Hafen, Hanse, Handel – das alles ist Hamburg. Die Geschichte der historischen Gängeviertel wird oft vergessen. Drei HAW Studierende und ein Historiker bauen deshalb ein Museum und machen Geschichte erlebbar.

Holzbalken versperren den Weg, Tapete rollt sich von der Wand. Zwischen Raufaser, Mustertapete und Putz kleben Zeitungsseiten. Was heute aussieht wie eine Baustelle, ist in wenigen Wochen ein Museum über das alternative Leben mitten in Hamburg und dessen Geschichte. Lisa und Andreas (Foto) studieren Kommunikationsdesign an der HAW und sind Teil des Teams, das im Gängeviertel die Ausstellung vor—gänge konzipiert.

FINK.HAMBURG: Was ist das für ein Museum, das ihr im Gängeviertel baut?

Andreas: Wir möchten im Gängeviertel ein Museum errichten. Hier klären wir auf der einen Seite über die wenig bekannte Geschichte der historischen Gängeviertel auf, die auf die letzten 200 bis 300 Jahren zurück geht. Früher nahmen die ehemaligen Arbeiterviertel fast zwei Drittel der Stadt ein. Heute besteht das Gängeviertel nur noch aus zwölf Häusern.

Auf der anderen Seite wollen wir mit dem Museum auch über die Initiative des Gängeviertels aufklären. Quasi über das, was alles seit der Besetzung im August 2009 passiert ist. Wie vielschichtig ist das kulturelle Angebot hier? Wie sehen die Organisations- und Sozialstrukturen aus? Was sind die Pläne für die nächsten Jahre? Das alles möchten wir anschaulich darstellen.

FINK.HAMBURG: Wie seid ihr auf die Idee für das Projekt gekommen?

Eingangsschild des Vor-Gänge Museums im Gängeviertel.
Der Eingang zum Museum          vor—gänge. Noch befinden sich die Räume im Umbau. Foto: Isabel Surges

Lisa: Kurz nach G20 gab es bei uns an der Uni den Kurs „Wir sind dagegen“ von Prof. Stefan Stefanescu. Dort haben wir uns theoretisch mit Alternativkultur auseinandergesetzt. Wir haben uns darüber informiert, welche Initiativen es in diesem Bereich gibt. Der praktische Part des Kurses bestand darin, nach einer Initiative zu suchen, mit der wir zusammenarbeiten können.

FINK.HAMBURG: Und wie seid ihr dann zum Gängeviertel gekommen?

Lisa: Wir waren, wie viele hier, mal auf einer Party und fanden es total nett, wussten aber nicht viel über das Viertel.

In der Vollversammlung, die alle zwei Wochen im Gängeviertel stattfindet, haben wir dann von unserem Anliegen erzählt. Wir wurden an Dr. Stephan Fender weitervermittelt, der als Historiker 2016 dort schon mal ein Museum aufgebaut hatte. Sein Herzensprojekt ist es, das Museum und die Geschichte der Hamburger Gängeviertel präsent zu machen. Was im gesamten Hamburger Stadtbild leider untergeht.

„Jeder kann sich im Gängeviertel ausprobieren und Kreativ sein.“

FINK.HAMBURG: Warum wollt ihr die Geschichte der Hamburger Gängeviertel erzählen?

Lisa: Hamburg hat keine richtige Altstadt. Alles sieht irgendwie gleich aus. Wenn man in Lüneburg oder Lübeck ist, sieht man viele alte Häuser. Hamburg hat das nicht. Woran liegt das? Auf einmal waren wir total im Thema drin und haben uns zusammengesetzt.

FINK.HAMBURG: Das Museum ist euer zweites Projekt im Gängeviertel. Wie sah euer erstes aus?

Lisa: Wir haben einen fest installierten, interaktiven Rundgang entwickelt. Wir haben zwischen den Häusern Schilder angebracht, da wir die Geschichte da hinholen wollten, wo sie stattgefunden hat. Hier kommen viele Touristen und Besucher vorbei, die scheu sind und denken, das Gängeviertel sei noch immer besetzt.

Die Zusammenarbeit beim Rundgang mit Stephan Fender war sehr bereichernd. Das alles war auch viel mehr als ein Uniprojekt. Stephan Fender hat dann vorgeschlagen gemeinsam ein neues Museum zu gestalten. Dann nahm alles seinen Lauf und wir konnten das neue Projekt als Unikurs anmelden.

Das Kernteam des Projektes: Lisa, Andreas, Dr. Stephan Fender und Lisa. (v. l. n. r.) Foto: Lisa Marie Fechteler
Das Kernteam des Projektes: Lisa Mersmann, Andreas Berzdorf, Dr. Stephan Fender und Ronja Schweer. (v. l. n. r.) Foto: Lisa Marie Fechteler

FINK.HAMBURG: Was ist die Idee hinter der Ausstellung?

