Die Zahlen zu Corona bestimmen unser Leben. Aktuell sind sie niedrig, aber schlimmstenfalls steigen sie wieder. Um das frühzeitig abzuwenden, sollten wir verstehen, was hinter den Daten steckt. FINK.HAMBURG erklärt, wie man sie richtig liest.

Gut zu wissen: Covid-19 bezeichnet die durch das Virus ausgelöste Erkrankung und steht für COronaVIrus Disease 2019. Corona ist der verallgemeinerte Begriff und steht für alle Viren dieser Art. Die genaue Bezeichnung des Virus, das die Erkrankung auslöst, ist Sars-CoV-2. Dein Wissen rundum die Pandemie kannst du in unserem Corona-Quiz testen!

Datenerhebung war wohl selten so wichtig wie in Zeiten der Corona-Krise. Die Corona-Zahlen bestimmen unseren Alltag, politische Beschlüsse und sie entscheiden schlimmstenfalls indirekt über Leben und Tod. Wir müssen uns auf die Daten verlassen können und sie richtig verstehen.

Doch das ist mitunter schwierig. Unterschiedliche Behörden veröffentlichen abweichende Zahlen. Warum ist das so? Wie werden die Daten erhoben? Und was bedeuten sie? FINK.HAMBURG hat beim Epidemiologen Prof. Dr. Ralf Reintjes, der Stadt Hamburg und dem Robert Koch-Institut (RKI) nachgefragt.

Wie werden Fälle von Covid-19 in Hamburg erfasst?

In Hamburg wird in zwölf Laboren auf das Corona-Virus getestet. Die Zahl der positiv getesteten Personen wird zunächst auf Bezirksebene erfasst. Die sieben Gesundheitsämter der Hamburger Bezirke leiten die Daten der Infizierten anonymisiert an das Institut für Hygiene und Umwelt (HU) weiter. Die Stadt Hamburg veröffentlicht diese Zahlen tagesaktuell auf ihrer Website.

Der Weg der Hamburger Corona-Zahlen. Grafik: Pia Röpke.
Grafik: Pia Röpke

Die Stadt leitet die Fallzahlen außerdem an das RKI weiter, wo die Corona-Zahlen bundesweit erfasst werden. Das RKI prüft die Informationen und veröffentlicht die Daten später als die Stadt Hamburg. Dies ist nur einer von vielen Gründen, weshalb die Corona-Zahlen des RKI häufig von denen der Stadt Hamburg abweichen. Entsprechen die von der Stadt übermittelten Informationen beispielsweise nicht der Falldefinition des RKI, werden sie nicht in die Statistik des RKI aufgenommen.

In den Zahlen des RKI sind auch Hamburger*innen inbegriffen, die sich zum Zeitpunkt des positiven Tests nicht in der Hansestadt aufhielten. Eine Pressesprecherin der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV) nennt außerdem „unterschiedliche Softwareupdates“ als Ursache für Differenzen. Die Unterschiede seien allerdings gering.

Prof. Dr. Ralf Reintjes ist Professor für Epidemiologie und Surveillance an der HAW Hamburg. Im Rahmen seiner Professur für Infektionsepidemiologie an der Universität Tampere (Finnland) forscht er auch zum Corona-Virus. Er betont, dass es sich bei den Zahlen der bestätigten Fälle bloß um einen guten Anhaltspunkt handle.

„Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs.“

Reintjes erklärt, dass die meisten Infizierten leichte oder keine Symptome aufweisen. Selbst diejenigen, die symptomatisch werden, seien schon vor den Erkrankungserscheinungen ansteckend. Das RKI geht hier von ein bis zwei Tagen aus und nimmt an, dass „ein beträchtlicher Anteil“ der Neuinfektionen in eben jenem Zeitraum passiert.

Infizierte, die sich nicht krank fühlen, können nicht ahnen, dass sie das Corona-Virus in sich tragen. „Sars-Cov-2 ist viel cleverer, als zum Beispiel das Ebolavirus“, sagt Reintjes. „Bei Ebola erkranken alle Infizierten schwer und sind eigentlich nur dann infektiös, wenn sie auch symptomatisch sind. Das kriegt man viel besser in den Griff.“

Im interaktiven Dashboard des RKI kann man sich den Verlauf der Corona-Zahlen für Hamburg anschauen. Die Stadt Hamburg weist laut Angaben einer Pressesprecherin „aktuellere und genauere Zahlen“ aus als das RKI. Die Stadt stellt aber – auch auf Nachfrage – keine Übersicht des Verlaufs dieser Zahlen zur Verfügung.

