Seit einigen Wochen sind zwei Straßen für Autos tabu. Einer Umfrage der Initiative „Ottensen bewegt“ zufolge gefällt das Projekt nicht allen. FINK.HAMBURG sprach vor Ort mit Anwohner*innen und Gewerbetreibenden.

Seit September ist Ottensen autofrei. Zumindest teilweise. Das Bezirksamt Altona hat Anfang des Jahres den Beschluss auf den Weg gebracht, die Ottenser Hauptstraße sowie die Bahrenfelder Straße zum großen Teil für Autos zu sperren. Die Aktion läuft erst einmal  bis Ende Februar 2020. Schon jetzt gibt es kritische Meinungen zum Projekt – vor allem von Gewerbetreibenden.

Am Montag der vergangenen Woche veröffentlichte die Initiative Ottensen bewegt die Auswertung einer Befragung von 92 Anwohner*innen und Gewerbetreibenden. Demnach ist die Mehrzahl der Geschäftsleute nicht zufrieden mit der Umsatzentwicklung. Auch von der Informationspolitik seien viele Ottenser*innen nicht begeistert.

Gerade einmal acht Prozent sind sehr zufrieden oder zufrieden mit der bisherigen Informationspolitik des Bezirksamtes Altona. 51 Prozent sind überhaupt nicht zufrieden. Das bestätigen uns auch einige Ladenbesitzer*innen und Passant*innen in Ottensen bei einer Umfrage von FINK.HAMBURG.

Auf die Frage „Wie finden Sie das aktuelle Miteinander beziehungsweise die Stimmung der Verkehrsteilnehmer in Ottensen?“ antworteten gerade einmal vier Prozent mit „sehr gut“, elf Prozent mit „gut“, allerdings 34 Prozent mit „schlechter“ und 35 Prozent mit „viel schlechter“.

FINK.HAMBURG hat sich vor Ort umgehört:

„‚Perspektivisch das Richtige“

„Ich persönlich sehe es positiv, dass die Straßen autofrei sind, allerdings ist gerade bei Autofahrern die Akzeptanz nicht so groß. Die autofreie Zone ist schlecht erkennbar und viele Navigationsgeräte führen die Autofahrer weiterhin hier durch.

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Umsatzentwicklung identisch. Das ist zwar kein positiver Effekt, trotzdem denke ich, dass es perspektivisch das Richtige ist.

Das wird aber natürlich mit einer Umgestaltung einhergehen müssen. So wie jetzt kann es auf keinen Fall bleiben.“

„So richtig durchdacht ist es noch nicht“

„Anfangs waren wir recht euphorisch und haben eine Chance darin gesehen, weil wir gehofft haben, dass es sich so entwickelt, wie die bestehende Fußgängerzone.

Aber es ist trist, muss ich sagen. Wenn man rausguckt, hat sich nicht viel verändert. Aktuell ist die Euphorie ein wenig gedämpft.

Natürlich sollen keine fest installierten Sitzinseln für sechs Monate hingestellt werden. Aber man kann zumindest Palmen oder Rhododendren aufstellen.

Ich glaube, da hat irgendjemand gedacht, das sei eine tolle Idee, die Autos hier einfach rauszuhauen, so richtig bis ins Detail ist es aber noch nicht durchdacht.“

Parkhölle Ottensen

„Die Atmosphäre insgesamt ist schön, das merkt man. Die Leute versuchen auf der Straße zu gehen, trauen sich aber nicht unbedingt. Denn es gibt immer noch Leute, die mit dem Auto hier durchfahren.

Allerdings werden diejenigen, die aus Versehen hier hereinfahren, beschimpft und angeschrien. Ich habe auch gehört, dass Leute Tomaten gegen die Autos geschmissen haben. Schikane sollte wirklich nicht sein.

Für die Anwohner ist das schön, aber man muss ein bisschen weiterdenken. Wir haben zum Beispiel auch Kunden, die einfach keinen Parkplatz finden.“

„Viele Autofahrer ignorieren das Fahrverbot“

„Ich finde, die Aktion ist grundsätzlich eine super Idee. Aber das mit den autofreien Straßen ist so eine Sache. Hier [gegenüber der Haspa, Anmerk. d. Red.] haben sie zum Beispiel den Zebrastreifen abgeschafft. Das finde ich sehr gefährlich.

Die meisten Leute fahren stur nach Navi und fahren hier einfach durch. Die kümmern sich überhaut nicht darum, dass das jetzt eine Fußgängerzone ist. Sie sieht durch das Kopfsteinpflaster nicht wie eine Fußgängerzone aus.

Ich war leider am Eröffnungstag nicht dabei, aber die Bilder, die ich gesehen habe, sahen wirklich toll aus. Da hat man den toten Raum genutzt und Sitzmöglichkeiten, Spielgelegenheiten und Ähnliches geschaffen.

