Schlaflose Nächte, Massen an Stoff und schlechte Noten. Das Matheabitur machte dieses Jahr viele Schüler*innen verrückt. Das muss nicht sein, findet unser Redakteur Simon Schröder.

Das Matheabitur war dieses Jahr vielen zu schwierig. Aus diesem Grund protestierten Schüler*innen in Hamburg gegen ihre Prüfung im Mathe-Grundkurs. Über 5000 Mal wurde eine Online-Petition unterschrieben, der Bewertungsschlüssel daraufhin geändert. Am Ende bestanden mal wieder 95 Prozent der Schüler*innen.

Dieser Protest zeigt auch: Hamburger*innen nehmen ihr Abitur ernst. Doch nicht das Matheabitur ist ein Problem, sondern das System in dem sich die Abiturient*innen abkämpfen. Sich nur über eine Klausur aufzuregen ist verschwendete Energie.

Fehler im System

Natürlich, wer studieren will, braucht Abitur. Das ist auch gut so. Hochschulen brauchen ein System, an dem sie sich orientieren können. Außerdem: Wer 13 Jahre lang zur Schule gegangen ist, sollte mit mehr Möglichkeiten ins Berufsleben starten, als jemand, der schon nach zehn Jahren aufhört.

Für Abiturient*innen liegt das Problem aber in der eindimensionalen Benotung. Ein Schnitt sagt nicht viel über den Menschen dahinter aus. Was fehlt ist ein System, das die Fähigkeiten der Schüler*innen außerhalb der Fächer beachtet.

Deutlich wird das am Beispiel Medizin. Wer direkt nach dem Abi Medizin studieren will, muss der 1,0 so nahe wie möglich kommen. Auf 1.687 Studienplätze kamen im Sommersemester 2019 bundesweit 18.928 Bewerber*innen. Durch so eine hohe Nachfrage entsteht ein hoher Numerus Clausus (NC). In Hamburg lag er in den letzten sechs Jahren zwischen 1,2 und 1,0.

Medizin studieren trotz Vier in Geschichte

Das ist ein Problem. Eine 1,0 im Abi sagt wenig über einen fähigen Arzt oder eine fähige Ärztin aus. Werdende Ärtzt*innen müssen rechnen können, eine Ahnung von Biologie haben, die deutsche Rechtschreibung beherrschen und gutes Englisch sprechen. Aber müssen sie alle Fächer mit einer Eins abschließen? Brauchen sie ein „Sehr-gut“ in Geschichte, um später in ihrem Beruf arbeiten zu können? Eher nicht. Eine Vier tut es da auch.

Für Mediziner gibt es bereits den Test für medizinische Studiengänge (TMS), auch Medizinertest genannt. Durch ihn verbessern sich die Chancen auf einen Studienplatz. Doch selbst dann zählt die Abinote noch mit rein. Auch bietet nicht jede Hochschule denselben Test an. Sprich: Es gibt kein einheitliches System. Bei der Uni Hamburg nennt er sich nicht TMS sondern HAM-Nat. Aber auch der wird mit der Abiturnote kombiniert.

So ein Test ist aber schon mal ein Anfang. Andere Studiengänge mit hohem NC, wie zum Beispiel Psychologie, verwenden solche Tests seltener oder gar nicht.

Schulen ohne Noten in Hessen

Das Noten-Problem erkannten auch die Grünen in Hessen. Sie forderten die Abschaffung von Noten in ihrem Bundesland. Mit Erfolg. Dort können 30 Schulen seit Januar 2019 frei entscheiden, ob sie durch eine Note oder in schriftlicher Form bewerten. Innerhalb der nächsten fünf Jahre sollen jährlich 30 weitere Schulen folgen.

Ob die Schulen in Hessen ihre neue Freiheit auch tatsächlich nutzen, ist nicht ersichtlich. Und der politische Vorstoß schließt auch nicht das Abitur ein. Nur Schüler*innen bis zur achten Klasse sollten notenfrei bewertet werden können.

Wie wäre es daher mit folgender Idee: Lasst junge Menschen Abitur machen und gebt ihnen dadurch die Erlaubnis für fachbezogene Test der einzelnen Studiengänge. Darauf ist noch keiner gekommen.

Schüler*innen sind nur so gut wie ihre Lehrer*innen

Interessant ist auch, dass die Ergebnisse des Abiturs nicht nur von den Leistungen der Schüler abhängen.

Bei einem Blick von „Spiegel Online“ auf die PISA-Auswertungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kam heraus: Gute Leistungen von Schüler*innen brauchen gut ausgebildete Lehrer*innen. Eigentlich eine Binse, aber trotzdem mangelt es noch immer an der Umsetzung. Laut Artikel gibt es zwar eine gute Trainingsphase, das Referendariat, aber wenig Zeit für Fortbildungen und Feedback über den eigenen Unterricht.

Haben wir es also schon immer gewusst: Sind die Lehrer*innen Schuld an unseren schlechten Noten?

Ganz so einfach ist es nicht. Viele Lehrkräfte geben sich Mühe und bieten guten Unterricht an. Doch es mangelt an (Wo-)Manpower. Es gibt zu viele Schüler*innen und zu wenig Lehrer*innen.

Das wird spätestens im anonymen Brief einer Lehrerin deutlich. Sie schreibt auf „Spiegel Online“ über ihren Burn-Out und darüber, wie fertig die meisten Kolleg*innen sind. Auch Lehrer*innen sind in einem kranken System gefangen.

Auswendig lernen, büffeln, wiederkäuen

Aber was bringt das Abitur dann überhaupt noch? Wenn es solche Probleme gibt, sollten wir doch lieber die Regeln ändern oder das Abitur ganz abschaffen.

Eben nicht. Man darf nicht vergessen, worum es in der Schule und beim Abi wirklich geht. Jahrelang im Klassenraum die Zähne zusammenzubeißen und sich durch schweren Stoff zu büffeln – das ist die eigentliche Leistung.

Ja, so eine schwierige Matheklausur ist ärgerlich. Aber die Probleme bei der Bewertung durch Noten und die Situation der Lehrer*innen zeigen: es gibt ganz andere Probleme, die wir lösen sollten.

Wie wäre es zum Beispiel mit einer Petition für ein anderes Notensystem in Hamburg? Mit so einem Aufschrei wäre den folgenden Jahrgängen geholfen.

Titelfoto: Pixabay

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