Lisa: Am Anfang dachten wir, dass wir den historischen Teil auch noch einmal im Museum thematisieren. Jetzt berichten wir dort aber über die Initiative. Wenn man als Besucher*in in das Gängeviertel kommt, ist alles noch intransparent.

FINK.HAMBURG: Bei unserem ersten Besuch kamen wir uns auch vor, als würden wir auf Privatgelände herumschnüffeln. 

Andreas: Alle Wohnungen im Erdgeschoss sind Teil der Öffentlichkeit. Hier sind Cafés, Bars, Veranstaltungsräume, Werkstätten oder das Museum. Das war seit der Besetzung 2009 auch das Anliegen der Aktivist*innen.

Die oberen Etagen sind, soweit nutzbar, bewohnt oder Atelierflächen. Diesen konstanten Austausch mit Leuten, die hierher kommen, nehmen die Bewohner*innen nicht nur in Kauf, sondern fördern diesen auch.

Andreas Berzdorf, Lisa Mersmann, Ronja Schweer und Dr. Stephan Fender im Museum
Alle vier stecken jede freie Minute in das Projekt vor–gänge. Foto: Lisa Marie Fechteler

FINK.HAMBURG: 2016 gab es bereits ein Museumsprojekt. Wie sah das aus? 

Lisa: Genau, da hat das Stephan Fender noch alleine gemacht. Er ist Historiker, das kann man ihm auch nicht verübeln. (lacht) Stephan hat Text und Bild ausgedruckt und an die Wand gehängt, ohne ein konkretes Gestaltungskonzept. Er hatte auch schon vorher historische Ausstellungen konzipiert. Aber es ist natürlich auch schwer, ein ganzes Museum alleine zu stemmen und auch immer geöffnet zu haben.

FINK.HAMBURG: Wie wollt ihr das Museum überarbeiten?

Andreas: Wir haben uns im Rahmen des Kurses viel mit partizipativen Ausstellungskonzepten beschäftigt. Museen sind zu einem flexiblen Austauschraum geworden und sind nicht mehr so statisch, wie sie es einmal waren. Sie wollen die Besucher stark einbeziehen und auch so bei Laune halten. Das möchten wir auch hier umsetzen.

„Museen sind im Umbruch. Sie erscheinen nicht mehr als dieses riesige, elitäre Haus.“

FINK.HAMBURG: Wie ist das Museum aufgebaut?

Lisa: Es gibt zwei Ausstellungsräume. Im ersten Raum wollen wir vor allem informieren, das ist der objektive Part der Ausstellung. Wie sich das Gängeviertel organisiert und wer die Kooperationspartner sind. Im zweiten Raum geht es dann um Stimmen einzelner Personen, das ist dann der subjektive Part. Wo kommen sie her? Wie sind sie hier aktiv? Wie empfinden sie das Gängeviertel?

Das Museum ist eine ehemalige Arbeiterwohnung. Das wollen wir so lassen, denn auch die Wohnung erzählt ja eine Geschichte und wir möchten das auch respektieren.

Wand des Museums im Gängeviertel, gekleidet in alte Zeitungen.
An den Wänden des Museums finden sich noch Zeitungen, die für Jahrzehnte unter der Tapete versteckt waren. Foto: Isabel Surges

FINK.HAMBURG: Welchen Part übernimmt Design bei einer Ausstellung?

Andreas: Design kann informieren und Meinung darstellen.

Lisa: Das ist auch der Grundgedanke, warum wir hier sind. Weil wir Design nicht als reine ästhetische Aufwertung von Informationen oder Produkten sehen, sondern weil wir uns alle daran stören, dass man irgendwas einfach nur schön macht.

Aber hier ist das kein klassisches Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis. Wir sind im ständigen Austausch, es ist ein ständiges Miteinander. Die Gestaltung entwächst aus den Informationen, die wir im Team selbst generiert haben. Wir machen nicht nur Gestaltung, sondern auch Kuration, Organisation und alles weitere, was mit -tion endet. (lacht)

FINK.HAMBURG: Also „form follows function“.

Lisa und Andreas: Genau.

Lisa und Andreas stehen vor einer Holzkunstruktion im Museum im Gängeviertel.
Lisa Mersmann und Andreas Berzdorf arbeiten fast täglich daran, dass alles bis zum Tag der Eröffnung steht. Foto: Isabel Surges

FINK.HAMBURG: Wer ist noch an dem Projekt beteiligt?

Lisa: Im Kernteam sind noch unsere Kommilitonin Ronja Schweer und Historiker Stephan Fender. Dazu kommen noch Sebastian Roock und Jannes Griewe, zwei Medientechniker, Josephine Steuernagel, eine Mediasystemsstudierende. Lis Nagel, die das Video produziert. Alle von der HAW. Dazu kommt Theo Bruns, ein Verleger aus dem Viertel, der uns beim Lektorat unterstützt und Keijo Groothoff, angehender Veranstaltungsmanager und DJ, der die Vernissage organisiert.

