Lea Seidensticker studiert Medizin und arbeitet als Krankenschwester in der Notaufnahme des UKE. Angst vor dem Virus hat sie keine. Ihr Arbeitsalltag war durch Corona anfangs sogar entspannter als je zuvor – aber nur vorübergehend.

Geschichten einer Krise FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Corona-Krise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen

Schon zur Begrüßung hallt Leas Stimme in rauem, aber doch klarem Ton durchs Treppenhaus. Sie empfängt mich mit einem breiten Lächeln im Türrahmen ihrer kleinen Altbauwohnung auf St. Pauli. Auf eine Umarmung müssen wir verzichten. Lea trägt ein simples schwarzes Shirt und Jeans. Ihre kurzen blonden Haare sind halb nach oben gebunden, ein Paar graublauer Augen blitzt zwischen ihren langen Stirnfransen hervor. „Ich bin etwas gestresst, ich habe vor ein paar Tagen aufgehört zu rauchen“, erklärt Lea vorneweg. Wir setzen uns mit zwei Tassen Cappuccino an den Holztisch ihres offenen Esszimmers. Für eine frisch gebackene Nichtraucherin wirkt sie sehr gelassen.

Lea ist hier in Hamburg aufgewachsen – als jüngste von vier Geschwistern, in einer Familie aus vielen Ärzten und einem Techno-DJ. Lea gehörte nie zu den Personen, die schon immer ganz genau wussten, was sie im Leben wollen. Es fällt einem fast schwer, das zu glauben, wenn man ihr heute gegenübersitzt. Doch erst mit Anfang 20, nach dem ein oder anderen Auslandsaufenthalt, ein paar Semestern Kulturwissenschaft und jeder Menge Gedankenexperimenten fand Lea endlich das, was sie bis heute begeistert: die Medizin.

„Eine der besten Sachen, die ich jemals hätte tun können“

Menschen, die sich mit einem Abiturschnitt von 2,5 für Medizin bewerben, können wohl als hoffnungslose Optimisten bezeichnet werden. Und Menschen, die eine jahrelange Wartezeit auf einen Studienplatz in Kauf nehmen, als willensstarke Realisten. Lea ist demnach ein bisschen von beidem. In dem Wissen, sich noch mindestens fünf Jahre bis zu ihrem Studienstart gedulden zu müssen, entschied sie sich mit 22 Jahren für eine Ausbildung zur Krankenschwester: „Das war eine der besten Sachen, die ich jemals hätte tun können.“ Inzwischen ist Lea 31, studiert im achten Semester Medizin und arbeitet seit sechs Jahren als Krankenschwester in der Notaufnahme des UKE.

Zwei Jahre trennen Lea jetzt noch von ihrem Abschluss. In welche Richtung es dann gehen soll, steht aber noch nicht fest. Aktuell interessiert sie sich für einen eher untypischen Fachbereich: die Urologie. „Das hört sich weird an, aber ältere Männer sind in der Regel sehr umgängliche Leute“, erzählt sie mit einem Lächeln, das ihre Grübchen zum Vorschein bringt.

„Seitdem Corona da ist, ist es anders“

Lea sitzt mittlerweile sehr entspannt auf ihrem mit Samt überzogenen Stuhl. Als sie über die tagtägliche Überlastung des Krankenhauspersonals spricht, wird ihr Tonfall aber plötzlich ernster: „Ich habe mich schon häufig gefragt, warum ich das mache. All die schönen Momente, die du in dem Beruf eigentlich hast, gehen in dem Stress einfach verloren – dann wird nur noch Schadensbegrenzung betrieben. Und das Skurrile ist: Seitdem Corona da ist, ist es anders.“

Lea trinkt den letzten Schluck ihres Kaffees und stellt die leere Tasse lautlos zurück auf den Tisch. Sie erzählt von der spürbaren Anspannung, die in den ersten zwei Wochen der Corona-Pandemie in der Luft lag: „Man hat im Krankenhaus mit einem Ansturm gerechtet.“ Doch der blieb zunächst aus. Nachdem sich alle an die neue Situation gewöhnt hatten und klar wurde, dass das Worst-Case-Szenario erst einmal nicht eintreffen wird, beruhigte sich die Lage kurzzeitig. Lea wirkt selbst etwas erstaunt, als sie von der ungewöhnlichen Situation im UKE erzählt: „Ich hab noch nie so entspannt dort gearbeitet.“ Dass die Notaufnahme ihren neuen Status als Ruhepol nicht lange aufrechterhalten kann, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Von einem Extrem ins andere