Das ist ja erstmal nur ein Projekt für sechs Monate. Ich will nur hoffen, dass man sich nach dieser Zeit entschließt, dass es dauerhaft eine Fußgängerzone bleibt und dass sie dann auch entsprechend gestaltet wird.“

„Es ist wie eine kleine Oase in Ottensen“

Margrit Wernitz: „Ich finde, dass die Politik sich da wirklich unheimlich wenig Mühe gegeben hat, die Straßen optisch herzurichten. Es gibt hier nur diese gelben Sitzinseln und an den Schildern sind blöde Plastiktüten angebracht. Man hätte viel mehr Blumen hinstellen können.

Rolf Hörner: „Wir würden uns wünschen, dass es nach Februar so weitergeht. Es ist wie eine kleine Oase mitten in Ottensen. Das ist schon sehr schön. Hier müsste noch mehr geschehen, aber wenn das Projekt grundsätzlich bestehen bleibt, fänden wir das schon sehr stark. Man müsste die Straßen einfach noch ein bisschen netter gestalten.“

Eine Frage des Budgets?

„Ich glaube nicht, dass die Stadt ausreichend darauf aufmerksam macht, dass es sich hier in Ottensen um eine autofreie Zone handelt. Natürlich fahren einige bewusst hier rein, denen das egal ist. Viele sind aber auch überrumpelt und wissen davon nichts.

Ich bin davon ausgegangen, dass hier Poller installiert werden, sodass gar nicht die Möglichkeit besteht, hier hereinzufahren. Ich würde mir wünschen, dass in der Bahrenfelder Straße und Ottenser Hauptstraße permanent zwei Leute sowas im Auge behalten.

Ich sehe keine Umsatzeinbußen, allerdings auch keine Zugewinne. Aber wir sprechen hier auch nur von sechs Wochen. Nicht umsonst läuft das Projekt ein halbes Jahr. Nach dieser Probezeit können wir weitersehen.“

Flächen für Ottensener Events

„Grundsätzlich finde ich das total prima und als ich gerade auf dem Bahrenfelder Steindamm entlanggegangen bin, habe ich auch die Tischtennisplatte gesehen, an der Kinder und Erwachsene spielen. Das finde ich echt gut.

Ich weiß nicht, was geändert werden könnte, sodass die Autofahrer und Radfahrer auch tatsächlich das Bewusstsein dafür entwickeln, dass Fußgänger Vorrang haben. Ich fordere mich selbst dazu auf, auf der Straße zu laufen.

Ich würde mir wünschen, dass es Ende Februar weitergeht. Dann aber Vollgas, dann muss hier etwas passieren. Von mir aus eine Fläche für Aktionen, mit Kunstrasen zum Beispiel. So wie es in der ersten Woche war. Dann könnte die Stadt Events veranstalten. Ich fände das gut.“

Auch am Hamburger Rathaus sind einige Straßen autofrei. Die Bilanz ist bisher positiv.

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Justus Beyer, Jahrgang 1993, macht aus Scheiße Geld. Als Mitbegründer der Firma Horse Powered versorgt er Kleingärtner und Floristen mit Naturdünger-Pellets. Mit einem Jahr saß er das erste Mal auf einem Pferd, Landei ist er trotzdem nicht. Für das Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften zog es ihn vom Dortmunder Familienhof nach Hamburg. Dort analysierte er als Werkstudent bei dem Werberiesen Jung von Matt Zielgruppen und Wettbewerber namhafter Kunden. Unternehmen wie BMW, Montblanc und Ricola bereiteten ihm schlaflose Nächte. Bei Xing fand er dann sein persönliches Silicon Valley: Massagen im Büro, Geburtstagskonfetti und persönliche Weihnachtsgrüße vom CEO. Als Curation Manager fütterte Justus den Algorithmus und vernetzte Menschen mit gleichen beruflichen Interessen. Seine Konstante im Leben: Espresso. Kürzel: jub
Lukas Dose, 1995 in Plön geboren und dort aufgewachsen, ist Nordlicht durch und durch. Auch ein kurzes Intermezzo in Salzgitter für seinen Bachelor in Medienmanagement konnte das nicht ändern – Hamburg sollte es sein. Bei einem Praktikum in der Social-Media-Agentur Elbkind rückte er unter anderem Müsliriegel für Fotoshootings ins rechte Licht. Mit seinen knapp zwei Metern ist er der Größte im FINK-Newsroom. Die geringe Beinfreiheit im Flugzeug hält ihn aber nicht davon ab, die Welt zu entdecken: Die Vereinigten Arabischen Emirate, USA und Skandinavien hat er unter anderem schon bereist. In Schweden faszinierte ihn die fortgeschrittene Digitalisierung. Bargeldloses Bezahlen, schnelles Internet, Wlan überall – gute Argumente, um nach dem Master vielleicht noch weiter in den Norden zu ziehen. Kürzel: lud

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