Seit September sind zwei Straßen in Ottensen autofrei, um mehr Qualität im öffentlichen Raum schaffen. Tatsächlich herrschen eher chaotische Zustände statt nachbarschaftlicher Ruheoase. Jetzt heißt es durchhalten – das zeigen auch Beispiele aus anderen Städten.

Unter dem Motto „Ottensen macht Platz“ wurden im September Teile der Bahrenfelder Straße und der Ottenser Hauptstraße für Autos gesperrt. Ziel des Verkehrsprojekts ist es, mehr Platz für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen zu schaffen. Die Anwohner*innen sollten die Chance erhalten, den öffentlichen Raum umzugestalten. Nach fast fünf Monaten lässt sich zusammenfassen: So richtig verantwortlich fühlte sich niemand, weder die Stadt noch die Nachbarschaft. Und da kaum jemandem klar war, welche Regeln in der neuen Zone gelten, trafen verärgerte Fußgänger auf verirrte Autofahrer. Das Resultat: chaotische Zustände statt nachbarschaftlicher Ruheoase.

Kein Mangel an Ideen

viele Menschen auf der Ottenser Hauptstraße
Zum Start gab es eine autofreie Party
Foto: Justus Beyer

Eigentlich war der Beginn des Projekts vielversprechend: Die autofreie Zone wurde mit einem großen Straßenfest eröffnet, in der Ottenser Hauptstraße wurde Rollrasen augelegt. Es gab Essensstände und Spiele für die ganze Familie.

Wenige Tage später wurde alles wieder eingesammelt. Zurück blieben die Bordsteine und das Kopfsteinpflaster. Es war die erste und letzte große Gemeinschaftsaktion in der autofreien Zone. Zögerlich wurden die Straßenschilder mit Papiertüten abgehangen, irgendwann folgten gelbe Sitzinstallationen aus Holz. Die sollten wohl zum Entspannen einladen. Am Ende saß dort kaum jemand.

Im Oktober, einen Monat nach Einrichtung der Zone, befragte die „Hamburger Morgenpost“ die Geschäftstreibenden. 57 Prozent sagten, dass sie der autofreien Zone negativ gegenüberstehen würden. Von knapp 30 Prozent Umsatzrückgang war die Rede. Eine Befragung von FINK.HAMBURG konnte dies nicht belegen. Was aber in fast jedem Gespräch mit Anwohner*innen und Passanten durchklang, war der Wunsch nach mehr Initiative vonseiten der Stadt: eine klare Kennzeichnung des autofreien Bereiches und mehr Events.

Erfolgreiche Beispiele in ganz Europa

Von Anlaufschwierigkeiten ist auch bei ähnlichen Projekten in anderen Städten die Rede. Ein Beispiel ist die Sendlinger Straße in München. 2014 wurde hier ein ähnliches Projekt gestartet. Nach erstem Widerstand ist die Straße heute eine voll akzeptierte Fußgängerzone. Sogar der Gewerbeverein City-Partner teilte mit: „Es zeigt sich jetzt, wie sehr die Umgestaltung das einmalige städtebauliche Ensemble der Sendlinger Straße aufwertet.“

In vielen Städten ist es das gleiche Bild: Vor allem Gewerbetreibende sorgen sich um die Anbindung zu ihren Geschäften. Anwohner*innen fürchten Straßenpartys und damit einhergehenden Lärm. In den meisten Fällen steigt der Umsatz aber, die Menschen nutzen die neuen Freiräume sinnvoll. Die Bedenken lösen sich in Wohlwollen auf.

So auch in Madrid. Hier wurde in der Vorweihnachtszeit 2018 die zentrale Einkaufszone für Autos gesperrt. Die Umsätze in den gesperrten Zonen stiegen deutlich im Vergleich zu jenen Zonen, die weiterhin für Autos zugänglich waren. In der Einkaufsstraße Gran Vía im Herzen der Stadt stiegen die Verkaufszahlen im Vergleich zu Vorjahr um 9,5 Prozent. Zum Vergleich: Im innerstädtischen Handel insgesamt ergab sich nur ein Plus von 3,3 Prozent.

Die Mehrheit ist dafür

Für Ottensen bleibt zu hoffen, dass der behäbige Start das Projekt nicht vollends ausbremsen wird. Die positiven Beispiele aus anderen Städten zeigen, dass es sich lohnt, dranzubleiben. Obligatorisch ist dafür aber, dass sich sowohl die Stadt, als auch die Anwohner*innen für eine attraktive Gestaltung des Raums verantwortlich fühlen.

Dabei ist die Mehrheit der Menschen, die man nach ihrer Meinung zum Projekt befragt, durchaus der Meinung, dass das Experiment in die richtige Richtung geht. Dies ergab eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest, im Auftrag des NDR, bei der sich 67 Prozent der Befragten für die autofreien Zonen aussprachen.

Die festgelegten Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig lebenswerte Zentren zu schaffen, das wollen viele deutsche Städte. Der Ansatz von „Ottensen macht Platz“ ist richtig: Den öffentlichen Raum sinnvoll nutzen, mehr Platz für Menschen schaffen und den Stadtverkehr in die Zukunft zu bringen.

Über die Zukunft des Modellprojekts wird noch vor der Hamburger Bürgerschaftswahl am 23. Februar entschieden. Das haben die CDU und die Grünen gegen alle anderen Parteien im Hauptauschuss der Bezirksversammlung Altona durchgesetzt.

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Justus Beyer, Jahrgang 1993, macht aus Scheiße Geld. Als Mitbegründer der Firma Horse Powered versorgt er Kleingärtner und Floristen mit Naturdünger-Pellets. Mit einem Jahr saß er das erste Mal auf einem Pferd, Landei ist er trotzdem nicht. Für das Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften zog es ihn vom Dortmunder Familienhof nach Hamburg. Dort analysierte er als Werkstudent bei dem Werberiesen Jung von Matt Zielgruppen und Wettbewerber namhafter Kunden. Unternehmen wie BMW, Montblanc und Ricola bereiteten ihm schlaflose Nächte. Bei Xing fand er dann sein persönliches Silicon Valley: Massagen im Büro, Geburtstagskonfetti und persönliche Weihnachtsgrüße vom CEO. Als Curation Manager fütterte Justus den Algorithmus und vernetzte Menschen mit gleichen beruflichen Interessen. Seine Konstante im Leben: Espresso. Kürzel: jub