Hamburg hat über 13.000 Denkmäler. Eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die Hansestadt schon öfter als „Freie- und Abrissstadt“ bezeichnet wurde. Wo finden sich die meisten Denkmäler – und warum?

2013 war ein gutes Jahr für Denkmäler in Hamburg, auf einmal stieg ihr Bestand und verdreifachte sich nahezu: von etwa 4.900 auf 13.000. Allerdings wurden nicht plötzlich überall Steine und Statuen aufgestellt. Den sprunghaften Anstieg hat die Hansestadt schlichtweg einer Änderung des Denkmalschutzgesetz zu verdanken. Mit dem neuen Gesetz fiel eine Art Vorstufe, das „erkannte Denkmal“, weg. Alle anerkannten Denkmäler wurden zu sogenannten Volldenkmälern erklärt. Und Hamburg wurde mit einem Mal um 8.000 Denkmäler reicher.

So schnell kann das manchmal gehen. Doch was ist eigentlich ein Denkmal? Wer ist dafür verantwortlich? Und wo stehen in Hamburg die meisten Denkmäler? Eine Spurensuche.

Zuerst einmal die nüchternen Fakten: Laut Duden ist ein Denkmal ein „zum Gedächtnis an eine Person oder ein Ereignis errichtete, größere plastische Darstellung“, ein „Monument“. Tatsächlich verbinden wohl auch die meisten Menschen ein Denkmal am ehesten mit einer Statue. In der Realität stehen allerdings vorwiegend Gebäude unter Denkmalschutz: In Hamburg sind das knapp 10.000.

Denkmalschutz ist Ländersache

Der Denkmalschutz ist Ländersache und durch entsprechende Gesetze geregelt. Grundsätzlich sind vier Kriterien entscheidend, damit ein Objekt als Denkmal eingestuft wird: Die Erhaltung ist aufgrund seiner „geschichtlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Bedeutung oder zur Bewahrung charakteristischer Eigenheiten des Stadtbildes“ im öffentlichen Interesse. Wenn einer dieser Punkte erfüllt ist, kann das jeweilige Bundesland das Objekt als Denkmal einstufen.

In Hamburg ist die Dichte an Denkmälern in der Innenstadt nördlich der Elbe und im Bezirk Altona am höchsten. Ansonsten verteilen sich die Denkmäler ungleichmäßig über die gesamte Stadt. Laut Denkmalschutzamt Hamburg liegt das unter anderem am Großbrand im 19. Jahrhundert, der zwischen Hafen und Innenalster mehr als 4.000 Wohnungen zerstörte. Ein weiterer Grund sind der Behörde zufolge die Kriegszerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Allein beim größten Luftangriff auf Hamburg vom 25. Juli bis 3. August 1943 zerstörten Bomben rund 256.000 Wohnungen – mehr als die Hälfte des Bestandes. Und mit ihnen auch Denkmäler.

Die meisten Denkmäler finden sich in den Stadtteilen Ottensen und Ohlsdorf. Auf Anfrage von FINK.HAMBURG erklärt das Denkmalschutzamt, in Ohlsdorf trage der größte Parkfriedhof der Welt zum hohen Bestand bei. Der Friedhof hat allein zwölf denkmalgeschützte Kapellen. In Ottensen befinden sich laut Denkmalschutzamt besonders viele denkmalgeschützte Ensembles, die, würde man sie einzeln zählen, sogar die Zahl an Denkmälern in diesem Bereich stark in die Höhe schnellen ließen.


Kleine Grenzsteine, große Geschichte

Auf der Karte sind alle 265 in Hamburg unter Denkmalschutz stehenden Grenzsteine verzeichnet. An einigen Stellen verbergen sich interessante Geschichten. Die rot markierten Punkte zeigen beispielsweise, dass sich Steine zentral in der Stadt häufen. Hier lässt sich eine auffällige Route vom Fischmarkt bis zum Tarpenbek in Eppendorf erkennen. Was hat es mit dieser Route auf sich?

