Hamburg investiert Millionen in den Radverkehr. Das Zweirad hat einen wachsenden Anteil am Verkehrsmix und immer mehr Menschen wünschen sich die Mobilitätswende. Was die Hamburger in den kommenden Jahren erwartet, erzählt Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue.

„In Hamburg ist der Trend zum Radfahren ungebrochen“, heißt es im Koalitionsvertrag zwischen SPD und Grünen aus dem Jahr 2015. Ziel der Landesregierung: Das Fahrrad soll bis spätestens 2029 einen Anteil von 25 Prozent am Verkehrsmix bekommen. 2017 waren es noch 15 Prozent. Welche Maßnahmen neben dem Ausbau der Radwege anstehen, um dieses Ziel zu erreichen, verrät Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue im Interview mit FINK.HAMBURG.

Kirsten Pfaue auf der Geh- und Radwegpromenade am Großmarkt. Der Weg ist Teil der Veloroute 9 von Bergedorf in die Innenstadt. Foto: Hamburger Abendblatt / Michael Rauhe
Kirsten Pfaue auf der Geh- und Radwegpromenade am Großmarkt. Der Weg ist Teil der Veloroute 9 von Bergedorf in die Innenstadt. Foto: Hamburger Abendblatt / Michael Rauhe

Kirsten Pfaue

Kirsten Pfaue ist seit 1. Oktober 2015 Radverkehrskoordinatorin bei der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation. Ihre Aufgabe: Behördenübergreifend sorgt sie dafür, dass alle relevanten Stellen (Fachbehörden, Bezirke, LSBG, HPA) einen Beitrag zur Förderung des Radverkehrs in Hamburg leisten. Die Juristen kennt die Hamburger Verwaltung bereits gut. Zuvor war sie Leiterin des Rechtsamts beim Bezirksamt Wandsbek, arbeitete in der Bürgerschaftskanzlei, beim Bezirksamt Eimsbüttel und der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Zwischen 2010 und 2014 war sie ehrenamtlich als Landesvorsitzende des ADFC (Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs) Hamburg tätig. Sie ist spezialisiert auf Verhandlungsführung und Streitschlichtung.

FINK.HAMBURG: „Hamburg wird Fahrradstadt“, hieß es seit 2015 häufig und gerne. Jetzt hört man das Wort kaum noch von offizieller Seite. Warum?
Kirsten Pfaue: Das Wort Fahrradstadt finden Sie vor allem im Koalitionsvertrag. Als ein politisches Statement polarisiert es. Das Wort löst bei einigen Menschen eine große Hoffnung und bei anderen wahnsinnige Ängste aus. Deswegen benutze ich es selten. Die Bilder, die bei den Menschen entstehen, sind so verschieden, dass man zwangsläufig aneinander vorbeiredet. Das führt nicht weiter.

„Wir sollten noch mehr Verständnis füreinander aufbringen und gut aufeinander aufpassen.“

Werden die Velorouten bis Ende 2020 rechtzeitig fertig?
Auch nach 2020 werden wir noch an einigen Strecken bauen. Insgesamt ist das Veloroutennetz 280 Kilometer lang, wovon 150 Kilometer ausgebaut werden. Daran arbeiten alle Bezirke, der LSBG (Landesbetrieb Straßen, Brücken, Gewässer) und die HPA (Hamburg Port Authority), zusammen mit mehr als 30 Planungsbüros. Seit dem Start des Bündnisses für den Radverkehr in Mitte 2016 haben wir über 250 Maßnahmen angestoßen und rund 25 Millionen Euro in die Planungen und in den Bau investiert. 2018 wurden 16 Kilometer neue Velorouten gebaut und im Jahr davor waren es rund sieben Kilometer. Dies zeigt, was der Ausbau für ein riesiges Projekt ist, welches Zeit in Anspruch nehmen wird.

Dann wird es also knapp mit dem Zeitplan.
Bis 2020 werden und müssen viele Maßnahmen fertig sein. Ansonsten müssten wir Fördergelder vom Bund zurückzahlen. Das wollen wir auf keinen Fall. Noch in 2019 beginnt der Bezirk Hamburg Mitte mit dem Umbau des Ballindamms und dem Bau der Veloroute 5 im Pergolenviertel nordöstlich des Stadtparks. Und es kommen noch weitere Fahrradstraßen hinzu, zum Beispiel auf der Veloroute 1 die Chemnitzstraße in Altona.