Zunächst ist die normalerweise überlaufene und hektische Notaufnahme kaum wiederzuerkennen. Das liegt zum einen an der Umstrukturierung der Station und den neuen Sicherheitsvorkehrungen. Zum anderen wurde auch das Personal aufgestockt, Studierende wurden als Hilfskräfte eingearbeitet. „Es sind, glaub‘ ich, mehrere Faktoren, die da zusammenkommen“, beschreibt Lea. Besonders auffällig ist aber vor allem eines: Es ist viel weniger los. Mittlerweile kommen nur noch Patient*innen ins Krankenhaus, die auch wirklich eine Notfallbehandlung brauchen. Vor der Krise gab es für gewöhnlich viele Menschen, die nur in die Notaufnahme gefahren sind, weil sie nicht wochenlang auf einen Termin warten wollten. Dazu kommt die Tatsache, dass statt fünf Angehörigen nun niemand mehr mit auf die Station kommen darf. Für Lea bringt das eine vollkommen unerwartete, neue Ruhe in den Arbeitsalltag.

Wenige Wochen nach unserem Gespräch auf St. Pauli erzählt sie mir dann allerdings von einer der schlimmsten Schichten, die sie je in der Notaufnahme erlebt hat. Auslöser ist aber keine Welle von COVID-19-Erkrankten. Mit den ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen sinkt die Angst vor einer Ansteckung, und die Gesamtzahl der Patient*innen steigt schlagartig: Alle, die sich in den ersten Wochen der Pandemie nicht getraut haben, in die Klinik zu fahren, wollen plötzlich ihre Behandlungen nachholen. Die Notaufnahme rutscht von einem Extrem ins andere.

„Wenn du’s kriegst, dann kriegst du’s“

Angst vor Corona hat Lea nicht – trotz ihres Jobs. Sie wirkt auch nicht wie eine Person, die sich leicht aus der Ruhe bringen lässt: „Ich denk mir ehrlicherweise, so pragmatisch muss ich dann auch sein – wenn du’s kriegst, dann kriegst du’s, wenn nicht, dann nicht.“ Lea füllt unsere leeren Gläser mit Mineralwasser auf. Das sprudelnde Geräusch durchdringt den Sicherheitsabstand zwischen uns.

Dass Lea während der Quarantäne nicht einfach still zu Hause sitzen kann, überrascht nicht. Sie ist grundsätzlich ausgeglichener, wenn sie arbeitet. Fahrradfahren ist aber auch eine Option: „Ich war noch nie so viel in Hamburg unterwegs. Ich war sogar in Pinneberg mittlerweile, und da war ich vorher noch nie.“ Leas lautes Lachen hallt durch den Raum. Für einen Moment könnte man denken, es ist alles wie immer.


Titelbild: Victoria Szabó

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Victoria Szabó, Jahrgang 1996, trägt gerne schwarz. Diese schlichte Eleganz entspricht ihrem Gefühl für Ästhetik und die spielt für sie als visueller Mensch eine große Rolle. Ihre Bachelorarbeit in Publizistik und Kommunikationswissenschaften schrieb sie über die Wirkung von Produktdesign auf Konsumierende. Ihre Leidenschaft für das Schöne lebte die gebürtige Österreicherin als Redakteurin für die Kulturzeitschrift „The Gap“ aus. Dort schrieb sie über Galerieeröffnungen und Fotografieausstellungen. Dass Kultur auch viel mit Nachhaltigkeit zu tun haben kann, entdeckte sie bei ihrer Arbeit für das Magazin „Biorama“, für das sie etwa einen Festivalguide über nachhaltige Festivals zusammenstellte, Tipps für Bio-Glitzer inklusive. Ein Praktikum bei den Wiener Linien führte sie weg vom Journalismus und hin zur PR. Sie plante den Instagram-Feed des städtischen Verkehrsbetriebs und betreute den Unternehmens-Blog mit. Ihr Vorhaben für den Neuanfang in Hamburg: Das Leben auf die Wiener Art genießen, flanieren und Spritzer trinken. Alsterwasser ist auch okay. Kürzel: vis

2 KOMMENTARE

  1. Tolles Porträt! Nun kenne ich eine selbst bewusste junge Frau aus Hamburg, die weiß was sie will u. mit der Coronakrise super umzugehen versteht!
    Viel Erfolg weiter!
    Danke Victoria, für die gelungene Momentaufnahme!

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