Hamburg endete früher im Westen bereits an dieser Linie. Die Orte Altona, Langenfelde und Lokstedt gehörten noch nicht zum Stadtgebiet. Ab 1871 war Hamburg als Freistaat Teil des deutschen Kaiserreichs. Altona und Co. gehörten zur Provinz Schleswig-Holstein des Königreich Preußen, welches wiederum als Bundesstaat ein Teil des Kaiserreichs war. Die Grenze zwischen den beiden Bundesstaaten entspricht dem Verlauf der rot markierten Grenzsteine in der Karte. Das lässt sich anhand dieser Karte von 1889 nachvollziehen.

Dass diese Grenze in Hamburgs Westen bereits vor der Reichsgründung einen ähnlichen Verlauf zeichnete, ist durch noch ältere Karten und an den Datierungen der markierten Grenzsteine erkennbar. Die meisten Steine dieser Route wurden zwar zur Zeit des Kaiserreichs verlegt, einige von ihnen sind aber deutlich älter. Der Stein E040, Nr. 2 liegt bereits seit 1799 in der Rellinger Straße 9.

Seitdem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 gehören Langenfelde, Lokstedt und Altona zum Hamburger Stadtgebiet. Mittlerweile hat sich die historische Grenze zwischen Altona und Hamburg verschoben. Dadurch gehört die berühmte Amüsiermeile Große Freiheit heute zu St. Pauli. Vor Knapp 100 Jahren gehörte die Straße noch zu Altona. Andersherum steht die dem Stadtteil namensstiftende St.-Pauli-Kirche deshalb heute in Altona-Altstadt.

Neuwerk: Ein Stadtteil in der Nordsee

Mitten in der Elbmündung, in der südöstlichen Nordsee, liegen fünf weitere Denkmäler Hamburgs: auf der Insel Neuwerk. Sie gehört zum Bezirk Hamburg-Mitte und bildet mit den unbewohnten Nachbarinseln Scharhörn und Nigehörn den Stadtteil Hamburg-Neuwerk. Gerade mal 40 Einwohner*innen leben hier.

Dafür ist die Insel ein ganz besonderer Teil von Hamburg: Der Leuchtturm von Neuwerk wurde 1310 erbaut und ist das älteste Bauwerk der Stadt. In dem Datensatz des Denkmalschutzamts gibt es zwar mehrere Kirchen, die eine noch frühere Datierung haben. Laut Denkmalschutzamt handelt es sich bei diesen Kirchen aber um „Vorgängerbauten, Reste von Vorgängerbauten oder erste Erwähnungen.“

Hamburgs ältestes Bauwerk liegt über 100 Kilometer vom Stadtkern entfernt

Hamburgs ältestes Bauwerk steht damit 100 Kilometer weit entfernt vom Stadtkern. Ursprünglich fungierte der Leuchtturm als Festungsturm und sicherte Hamburg von der Elbmündung aus.

Auch die Grünfläche vor dem Leuchtturm steht unter Denkmalschutz. Dazu kommen ein Friedhof und die Ostbake der Insel. Die Nordbake von Neuwerk zählt ebenfalls zu den Denkmälern von Hamburg, wurde aber im Jahr 2017 von einem Sturmtief zerstört.

Kino unter Denkmalschutz

Vorhang im Holi Foto: Holger Steinert
Vorhang im Holi Foto: Holger Steinert

Laut Kinodatenbank des Filmmuseums Hamburg gab es seit der Geburtsstunde des Kinos im Jahr 1895 insgesamt 554 Lichtspielhäuser in Hamburg. Die Geschichte der Hamburger Kinolandschaft ist eine bewegte: Viele traditionsreiche Häuser wurden geschlossen oder abgerissen, neue moderne Großkinos kamen hinzu. Heute gibt es 25 Kinos in Hamburg.