Die Velorouten und ihr Ausbaustatus

Und wann geht es an der östlichen Alsterseite mit dem Umbau los?
Kürzlich haben wir erstmal eine kleinere Zwischenlösung umgesetzt, die das Fahren auf der Gebäudeseite verbessern und den Radweg an der Alsterseite entlasten. Der Abbau der Ampel Höhe Alstertwiete und die direkte und vorfahrtsberechtigte Einfahrmöglichkeit in die Nebenfahrbahn stößt auf positive Rückmeldungen und zeigt, dass wir mit wenig Aufwand eine große Wirkung erzielt haben. Ansonsten müssen wir den Brücken- und Straßenumbau an der Hohenfelder Bucht abwarten. Hier kommen deutliche Verbesserungen für den Radverkehr. Es werden sehr breite Radverkehrsanlagen entstehen. Außerdem werden die Straßen „Bellevue“ und „Schöne Aussicht“ zu Fahrradstraßen. Im Anschluss geht es dann „An der Alster“ los, das wird sicher ein großer Diskussionsprozess.

„Kann man hier nicht mal den großen Wurf wagen?“

Die Verkehrsflächen „An der Alster“ als Zukunftsszenario: So könnte es im Jahr 2030 vor dem heutigen Atlantic-Hotel aussehen.
Die Verkehrsflächen „An der Alster“ als Zukunftsszenario: So könnte es im Jahr 2030 vor dem heutigen Atlantic-Hotel aussehen. Visualisierung: ARGUS Stadt und Verkehr

Können wir dann einen radikalen Schritt erwarten, in etwa wie diese Visualisierung zeigt?
Das Bild ist wirklich visionär. Ich bin mir sicher, dass wir langfristig in diese Richtung gehen. Alle Verkehrsexperten sind sich einig, dass ein „weiter so“ nicht mehr funktionieren kann. Ich glaube auch, dass sich die Menschen nach solchen Örtlichkeiten sehnen, aber das ist natürlich ein radikaler Schritt, der in den nächsten Jahren so nicht kommen wird. Im Moment fahren „An der Alster“ circa 72.000 Autos pro Tag. Dies umzugestalten ist eine Operation direkt am Herz.

Viele Radfahrer vermissen den Mut in Hamburgs Radverkehrsplanung und wünschen sich eine konsequente Bevorteilung für das Fahrrad.
Wenn ich in Hamburg Rad fahre, sehe ich natürlich auch viele Stellen mit handtuchbreiten, hubbeligen Wegen und frage mich: Kann man hier nicht mal den großen Wurf für den Radverkehr wagen? Aber in meiner Funktion habe ich gelernt, dass der Blick auf den Straßenraum wesentlich vielschichtiger ist, vielen Anforderungen genügen muss und sehr heiß umkämpft ist. Man darf nicht unterschätzen, was passiert, wenn bei Anwohnern die Hoffnung stirbt, einen Parkplatz vor der Tür zu bekommen. Wir wollen einen langfristigen gesellschaftlichen Wandel, aber keinen Umsturz.

Ist Hamburg da zu feige?
Wir verändern in Hamburg so viel wie noch kein Senat zuvor. Mit 19 Partnern fügen wir in der bestehenden Stadt ein ganz neues, modernes Verkehrskonzept ein. Wir werden über 100 Millionen Euro investieren, alleine um das Veloroutennetz auszubauen. Derzeit geben wir jährlich mehr als 10 Euro pro Einwohner für die Radverkehrsförderung aus. Hamburg zeigt an vielen Stellen, das Platz für den Radverkehr geschaffen wird. Wir haben jetzt gerade in Altona eine Planung auf der Veloroute 1 an den Straßenzügen Keplerstraße, Arnoldstraße und Eulenstraße, wo wir ganz klar zu Lasten des ruhenden Verkehrs die Radverkehrsführung deutlich verbessern werden. Und am Ballindamm werden die Radfahrstreifen eine Breite von 2,25 m bis 2,75 m bekommen. Das wird ein deutliches Zeichen.

