiakademie. Seit 2014 werden auf 1.400 Quadratmetern Objekte krimineller Machenschaften und polizeilicher Ermittlungsmethoden ausgestellt. Wer gerade parallel zum Hamburger Krimifestival etwas über Mordfälle, Erpresser und Fälscher aus der Hansestadt erfahren möchte, ist hier genau richtig.

Zutritt erst ab 14 Jahren erlaubt

Kriminaltechniken
DNA-Analysen ermöglichen seit 1998 eine leichtere Identifikation von Tätern und Opfern. Heute wird für die Spurensicherung moderne Technik genutzt, wie 3D-Streifenlichtscanner, die Formspuren zerstörungsfrei erfassen und mittels Software analysieren können.

Das Dachgeschoss ist der wohl spannendste Teil: Hier bekommt man einen detaillierten Einblick in die acht spektakulärsten Kriminalfälle Hamburgs, die auch überregional für Aufsehen gesorgt haben. Seit 1983 sammelt die Hamburger Polizei Spuren schwerwiegender Verbrechen, die vor der Eröffnung des Museums in den Asservaten verstaubten. Wer zuvor etwas über angewendete Methoden lernen möchte, erkundet den ersten Stock, in dem die unterschiedlichen Kriminaltechniken interaktiv erlebbar sind.

„Onkel Dagobert grüßt seine Neffen“

Zurück im Dachgeschoss klingelt das Telefon: Der Kaufhaus-Erpresser „Dagobert“ alias Arno Funke spricht mit verzerrter Stimme mit dem Besucher. Es handelt sich dabei um die Originalaufnahmen der Gespräche mit der Polizei. In den 1990ern wurde überregional über Arno Funke berichtet, weil er mittels Bomben- und Brandanschlägen – unter anderem in einer Abteilung im Karstadt in der Hamburger Mönckebergstraße – Millionensummen erpresste. Seinen Verbrechernamen erhielt er, weil er über eine Anzeige im Hamburger Abendblatt von 1992 mit dem Text „Onkel Dagobert grüßt seine Neffen“ zur Geldübergabe aufforderte.

Polizeimuseum: Eine drohende Aufforderung des Kaufhaus-Erpressers "Dagobert". Foto: Shahrzad Rahbari
Eine drohende Aufforderung des Kaufhaus-Erpressers „Dagobert“. Foto: Shahrzad Rahbari

Einmal sollte das Lösegeld in einem selbstgebauten U-Boot transportiert werden. Der Erpresser achtete auf jedes Detail, doch eine wichtige Tatsache hatte er nicht bedacht: „Das regnerische Wetter hat es ihm nicht ermöglicht, sein U-Boot zu steuern“, sagt Polizeibeamter Dietmar Gallert während der Führung. Die geforderten 1.000 Deutsche Mark erreichten ihn nie auf diesem Weg.

Die Akte „Lord von Barmbeck“

Eine weitere Episode: Die Petersen-Bande war eine organisierte Gang in den 1920er Jahren. Kopf der Bande war Adolf Petersen, auch bekannt als „Lord von Barmbeck“. Die kriminelle Gruppe verübte zahlreiche Überfälle und Einbrüche, dokumentiert in mehr als 125 Prozessakten. Die Mitglieder gaben sich gegenseitig Rückendeckung, was ihre Verurteilung erschwerte. Ihr Netz aus kriminellen Mittätern erstreckte sich über ganz Deutschland. Insgesamt wurden über 300 Haftbefehle erlassen und mehr als 400 Beteiligte später vor Gericht gestellt. „Die erfolgreichen Ermittlungen gegen die Petersen-Bande waren erst durch eine Modernisierung in der Kriminaltechnik und einen überregionalen Austausch der Polizeibehörden möglich“, so Gallert.

Bekannt war der „Lord von Barmbeck“ für seine Fähigkeit, Geldschränke von Hand aufzubohren oder den Tresorschlüssel aus dem Schlafzimmer der Eigentümer zu klauen. Bei seinem Einbruch im Jahre 1920 in ein Postamt in der Susannenstraße erbeutete er 221.000 Deutsche Mark und Briefmarken im Wert von 335.000 Deutscher Mark.

Doppelmord im Polizeipräsidium

Der-St.Pauli-Killer Werner „Mucki“ Pinzner war ein Auftragsmörder, der Anfang der 1980er Jahre fünf Zuhälter auf dem Kiez ermordete. „Die Verbreitung von AIDS und immer mehr Drogen innerhalb des Rotlichtmilieus sorgten für Unruhe. Die drogenabhängigen Störenfriede mussten von der Bildfläche verschwinden“, sagt Gallert. Einige Mordaufträge sollen auch einen privaten Hintergrund gehabt haben. Tatkräftige Unterstützung erhielt der Auftragskiller von seiner Ehefrau Jutta Pinzner, die ihn deckte und ihn begleitete.

1986 wurde „Mucki“ festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht. Zwei Kopfhörer sind unter den Tatwaffen an der Ausstellungswand befestigt. Man kann in Originalaufnahmen aus der Ermittlungszeit hineinhören und erfährt vieles zu Mordmotiven und Vorgehen.

Sein inszenierter Tod im Polizeipräsidium am Berliner Tor schockierte die Stadt: Pinzners Ehefrau schmuggelte eine Waffe, die sie von seiner Rechtsanwältin Isolde Öchsle-Misfeld erhielt, in ihrem Slip in die Behörde. Außerdem lagen zwölf Patronen in ihrer Handtasche. Während der Vernehmung steckte Jutta ihrem Ehemann heimlich den Revolver zu. Mit der Smith & Wesson (links unten im Bild) erschoss „Mucki“ zunächst seine Ehefrau und anschließend sich selbst.

Polizeimuseum: Doppelmordwaffen: Die Smith & Wesson (links) wurde im Slip der Ehefrau reingeschmuggelt. Foto: Shahrzad Rahbari
Doppelmordwaffen: Die Smith & Wesson (links) wurde im Slip von „Mucki“s Ehefrau ins Polizeipräsidium reingeschmuggelt. Foto: Shahrzad Rahbari

Polizeimuseum Hamburg, Carl-Cohn-Straße 39 (Winterhude), Di-Do, So 11–17 Uhr. Im Rahmen des Krimisalons finden im Museum regelmäßig Lesungen statt.

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Shahrzad Rahbari, Jahrgang 1994, vermisst seit ihrem ersten Tag in Hamburg Spätzle. Sie hat Dolmetschen und Übersetzen in Germersheim studiert, in der Nähe von Karlsruhe. Shahrzad spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch auch Arabisch und Farsi. Für eine Reportage reiste sie durch das Heimatland ihrer Eltern, den historischen Iran, und porträtierte Einwohner und Orte. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte Shahrzad in ihrer Zeit bei dem HipHop-Magazin Rapspot, für das sie Album-Rezensionen schrieb und Rapper wie Talib Kweli und Tua interviewte. Auch in ihrer Freizeit hört sie am liebsten Rap. Ihr Traum: mit Kendrick Lamar die Straßen von Compton, einem Vorort von L.A., unsicher zu machen. Kürzel: sha