Vor dem Kiosk hocken und auf dem Bordstein bechern: Hamburg cornert seit Jahren. Doch nicht Allen kommt das zu Gute. Ein Stimmungsbericht aus St. Pauli und der Schanze.

Samstagabend, 23 Uhr. Leinen los: Die Rollos schnellen hoch und grell erstrahlt das Straßeneck. Menschen schwärmen wie die Motten an die Ladentheke. Darüber prangt in schwarzen Lettern auf orangenfarbenem Hintergrund das Wort „Kiezcorner“. In dem kleinen Kabuff schütten junge Männer Longdrinks zu passablen Preisen in Plastikbecher, die von noch jüngeren Männern runtergekippt werden. Steht der Pegel, geht es in den Club gegenüber zum Tanzen. Und wenn der Durst wiederkommt, einfach kurz nochmal raus, um die Kosten zivil zu halten. Gastronomen hassen diesen Trick.

Eine davon ist Julia Staron, Inhaberin des Musikclubs Kukuun auf der Reeperbahn. Der Club liegt drei Gehminuten entfernt vom Kiezcorner auf dem Hamburger Berg. Dem Trend des Cornerns kann sie grundsätzlich etwas Positives abgewinnen: „Natürlich ist es cool, im öffentlichen Raum mit Freunden herumzusitzen, aber doch bitte mit dem Anspruch eines Minimalrespekts.“ Also nicht mit mitgebrachten Getränken in die Bar nebenan gehen, nicht bis halb fünf morgens Gesänge auf den Straßen anstimmen, keinen Müllhaufen am Kiosk hinterlassen.

Ihrer Meinung nach müsse ein generelles Umdenken stattfinden. „Klar ist auf St. Pauli mehr möglich als woanders“, aber es müsse ja nicht immer bis zum Äußeren getrieben werden. „Man kann das Leben der Anderen ja mal mitdenken. Den Respekt erweisen, den man selber entgegengebracht bekommen will.“ Das Problem ist ihr zufolge tief verankert. In einer ganzen Generation.

Der Alkoholkonsum als Anlass

Julia Staron ist Hamburgerin, sie kannte St. Pauli viele Jahre nur bei Nacht, ist mit 15 Jahren erstmals um die Häuser gezogen. Das ist jetzt gut 30 Jahre her. „Seitdem hat sich einfach alles geändert“, findet sie. „Die Weggehkultur ist heute eine andere.“ Nicht mehr das Ausgehen oder Tanzen sei der Anlass, sondern nur noch der Alkoholkonsum. „Ich höre ständig: ‚Geiler Abend, war um 21 Uhr so besoffen, hab nichts mehr mitgekriegt‘. Wo ist das ein ‚geiler Abend‘?“, fragt sie.

1998 hatte sie ihre eigene Premiere: Zum ersten Mal erlebte sie St. Pauli tagsüber. „Da habe ich mein Herz an dieses Viertel verloren.“ Der Rest ist ihre Geschichte und die des Kukuuns. Heute ist diese Geschichte in Gefahr, denn die Wertigkeit sei eine andere. Grund dafür ist der Trend, sich auf den Straßen der Stadt zu betrinken. Und der Trend ist eben nicht immer your friend – so wie es die Börsenweisheit annimmt.

Kukuun-Inhaberin Julia Staron über die Entwicklung im Nachtleben auf St. Pauli.

Was die Profiteure dieses Trends sagen? Lina* ist die einzige, die sich als Vertreterin der Kiosk-Seite äußern möchte. Alle anderen Anfragen werden von Kiosk-Inhaber*innen und Mitarbeiter*innen abgeblockt. Entweder habe niemand etwas von Beschwerden gehört oder einfach nichts zu sagen.

Lina jobbt seit gut einem Monat in einem Kiosk im Schanzenviertel. Sie macht gerade ihr Abitur, arbeitet dort schwarz und will keinen Stress mit ihrem Chef, daher bleibt sie anonym. „Viele Kioske, auch dieser“, sagt sie und schwenkt mit ihrem Blick durch den Laden, „würden richtig Probleme bekommen, wenn hier mal genauer kontrolliert würde.“ Die meisten in der Schanze und auf St. Pauli würden sich in einer Art Grauzone bewegen. Ganz einfach, weil Auflagen nicht beachtet werden. Gastronom*innen haben deutlich schärfere Auflagen und können sich schlicht nicht erlauben, sie zu missachten.

Kneipengeschäft bei Einzelhandelshaftung

Das Hauptproblem: Ein Kiosk gilt als Einzelhandel. Er muss einen gewissen Teil seiner Fläche als Gastraumfläche ausweisen, um eine Schankgenehmigung zu erhalten. Eine Personaltoilette reicht und zack: schon kann ein Kneipengeschäft gemacht werden, allerdings bei Einzelhandelshaftung.

