Bei Stilbruch landen nützliche, skurrile und auch mal ziemlich wertvolle Gegenstände aus Hamburger Haushalten. Und nicht nur die Waren bekommen im Secondhand-Kaufhaus der Stadtreinigung eine zweite Chance, sondern auch das Personal.

Ein großer Clone-Trooper-Helm verdeckt ihr Gesicht. Den Badmintonschläger in ihrer rechten Hand reckt sie siegessicher in die Höhe. Die Schaufensterpuppe steht kampfbereit zwischen Vasen, Fahrrädern und einem Rollator. Dazwischen hängt ein Einbahnstraßenschild, das orientierungslos nach oben zeigt. Eine zwei Meter hohe Giraffe aus Holz schaut zu. Eine skurrile Szenerie, die im Gebrauchtwarenkaufhaus Stilbruch ganz alltäglich ist.

In der Wandsbeker Filiale entladen Männer in orangefarbenen Pullovern über die Einfahrtsrampe fast minütlich neue Ware. Sie pfeifen vor sich hin, reißen Witze, lachen. Alles, was im Lagerraum landet, muss zuerst an Mark Schulz vorbei. Der Lagervorarbeiter sitzt an einem kleinen Schreibtisch. Gerade begutachtet er einen massiven Metallgegenstand, etwa so groß wie eine Nachttischlampe. „Das ist ’ne Münzprägemaschine“, sagt Schulz und betastet den schwarzen, mit goldenen Blumenranken bemalten Gegenstand. „Sowas hab‘ ich hier auch noch nicht gehabt.“ Die Maschine ist mit einem Schloss gesichert. „Das müssen wir erst einmal knacken.“

Erst dann kann er festlegen, für welchen Preis das Fundstück über die Ladentheke wandern soll. Bei Stilbruch bestimmen die Mitarbeiter*innen die Preise nämlich selbst. Eine Mischung aus fachmännischem Blick, Erfahrung und Bauchgefühl ist dabei ein guter Berater – und eine kurze Internetrecherche.

Stilbruch Lagervorarbeiter Mark Schulz sitzt an seinem Schreibtisch und untersucht eine massive Münzprägemaschine.
Jeden Tag neue Herausforderungen: Lagervorbarbeiter Mark Schulz inspiziert die Münzeprägemaschine, die wenige Minuten vorher eintraf. Foto: Isabel Surges

„In Hamburgs Sperrmüllszene herrschten fast mafiöse Zustände.“

Stilbruch wird von der Stadtreinigung Hamburg betrieben. Vor 18 Jahren wurde die erste Filiale eröffnet – aus der Not heraus. Anfang der 2000er Jahre war es in Hamburg üblich, seinen Sperrmüll vor die Haustür zu stellen, um ihn von der Stadtreinigung am nächsten Tag abholen zu lassen. Die Folge: „Straßensammler sind abends die Straßen abgefahren, um sich das Beste rauszusuchen und damit Geschäfte zu machen“, erinnert sich Betriebsleiter Roman Hottgenroth. Am nächsten Morgen hätte ein einziges Durcheinander auf den Straßen geherrscht.

Eine Spielzeugpuppe sitzt auf einem Regal.
Auch diese Puppe wartet auf ihre zweite Chance. Foto: Isabel Surges

Deshalb habe die Stadtreinigung den Sperrmüll lieber direkt bei den Kund*innen in der Wohnung abgeholt. Gut Erhaltenes hätten Bedürftige auf den Hamburger Recyclinghöfen kostenlos mitnehmen dürfen. Doch auch dann sei die Ware oft weiterverkauft worden. So sei die Idee zum Sozialkaufhaus entstanden: Die Stadtreinigung mietete eine leerstehende Lagerhalle in Wandsbek in der alle gesammelten Gegenstände angeboten werden – gegen einen angemessenen Preis.