„Am Ballindamm werden die Radfahrstreifen eine Breite von bis zu 2,75 m bekommen.“

Demnächst starten Marketing- und Sicherheitskampagne für 6,8 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren. Was erwartet uns da?
Ziel der Sicherheitskampagne ist es, alle Verkehrsteilnehmer anzusprechen und für ein besseres Miteinander zu werben, natürlich ohne erhobenen Zeigefinger. Es geht um den Perspektivwechsel und gegenseitiges Verständnis. Denn am Ende des Tages ist jeder mal Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer oder nutzt Bus und Bahn. Entscheidend ist, dass wir gut aufeinander acht geben. Bei der Marketingkampagne zeigen wir, wie gut Rad fahren einer Stadt tut und die Lebensqualität steigert durch lebendige Straße, weniger Lärm und Stau sowie eine bessere Luft. Auch werden wir die Bekanntheit unserer Velorouten, der Bike+Ride Anlagen und unserem Stadtrad verbessern. Wir wollen über die Veränderungen mit allen Bürgerinnen und Bürgern sprechen.

Ließe sich das viele Geld nicht besser auch in den Infrastruktur-Ausbau investieren?
Wir bauen nicht nur die Infrastruktur aus, sondern auch ganz massiv die Services der Stadt. Bei unserem Fahrradleihsystem werden wir eine Vollabdeckung erreichen, das heißt, wir binden alle U- und S-Bahnstationen und Stadtteilzentren an. Auch beim Bike+Ride-System werden wir bis 25.000 Abstellplätze an allen U- und S-Bahn-Stationen bis 2025 schaffen. Dafür investieren wir über 30 Millionen Euro. Das sind alles Angebote, über die wir kommunizieren müssen, damit sie bekannt und genutzt werden. Die kommunikativen Maßnahmen flankieren die anderen Maßnahmen und haben zum Ziel, ein positives Stadtgespräch zu führen.

Infrastruktur, Service, Kommunikation: Das ist geplant

Wie nehmen Sie die Stimmung zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern wahr und was wünschen Sie sich im Umgang miteinander?
Das macht mich manchmal betroffen. Ich stelle mir vor, dass alle sicher ans Ziel kommen möchten und da kann ich nicht nachvollziehen, warum mir ein Radfahrer ohne Licht entgegenkommt oder ein Autofahrer auf dem Fahrradstreifen parkt. Wir alle sollten noch mehr Verständnis füreinander aufbringen und gut aufeinander aufpassen. Das kann noch deutlich besser werden in Hamburg und wird auch in der Sicherheitskampagne thematisiert.

2021 findet in Hamburg der ITS-Kongress (Intelligente Transportsysteme) statt, bei dem es um zukunftsfähige Mobilität geht. Werden dort auch Fahrrad-Projekte präsentiert?
Wir werden stadtweit ein Radverkehrszählnetz installieren, dessen Zahlen man dann tagesaktuell im Internet einsehen kann. Ein weiteres Projekt heißt „VeloROADS“: Mit einem Multi-Touch-Table können wir den Prozess, der gerade stattfindet, öffentlich transparent machen. Der Tisch zeigt den Ausbaustand und wir können Planungsunterlagen einblenden, um mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen und Akzeptanz zu schaffen für die Komplexität. Und bei einem dritten Projekt überlegen wir, inwieweit es möglich sein kann, den Radfahrern per App Hinweise zu geben, welches Tempo sie fahren müssen, um die nächste grüne Ampel zu erreichen.

„Immer mehr Menschen sehnen sich danach in Städten zu leben, die insbesondere für Menschen gebaut sind.“

Wo und wie fahren Sie eigentlich am liebsten Fahrrad?
Ich bin ein Fan von Fahrradstraßen und glaube, dass das genau das richtige bauliche Element für die engen Straßen in Hamburg ist. In einer Fahrradstraße kann ich nebeneinander fahren, es ist wenig Autoverkehr und ich kann einfach, auch mit dem Lastenrad, andere Radfahrer überholen. Der Fußgänger hat seinen Platz. Für den Autofahrer ist die Straßenführung leicht nachvollziehbar. Es ist einfach die beste Art, Fahrrad zu fahren.

Aber auch da beobachte ich regelmäßig Konflikte.
Die Fahrradstraße ist noch ein recht neues bauliches Element. Deswegen braucht es für viele einen gewissen Gewöhnungseffekt. Der ist mittlerweile, glaube ich, eingetreten und die Autofahrer wissen, dass der Radfahrer im Vorrecht ist und Tempo 30 gilt. Wenn man an den „Leinpfad“ denkt, dann hat der Umbau zur Fahrradstraße Klarheit gebracht. Der ganze Straßenraum ist nun aufgeräumt und übersichtlich für alle Verkehrsteilnehmer.