Zum Verständnis ein Beispiel: Schenkt ein Gastronom Minderjährigen Alkohol aus, wird er dafür belangt und kann im härtesten Fall seine Konzession verlieren. Passiert dasselbe in einem Kiosk, wird der Mitarbeiter belangt, nicht der Inhaber. „Das ist eine Ungleichbehandlung, die ich nicht verstehe“, sagt Julia Staron.

„Die Behörde hat Scheiße gebaut“

Exemplarisch nennt die Gastronomin den Kiezcorner auf dem Hamburger Berg – den eingangs skizzierten Kiosk, der den Alkohol so billig auf die Straße schickt. Der Laden habe keine Gastraumfläche, sondern bloß ein kleines Fenster, aus dem der Alkohol verkauft wird. Es gibt keine Toiletten, dementsprechend findet die Getränkerückgabe am Stromkasten zur linken statt. Über Lärmschutzmaßnahmen müsse man gar nicht erst sprechen. Der Kiezcorner dürfe laut Staron überhaupt keine Schankerlaubnis haben, da sämtliche Auflagen missachtet würden. „Hier hat die zuständige Behörde einfach Scheiße gebaut“, sagt sie.

Hinzu käme der Sonderfall auf St. Pauli, dass ein Glasflaschenverbot existiert. Die im Club gekauften Drinks werden am Ausgang in Plastikbecher umgeschüttet. Das macht vieles schwierig, denn „wer soll kontrollieren, ob der Alkohol selbst mitgebracht oder gekauft ist?“, so Staron.

Julia Staron spricht im Gespräch über das Cornern auf St Pauli.

Auch Oliver Hörr hat mit solchen Problemen zu kämpfen. Ihm gehört der Saal ll auf dem Schulterblatt. Sein Nachbar: der Cayan Kiosk. „Seit dem ersten Tag gibt es Probleme“, sagt Hörr. Die „Kiosktrinker“, wie er sie nennt, holen sich am Kiosk ein Bierchen, setzen sich an die Tische seiner Bar, hören dort Musik und cornern in und an seinem Lokal. Die Charmanten unter ihnen benutzen seine Toilette, die anderen pinkeln an die Hausfassade.

„Der Kiosk ist kein soziales Projekt, sondern schlicht und einfach Business.“ Ihm sei egal, wo Leute ihr Bier kaufen und trinken, „solange sie kapieren, dass es Gründe hat, weshalb es am Kiosk deutlich günstiger ist.“

Grauzone bleibt Grauzone

Warum die Stadt nichts dagegen unternimmt? Kioskmitarbeiterin Lina hat eine Theorie: Sie glaubt, es bestehe die Angst, „sich ins eigene Fleisch zu schneiden.“ Heißt, wenn Kioske auf einmal schließen oder härtere Auflagen befolgen müssten, würde sowohl St. Pauli als auch das Schanzenviertel an Charme einbüßen. Modernes Ausgehen bedeutet in Hamburg nun mal auch: Bechern am Kiosk und Cornern auf dem Bordstein.

Julia Staron gibt sich trotz allem zuversichtlich. Bisher habe St. Pauli sich immer noch rechtzeitig zurechtruckeln können. In der jüngeren Vergangenheit habe der Stadtteil immer wieder mit Problemen wie massivem Leerstand und einseitigem Angebot kämpfen müssen. „Aus diesen Problemen entstand meist etwas Neues, etwas Innovatives.“

Dieses Mal sind die Probleme bunt zusammengestellt aus Student*innen, Akademiker*innen, Obdachlosen oder Tourist*innen, die auf Straßen sitzen und trinken.

Das Publikum verlagert sich

Wie genau ein Lösungsansatz aussehen könnte, weiß die Kukuun-Chefin auch nicht so recht. Anfangen könne allerdings mal die Stadt. „Wenn die erkennen würden, dass neben der Elbphilharmonie auch die kulturelle Vielfalt die Stadt Hamburg ausmacht und es nicht nur ein Flaggschiff gibt…“

Ja dann? Innovation? Neugestaltung des Nachtlebens? „Immerhin Fördergelder für Kulturtreibende“, sagt Staron. Denn mittlerweile merke sie, dass Besucher*innen auf St. Pauli das dünne Angebot bemängelten. „Ist ja nur noch Kiosk.“ Entsprechend verändere sich das Publikum. Es kommen immer mehr Menschen, die nicht mehr einkehren. Leute, denen die Kulisse reicht. Wo das „innere Programm“ des Viertels irrelevant wird.