Das gesamte Projekt ist super interdisziplinär. Wir gehen aus dem Uni-Kontext raus und arbeiten real. Was sich alles durch Gespräche ergibt, ist wirklich schön.

FINK.HAMBURG: Das klingt sehr arbeitsintensiv. 

Andreas: Das ist es auch. Aber es ist auch super bereichernd und lehrreich. Obwohl es nur dieser eine Designkurs ist, lernen wir sehr viel. Wir stecken auch viel mehr Zeit rein, als die eigentlichen zehn Wochenstunden des Kurses.

Lisa: Es ist super schön, was man sich für ein Netzwerk aufbaut. Mit Menschen aus dem Gängeviertel, aber auch mit Menschen, die hierher kommen.

FINK.HAMBURG: Wie sieht die Konzeption der Ausstellungsräume aus? 

Lisa: Wir haben uns ein halbes Semester nur in die Thematik eingelesen. Kurz vor Dezember hatten wir dann einen Konzeptbruch. Wir wollten uns nicht mehr nur auf die Geschichte konzentrieren, sondern zusätzlich einen informativen Anlaufpunkt schaffen.

Andreas: Man merkt jedes Mal wieder, dass das sehr notwendig ist. Weil wir alle aus der gesamten Gruppe sehr stark hinter der Meinung stehen, dass die Gestaltung nicht nur der Gestaltung wegen funktionieren soll, sondern auch mit den Inhalten. Und dass Gestaltung immer aus Inhalten kommen muss, um auch sinnvoll, annehmbar und vertretbar zu sein.

Pappmodell des Vor-Gänge Museums im Gängeviertel.
Modell des vor—gänge Museums im Gängeviertel. Foto: Ronja Schweer

FINK.HAMBURG: Ihr habt ein Crowdfunding-Projekt mit einem Funding-Ziel von 5000 Euro. Wofür verwendet ihr das Geld? 

Lisa: Wir sind dabei alles möglichst günstig und nachhaltig zu halten. Wir nutzen aktuell schon alles mögliche um nichts wegzuwerfen. Das Holz bekommen wir beispielsweise aus zweiter Hand von einem Messebauer hier aus dem Viertel. Das ist ziemlich gut, denn das ist das Prinzip des ganzen Viertels.

Aber es gibt natürlich auch Sachen wie Technik, die wir neu kaufen müssen. Zum Beispiel Beamer, Lautsprecher und Licht, die viel Geld kosten.

Andreas: Die 5000 Euro decken bis zur Vernissage alle Kosten ab, vielleicht auch noch ein bisschen darüber hinaus. Wie auch im gesamten Viertel wird der Eintritt ins Museums auf Spendenbasis sein.

Titelfoto: Melanie Weimann

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Isabel Surges, Jahrgang 1994, ist bilingual aufgewachsen. Von ihrem Vater hat sie nicht nur die spanische Sprache gelernt, sondern auch ihren venezolanischen Zweitnamen bekommen: Yahaira. In Venezuela war sie zwar noch nicht, dafür allerdings mit dem Rucksack in Australien und für ein Semester in Málaga. Einen Kulturschock erlebte die gebürtige Düsseldorferin aber erst durch ihren Umzug nach Köln. Dort studierte sie Medienkulturwissenschaften sowie Germanistik und experimentierte mit neuen Formatideen im Innovationslabor der Filmproduktionsfirma Ufa. Auf deren Partys spielte sie unter anderem mit Joe Gerner Tischtennis. Als Community Managerin in den Kommentarspalten des WDR lernte sie auch die raueren Seiten des digitalen Diskurses kennen. Zuletzt schrieb sie für die Kulturredaktion der Deutschen Welle – oder wie Yahaira sagen würde: La ola alemana. Kürzel: isu
Melanie Weimann, Jahrgang 1992, ist in ihrem Leben zwölf Mal umgezogen – einmal davon mit dem Flixbus. In Ansbach studierte die gebürtige Fränkin Ressortjournalismus mit Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften. Im Anatomiekurs hielt sie sogar einmal ein menschliches Herz in den Händen. Ihr Studium schloss sie allerdings in der Medienethik ab: mit einer Analyse über Jan Böhmermanns Schmähgedicht und vermutlich dem Weltrekord von Schimpfwörtern in einer wissenschaftlichen Arbeit. Später zog sie von München über Nürnberg nach Berlin, wo sie in einer Agentur und in Startups in der PR und Unternehmenskommunikation arbeitete. Unter anderem betreute sie einen Hersteller von Luxus-Hundebetten, eine Plattform für Smart Home und organisierte Events für die Dating-App Tinder: Mate, Calls und Pitches inklusive. Kürzel: mew

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