Die Geschichte der Hamburger Kinolandschaft ist eine bewegte

Auch wenn keines dieser Kinos unter Denkmalschutz steht wurde der Hamburger Kinogeschichte an fünf Orten ein Denkmal gesetzt:

  • Im Kinosaal 1 des Holi-Kinos (errichtet 1951) können Kinogänger*innen vor jeder Vorstellung einen mit Hamburg-Motiven verzierten und unter Denkmalschutz gestellten Vorhang bestaunen.
  • Wo am Spielbudenplatz das Knopf’s Lichtspielhaus (1900) jahrzehntelang Filme zeigte, befindet sich seit den Achtzigerjahren der Musik-Club Docks. Der ehemalige Kinosaal beheimatet heute die Prinzenbar und steht unter Denkmalschutz.
  • Die Fritz-Schumacher-Siedlung in Langenhorn war zu Baubeginn (1918) Deutschlands erste einheitlich gestaltete Reihenhaussiedlung in einer Stadt. Die Siedlung beheimatete auch das Langenhorner Lichtspielhaus. Dies wurde 2006 zu einem Kulturhaus umgebaut und steht mitsamt der gesamten Siedlung seit 2009 unter Denkmalschutz.
  • Der Kinosaal des ehemaligen Metropolis (1952), damals auch Dammtor-Kino genannt, ist seit 2007 denkmalgeschützt. 2008 wurde der Kinosaal aufwendig demontiert und nach drei Jahren im Neubau wiedererrichtet.

Brückentradition in Hamburg

Was die Anzahl von Brücken betrifft, ist Hamburg in Europa Spitzenreiter. Mit rund 2.500 Brücken hat die Stadt mehr als Venedig und Amsterdam zusammen. Das ist jedoch auch der deutlich größeren Fläche geschuldet. Laut Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation lässt sich die genaue Zahl der Brücken nicht benennen, da regelmäßig Fußgängerbrücken wegfallen und neue hinzukommen.

Brücken haben in Hamburg eine lange Tradition: Die älteste noch erhaltene Brücke ist die 1633 erbaute Zollenbrücke am Nikolaifleet in der Altstadt. Ob über Elbe, Alster oder Fleete – ohne Brücken würde in Hamburg nichts laufen. Aber wie wahrscheinlich ist es eigentlich, über eine denkmalgeschützte Brücke zu stolpern? Immerhin rund fünf Prozent der Hamburger Brücken stehen unter Denkmalschutz – davon die meisten im Zentrum.

Historie trifft auf Moderne

Betrachtet man die Verteilung denkmalgeschützter Brücken fällt auf, dass sich die meisten Brücken in der Hafencity und in der Altstadt befinden. Bei der Hafencity ist die Speicherstadt maßgeblich beteiligt: Zwar wird sie als eigenes Quartier angesehen, gehört aber verwaltungsrechtlich zum Stadtteil Hafencity. Hier kann man auf einer Strecke von nur rund 2,5 Kilometern 17 (!) denkmalgeschützte Brücken überqueren.


Jedes 25. Wohngebäude ein Denkmal

Ein Großteil der Gebäude in Hamburg ist zum Wohnen gedacht. Laut aktuellem Melderegister von Ende 2018 beheimatet die Stadt knapp 1,9 Millionen Einwohner*innen. Dafür stehen 252.751 Gebäude mit 956.476 Wohnungen innerhalb der Stadtgrenzen zur Verfügung. 9.738 dieser Objekte sind denkmalgeschützt, also jedes 25. Wohngebäude in Hamburg.

Mit Blick auf die sieben Bezirke zeigt sich: Wandsbek ist mit 438.624 Einwohner*innen der einwohnerstärkste Bezirk Hamburgs und hat dementsprechend auch den größten Bestand an Wohngebäuden (78.404). Doch nur 1,3 Prozent aller Wohngebäude in Wandsbek stehen unter Denkmalschutz. Die Daten zeigen, dass Hamburgs Randbezirke wie Harburg, Bergedorf und eben auch Wandsbek die wenigsten denkmalgeschützten Wohngebäude haben. Anders sieht es in Altona und Hamburg-Nord aus: Hier finden sich fast sieben Prozent der Wohngebäude auch auf der Denkmalliste wieder.

Gründe für die geographischen Unterschiede im Denkmalschutz lassen sich nicht aus den Daten ableiten. Faktoren wie Einwohnerdichte, Wohnungs- und Hausbau hängen nicht mit der Verteilung denkmalgeschützter Wohngebäude zusammen. Das Denkmalschutzamt bestätigt: „Denkmallisten und Datenbanken sind in der Abbildung solch komplexer Zusammenhänge eben beschränkt.“

Ein Denkmal für die Ewigkeit?