Die Reeperbahn auf St. Pauli von oben bei Nacht. Foto: Kai Pilger
Die Reeperbahn auf St. Pauli. Foto: Kai Pilger

„Hauptsache ich kann den Hashtag St. Pauli setzen. Was ich in dem Moment mit Pauli verbinde, ist nicht mehr wichtig.“ Staron spricht dabei von einer Instagram-Kultur. Denn vielen reiche die Selbstinszenierung, die Oberflächlichkeit, in der St. Pauli bloß noch im Hintergrund stattfindet. „Hashtag Kukuun braucht es offenbar nicht mehr.“

Die SPD- und die Grünen-Fraktionen der Hamburger Bürgerschaft haben im Mai 2018 ein Ersuchen gegenüber dem Senat formuliert. In diesem wird eine konkrete Forderung gestellt: Der Senat sollte eine Studie durchführen, die prüft inwiefern bestehende Regeln angewandt oder angepasst werden können, um dem permanenten Zugang zu Alkohol entgegenzuwirken.

„Der Kiosk ist kein soziales Projekt, sondern schlicht und einfach Business.“

Das Ergebnis der Studie wurde für den Sommer 2018 eingefordert. Nun ist über ein Jahr vergangen, ein Ergebnis gibt es nicht. Doch laut Martin Roehl, Pressesprecher des Bezirksamts Altona, wird „in Kürze“ eine Antwort auf das Ersuchen erwartet. Was ihn daran glauben lasse? „Behörden sind immer optimistisch.“

Preise wie im Supermarkt, Stimmung wie im Biergarten

Den halben Liter Bier gibt es am Kiosk für einen halben Euro. Die Flasche Wein für drei. Eine Flasche Wodka und ein Mischgetränk samt Pappbecher für zehn Euro. Preise wie im Supermarkt, Stimmung wie im Biergarten. Zur rechten das Tanzlokal, zur linken eine Bar. Diese wiederum flankiert von weiteren Kiosken – Ausgehmöglichkeiten, dichter als ein (britischer) Junggesellenabschied in der 99-Cent-Bar.

Der grell flimmernde Kiez-Kosmos lebt von dieser Dichte. Genauso von den Kiosken, Spätis, Trinkhallen, Buden. Wie auch immer man sie betitelt. „Ein Kiosk ist aber immer nur so gut, wie das Gastronomieangebot um ihn herum“, meint Staron. Denn nicht der Kiosk zieht die Massen, es sind die Clubs und Bars, die die Seele eines Viertels ausmachen. „Aber wenn ich meine kaputten Schuhe nicht zum Schuster bringe, muss er seinen Laden irgendwann schließen.“ Die Leute würden ihre eigene Rolle in diesem Zusammenhang vergessen, meint die Gastronomin.

Und klar ist, dass Kneipen auf dem Hamburger Berg auch ohne Kiezcorner bestehen würden, so wie es jahrelang funktioniert hat. Der Kiezcorner ohne die Kneipen hingegen würde wohl Schwierigkeiten bekommen.

*Name geändert

Titelbild: Max Nölke

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Harald Schmidt hat 1995 gesagt, dass Kinder nur noch Max, Paul oder Leonard heißen. „Namen wie blank geputzte Holztische“. Zu diesem Zeitpunkt war Max Paul Leonard Nölke seit zwei Monaten auf der Welt. Der Dortmunder Knirps teilt mit seinen Namensvettern Hobbys wie Fußball, Musik hören und Freunde treffen. Soweit, so blank geputzt. Markanter ist Max‘ Schreibe. Der herbe Ruhrpott-Schlag gepaart mit seinem Feingefühl brachten ihn in die Redaktionen der Dortmunder “Ruhr Nachrichten” und der Berliner “taz”. In Marburg hat er Sprache und Kommunikation studiert, kann auf Italienisch einen Ramazzotti bestellen und auf Niederländisch eine Frikandel Speciaal. Am liebsten sind ihm aber die Kohlrouladen von Mama. Irgendwann will er mal mit Olli Schulz ein Fischbrötchen verspeisen. Der ist sowieso lustiger als Harald Schmidt. Kürzel: max
Dustin Balsing, geboren 1993, verwandelte als Kapitän seiner Tennismannschaft gleich zweimal den alles entscheidenden Matchball zum Aufstieg. Auch sonst ist er sportbegeistert. Neben Tennis und Basketball gilt seine größte Leidenschaft dem Fußball. Für sein Studium der Publizistik ging er als Numerus-Clausus-Flüchtling von Würzburg nach Wien. Dort schrieb der gebürtige Kölner und Hertha-Fan Beiträge und Moderationstexte für einen Nachrichtensender und arbeitete über ein Jahr als Online-Redakteur beim Sportportal “Laola1”. Wien ist für ihn wie ein riesiges Museum, nicht nur die Stadt, sondern auch der Dialekt machen ihm Spaß. Kölsch, Schwäbisch, Sächsisch, Berliner Schnauze: Dustin spricht zwar nicht jede Sprache, aber dafür so gut wie jeden Dialekt. Bald schnackt er auch wie ein Hamburger Jung. Kürzel: dub

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