In Hamburg werden nur Menschen, die entsprechende Symptome (vor allem Husten, Fieber, Schnupfen) aufweisen, auf Sars-CoV-2 getestet. Das RKI geht davon aus, dass die PCR-Tests das Virus ein bis zwei Tage vor und bis zu zwanzig Tage nach Symptombeginn nachweisen können.

„Von Infizierten ohne oder mit nur leichten Symptomen erfährt man in der Regel nichts“, sagt Reintjes. Aufgrund dieser Dunkelziffer können die bestätigten Fallzahlen das Infektionsgeschehen nicht vollständig abbilden. „Sie sind lediglich ein guter Indikator für uns.“

Das Problem mit der Dunkelziffer: Wie steht es um Hamburg?

Die BGV hat vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eine Immunitätsstudie durchführen lassen, um sich ein besseres Bild über die „stillen“ Infizierten zu verschaffen. Bei vier der 900 Proband*innen wurden Antikörper gegen des Corona-Virus festgestellt – und damit nur sehr selten.

Dr. Sven Peine, Chefarzt am UKE, sagt gegenüber der „Welt“, dass die Studie ausschließlich an Blutspender*innen durchgeführt wurde. Die seien kein genaues Abbild der Hamburger Bevölkerung. Laut Reintjes legen andere Studien nahe, dass die Dunkelziffer der Corona-Infizierten deutlich höher liegt. „Es werden Zahlen vom Doppelten bis Zehnfachen beschrieben“, sagt er.

Wenn die Dunkelziffer so ungewiss ist, wie kann man sich dann ein Bild der Situation in Hamburg machen? „Was ich immer allen Leuten rate: Schauen Sie sich nicht ausschließlich die aktuellen Fallzahlen an, sondern achten Sie vor allem auf den Trend“, so Reintjes. „Auch wenn die Zahlen eine Unterschätzung der Wirklichkeit sind, kann man so erkennen, ob wir in einer Phase sind wo die Kurve wieder steigt – oder in einer ganz guten Phase.“

Reintjes empfiehlt zudem, sich den gleitenden Durchschnitt der letzten sieben Tage im Verlauf anzugucken. Das heißt: Für einen einzelnen Tag schaut man sich nicht die an dem Tag gemeldeten Fallzahlen an. Stattdessen rechnet man alle Fälle, die in den sieben Tage davor gemeldet wurden, zusammen und teilt diese Summe durch sieben. „Aufgrund von Wochenenden und Feiertagen schwanken die Fallzahlen innerhalb einer Woche“, erklärt Reintjes. „Der gleitende Durchschnitt gleicht diese Schwankungen aus, sodass der Trend leichter zu erkennen ist.“

Wie viele Hamburger*innen sterben wegen Corona?

Ist die Grippe tödlicher als Covid-19?

Die Zahl der Corona-Toten wird teils mit den Todesfällen der besonders starken Grippewelle von 2017/18 verglichen. Aber Achtung! Bei der oft genannten Zahl von 25.000 Grippe-Toten handelt es sich um eine Schätzung des RKI. Die Zahl der bestätigten Todesfälle lag damals bei 1.674. Zum Vergleich: SARS-CoV-2 war bis Ende Juni 2020 in Deutschland für 8.973 bestätigte Todesfälle verantwortlich. Quelle: RKI

Bis zum 20. Juli sind laut RKI 261 Hamburger*innen an Covid-19 verstorben, laut Stadt Hamburg sind es 231. Eine Pressesprecherin der BGV sagt, Hamburg untersuche die Todesfälle besonders gründlich. Das Hamburger Institut für Rechtsmedizin (IfR) am UKE obduziere alle Verstorbenen, die zuvor positiv getestet wurden. So könne man feststellen, ob die Person an oder mit dem Corona-Virus gestorben sei.

Reintjes warnt vor solchen Unterscheidungen. Zu Beginn der Pandemie sei das Krankheitsbild von Covid-19 falsch verstanden worden. Es handle sich nicht allein um eine Lungen-, sondern auch um eine systemische Gefäßerkrankung.