Kirsten Pfaue (v.l.), Stadtrad-Projektleiter Lars Matthes, Bürgermeister Peter Tschentscher und Jürgen Gudd, Geschäftsführer der Deutschen Bahn Connect, präsentieren eines der elektrisch unterstützten Lastenfahrräder (Pedelec), von denen es ab Februar 20 zur Ausleihe geben wird.  „Die Infrastruktur bauen wir auch hinsichtlich der Lastenradnutzung aus“, sagt Kirsten Pfaue und ergänzt: „Sollte es mal eng werden, ist gegenseitige Rücksichtnahme wichtig und das Tempo entsprechend anzupassen.“ Foto: Christian Charisius/dpa

Und was machen Sie auf Strecken, wo die Situation zu schlecht ist, um auf einem Radweg zu fahren?
Ich bin natürlich eine routinierte Radfahrerin, deswegen stresst es mich nicht so sehr auf der Straße zu fahren. Aber am liebsten fahre ich in ruhigen Nebenstraßen und auf allen Fahrradstraßen, die sich anbieten.

„Das kann noch deutlich besser werden in Hamburg.“

ADFC oder Radverkehrskoordinatorin: In welcher Position lässt sich mehr für den Radverkehr in Hamburg bewegen?
Als Landesvorsitzende des ADFC habe ich ganz klar aus dem Blickwinkel eines Interessenverbandes gehandelt und versucht immer das Maximum für den Radverkehr herauszubekommen. Ein Interessenverband darf polarisieren und Diskussionen anstoßen. Als Radverkehrskoordinatorin würde ich damit aber nicht weit kommen. Es ist meine Aufgabe, alle beteiligten Akteure – von den Stadtplanern bis zu den Haushältern – in der Verwaltung mitzunehmen und dafür zu sorgen, dass die Stadt bei der Radverkehrsförderung gut vorankommt und wir uns nicht in endlosen Streitereien verheddern. Das kann leicht passieren. Dazu führe ich viele Gespräche und führe Entscheidungen herbei. Dies ist sehr komplex, ganz verschiedene Perspektiven fließen ein. Kontroverse Diskurse werden geführt und um Lösungen rund um das Thema Radverkehr gerungen. Bei meiner heutigen Arbeit gilt es stets die Grenzen auszuloten, innerhalb derer die Stadt für Veränderungen bereit ist. So lange ich in der jetzigen Position bin, wird Hamburg jeden Tag ein Stück fahrradfreundlicher.

„Wir geben jährlich mehr als 10 Euro pro Einwohner für die Radverkehrsförderung aus.“

„Es braucht große und mutige Entscheidungen, die dem Radverkehr konsequent mehr Raum geben und den Autos Platz wegnehmen“, meint FINK.HAMBURG-Redakteur Lennart Albrecht in seinem Kommentar „Fahrradstadt: Das reicht noch nicht!“ Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Wie zeitgemäß ist das Auto in der Innenstadt heute noch?
Das Thema kann nicht allein durch die Radverkehrsförderung beantwortet werden. Dazu braucht es neue Innenstadtkonzepte. In jedem Fall glaube ich, dass sich immer Menschen danach sehnen in Städten zu leben, die insbesondere für Menschen gebaut sind. Das erleben wir ja, dass das immer mehr gewollt ist. Und es sollte nicht unterschätzt werden, welches große wirtschaftliche Potenzial Radfahrer mitbringen und somit auch für die Händler in der Innenstadt attraktiv sind. Gleichzeitig muss die Innenstadt aber auch für Pendler erreichbar bleiben.

Mit fahrradfreundlicher Politik ließe sich also auch die nächste Wahl gewinnen. Wieso dann so zögerlich?
Die einzelnen Wahlprogramme der verschiedenen Parteien mit ihren Schwerpunkten kann ich nicht beeinflussen. Aber eins weiß ich sicher: Der Hamburger Senat geht heute schon mit Tatkraft und Entschlossenheit voran und das wird auch zukünftig so bleiben und weiter ausgebaut. Alle Megatrends sprechen doch die gleiche Sprache: Radfahren ist Schlüssel für viele Herausforderungen vor denen alle Millionenstädte stehen und steht für weniger Lärm, weniger Stau und bessere Luft. Dieser Verantwortung stellen wir uns – für unsere Stadt.