Sind Denkmäler Zeitzeugen für die Ewigkeit? In der Realität ist der Denkmalschutz nicht so unantastbar, wie er klingt. Denkmäler werden abgerissen – das ist gängige Praxis. In Hamburg hat etwa zuletzt der Abriss des City-Hofs für Aufsehen gesorgt.

Titelfoto: Benjamin Eckert

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Benjamin Eckert, Jahrgang 1988, hat das Unmögliche möglich gemacht: Mit nur einer Bewerbung ergatterte er in Altona ein Zimmer in seiner Traum-WG. Dass Hamburg für ihn genau die richtige Stadt ist, würde er vor seinen Freunden aus seiner Heimatstadt Dortmund niemals zugeben. Seit 2009 arbeitet er als freiberuflicher Kommunikationsdesigner, 2013 schloss er seinen Bachelor in Fotografie ab. Beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend in Paderborn verantwortete er im Anschluss die Öffentlichkeitsarbeit und traf den Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. Für die Landesinitiative StadtBauKultur NRW betreute er Newsletter und Webseiten. Nebenbei arbeitet Benjamin fleißig an seiner Bucketlist, einiges hat er schon abgehakt: sein eigenes Hochbett bauen, einen Baum pflanzen und ein Buch herausgeben. Kürzel: ben
Jonas Ziock, Jahrgang 1993, wird oft von fremden Leuten gegrüßt und hört auch auf den Namen Joshi – so heißt sein eineiiger Zwillingsbruder. Mit ihm hat er in einem Arthouse-Kino in Lübeck noch gelernt, Filme von der Filmrolle abzuspielen. In Göttingen machte er seinen Bachelor in Politikwissenschaft und belegte zusätzlich journalistische Kurse. Während seines Studiums organisierte er zusammen mit Freunden subkulturelle Konzerte. Zwei der größten Bands waren die Antilopen Gang und Sick of it All. Auch in Hamburg geht er so oft wie möglich auf Metal- und Hardcore-Konzerte. Seine zweite Leidenschaft ist das Skaten. Schon als Jugendlicher fuhr Jonas von Lübeck in die Skatehalle I-Punkt, in der er heute jobbt. Oder ist es Joshi? Kürzel: joz
Jannik Golek, geboren 1994 in Altona, backt Pizza, die sogar Otto Waalkes schmeckt. Der Hamburger mit kroatischen Wurzeln ist nachtaktiv und morgens passiv, was er durch mindestens fünf Becher Kaffee ausgleicht. Überschüssige Energie baute er bei waghalsigen Bungeesprüngen im australischen Regenwald ab. In Hamburg nutzt er sie für Headbanging im Proberaum seiner Metalcore-Band “Call me home”. Nach dem Studium des Bibliotheks- und Informationsmanagements ist er als Frontend-Entwickler in einer Musikagentur tätig. Für diese hat er eine Website für die DJ-Szene umgesetzt und sich um deren Usability gekümmert. In der KFZ-Werkstatt seines Vaters schraubte er schon als Jugendlicher, seitdem ist er fasziniert von allem, was Motoren und Räder besitzt. Wenn sich das Hamburger Schietwetter erbarmt, ist er auf einem seiner beiden Motorräder unterwegs. Kürzel: jag
Max Schulte, Jahrgang 1993, steht auf komplexe Zusammenhänge. Seine Lieblingsserie ist “Mad Men” - trotzdem gendert er seine Texte und raucht nicht. Bei einem Besuch in Bologna entdeckte der gebürtige Hammer seine Vorliebe für ungewöhnliche Arrangements, als er die Eiscremesorten Erdnuss-Karamell mit Pistazie kombinierte. Dieser Neigung blieb er bei seinem Bachelor treu und studierte Journalismus und Unternehmenskommunikation in Köln. Nebenbei arbeitete er in der PR-Abteilung des psychologischen Marktforschungsinstituts Rheingold und pendelte für ein Praktikum bei der Deutschen Post DHL Group nach Bonn. Dort brachte er ITlerinnen und ITlern das Kommunizieren bei. Das Studium der Digitalen Kommunikation an der HAW Hamburg ist da doch nur logische Konsequenz. Kürzel: mas

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