Bis Anfang April waren mindestens 14 Hamburger*innen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus verstorben. Prof. Dr. Klaus Püschel, Direktor der Rechtsmedizin am UKE, betonte damals in einem Interview mit dem „Hamburg Abendblatt“, einige seien mit Covid-19 aber an einem Herzinfarkt gestorben.

Das UKE führte auch eine Studie an verstorbenen Herzpatient*innen durch, die zuvor positiv auf Sars-Cov-2 getestet worden waren. Das Corona-Virus kann demnach auch das Herz befallen, bei rund zwei Drittel der untersuchten Patient*innen war das laut Pressemitteilung der Fall. Ob und wie sich dies auf den Krankheitsverlauf auswirke, müsse noch geklärt werden. Anzeichen einer Herzmuskelentzündung konnten die Forscher nicht feststellen.

Wie viele Hamburger*innen haben sich von Covid-19 erholt?

Am 20. Juli gaben die Stadt Hamburg und das RKI an, dass sich 4.900 Hamburger*innen bereits von Covid-19 erholt haben. Allerdings ist auch diese Zahl mit Unsicherheiten behaftet, darauf weisen beide Behörden hin, denn sie wird geschätzt.

Lässt sich eine positiv getestete Person nicht innerhalb von 14 Tagen nach dem Testergebnis weiter behandeln, gilt sie als geheilt. „Ein Meldeverfahren gibt es nicht“, betont Reintjes. Deshalb gibt es auch keine Daten über den genauen Gesundheitszustand von Hamburger*innen, die sich mit dem Virus infiziert haben, aber nicht schwer erkrankt sind.

Nicht blauäugig in Sicherheit wiegen

In Hamburg werden die Corona-Maßnahmen nach und nach gelockert. Flächendeckende Tests wird es in der Hansestadt nicht geben. Umso wichtiger ist es, die erhobenen Daten genau zu beobachten – und richtig zu verstehen. „Wir sind gerade in einer Phase, in der uns der aktuelle Trend bei den kleinen Zahlen interessiert“, sagt Reintjes. Deshalb biete es sich an, den Verlauf der Zahlen als semi-logarithmische Kurve zu betrachten.

Das klingt kompliziert, ist aber eigentlich intuitiver als die linearen Kurven, die wir oft zu sehen bekommen. Denn: Wird die vertikale Achse logarithmisch gestaucht, wird beispielsweise eine Verdopplung von fünf auf zehn Fälle genau so deutlich, wie eine Verdopplung von 100 auf 200. Die niedrigen Zahlen gehen optisch nicht unter, sodass man nicht Gefahr läuft, einen steigenden Trend zu übersehen.

Um den Unterschied zu verdeutlichen, seht ihr hier die semi-logarithmische und lineare Kurve im Vergleich:

Reintjes ist überzeugt, dass Hamburg im internationalen Vergleich Glück gehabt hat, den Lockdown aber länger hätte durchhalten müssen. „Ich glaube, über den Sommer werden wir halbwegs gut kommen“, sagt er. Danach rechne er mit einer zweiten Welle, bei der die Infektionsketten womöglich schwer nachvollziehbar sind. „Wahrscheinlich geht diese Pandemie ein paar Jahre um die Welt.“


Titelbild: Freepik

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Am liebsten genießt Pia Röpke, geboren 1993 in Hamburg, die Ruhe und meditiert. Nach der Ausbildung zur Medienkauffrau beim Spiegel schlug sie ein Jobangebot dort aus und entschied sich stattdessen für die Universität. Beim Thema blieb sie aber: In Lüneburg studierte sie Digital Media, in Hongkong Creative Media. Dort entdeckte sie Achtsamkeit, Yoga und Spiritualität für sich. Das half ihr dabei, sich zu entspannen, wenn die gierige Millionenstadt zu stressig wurde. Seitdem ist sie überzeugt, dass Selbstreflexion nicht nur für sie heilsam ist, sondern auch für den Rest der Welt wichtig wäre, um die Digitalisierung sinnvoll zu gestalten. Um Digitales und Fundraising kümmert Pia sich für die Organisation Kanduyi Children e.V., die Kindern in Kenia Bildung ermöglicht. Kürzel: pia