Alle und alles haben eine zweite Chance verdient

Roman Hottgenroth sitzt in seinem Büro am Rande der Verkaufshalle. 2004 war er noch Ein-Euro-Jobber bei Stilbruch. Heute ist er Betriebsleiter. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein großes Porträtfoto Erich Honeckers, am Kleiderständer gegenüber baumelt eine grüne Jacke mit Polizei-Aufnäher. Die alte hölzerne Standuhr neben dem Eingang geht immer ein bisschen vor. „Aus der Arbeitslosigkeit heraus hatte ich die Chance mich hier hochzuarbeiten.“

Im Kaufhaus arbeiten heute 75 Personen, die meisten davon in Vollzeit. Viele kommen vom zweiten oder dritten Arbeitsmarkt. Bei Stilbruch wird ihnen die Möglichkeit geben, selbst Verantwortung zu übernehmen. „Wir versuchen darauf zu reagieren, was unsere Mitarbeiter können und lassen ihnen viel Freiraum zur Entfaltung“, erklärt Hottgenroth das Führungskonzept.

Betriebsleiter der Stilbruch Filialen Roman Hottgenroth sitzt an seinem Schreibtisch in der Wandsbeker Filiale.
Betriebsleiter Roman Hottgenroth in seinem Büro der Wandsbeker Filiale. Foto: Isabel Surges

Hinter jedem Gegenstand steckt eine persönliche Geschichte

Inzwischen ist es zehn Uhr morgens. Die ersten Menschen strömen in die riesige Verkaufshalle. Ein junger Mann in olivgrünem Anorak setzt sich auf einen Hocker und klimpert auf einer Gitarre, während eine Frau zwei Meter von ihm entfernt verschiedene Modelle an Matratzenschonern begutachtet. Eine ältere Dame zeigt Interesse an einem Bild, auf dem zwei Tennisschläger, Kronkorken und Tennisbälle angebracht sind. In der Möbelabteilung bringt ein handgemaltes Bild von Winnie Puuh, das zwischen Ikea-Bücherregalen und Fernsehschränkchen steht, vorbeilaufende Kunden zum Schmunzeln.

„Viele Menschen verbinden mit ihren Gegenständen eine persönliche Geschichte“, erzählt Betriebsleiter Hottgenroth. „Sie tun sich entsprechend schwer, zum Recyclinghof zu fahren und die Dinge wegzuwerfen.“ Bei Stilbruch gebe man den Dingen eine zweite Chance.

Einmal sei ein antiker Schreibtisch angeliefert worden. In der Schublade habe man die ganze Lebensgeschichte einer Familie gefunden: Briefe aus dem 19. Jahrhundert, schwarzweiße Schulfotos, Reisepässe, Stammbücher. Die Familie aus Rostock habe man nicht mehr kontaktieren können. Deswegen lägen die Unterlagen heute im Rostocker Stadtarchiv.

Person steht vor einem Bild, auf dem silberne Tennisschläger aufgebracht sind.
Auch ausgefallene Kunstgegenstände landen im Gebrauchtwarenkaufhaus. Foto: Isabel Surges

Jeden Tag neue alte Ware

Am anderen Ende der Halle streift ein älteres Ehepaar durch die Gänge – vorbei an einer alten Schreibmaschine, einem Kaffeevollautomaten, einem Apple Computer. „An Bastler“, steht auf einigen der Etiketten. Ein paar flüchtige Blicke, ein paar ausführliche Betrachtungen, doch heute werden sie nicht fündig und stellen die Gegenstände zurück in die Regale.

1200 Besucher*innen besuchen das Gebrauchtwarenkaufhaus täglich, etwa ein Drittel kauft etwas. Viele stöbern, andere kommen mit einer genauen Absicht, gehen dann aber mit etwas völlig anderem nach Hause. Da ständig neue Ware die Auslagen füllt, sieht jeder Tag bei Stilbruch anders aus.

Lagervorarbeiter Schulz sitzt derweil kopfschüttelnd an seinem Computer. Die Google-Suche zur britischen Münzprägemaschine hat nichts Brauchbares ergeben, um einen Preis festzulegen. „Ein klassischer Fall für unseren Stilbruch-Fuffi“, sagt Schulz und nimmt das schwere Gerät vom Tisch. „Wenn das Gerät in zwei Wochen noch da steht, wissen wir, dass es zu teuer war. Und wenn es sofort weggeht,“ er lacht und stellt die Maschine neben einen Spielzeugbagger auf den Boden, „dann war es wohl doch zu günstig.“

Titelfoto: Isabel Surges