Zak hat das Down-Syndrom und will Profi-Wrestler werden, der verbitterte Tyler nur weg. „The Peanut Butter Falcon“ erzählt die gemeinsame Flucht von zwei scheinbar ungleichen Typen, die sich ähnlicher nicht sein könnten.

„Du musst wissen: Ich bin ein Mensch mit Down-Syndrom.“ So klärt Zak seinen Mitstreiter Tyler zu Beginn ihrer Reise über das Offensichtliche auf. Tyler antwortet unverblühmt: „Weißt du was? Das ist mir scheißegal!“

Der junge Zak (Zack Goldhagen) träumt davon, an einer Wrestling-Akademie teilzunehmen, die er von alten Videokassetten kennt. Scheinbar unmöglich für den jungen Mann mit Down-Syndrom, der seit Jahren in einem Seniorenheim in North Carolina fehl am Platz ist. Seine einzigen Verbündeten dort sind die Betreuerin Eleanor (Dakota Johnson) und sein seniler Zimmergenosse Carl (Bruce Dern). Letzterer hilft Zak bei der nächtlichen Flucht aus dem Heim und gibt ihm noch einen hellsichtigen Rat mit auf den Weg: „Freunde sind die Familie, die du dir aussuchst.“

Etwa zur gleichen Zeit stiehlt der Fischer Tyler (Shia LeBeouf) die Krabbenreusen seiner Konkurrenten, die ihm daraufhin an den Kragen wollen. Tyler flieht mit seinem Fischerboot Richtung Kalifornien und entdeckt dabei den blinden Passagier Zak auf seinem Boot. Dies ist zwar bald versenkt, doch die gemeinsame Reise von Zak und Tyler durch die Südstaaten der USA fängt damit erst an.

The Peanut Butter Falcon – © Tobis Film GmbH
Zak (Zack Goldhagen) und Tyler (Shia LeBeouf) © Tobis Film GmbH

Gegensätzlicher könnten sie nicht sein

Das Roadmovie „The Peanut Butter Falcon“ lebt von zwei sehr gegensätzlichen Figuren. Tyler, der durchtrainierte, freiheitsliebende Kleinkriminelle, trägt einen struppigen Bart und eine geladene Schrotflinte über der Schulter. Der etwas untersetzte Zak wirkt durch seine Behinderung mal unbeholfen, mal völlig hilflos, erst recht wenn er zu Beginn seiner Flucht nichts weiter als eine Unterhose trägt.

In seiner ersten großen Rolle sorgt der 34-jährige Goldhagen für viele Lacher. Seine Sprache, die Art wie er sich bewegt, all das ist aufgrund seiner Behinderung besonders und manchmal unfreiwillig komisch. Doch unbeachtet dessen ist Zak im Film einfach ein urkomischer Typ: immer gnadenlos ehrlich, frech und ziemlich clever.

Auch Shia LeBeouf, seit 2013 hauptsächlich in Independent-Produktionen zu sehen, ist eine gelungene Besetzung. Er spielt authentisch und unaufgeregt. Man merkt dem erfahrenen Schauspieler („Transformers“, „Indianer Jones“, „Nymphomaniac“) an, dass er sich in dem Film respektvoll zurücknimmt, um Zack Goldhagens Spiel genug Raum zu geben. LeBeouf betonte in Interviews zum Film, er habe sich von seinem Kollegen mit Behinderung am Set sogar beschützt gefühlt. Genauso wie Tyler sich im Film.

The Peanut Butter Falcon – © TOBIS
Zak (Zack Goldhagen) befindet sich in Gefahr © TOBIS

Ziemlich beste Freunde

Es ist leicht, sich in Filmen über Menschen mit Behinderung lustig zu machen. Man denke an den gruseligen Slapstick-Humor in „Wo ist Fred“ von und mit Till Schweiger. Auch das ganz große Drama mit gehandicapten Protagonisten zu erzählen, ist nahe liegend („Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, „Rain Man“). Doch es ist eine Kunst, Schauspieler*innen mit Behinderungen für Lacher sorgen zu lassen und sie gleichzeitig immer mit Respekt zu behandeln. Zuvor schafften das etwa die französischen Produktionen „Ziemlich beste Freunde“ und „Alles außer gewöhnlich„.

Auch den Autoren und Regisseuren Tyler Nilson und Michael Schwartz gelingt dieser Spagat in „The Peanut Butter Falcon“. Zur herausragenden Besetzung kommt eine sensible Erzählweise, die den gehandicapten Zak zum Helden erklärt und den knallharten Tyler zu seinem verletzlichen Mitstreiter.

The Peanut Butter Falcon – © TOBIS
Zak (Zack Goldhagen), Eleanor (Dakota Johnson) und Tyler (Shia LeBeouf) © TOBIS

Ähnlicher könnten sie nicht sein

Je mehr unterhaltsame Minuten im Film verstreichen, desto offensichtlicher wird, dass sich Zak und Tyler nur oberflächlich unterscheiden. Eigentlich könnten sie sich ähnlicher nicht sein: Beide haben ihre Familie verloren. Beide sind auf der Flucht. Beide retten sich gegenseitig das Leben. Und beide wollen eigentlich nur akzeptiert und geliebt werden.

Hier liegt eine weitere Stärke von „The Peanut Butter Falcon“, die den Film von vielen Roadmovie-Komödien abhebt. Schaut man genauer hin, erkennt man wie konsequent die Parallelen der Hauptfiguren sowohl erzählerisch als auch filmisch mit allen Mitteln durchdekliniert werden: Bevor die beiden auf ihrer Flucht aufeinandertreffen, springt der Film geschickt zwischen den beiden parallelen Erzählsträngen. Und während sich Zak und Tyler anfreunden, leiht der scheinbar Starke dem scheinbar Schwachen immer mehr Kleidung, bis die beiden wieder gleich viel anhaben und sich auch damit ebenbürtig sind.

Noch eines haben Zak und Tyler gemein. Sie lieben dieselbe Frau: Zaks Betreuerin Eleanor, die vom Heimleiter die Aufgabe bekommt, Zak nach seiner Flucht aus dem Wohnheim aufzuspüren. Sie wird auch Teil der gemeinsamen Reise.

Als Tyler sich Eleanor annähert (eine Liebesgeschichte darf schließlich in keinem Hollywood-Film fehlen), sagt er zu ihr: „Wir sind uns so ähnlich. Und dann wieder auch nicht.“ Doch da ist einem längst klar: Eigentlich meint Tyler sich, den knallharten Fischer, und Zak, den gar nicht so hilflosen Jungen mit Down-Syndrom.

Und der ist ihm alles andere als scheißegal.


„The Peanut Butter Falcon“ lief beim Filmfest Hamburg 2019. Zuvor gewann der Film mehrere Preise auf kleinere Filmfestivals, etwa den Audience Award beim South by Southwest Filmfestival und den Truly Moving Picture Award beim Heartland Film Festival. In Deutschland läuft „The Peanut Butter Falcon“ am 19. Dezember an.

Titelbild: The Peanut Butter Falcon – © TOBIS