Jede vierte Klassenfahrt mit dem Flugzeug? Nach einer AfD-Anfrage an den Senat wird über die Zahl der Flugreisen an Hamburgs Schulen diskutiert. Was hinter den Zahlen steckt und Fridays for Future zu den Vorwürfen sagt.

„Erst kommt das Fliegen, dann die Moral“: Für Dr. Alexander Wolf aus der AfD-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft steht fest, dass Schüler*innen in Hamburg zu viel fliegen. Dies schreibt die AfD-Fraktion in einer Pressemitteilung vom 7. November. Grund für die Annahme sind durch den Senat veröffentlichte Zahlen der Schulbehörde: Von 369 Schulreisen an 17 weiterführenden Schulen im vergangenen Schuljahr sind 84 mit dem Flugzeug angetreten worden. Doch wer genauer nachsieht, entdeckt: Die Zahlen sind weder repräsentativ, noch wird bei der Art der Reisen genauer differenziert.

Am 29. Oktober stellte der AfD-Abgeordnete Wolf eine Kleine Schriftliche Anfrage an den Senat. In dieser fragte er nach der Anzahl, den Zielorten und den Verkehrsmitteln von Klassenreisen im vergangenen Schuljahr. Schon vor Beantwortung durch den Senat titelte die „Bild“-Zeitung am Dienstag: „Völlig abgehoben – Jede 4. Klassenfahrt mit dem Flugzeug“. Der Zeitung lagen die Ergebnisse der Abfrage bereits vor, mehrere Medien griffen die Meldung und die Zahlen auf.

Zahlen nicht repräsentativ, Schulreisen nicht Klassenfahrten

Allerdings: „Eine Schulabfrage war aufgrund des Feiertages am 31. Oktober 2019 und des Ferientags am 1. November 2019 nicht möglich“, heißt es in der Beantwortung der AfD-Anfrage durch den Senat. Die Anzahl der durchgeführten Klassenreisen werde durch die Schulbehörde nicht zentral erfasst. Der Senat muss aber innerhalb von acht Tagen auf Schriftliche Kleine Fragen antworten. Bei den veröffentlichten Ergebnissen handelt es sich laut Schulbehörde daher lediglich um eine Stichprobe.

Die aufgezählten Flugreisen sind allerdings nicht nur regelmäßige Klassenfahrten, sondern auch außerordentliche Austauschreisen. So flogen Schüler*innen der Stadtteilschule Alter Teichweg, Hamburgs einzige Eliteschule des Sports, im Mai für die Schulweltmeisterschaften im Schwimmen nach Rio de Janeiro. Bei den Flugreisen am Gymnasium Süderelbe nach China, Indien, Frankreich, Polen und London handelt es sich um Austausch- und Profilreisen, nicht um reguläre Klassenfahrten. Das erklärte Schulleiter Thomas Fritsche in einer Stellungnahme.

Foto: Pixabay.com
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AfD kritisiert Doppelmoral bei Schüler*innen

Die AfD wirft den Schüler*innen Doppelmoral vor: Es ergebe wenig Sinn, für das Klima auf die Straßen zu gehen und Forderungen zur Rettung der Welt aufzustellen, aber sich selbst nicht zu mäßigen und nicht mit gutem Beispiel voranzugehen, wird AfD-Politiker Wolf in der Pressemitteilung vom Donnerstag zitiert. „Besonders absurd sind die ‚Klassenflüge‘ der ‚Klimaschulen‘, die diesen Namen offenkundig nicht verdienen“, kritisiert Wolf die streikenden Schüler*innen. Auch wenn die Umfrage nach den Klassenfahrtzielen nicht als Datengrundlage für eine Kritik taugt: Eine aktuelle Studie zeigt, dass junge Menschen in Hamburg tatsächlich noch nicht genug für das Klima tun.

„Ich sehe den Grund nicht in erster Linie bei den Schüler*innen“, sagte Nele Brebeck auf Nachfrage von FINK.HAMBURG. Die Studentin ist Sprecherin der Hamburger Ortsgruppe von Fridays For Future.

Die 20-Jährige sieht andere Gründe für die Flugquote bei Schulfahrten: Mit dem Zug zu reisen sei nach wie vor deutlich teurer als zu fliegen. Und bei Klassenfahrten stehe immer im Vordergrund, die Reise so kostengünstig wie möglich zu planen. Darüber hinaus sei man etwa mit dem Flugzeug innerhalb weniger Stunden in Rom, während die Zug- oder Busfahrt einen gesamten Tag in Anspruch nehme. Brebeck fordert: „Diesen zusätzlichen Tag müssten Lehrkräfte bewilligt bekommen.“

Trotzdem bedauert Fridays For Future, dass bei Klassenreisen oft geflogen wird: „Wir würden uns natürlich wünschen, dass zukünftig Ziele innerhalb von Europa ausgesucht werden, die bestenfalls mit der Bahn oder im Zweifelsfall auch mit dem Bus erreicht werden können“, sagte Sprecherin Brebeck.

Gibt es einen „Fridays For Future“-Effekt?

Den Zusammenhang zwischen streikenden und dennoch fliegenden Schüler*innen so herzustellen, ist auch aus einem anderen Grund zweifelhaft: Die Zahlen der Schulbehörde beziehen sich auf das vergangene Schuljahr, das im Juli dieses Jahres endete. Die Protestbewegung Fridays For Future entstand in Deutschland im Dezember des vergangenen Jahres. Zu diesem Zeitpunkt waren viele Schulreisen längst gebucht.

Es sei daher noch verfrüht, im Jahr 2019 bereits einen ‚Fridays for Future‘-Effekt zu erwarten, meint Nele Berbeck. „Ungefähr jetzt um diese Zeit dürften die Klassenreisen für das kommende Jahr gebucht werden – mal schauen, wie das Ergebnis dann aussieht.“

Das Thema beschäftigt die Bürgerschaft auch weiterhin: Die CDU hat ebenfalls eine schriftliche Anfrage an den Senat gestellt und fordert darin unter anderem genauere Zahlen zu Klassenreisen in Hamburg ein.

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